Glutensensitivität Weizensensitivität Reizdarmsyndrom

Prof. Dr. med. Martin Storr, Gastroenterologe am Gesundheitszentrum Starnberger See (MVZ) zum Thema; Glutensensitivität? Weizensensitivität? Hype oder Krankheit?

Glutensensitivität? Weizensensitivität? Hype oder Krankheit?

Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, für die es keinen eindeutigen diagnostischen Nachweis gibt, und die Glutensensitivität, so nennt man die Erkrankung international, oder auch Weizensensitivität, das ist die deutsche Bezeichnung,  gehört dazu. Das führt immer wieder zu Diskussionen, sowohl in den Medien, als auch unter Medizinern, und es stellt sich die Frage, ob es das Krankheitsbild Glutensensitivität bzw. Weizensensitivität überhaupt gibt, oder ob es sich um einen der zahlreichen Hollywood-Trends handelt, die kommen und gehen. In seinem Vortrag bei einem Symposium im Rahmen des 123. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) gab Prof. Dr. med. Martin Storr, Gastroenterologe am Gesundheitszentrum Starnberger See (MVZ), einen Überblick über aktuell zur Verfügung stehenden Fakten zur Frage Glutensensitivität? Weizensensitivität? Hype oder Krankheit?

Glutensensitivität oder Weizensensitivität was ist der Unterschied?

Ob Glutensensitivität oder Weizensensitivität, die Rede ist vom gleichen Phänomen. Im deutschen bevorzugt man den Begriff Weizensensitivität, weil über den Weizen viele Mechanismen möglich sind, die Symptome verursachen können, z.B. FODMAP-relevante Mechanismen und ATIs, und weil es im Grunde ein Überbegriff ist, der die Glutensensitivität mit einschließt. Wissenschaftler sprechen, noch genauer von einer „Nicht-Zöliakie – nicht Weizenallergie Weizen/Glutensensitivität (NZNW-WS)“. Was man wissen sollte: Noch vor nicht allzu langer Zeit, hat man die Symptome dem Reizdarmsyndrom (RDS) zugeordnet, es gibt also durchaus Überschneidungen zwischen RDS und NZNW-WS  - die Übergänge sind, trotz Abgrenzung, fließend.

Anzeige

Glutensensitivität?  Weizensensitivität? Eine systematische Diagnose ist wichtig!

Patienten, die über Beschwerden wie weiche, voluminöse Stühle, häufige Stuhlfrequenz, Abgeschlagenheit und Kopfschmerz  klagen, sind ein häufiges Phänomen  in gastroenterologischen Praxen. Zunehmend kommen diese Patienten mit der Vermutung zum Arzt, Gluten nicht zu vertragen, obwohl sie nicht unter Zöliakie leiden und häufig haben sie bereits die Erfahrung gemacht, dass sich ihre Symptome unter glutenfreier Diät verbessern.

Auch wenn bereits positive Erfahrungen mit dem Weglassen von Gluten gemacht wurden, sollte aber eine systematische Diagnose erfolgen. Zum einen muss sichergestellt werden, dass es sich nicht um eine andere Erkrankung handelt, zum anderen sollten man möglicherweise unnötige Diäten vermeiden.

Glutensensitivität?  Weizensensitivität? Was könnte es sonst sein?

Zu den Bauchbeschwerden kann es auch beim Reizdarmsyndrom (RDS) kommen, eine Diagnose, die allerdings auch nicht mit einem simplen Test, sondern über Ausschlussdiagnosen erstellt wird. Zudem wird das Krankheitsbild in der S3-Leitlinie zum Reizdarmsyndrom wie folgt definiert:

1. Es bestehen chronische, d.h. länger als 3 Monate anhaltende Beschwerden (z.B. Bauchschmerzen, Blähungen), die von Patient und Arzt auf den Darm bezogen werden und in der Regel mit Stuhlgangveränderungen einhergehen.

2. Die Beschwerden sollen bewirken, dass der Patient deswegen Hilfe sucht und/oder sich sorgt und so stark sein, dass die Lebensqualität hierdurch relevant beeinträchtigt wird.

3. Voraussetzung ist, dass keine für andere Krankheitsbilder charakteristischen Veränderungen vorliegen, welche wahrscheinlich für diese Symptome verantwortlich sind.

In der Vergangenheit, wurde die Erkrankung, die man heute als Glutensensitivität oder  Weizensensitivität bezeichnet, eher dem RDS zugeordnet. Bereits zur Reizdarmdiagnose müssen jedoch Untersuchungen erfolgen, die andere Erkrankungen ausschließen.

„Das Wichtigste ist die Anamnese“, betont Prof. Storr, ein intensives Gespräch mit dem Patienten, bei dem genau ermittelt wird, wann welche Beschwerden auftreten. Dabei sollte man laut Prof. Storr unbedingt ins Detail gehen, auch beim Thema Stuhlbeschaffenheit und –frequenz. “Ich nutze hierfür selbstgebastelte Schokoladenmodelle“ ermuntert Storr seine Kollegen zu Kreativität – ungewöhnlich, aber effizient!   

Je nach Ergebnis der Anamnese kann es angebracht sein, durch unterschiedliche Untersuchungen die folgenden Erkrankungen abzuklären:

•    Nahrungsmittelallergien

•    Zöliakie

•    Reizdarmsyndrom

•    Laktoseintoleranz

•    Fruktosemalabsorption

•    Weitere Kohlenhydratmalabsorptionen

•    Histaminintoleranz

•    Gallensäuremalabsorption

•    Gallensteine

•    Mikroskopische Kolitis

•    Dünndarmfehlbesiedlung

•    Reizmagen

•    Divertikulose

•    Chronisch entzündliche Darmerkrankungen

•    Gynäkologische Erkrankungen

•    Psychiatrische und psychosomatische Komorbiditäten

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.