Pseudoallergien

Prof. Dr. Martin Metz, Oberarzt an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie an der Charité

Pseudoallergien als Ursache für Urtikaria bzw. Nesselfieber?

Pseudoallergien, d.h. Unverträglichkeitsreaktionen auf bestimmte Stoffe, können bei manchen Formen der Urtikaria, auch Nesselfieber genannt, eine Rolle spielen. Für MeinAllergiePortal gibt Prof. Dr. Martin Metz, Oberarzt an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie an der Charité Universitätsmedizin in Berlin einen Überblick darüber, bei welchen Urtikaria-Formen Pseudoallergien ein Rolle spielen, wie der Arzt die Pseudoallergien diagnostiziert und welche Therapie erfolgen sollte.

Herr Prof. Metz, welche Rolle spielen Pseudoallergien als Ursache für eine Urtikaria?

Pseudoallergien, d.h. Intoleranzreaktionen, stellen eine mögliche Ursache für eine spontane Urtikaria dar. Die spontane Urtikaria ist die häufigste Form der Urtikaria, bei der Beschwerden wie Quaddeln, Rötung und Juckreiz ohne einen offensichtlichen Reiz, also spontan, auftreten. Dies steht im Gegensatz zu den sogenannten induzierten Urtikariaerkrankungen, bei denen die Beschwerden durch bestimmte Reize ausgelöst werden können, z. B. durch Kälte oder Reibung. Bei den induzierten Urtikariaerkrankungen spielen Pseudoallergien keine Rolle. Pseudoallergien können sowohl bei der akuten, als auch bei der chronischen spontanen Urtikaria eine Rolle spielen, wobei für die akute Urtikaria keine Zahlen über die möglichen Ursachen bekannt sind. Bei der chronischen spontanen Urtikaria sind in etwa 30 Prozent aller Fälle Pseudoallergien die Ursache.

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Gibt es unterschiedliche Schweregrade bei der Ausprägung der auf Pseudoallergien beruhenden Urtikaria? Wenn ja, wovon hängt das ab?

Die chronische spontane Urtikaria kann grundsätzlich in unterschiedlichen Schweregraden auftreten, von "gelegentlich ein paar wenige Quaddeln" bis zu "über 100 Quaddeln täglich". Der tatsächliche Schweregrad der Erkrankung ist jedoch unabhängig von der zugrunde liegenden Ursache. Derzeit gibt es keine Möglichkeit, vorherzusagen, wer eine besonders schwere Urtikaria erleiden wird bzw. zu erklären, warum bei dem einen Patienten die Urtikaria schwerer ist als bei einem anderen.

Welche Pseudoallergien sind im Zusammenhang mit der Urtikaria oder Nesselsucht relevant?

Intoleranzreaktionen können gegen Farbstoffe, Konservierungsstoffe, Aromastoffe und verschiedene Medikamente, insbesondere Schmerzmittel wie Aspirin, auftreten.

Sind Pseudoallergien meist die einzige Ursache für Urtikaria, oder kommt es auch vor, dass es weitere Auslöser gibt? Wenn ja, gibt es typische Kombinationen?

Pseudoallergien sind bei ca. 30 Prozent aller Patienten mit einer chronischen spontanen Urtikaria die Ursache. Andere mögliche Ursachen sind chronische Infekte sowie eine autoreaktive Urtikaria, bei der körpereigene Substanzen für die Aktivierung von Mastzellen verantwortlich sind. Die Aktivierung der Mastzellen führt zur Freisetzung von Histamin und damit zur Auslösung der Symptome. Es gibt Patienten, die verschiedene mögliche Ursachen für ihre Urtikaria haben. Typische Kombinationen lassen sich dabei nicht feststellen.

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Gibt es Zusammenhänge mit der Histaminintoleranz?

Bezüglich der Histaminintoleranz gibt es bislang keine klaren Zusammenhänge. Die Histaminintoleranz als solches ist sicherlich eher selten, genaue Zahlen liegen aber derzeit noch nicht vor.

Woran merkt man als Patient, dass die Urtikaria auf eine Pseudoallergie zurückzuführen ist?

