Urtikaria Angioödem Symptome Therapie

Symptome, Auslöser und Therapien der Urtikaria! Bildquelle: P.Staubach

Urtikaria & Angioödem: Symptome, Auslöser, Therapien

Bei der Hauterkrankung "Urtikaria" sagt der Name schon alles: "Urtica urens" lautet der lateinische Name für "Brennnessel" und lateinisch "urere" bedeutet "brennen". Ein Blick auf die deutsche Bezeichnung für die Erkrankung weist in die gleiche Richtung – Urtikaria wird auch oft "Nesselsucht" oder "Nesselfieber" genannt. Bei einer Urtikaria bzw. beim Angioödem handelt es sich nicht immer um allergische Reaktionen. Vielmehr sind beide Symptome, die im Zusammenhang mit einer Allergie, Infekten, autoimmunen Mechanismen aber auch in Zusammenhang mit Unverträglichkeiten wie Histaminintoleranz oder ASS-Intoleranz auftreten können. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Petra Staubach, Dermatologin an der Hautklinik der Universitätsmedizin Mainz und zuständig für alle entzündlichen Dermatosen, die Kindersprechstunde und die dazugehörige klinische Forschung über Symptome, Auslöser und Therapien.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Prof. Dr. med Petra Staubach

Frau Prof. Staubach, was versteht man unter Urtikaria und wie sehen die Symptome aus?


Die Urtikaria, auch als Nesselsucht bezeichnet, ist eine sehr häufige Hauterkrankung. Sie ist durch das Auftreten von roten, etwas erhabenen Hautveränderungen, wir nennen das Quaddeln, gekennzeichnet, die massiv jucken. Diese Hautveränderungen können auch zusammenlaufen zu größeren Flächen und treten an den verschiedensten Stellen des Körpers auf - manchmal erinnern sie auch an Insektenstiche. Die Größe der Quaddeln reicht von Stecknadelgröße bis zur Größe eines Handtellers.

 Typisch für die Urtikaria ist, dass sie nie länger als ca. 24 Stunden an einer Stelle auftritt. Sie kann dann erneut an einer anderen Stelle auftreten. Die Urtikaria kann über Wochen hinweg immer wieder an unterschiedlichen Stellen des Körpers auftreten. Dauert die Urtikaria länger als sechs Wochen, spricht man von einer chronischen Urtikaria. Die chronische Form ist aber weitaus seltener.

Im Zusammenhang mit Urtikaria ist häufig auch von Angioödemen die Rede, was ist das? 


In bestimmten Regionen des Körpers kann die Urtikaria auch eher das Aussehen von Schwellungen annehmen – man nennt dies dann Angioödem. Als Angioödem bezeichnet man tiefer gelegene Hautschwellungen, die vornehmlich im Gesicht oder am Hand- oder Fußrücken und Genitalbereich auftreten, sowohl in Verbindung mit Quaddeln als auch ohne Quaddeln. Im Gesicht sind häufig Augen, Lippen oder aber auch Schleimhautbereiche betroffen. Es kann zum Beispiel auch zu Zungenschwellung oder zu einem Kloßgefühl im Hals bis hin zur Luftnot kommen. Diese Angioödeme können 2 aber nie länger als 3 Tage andauern. Es gibt auch Angiödeme, die länger andauern, sie sind jedoch nicht-histamin bzw. Mastzell-vermittelt.

Was ist der Unterschied zwischen mastzellmediator- bzw. histaminvermittelten Angioödemen und nicht-mastzellmediator bzw. nicht-histaminvermittelten Angioödemen?

Das klinische Bild ist bei Erstauftreten meist nicht zu unterscheiden. Bei den nicht-histaminvermittelten Angioödemen entstehen die Symptome nicht durch Histamin, sondern durch Bradykinin. Dies ist ein Botenstoff, der bei diesen Patienten erhöht vorkommt, den Organismus flutet und so zu den Schwellungen führt. Diese Menschen haben dann aber keine Urtikaria, sondern ausschließlich Angioödeme. Diese Angioödeme dauern bis zu 5 bis 7 Tage an. Es gib vererbbare Formen, wo die Patienten auch unter Magen-Darm Schwellungen mit massiven Schmerzen leiden können. Hier ist wichtig, zu wissen, dass die ansonsten übliche Behandlung mit Antihistaminika oder Kortison ohne Wirkung bliebe, da Histamin bei der Bradykinin-vermittelten Form der Urtikaria keine Rolle spielt. Als dritte Gruppe sind sogenannte idiopathische Angioödeme zu nennen, bei denen man bislang keine Ursachen oder die relevanten Botenstoffe kennt.

