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Dr. med. Christian Hentschel zum Thema: Akute spontane/chronische spontane Urtikaria - die Rolle der Psyche!

Akute spontane/chronische spontane Urtikaria: Die Rolle der Psyche

Bei der akuten spontanen oder chronischen spontanen Urtikaria sind die Auslöser nicht bekannt. Zudem gibt es Patienten, die trotz Therapie nicht beschwerdefrei werden, so dass sich die Frage stellt, ob die Psyche eine Rolle spielen könnte. MeinAllergiePortal sprach mit Dr. med. Christian Hentschel, Allergologe, Psychotherapeut, Allgemeinmediziner und Experte für Naturheilverfahren in Düsseldorf über die Notwendigkeit eines ganzheitlichen Blicks auf Körper, Geist und Seele.

Herr Dr. Hentschel, welche Rolle spielt die Psyche bei Patienten mit akuter spontaner oder chronischer spontaner Urtikaria?

Bei etwa 2 bis 5 Prozent der Bevölkerung tritt zu irgendeinem Zeitpunkt eine akute spontane Urtikaria auf. Dabei sind Frauen zwei bis viel Mal häufiger betroffen. Da ich Allergologe und Psychotherapeut bin, sehe ich häufiger Urtikaria-Patienten, bei denen auch ein Zusammenhang mit einer psychischen Komponente besteht.

Gibt es im Hinblick auf die psychische Komponente von Patienten mit akuter spontaner oder chronischer spontaner Urtikaria Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Frauen nehmen ihre Seele deutlich stärker wahr als Männer. Schon kleine Mädchen achten mehr auf sich, als kleine Jungen. Auch haben Frauen ein ausgeprägteres Gesundheitsbewusstsein. Allein schon durch die Menstruation und die Schwangerschaft gehen Frauen achtsamer mit ihrem Körper um. Grundsätzlich sind Frauen sensibler als Männer und hören mehr „in sich hinein“. Dementsprechend reagieren Frauen auf psychische Belastungen auch eher mit körperlichen Symptomen.  

Allerdings sind auch Männer psychisch belastet, selbst dann, wenn sie dies nicht wahrnehmen oder wenn sie es verdrängen. Männer neigen eher dazu, Erkrankungen zu unterdrücken und damit zu verschlimmern. Deshalb kommt es bei Männern auch häufiger zu Erkrankungen wie zum Beispiel einem Herzinfarkt.

Welche Arten von psychischen Faktoren können Triggerfaktoren für eine akute spontane oder chronische spontane Urtikaria sein?

Bei den psychischen Triggerfaktoren der Urtikaria nimmt der Konflikt eine zentrale Rolle ein. Dabei gibt es unbewusste Konflikte, die oft aus der Kindheit herrühren. Kindheitstraumata aller Art werden häufig aktiv verdrängt und oft ist das auch gut so. Aber man kann nicht alles verdrängen und dann wäre es für den Betroffenen wichtig, dieses Kindheitstrauma aufzuarbeiten.

Geschieht dies nicht, kann es passieren, dass ein sogenanntes repetitives Konfliktmuster durch einen aktuellen Konflikt wieder zutage tritt. Es kann dann zu körperlichen Symptomen kommen, zum Beispiel zu einer Urtikaria. Ich stelle bei meinen Urtikariapatienten gar nicht so selten fest, dass sie zum Beispiel schwere traumatische Ereignisse oder Missachtung erleben mussten. Aufgrund dieser unverarbeiteten Konflikte bricht dann irgendwann in höherem Alter eine Urtikaria aus. Die Ereignisse gehen den Patienten dann sprichwörtlich „unter die Haut“ oder sie „fahren aus der Haut“.

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Sind die Konflikte, die eine akute spontane oder chronische spontane Urtikaria auslösen können, immer unbewusst?

Auch bewusste Konflikte können eine Urtikaria hervorrufen, zum Beispiel eine hohe Arbeitsbelastung. So kann durch die Verdichtung der Arbeit eine Stresssituation entstehen, die nicht mehr zu bewältigen ist. Genauso können bewusste Konflikte im Rahmen einer Beziehung auftreten, die dann auch zum Auslöser einer Urtikaria werden können und somit Triggerfaktoren darstellen.


Das bedeutet, dass eine akute spontane oder chronische spontane Urtikaria durch psychische Faktoren nicht nur befördert, sondern auch konkret verursacht werden kann?

Ich sehe immer wieder, dass es bei manchen Patienten Zusammenhänge zwischen dem Ausbruch der Urtikaria und bestimmten Konfliktsituationen gibt. Stress und ein seelisches Ungleichgewicht können zu Reaktionen im Körper führen und wirken sich nachweislich auf das Immunsystem aus. Wenn Körper und Seele sich nicht in einer Balance befinden, kann es dazu kommen, dass der Körper Signale setzt, zum Beispiel in Form einer Urtikaria.

Auch hier gibt es wieder Unterschiede zwischen Männern und Frauen – von einigen hundert Urtikaria-Patienten in meiner Praxis sind 95 Prozent Frauen. Auffällig ist hierbei, dass bei Männern eher die aktuellen, bewussten Konflikte, wie zum Beispiel die Arbeitsbelastung, zum Auslöser einer Urtikaria werden. Bei Frauen spielen hingegen häufiger verdrängte, unbewusste Konflikte eine Rolle. Auch bewusste Beziehungskonflikte können ein Urtikaria-Auslöser sein, sie können aber oft auf negative Kindheitserfahrungen zurückgeführt werden, hier gibt es Zusammenhänge.

