Sport bei Rheuma

Hilft gezieltes Training dem Immunsystem auch bei chronisch entzündlichen Krankheiten wie Rheuma? Bildquelle: W. Bloch

Sport & Rheuma: Hilft Training dem Immunsystem?

Sport wird bei vielen Erkrankungen, aber auch generell dringend empfohlen, denn unter anderem stärkt dies das Immunsystem. Aber gilt das auch für Rheuma, das ja mit Gelenkschmerzen verbunden ist? Und kann ein gezieltes Training die Symptome bei Rheuma-Patienten verbessern? MeinAllergiePortal sprach beim Deutschen Rheumatologiekongress 2023 mit Prof. Dr. med. Wilhelm Bloch, Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule Köln.

Autor: Sabine Jossé M.A.

Interviewpartner: Prof. Dr. med. Wilhelm Bloch

Herr Prof. Bloch, was weiß man über den Einfluss von Sport auf das Immunsystem?

Zwar geht man in erster Linie davon aus, dass man mit Sport Herz, Kreislaufsystem und Muskeln trainiert, aber im Endeffekt trainiert man mit jeder Trainingseinheit auch das Immunsystem. Das Immunsystem reagiert beim Sport direkt auf Substanzen, die beim Training, zum Beispiel aus der Muskulatur, freigesetzt werden. Dabei kommt es auch zu Veränderungen des Metabolismus, die dann auch wiederum das Immunsystem beeinflussen. Sport hat also einen sehr weitreichenden Einfluss auf das Immunsystem. Dabei spielt auch das Mikrobiom des Darmes eine Rolle, denn im Darm ist ein großer Teil des Immunsystems angesiedelt. Das Darmmikrobiom war in den letzten Jahren ein zentraler Forschungsschwerpunkt, auch im Hinblick auf die Auswirkungen körperlicher Aktivität.

Welche Rolle spielt der Darm für das Immunsystem?

Die Darmoberfläche ist enorm groß, das ist eine Art „innere Oberfläche“ und stellt eine Barriere gegen das Eindringen von Krankheitserregern dar, man spricht ja auch von der Darmbarriere. Durch die Nahrungsaufnahme steht diese Darmbarriere permanent in Kontakt mit der Außenwelt. Dass der Sport auch diese Darmbarriere und das Darmmikrobiom auf unterschiedliche Art und Weise beeinflusst, ist schon lange bekannt. Zur Immunabwehr gehört aber nicht nur die Darmbarriere, sondern vor allem auch verschiedene Körperzellen.

Welche Zellen des Körpers sind Teil des Immunsystems?

Die weißen Blutzellen sind ebenfalls Teil des Immunsystems. Sie bilden einerseits sogenannte Antikörper, die die Aufgabe haben, sogenannte Antigene, das sind körperfremde „feindliche“ Stoffe, abzuwehren. Auch negativ veränderte körpereigene Zellen und Strukturen werden von diesen Antikörpern erkannt und eliminiert. Andererseits können weiße Blutzellen direkt Erreger und Zellen abwehren und das Immunsystem regulieren. Letztendlich ist das Immunsystem für den gesamten Organismus verantwortlich. Das bedeutet, dass jedes Gewebe des Körpers, auch die Muskeln, mit dem Immunsystem kommunizieren und dieses auch modellieren, also beeinflussen, kann.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den Muskeln und dem Immunsystem?

Die Muskulatur macht, je nach Trainingszustand, einen großen Teil des Körpers aus und benötigt die Unterstützung des Immunsystems zur Abwehr schädlicher Einflüsse. Dazu gehören zum Beispiel das Abräumen geschädigter Zellen und Zellbestandteile aber auch die Bekämpfung von Entzündungen oder Verletzungen. So wird zum Beispiel die Wundheilung zentral vom Immunsystem gesteuert. Umgekehrt setzt das Immunsystem auch Substanzen frei, die zum Beispiel den Muskelstoffwechsel und das Muskelwachstum beeinflussen können, es gibt also Wechselwirkungen zwischen Muskeln und Immunsystem. Wahrscheinlich hat jeder schon einmal selbst die Erfahrung gemacht, dass die Muskeln bei einem grippalen Infekt nicht mehr allzugut funktionieren, und das aus gutem Grund. Der Körper ist immer bestrebt, eine Energiebalance zu erreichen. Eine Grippe ist in diesem Zusammenhang ein „Energieverbraucher“, der ausgeglichen werden muss.