Wie häufig ist die Urtikaria bzw. Nesselsucht, welche verschiedenen Formen gibt es und was sind die Ursachen?

Die Nesselsucht ist eine häufige Erkrankung - jeder vierte leidet im Laufe seines Lebens einmal an einer Urtikaria, mit oder ohne Angioödem. Dabei unterscheidet man zwischen den akuten Formen der Urtikaria und den chronischen Formen, das heißt, wenn die Urtikaria länger als sechs Wochen andauert.

Die akuten Formen der Nesselsucht treten plötzlich spontan auf. Ursachen können vorwiegend Infekte, Allergien gegen Medikamente bzw. Nahrungsmittel sein. Bei den chronischen Formen sind es autoimmune Mechanismen, die als Ursache diskutiert werden. Triggerfaktoren, die die Urtikaria verschlimmern sind manchmal Infekte, Medikamente wie Nichtsteroidale Antiphlogistika zum Beispiel Acetylsalicylsäure, Diclofenac, Ibuprofen oder sogenannte Nahrungsmittelintoleranzen, hervorgerufen durch Konservierungs- und Farbstoffe, aber auch durch histaminreiche Kost.

Neben den spontanen Formen der Urtikaria gibt es die induzierbaren Formen der Nesselsucht. Hier können die Betroffenen ganz genau sagen, wodurch die Symptome ausgelöst werden. Auslöser können Kälte sein, Sonnenlicht, Druck, Anstrengung oder wenn die Körperkerntemperatur ansteigt. Auch Reibung kann eine Urtikaria und Juckreiz auslösen, wobei die Symptome immer genau dort entstehen, wo die Reibung auftritt. Es gibt auch Formen der Urtikaria, bei der die spontane Form mit der induzierbaren Form kombiniert ist. Hier sind alle möglichen Kombinationen möglich. Allerdings wissen wir nicht, warum die Menschen unter einer induzierbaren Form der Nesselsucht leiden, d.h. warum sie plötzlich auf z.B. Kälte mit einer Urtikaria reagieren.

Wie behandelt man die akute und die chronische Urtikaria?

Die Symptome der akuten und chronischen Formen der Urtikaria behandelt man mit Antihistaminika, auch Antiallergika genannt. Hier gibt es 2 Substanzklassen: 1. und 2. Generation, wobei die 1. Generation nicht mehr verordnet werden sollte aufgrund von Nebenwirkungen. Die Medikamente können als Tabletten, Säfte oder Spritzen verabreicht werden und wirken relativ zügig. Bei Urtikaria-Medikamenten handelt es sich im Grunde um die gleichen Wirkstoffe, die auch zur Behandlung einer Pollenallergie eingesetzt werden. Man weiß allerdings, dass bei einer Urtikaria wesentlich höhere Dosen als bei einer Pollenallergie nötig sind. Anstelle von einer Tablette benötigt man bei der Nesselsucht häufig 2 oder sogar 4 Tabletten auf 2 Tagesdosierungen verteilt, um die Symptome zu unterdrücken.

Bei der akuten Form der Urtikaria, die spontan auftritt, geht man davon aus, dass eine symptomatische Behandlung mit Medikamenten ausreicht. Mit einer Ursachensuche würde man dezidiert erst bei der chronischen Form der Urtikaria beginnen. Wie gesagt, sind die Ursachen bei der akuten Form der Urtikaria häufig Infekte, auch spontane Infekte, oder Allergien gegen Medikamente oder Nahrungsmittel. Hier sollte man die Infekte behandeln, evtl. das auslösende Allergen ermitteln und zusätzlich mit Antihistaminika und Antiallergika behandeln. Sind die Ursachen der akuten Urtikaria beseitigt, verschwinden auch die Quaddeln.  

Für Menschen mit chronischer Urtikaria, die schwerer betroffen sind und auf Antihistaminika der 2. Generation nicht reagieren, gibt es weitere Behandlungsmöglichkeiten wie zum Beispiel Biologika. Klinische Studien zu neuen Medikamenten laufen zur Zeit.