Woran erkennt man, dass die Psyche der Auslöser von Symptomen der akuten spontanen oder chronischen spontanen Urtikaria ist?

Durch unser besonderes Augenmerk auf die psychische Belastung nehmen wir uns viel Zeit für die Anamnese und klären dabei mögliche psychische Ursachen ab. Erkennbar werden psychische Auslöser bereits im Gespräch, aber auch am Verhalten. Darüber hinaus gibt es auch valide Testinstrumente mit denen eine Belastung des Patienten nachweisbar ist, zum Beispiel das Beck-Depressions-Inventar (BDI).

Die besondere Situation in unserer Praxis ist die Kombination von Allergologie und Psychotherapie, die von vielen Patienten bewusst oder unbewusst gewählt wird. Ein klassisches Beispiel ist eine Patientin, die aufgrund ihrer Allergie in die Praxis kommt und dann stellt sich heraus, dass eine Psychotherapie ihr helfen kann. Bei einer Patientin, die seit 27 Jahren unter Urtikaria gelitten hatte, war die Urtikaria nach zehn Stunden Psychotherapie verschwunden.

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In welcher Form finden die psychotherapeutischen Sitzungen zur Therapie von Patienten mit akuter spontaner oder chronischer spontaner Urtikaria statt?

Ergibt sich aus der Diagnose der Bedarf einer Psychotherapie, steht den Patienten entsprechend der aktuell geltenden Richtlinien eine Einzeltherapie zu. Die Voraussetzung ist allerdings, dass innerhalb der letzten zwei Jahre nicht bereits eine Psychotherapie durchgeführt wurde. Zusätzlich erhalten die Patienten eine psychotherapeutische Gruppentherapie, denn die Mischung von psychotherapeutischer Einzel- und Gruppentherapie hat sich bewährt.

Während die Einzeltherapie die Möglichkeit bietet, vertieft in die Seele des Patienten zu blicken, zum Teil auch mit Hilfe von Hypnosetechniken, legt eine Gruppentherapie häufig dynamische Prozesse frei. Patienten, die im Umgang mit ihrer Erkrankung erfahren sind, sind empathisch – sie können die Situation der anderen Patienten sehr gut nachvollziehen. Außerdem machen die Patienten im Rahmen der Gruppentherapie untereinander oft Beobachtungen, die die Betroffenen selbst nicht wahrnehmen, weil sie in ihrem seelischen Konstrukt  gefangen sind. Durch ihre eigene Betroffenheit und Empathie helfen die Patienten sich dann gegenseitig. Das hat zudem den Vorteil, dass sie die Ratschläge anderer Betroffener besser annehmen können. Der Therapeut spielt dabei die Rolle des Kapitäns, der das Schiff in die richtige Richtung steuert.


Bei bewussten Konflikten kann man Lösungsstrategien erarbeiten, wie geht man bei traumatischen Erfahrungen vor?

Bei traumatischen Erfahrungen oder wenn es, zum Beispiel, zu einer Missachtung durch die Eltern kam, ist es möglich, das Trauma aufzuarbeiten. In der Einzeltherapie wird regressiv in die Kindheit des Patienten zurückgekehrt, so dass die Kindheit konstruktiv aufgearbeitet werden kann. Dies ermöglicht es den Patienten, die Konfliktsituationen der Vergangenheit zu verarbeiten. Der Therapeut spielt dabei eine wichtige Rolle. Er ist die Stütze des Patienten, übernimmt quasi die „Vaterrolle“ und dient als Projektionsfläche. Das kann dazu führen, dass die Patienten ein Bewusstsein für ihre Konflikte entwickeln und ihr Trauma verarbeiten.

Wie häufig und in welcher Form finden die psychotherapeutischen Sitzungen statt?

Grundsätzlich hat der Patienten Anspruch auf insgesamt 24 Stunden, die aber bei Bedarf auf Antrag verlängert werden können. Die psychotherapeutischen Sitzungen finden in der Regel einmal die Woche für eine Stunde statt. Grundsätzlich richtet sich die Frequenz der Sitzungen aber nach dem Bedarf. So kann es sein, dass zu Beginn der Behandlung mehrere Sitzungen pro Woche stattfinden, und je stabiler der Patient wird, umso größer werden die Abstände zwischen den Sitzungen.

Die Sitzungen finden immer persönlich statt, denn die direkte gegenseitige Wahrnehmung – Reaktion und Gegenreaktion - zwischen dem Patienten und dem Therapeuten spielt dabei eine wichtige Rolle.

Wie lange hält die Wirkung der Psychotherapie bei Patienten mit akuter spontaner oder chronischer spontaner Urtikaria an?

Wir sehen häufig, dass Patienten mit akuter spontaner oder chronischer spontaner Urtikaria ihre Urtikaria durch die Psychotherapie verlieren und dann jahrelang keine Symptome mehr zeigen. Durch Stress- und Konfliktsituationen kann es jedoch auch zu Rückfällen kommen und dann kann man weitere psychotherapeutische Sitzungen anschließen. Je nach Situation könnte auch eine homöopathische Eigenbluttherapie mit Urtika, der Brennnessel, oder eine Therapie mit Biologika angeraten sein.

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Mit welchen Strategien lassen sich psychische Faktoren als Urtikaria-Auslöser reduzieren?

Parallel zur individuellen Psychotherapie und den Gruppensitzungen kann man den Patienten auch Entspannungstherapien, wie zum Beispiel autogenes Training, anbieten. Auch im Anschluss an die Therapie haben die Patienten dann die nötigen Instrumente an der Hand, um bei Bedarf den Stresslevel zu senken.   

Herr Dr. Henschel, herzliche Dank für dieses Gespräch!

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