Für das Immunsystem liegt also die Priorität auf der Bekämpfung des Infekts und bei einer gleichzeitigen Belastung der Muskeln ziehen diese den Kürzeren. Aber: Mittlerweile wissen wir auch, dass wir diese Wechselwirkungen zwischen Muskeln und Immunsystem nutzen können, um das Immunsystem gezielt zu beeinflussen. Durch Sport bzw. ein individuell konzipiertes Training lässt sich das Immunsystem modulieren.

Spielt beim Einfluß von Sport auf das Immunsystem der Trainingszustand eine Rolle?

Trainierte Muskeln funktionieren besser als untrainierte und so ähnlich ist das auch beim Immunsystem. Durch Sport bzw. durch jede Trainingseinheit, werden beim Immunsystem immer wieder kleine Reize, kleine Stimuli, gesetzt. Man muss sich das vorstellen wie eine kleine Entzündung, die aber nur ca. eine oder zwei Stunden anhält, je nach Trainingsdauer und -intensität. Das Immunsystem reagiert auf jeden kleinen Trainingsstimulus und stellt sich neu ein.

Wie reagiert das Immunsystem auf Sport bzw. wiederkehrende Trainingsreize?

Wir haben den Effekt von Sport bei Leistungssportlern anhand zentraler Zellen des Immunsystems, den suprimierenden regulatorischen T-Zellen (Treg-Zellen), untersucht. Treg-Zellen haben die Aufgabe, überschießende Immunreaktionen zu unterbinden, sie sind eine Art „Bremszellen“ des Immunsystems. Leistungssportler verfügen über eine extrem hohe Anzahl dieser „Bremszellen“, da ihr Immunsystem permanent stimuliert wird. Nun würde man vermuten, dass das Immunsystem bei diesen Sportlern so stark gebremst wird, dass sie ständig Infektionen bekommen. Das ist jedoch überraschenderweise nicht der Fall, denn das Immunsystem ist in der Lage, sich immer wieder neu zu adaptieren und gewisse Störfaktoren auszugleichen. So erreicht das Immunsystem dieser Hochleistungssportler ein stabileres Niveau und kleinere Auslenkungen bzw. Trainingsreize, die ja auch Entzündungsreize sind, fallen nicht so stark ins Gewicht. Das bedeutet, dass Sport bzw. Training, das Immunsystem stabilisiert und so resistenter gegenüber Infekten macht. In welchem Maß dies der Fall ist, hängt auch vom Trainingszustand ab.

Welche Rolle spielt die Trainingsintensität bei der Wechselwirkung zwischen Sport und Immunsystem?

Zum Einfluss der Trainingsintensität haben wir in den letzten Jahren Studien, sowohl an Leistungssportlern als auch bei Patienten, durchgeführt. Diese haben gezeigt, dass es häufig erst dann zu Auslenkungen kommt, wenn man eine bestimmte Trainingsintensität erreicht. Ansonsten benötigt man eine sehr lange Zeit des Trainings, um die gleiche Auslenkung zu erreichen. Wir beurteilen den Trainingseffekt anhand bestimmter Myokine, die dabei freigesetzt werden und die in der Lage sind das Immunsystem zu steuern. Es gibt zahlreiche Myokine, aber ein sehr bekanntes ist das Interleukin-6 (IL-6). Nach einem intensiven Training sieht man einen sehr deutlichen Anstieg an IL-6. Auch bei den Interleukinen 2, 10 und 17 kommt es dann zu einem Anstieg, und das um so mehr, je intensiver das Training war. Deshalb empfiehlt man heute zum Beispiel Patienten mit Multipler Sklerose nicht mehr nur moderates Ausdauertraining, sondern Intervalltraining. Wichtig ist jedoch, dass der Körper mit dem gesetzten Stimulus auch umgehen kann. Oft wird vergessen, dass der Körper auch eine Phase der Regeneration benötigt, um den Trainingsreiz in eine entsprechende Immunantwort umzusetzen.

Gibt es einen Kipppunkt, bzw. wann kann Sport dem Immunsystem eher schaden?

