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Urtikaria Angioödem Symptome Therapie

Privatdozentin Dr. med. Petra Staubach, Leiterin der Urtikaria und Angioödem-Sprechstunde der Hautklinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz

Urtikaria und Angioödem: Symptome, Auslöser und Therapien

Bearbeitet: 8.1.2018 Bei der Hauterkrankung "Urtikaria" sagt der Name schon alles: "Urtica urens" lautet der lateinische Name für "Brennnessel" und lateinisch "urere" bedeutet "brennen". Ein Blick auf die deutsche Bezeichnung für die Erkrankung weist in die gleiche Richtung – Urtikaria wird auch oft "Nesselsucht" oder "Nesselfieber" genannt. Bei einer Urtikaria bzw. beim Angioödem handelt es sich nicht immer um Allergische Reaktionen. Vielmehr sind beide Hauterkrankungen Symptome, die im Zusammenhang mit einer Allergie, Infekten, autoimmunen Mechanismen aber auch in Zusammenhang mit Unverträglichkeiten wie Histaminintoleranz oder ASS-Intoleranz auftreten können. MeinAllergiePortal sprach mit Privatdozentin Dr. med. Petra Staubach, Leiterin der Urtikaria und Angioödem-Sprechstunde der Hautklinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz über Symptome, Auslöser und Therapien.

Frau Privatdozentin Staubach, was versteht man unter Urtikaria und wie sehen die Symptome aus?

Die Urtikaria, auch als Nesselsucht bezeichnet, ist eine sehr häufige Hauterkrankung. Sie ist durch das Auftreten von roten, etwas erhabenen Hautveränderungen, wir nennen das Quaddeln, gekennzeichnet, die massiv jucken. Diese Hautveränderungen können auch zusammenlaufen zu größeren Flächen und treten an den verschiedensten Stellen des Körpers auf - manchmal erinnern sie auch an Insektenstiche. Die Größe der Quaddeln reicht von Stecknadelgröße bis zur Größe eines Handtellers.

Typisch für die Urtikaria ist, dass sie nie länger als 24 Stunden an einer Stelle auftritt. Sie kann dann erneut an einer anderen Stelle auftreten. Die Urtikaria kann daher über Wochen hinweg immer wieder an unterschiedlichen Stellen des Körpers auftreten. Dauert die Urtikaria länger als sechs Wochen, spricht man von einer chronischen Urtikaria. Die chronische Form ist aber weitaus seltener.

Im Zusammenhang mit Urtikaria ist häufig auch von Angioödemen die Rede…

In bestimmten Regionen des Körpers kann die Urtikaria auch eher das Aussehen von Schwellungen annehmen – man nennt dies dann Angioödem. Als Angioödem bezeichnet man tiefer gelegene Hautschwellungen, die vornehmlich im Gesicht oder am Handrücken oder Fußrücken auftreten, sowohl in Verbindung mit Quaddeln als auch ohne Quaddeln. Im Gesicht sind häufig Augen, Lippen oder aber auch Schleimhautbereiche betroffen, es kann z.B. Zungenschwellung oder zu einem Kloßgefühl im Hals bis hin zur Luftnot kommen. Diese Angioödeme können 1-2 Tage andauern.

Es gibt auch Angiödeme, die länger andauern, sie sind nicht-histaminvermittelt. Das klinische Bild ist meist nicht zu unterscheiden. Hier reagieren die Patienten nicht auf Histamin sondern auf Bradykinin. Dies ist ein Botenstoff, der erhöht vorkommt, den Organismus flutet und so zu den Schwellungen führt. Diese Menschen haben dann aber keine Urtikaria, sondern ausschließlich Angioödeme. Hier ist wichtig, zu wissen, dass die ansonsten übliche Behandlung mit Antihistaminika ohne Wirkung bliebe, da Histamin bei der Bradykinin-vermittelten Form der Urtikaria keine Rolle spielt. Als 3. Gruppe sind sogenannte idioptahische Angioödeme zu nennen, bei denen man bislang keine Ursachen oder die relevanten Botenstoffe kennt.