Was hilft bei schwerer Urtikaria?

Bei schwerer Urtikaria kann man immunmodulierende Mittel wie z.B. Kortison einsetzen. Allerdings sollte man bezüglich Nebenwirkungen gut informiert sein und die Therapieoptionen nur kurzzeitig, das heißt, nur im Notfall einsetzen. Eine weitere Möglichkeit zur Therapie der Urtikaria wäre ein Wirkstoff, ein Biologikum namens Omalizumab. Dieser Wirkstoff wird bereits seit längerem für die Behandlung von allergischem Asthma eingesetzt. Auch Patienten mit Nesselsucht sprechen sehr gut auf diesen Wirkstoff an.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen Urtikaria und anderen Erkrankungen, zum Beispiel Typ I Allergien auf Pollen oder Nahrungsmitteln?

Die Nesselsucht kann ein Symptom einer Allergie z.B. einer Nahrungsmittelallergie sein. Der Grund: Schleimhaut und Haut reagieren gerne gemeinsam, da in beiden Organen Mastzellen vorhanden sind, die durch das Allergen gereizt werden. Es werden dann bestimmte Stoffe, wie z.B. Histamin, freigesetzt. Das Histamin führt dann zu Juckreiz und Quaddeln der Urtikaria oder auch zu Magen-Darm-Symptomen oder im Falle von Pollen mit laufender Nase oder Augentränen. Der Mechanismus ist immer der gleiche. Wenn man eine Allergie hat, wird man immer wieder diese Symptome bekommen, unabhängig von der Allergen-Dosis.

Wie häufig ist Urtikaria allergisch bedingt?

Die chronische Urtikaria ist ausgesprochen selten mit einer Allergie auf, zum Beispiel, Nahrungsmittel, verbunden, denn wenn man ein Allergen als die Ursache der akuten Symptome erkannt hat, wird man es ja meiden. Aber man weiß heute, dass der Mechanismus, warum man eine chronische Urtikaria entwickelt, entweder durch Autoallergie oder autoimmune Mechanismen entsteht. Autoallergie bedeutet, dass der Körper gegen eigene Bestandteile, zum Beispiel der Schilddrüse, gegen sich selbst reagiert. Bei den autoimmunen Mechanismen wissen wir noch nicht genau, warum der Körper plötzlich mit Symptomen wie im Fall der Urtikaria mit Quaddeln und Juckreiz reagiert. Bei der chronischen Form der Urtikaria kennt man auch Trigger wie Infekte, Medikamente wie ASS, Diclofenac oder Ibuprofen, Nahrungsmittelintoleranzen auf Pseudoallergene oder Histamin, die die Symptome verschlimmern können. Die Medikamente sollten bei Patienten mit Urtikaria gemieden werden. Alternativ kann Paracetamol als Schmerzmittel, wenn keine Kontraindikationen bestehen, empfohlen werden.

Wann kann eine Urtikaria mit einer Nahrungsmittelintoleranz bzw. Nahrungsmittelintoleranz zusammenhängen?

Patienten mit Nahrungsmittelintoleranzen reagieren oft mit den gleichen Symptomen wie Patienten mit einer Allergie. Allerdings sind Intoleranzen keine Allergien, denn man kann hier keine Antikörper gegen relevante Allergene nachweisen. Die Betroffenen reagieren zum Beispiel auf Konservierungsstoffe, Farbstoffe oder zu viel Histamin in der Nahrung. Im Unterschied zur Allergie reagiert man bei Unverträglichkeiten nur dosisabhängig. Nur dann, wenn man zu viele Dinge isst, die zwar nicht einzeln, aber in der Summe zu viel des unverträglichen Stoffes beinhalten, zeigen sich Symptome. Der Unterschied zur Allergie: Bei einer reinen Allergie reagiert der Patient immer auf das Allergen, ganz gleich, ob es sich um winzige oder große Mengen handelt.

Heißt das, dass Menschen mit Intoleranzen und Unverträglichkeiten, die Urtikaria Symptome haben, auch für immer auf die auslösenden Nahrungsmittel verzichten müssen?