Die Diagnostik bei einer chronischen spontanen Urtikaria ist sehr aufwändig und sollte nur mit einem Spezialisten zusammen durchgeführt werden. Bezüglich der Diagnostik einer Pseudoallergie ist einzig die Durchführung einer pseudoallergenarmen Diät über mindestens drei Wochen zielführend. Wenn es unter dieser Diät zu einer mindestens 50prozentigen Besserung der Beschwerden kommt, kann von einer Pseudoallergie ausgegangen werden.

Wie sieht die Diagnose aus, insbesondere dann, wenn eine Pseudoallergie gegen Nahrungsmittelzusätze besteht? Lässt sich genau ermitteln, wogegen die Pseudoallergie besteht?

Die Diagnose ist, wie gesagt, allein auf der Basis einer pseudoallergenarmen Diät zu stellen. Es gibt keinerlei Haut- oder Blutteste, die hier eingesetzt werden können, auch wenn solche für oftmals nicht unerhebliche Kosten im Internet angepriesen werden. Zu einer optimalen Diagnostik einer Pseudoallergie gehört neben der Diät mit pseudoallergenarmen Nahrungsmitteln auch eine anschließende Provokation mit pseudoallergenreicher Kost. Eine solche Provokation sollte jedoch ausschließlich stationär unter ärztlicher Überwachung erfolgen.

Da es sich, wenn eine Pseudoallergie vorliegt, selten um eine Reaktion gegen nur einen einzigen bestimmten Stoff handelt, lässt sich üblicherweise nicht genau ermitteln, wogegen die Pseudoallergie besteht. Idealerweise wird im Anschluss an eine pseudoallergenarme Diät, die eine wesentliche Besserung erbracht hat, ein Kostaufbau betrieben, bei dem auf der Basis der pseudoallergenarmen Kost immer für drei aufeinander folgende Tage ein neues Nahrungsmittel dazugegeben wird. Wenn also ein Patient besonders gerne Äpfel isst, ist es sinnvoll nach der pseudoallergenarmen Diät diese weiterzuführen und an drei aufeinander folgenden Tagen jeweils mindestens einen Apfel zu essen. Sollte in dieser Zeit keine Urtikaria auftreten, so können die Äpfel in die reguläre Diät übernommen und ein nächstes Nahrungsmittel getestet werden.

Welche Therapien sind möglich? Was empfehlen Sie Ihren Patienten?

Ursächliche Therapien sind nur die erwähnte  Diät mit dem darauf folgenden Kostaufbau. Symptomatische Therapien sind, wie bei jeder Form der Urtikaria, nicht müde machende Antihistaminika, die sogenannten Antihistaminika der 2. Generation. Die Leitlinien empfehlen hierbei zunächst die Gabe eines Antihistaminikums in einer normalen Tagesdosierung. Sollten darunter immer noch Beschwerden bestehen, soll eine Höherdosierung auf das bis zu vierfache erfolgen. Jede dieser Therapien sollte immer mit einem behandelnden Arzt abgesprochen werden.

Bei Hauterkrankungen spielt auch die Psyche eine gewisse Rolle – wie lauten hier Ihre Empfehlungen?

Wir wissen, dass die Psyche Hauterkrankungen insgesamt beeinflussen kann und auch bei der Urtikaria eine Rolle spielen kann. In diesem Zusammenhang ist psychischer Stress häufig ein Faktor, der die Krankheitsschwere mit beeinflusst. Die Psyche als solches ist üblicherweise nicht Ursache der Urtikaria. Konkrete Empfehlungen kann man hierbei selten geben, das wichtigste ist, dass auf diesen möglichen Zusammenhang hingewiesen wird. Für einzelne Patienten mag eine psychosomatische Betreuung zur Reduktion von Stress hilfreich sein, eine generelle Empfehlung hierfür kann es jedoch nicht geben.

Was tut sich in der Forschung? Gibt es neue Ansätze bzw. Studien?

Insbesondere zur symptomatischen Therapie gibt es zum Glück neue Erkenntnisse mit aktuellen, in 2013 publizierten, Studien, in denen ein bisher für Asthma zugelassenes Medikament, das Omalizumab, eine ganz hervorragende Wirksamkeit bei Patienten zeigt, die nicht ausreichend auf Antihistaminika ansprechen. Auch sonst wird bei uns und anderswo intensiv an der Urtikaria geforscht, um weitere Erkenntnisse bezüglich Ursache und Therapiemöglichkeiten zu gewinnen.

Herr Prof. Metz, herzlichen Dank für dieses Interview!

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