Wie häufig ist die Nesselsucht, welche verschiedenen Formen gibt es und was sind die Ursachen?

Die Nesselsucht ist eine häufige Erkrankung - jeder vierte leidet im Laufe seines Lebens einmal an einer Urtikaria, mit oder ohne Angioödem. Dabei unterscheidet man zwischen den akuten Formen der Urtikaria und den chronischen Formen, d.h. wenn die Urtikaria länger als sechs Wochen andauert.

Die akuten Formen der Nesselsucht treten plötzlich spontan auf. Ursachen können vorwiegend Infekte, Allergien gegen Medikamente bzw. Nahrungsmittel sein. Bei den chronischen Formen sind es überwiegend Infekte aber auch autoimmune Mechanismen oder sogenannte Nahrungsmittelintoleranzen, z.b. durch Konservierungs- und Farbstoffe, aber auch durch histaminreiche Kost.

Neben den spontanen Formen der Nesselsucht gibt es die induzierbaren Formen der Nesselsucht – hier können die Betroffenen ganz genau sagen, wodurch die Symptome ausgelöst werden. Auslöser können Kälte sein, Sonnenlicht, Druck, Anstrengung oder wenn die Körperkerntemperatur ansteigt. Auch Reibung kann eine Urtikaria und Juckreiz auslösen, wobei die Symptome immer genau dort entstehen, wo die Reibung auftritt.

Es gibt auch Formen der Urtikaria, bei der die spontane Form mit der induzierbaren Form kombiniert ist. Hier sind alle möglichen Kombinationen möglich. Allerdings wissen wir nicht, warum die Menschen unter einer induzierbaren Form der Nesselsucht leiden, d.h. warum sie plötzlich auf z.B. Kälte mit einer Urtikaria reagieren.

 

 


Wie behandelt man die Urtikaria?

Die Symptome der akuten und chronischen Formen der Urtikaria behandelt man mit Antihistaminika, auch Antiallergika genannt, die über Tabletten, Säfte oder Spritzen verabreicht werden können und relativ zügig wirken. Dabei handelt es sich im Grunde um die gleichen Wirkstoffe, die auch zur Behandlung einer Pollenallergie eingesetzt werden. Man weiß allerdings, dass bei einer Urtikaria wesentlich höhere Dosen als bei einer Pollenallergie nötig sind. An Stelle von einer Tablette benötigt man bei der Nesselsucht häufig 2 oder sogar 4 Tabletten über den Tag verteilt, um die Symptome zu unterdrücken.

Bei der akuten Form der Urtikaria, die spontan auftritt, geht man davon aus, dass eine symptomatische Behandlung mit Medikamenten ausreicht. Mit einer Ursachensuche würde man dezidiert erst bei der chronischen Form der Urtikaria beginnen. Wie gesagt, sind die Ursachen bei der akuten Form der Urtikaria häufig Infekte, auch spontane Infekte, oder Allergien gegen Medikamente oder Nahrungsmittel. Hier sollte man die Infekte behandeln, evtl. das auslösende Allergen ermitteln und zusätzlich mit Antihistaminika und Antiallergika behandeln. Sind die Ursachen der akuten Urtikaria beseitigt, verschwindet auch die Urtikaria. In Bezug auf die Antihistaminika ist es wichtig, zu wissen, dass man ausschließlich Antihistaminika der zweiten Generation einsetzen sollte, die im Gegensatz zu den älteren Präparaten nicht mehr bzw. weniger zu Müdigkeit führen. Weitere Therapieoptionen sind Leukotrienantagonisten, die man in Kombination mit Antihistaminika einsetzen kann.