Oft reagieren Menschen mit Unverträglichkeiten und Intoleranzen auf ganze Nahrungsmittelgruppen. Intolerante sollten dann zunächst für drei bis vier Wochen eine strenge Diät halten und diese Nahrungsmittelgruppen wie Pseudoallergene oder Histamin reduzieren. Danach profitieren 2 von 3 Patienten davon, dass sie mindestens 50 Prozent weniger Urtikaria Symptome haben. Hat man eine solche Diät befolgt, kann man langsam über Monate aufbauend wieder anfangen, normal zu essen, und es ist möglich, dass man dann auch wieder alles verträgt. Bei einer Allergie ist dies häufig nicht oder wenn überhaupt erst nach Jahren wieder möglich.

Grundsätzlich sollte man sich immer sicher sein, dass eine solche Diät erforderlich ist, bevor man dies einem Patienten empfiehlt!!!!!!!!!!!

Wie kommt es, dass bei Urtikaria zuvor unverträgliche Stoffe nach der Diät wieder verträglich sind?

Das weiß man heute noch nicht genau. Man nimmt aber an, dass sich durch die lange "Schonkost", und das ist eine solche Diät ja, die Darmschleimhaut wieder aufbauen kann. Dadurch wird sie wieder wesentlich intakter. Dem zugrunde liegt die Vermutung, dass ein Problem mit der Darmschleimhaut einer der Gründe für die Entstehung von Intoleranzen oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten sein könnte. Allerdings gibt es hierzu keine Laborwerte, nichts Greifbares. Ich erkläre das meinen Patienten immer so: Wenn man eine Intoleranz hat, ist die Darmschleimhaut gereizt, entzündet und wird durchlässig. Dadurch können zum Beispiel bestimmte Stoffe in den Körper zurückgelangen, die normalerweise vom Darm nach außen transportiert werden. Diese nicht abtransportierten Stoffe können die Urtikaria zum Aufflackern bringen. Wenn die Darmschleimhaut nach der Schonkost wieder intakt ist, kann man auch die zuvor unverträglichen Stoffe langsam wieder vertragen. Inwieweit auch die zusätzliche Gabe von Milchsäurebakterien und die Stärkung des Mikrobioms zum schnelleren Therapieerfolg führen kann, ist wissenschaftlich noch nicht belegt. Studien dazu wären wünschenswert.

Gibt es auch einen Zusammenhang zwischen Urtikaria und der Psyche?

Wenn wir Patienten über die Anfänge ihrer Urtikaria befragt haben, erhielten wir oft die Antwort, dass sie zu dieser Zeit sehr viel Stress hatten. Wir haben dann die Zusammenhänge sehr intensiv untersucht, weil wir dachten, es gäbe vielleicht eine psychogene Urtikaria. Dafür haben wir allerdings keinerlei Anhaltspunkte gefunden. Man kann lediglich sagen, dass sich eine Urtikaria durch Stress oder emotionale Reize verschlimmert. Dies gilt allerdings für alle chronischen Hauterkrankungen, insbesondere dann, wenn sie mit Juckreiz verbunden sind. Auch zum Beispiel atopischer Dermatitis oder Psoriasis verschlimmern sich unter Stress und dies ist durch Hautnerven etc. auch leicht erklärbar.

Was ist wichtig bei der Behandlung der Urtikaria?

Man sollte auf keinen Fall die Urtikaria als harmlose Krankheit abtun, die von selbst wieder weg geht. Jeder zweite Patient mit schwerer und lange anhaltender Urtikaria hat Angststörungen oder Depressionen. Insbesondere Menschen, die von einer chronischen Urtikaria betroffen sind, leiden unter einer sehr schlechten Lebensqualität. Das ist durchaus vergleichbar mit Menschen, die schwere Herzprobleme haben. Eine Verharmlosung der Urtikaria ist deshalb nicht angebracht, ebensowenig wie ein "Aussitzen" dieser Erkrankung. Bei allen Formen besonders dann wenn sie chronifizieren, sollte von Anfang an eine adäqautate Therapie durchgeführt werden, um die Erkrankung so zu kontrollieren. Treat the disease until its gone!!!! Das ist hier die Devise, denn die Urtikaria kommt spontan und geht auch spontan.

Frau Prof. Staubach, herzlichen Dank für das Interview!

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