Bei Menschen, die schwerer betroffen sind und auf Antihistaminika nicht reagieren, kann man immunmodulierende Mittel wie z.B. Kortison einsetzen. Allerdings sollte man bezüglich Nebenwirkungen gut informiert sein und die Therapieoptionen nur kurzzeitig einsetzen.

Eine weitere Möglichkeit zur Therapie der Urtikaria wäre ein neuer Wirkstoff, namens Omalizumab. Dieser Wirkstoff wurde bereits für die Behandlung von Asthma zugelassen. In Studien hat sich bestätigt, dass Patienten mit Nesselsucht auf diesen Wirkstoff sehr gut ansprechen. Nächstes Jahr soll das Medikament auch für die Urtikaria und Angioödeme zugelassen werden - eine neue Option für die Zukunft. Bei Patienten, die auf die aktuell vorhandenen Therapien nicht reagieren, ist es für den behandelnden Arzt aber heute schon möglich, bei der Krankenkasse einen Antrag auf Genehmigung des Off-label-use (Einsatz außerhalb des zugelassenen Anwendungsgebietes) zu stellen. Hierzu muss jedoch sichergestellt sein, dass alle anderen Therapien durchlaufen wurden oder aus bestimmten Gründen nicht eingesetzt werden können.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Urtikaria und anderen Erkrankungen, z.B. Allergien?

Die Nesselsucht kann ein Symptom einer Allergie z.B. Nahrungsmittelallergie sein, denn Schleimhaut und Haut reagieren gerne gemeinsam, da in beiden Organen Mastzellen vorhanden sind, die durch das Allergen gereizt werden. Es werden dann bestimmte Stoffe, wie z.B. Histamin, freigesetzt. Das Histamin führt dann zu Juckreiz und Quaddeln der Urtikaria oder auch zu Magen-Darm-Symptomen. Der Mechanismus ist immer der Gleiche. Wenn man eine Allergie hat wird man immer wieder diese Symptome bekommen, unabhängig von der Allergen-Dosis.

Allerdings ist die chronische Urtikaria ausgesprochen selten mit einer Allergie verbunden, denn wenn man ein Allergen als die Ursache der akuten Symptome erkannt hat, wird man es ja meiden. Die Patienten können hier auch oft sehr genau beschreiben, in welchem Zusammenhang die Symptome auftreten. Bei der chronischen Form der Urtikaria ist es so, dass oft auch Infekte, manchmal auch versteckte Infekte, bestehen. Auch Magenkeime wie der Helicobacter Pylori, Yersinien oder Autoimmunerkrankungen wie z.B. eine Schilddrüsenentzündung können die Ursachen einer Urtikaria sein. Der Helicobacter Pylori z.B. ist ein sehr häufiger Infekt, der oft selbst keine Beschwerden verursacht, aber wenn man ihn findet und behandelt ist die Urtikaria nach drei bis vier Wochen verschwunden.

Eine weitere große Gruppe bei der chronischen Nesselsucht sind Patienten mit Intoleranzen oder auch Unverträglichkeiten. Patienten mit Nahrungsmittelintoleranzen reagieren mit den gleichen Symtpomen wie bei einer Allergie, aber Intoleranzen sind keine Allergien, denn man kann keine Antikörper gegen relevante Allergene nachweisen. Diese Patienten reagieren häufig z.B. auf Konservierungsstoffe, Farbstoffe oder zu viel Histamin in der Nahrung. Im Unterschied zur Allergie reagieren die Betroffenen bei Unverträglichkeiten nur dosisabhängig, d.h. nur wenn man zu viel isst oder zu viele Dinge isst, die zwar nicht einzeln, aber in der Summe zu viel des unverträglichen Stoffes ergeben, zeigen sich Symptome. Bei einer reinen Allergie reagiert der Patient immer auf das Allergen, ganz gleich, ob es sich um winzige oder große Mengen handelt.

Häufig reagieren die Betroffenen aber auch auf bestimmte Schmerzmittel-Wirkstoffe wie Acetylsalicylsäure oder ASS, Diclofenac und Iboprofen - wir nennen das Triggerfaktoren. Diese Wirkstoffe dürfen Patienten mit einer Urtikaria nicht einnehmen.


Heißt das, dass Menschen mit Intoleranzen und Unverträglichkeiten, die Urtikaria Symptome haben, auch für immer auf die auslösenden Nahrungsmittel verzichten müssen?

Oft reagieren Menschen mit Unverträglichkeiten und Intoleranzen auf ganze Nahrungsmittelgruppen. Intolerante müssen dann zunächst für drei bis vier Wochen eine strenge Diät halten und auf diese Nahrungsmittelgruppen, Pseudoallergene oder auf Histamin verzichten. Danach profitieren 2 von 3 Patienten davon, dass sie mindestens 50 Prozent weniger Urtikaria Symptome haben. Hat man eine solche Diät dann sogar mehrere Monate durchgehalten, kann man langsam wieder anfangen, normal zu essen, und es ist möglich, dass man dann auch wieder alles verträgt. Bei einer Allergie ist dies häufig nicht oder erst nach Jahren wieder möglich.

Wie kommt es, dass zuvor unverträgliche Stoffe nach der Diät wieder verträglich sind?

Das weiß man heute noch nicht genau. Man nimmt aber an, dass sich durch die lange "Schonkost", und das ist eine solche Diät ja, die Darmschleimhaut wieder aufbauen kann, und so wieder wesentlich intakter wird. Man vermutet, dass mit ein Grund für die Entstehung von Intoleranzen oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten ein Problem der Darmschleimhaut ist. Allerdings gibt es hierzu keine Laborwerte, nichts Greifbares. Ich erkläre das meinen Patienten immer so: Wenn man eine Intoleranz hat, ist die Darmschleimhaut gereizt, entzündet und wird durchlässig. Dadurch können z.B. bestimmte Stoffe in den Körper zurückgelangen, die normalerweise vom Darm nach außen transportiert werden. Diese nicht abtransportierten Stoffe können die Urtikaria zum aufflackern bringen. Wenn die Darmschleimhaut nach der Schonkost wieder intakt ist, kann man auch die zuvor unverträglichen Stoffe langsam wieder vertragen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Urtikaria und psychosomatischen Aspekten?

Wenn wir Patienten über die Anfänge ihrer Urtikaria befragt haben, erhielten wir oft die Antwort, dass sie zu dieser Zeit sehr viel Stress hatten. Wir haben dann die Zusammenhänge sehr intensiv untersucht, weil wir dachten, es gäbe vielleicht eine psychogene Urtikaria. Dafür haben wir allerdings keinerlei Anhaltspunkte gefunden. Man kann lediglich sagen, dass sich eine Urtikaria durch Stress oder emotionale Reize verschlimmert. Dies gilt allerdings für alle Hauterkrankungen, insbesondere dann, wenn sie mit Juckreiz verbunden sind. Auch z.B. Neurodermitis oder Psoriasis verschlimmern sich unter Stress und dies ist durch Hautnerven etc. auch leicht erklärbar.

Was ist wichtig bei der Behandlung der Urtikaria?

Man sollte auf keinen Fall die Urtikaria als harmlose Krankheit abtun, die von selbst wieder weg geht. Jeder zweite Patient mit schwerer Urtikaria hat Angststörungen oder Depressionen. Insbesondere Menschen, die von einer chronischen Urtikaria betroffen sind, leiden unter einer sehr schlechten Lebensqualität, vergleichbar mit Menschen, die schwere Herzprobleme haben. Eine Verharmlosung der Urtikaria ist deshalb nicht angebracht, ebensowenig wie ein "Aussitzen" dieser Erkrankung. Bei den chronischen spontanen Formen muss eine Ursachensuche und adäquate Therapie erfolgen.

Frau Privatdozentin Staubach, herzlichen Dank für das Interview! 

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