Grundsätzlich stellt sich das Immunsystem auf die hohe Belastung ein. Das heißt, das Training für den Marathon ist für das Immunsystem sehr gut. Für den tatsächlichen Marathonlauf kann man das aber nicht mehr uneingeschränkt sagen, denn dann verlangt man dem Körper eine maximale Leistung ab und könnte den Kipppunkt erreichen. Das gilt insbesondere für Sportler, die in einer Saison mehrere Läufe kurz hintereinander absolvieren und so das Immunsystem überstrapazieren. Und: Untrainierten ist eine solche Anstrengung schon gar nicht zu empfehlen.

Bei welchen Erkrankungen kann Sport das Immunsystem stärken?

Insbesondere bei den Autoimmunerkrankungen spielt Sport eine sehr große Rolle. Autoimmunerkrankungen gehören zu den chronisch entzündlichen Erkrankungen, bei denen der Körper permanent unter einem gewissen Entzündungsstress leidet. Dabei werden viele Organe auf die Dauer geschädigt. Bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen sieht man häufig extrem niedrige Werte bei den regulatorischen Bremszellen. Das Immunsystem ist dadurch in permanenter Alarmstimmung und richtet sich schließlich gegen den eigenen Organismus. Genau hier kann man mit dem Training ansetzen, denn durch regelmäßige Trainingsreize lässt sich die Anzahl der Treg-Zellen erhöhen und die Immunitätslage stabilisieren.

Was weiß man über den Einfluss von Sport, speziell bei Rheuma?

Es gibt eine Vielzahl rheumatischer Erkrankungen, aber letztlich liegt bei all diesen Krankheitsformen immer auch eine Störung der Immunregulation vor. Da Rheuma-Patienten häufig niedrige Werte bei den T-regulatorischen Zellen haben, ist die Stimulation der Treg-Zellen einer der vielversprechenden Ansätze bei Therapie-resistenten rheumatischen Erkrankungen. Etwa 30 Prozent der Patienten sprechen auf die klassischen Rheuma-Therapien nicht wirklich an und gerade bei diesen Patienten greift man therapeutisch zunehmend auf Maßnahmen zur Steuerung des Immunsystems zurück. Eine dieser Maßnahmen kann gezieltes Training sein.

Über das Training lässt sich auch die Verteilung von Immunzellen im Körper beeinflussen. Bei Rheuma kommt es häufig zu Gelenkveränderungen wie Osteoarthritis, die mit einer veränderten Zusammensetzung von Abwehrzellen in der Gelenkflüssigkeit einhergehen. Wir wissen, dass man mit Training auch die Verteilung dieser Abwehrzellen steuern kann. Das heißt, durch den Trainingsreiz verändert sich die Verteilung der Abwehrzellen im Körper und das sogar ziemlich selektiv.

Wie gesagt, kommt es durch Sport bzw. den Trainingsreiz bei Rheuma Patienten auch zur Freisetzung von Myokinen und Zytokinen. Durch diese kleinen Stimuli wird der Körper resistenter gegenüber Entzündungs-Treibern.

Was können Rheuma-Patienten konkret erwarten, wenn Sie Sport machen?

Man kann erwarten, dass sich durch Sport die Rheuma-Symptomatik verbessern lässt bzw. dass es zu einer Reduktion des Medikamentenbedarfs kommt. Um das Training sehr gezielt einzusetzen, muss man aber sehr genau überlegen, wann, wie, wieviel und in welchem Abstand der Patient trainieren soll. Wichtig ist auch die genaue Planung der Regeneration zwischen den Trainingseinheiten. Wenn der Trainingsplan für den Rheuma-Patienten richtig erstellte wurde, unterstützt das die therapeutischen Maßnahmen.

Welcher Sport ist bei Rheuma besser, Kraft oder Ausdauer?

Ich würde bei Rheuma immer eine Mischung aus Kraft- und Ausdauersport empfehlen. Zwar werden beim Ausdauertraining längerfristig mehr Muskeln angesprochen und man erreicht eine längere, oft auch stärkere metabolische Auslenkung. Aber man braucht auch erst mal die Muskelmasse. Im besten Falle kommt es zu einem Muskelaufbau und einem Fettabbau. Das bedeutet, man nimmt vielleicht nicht ab, aber das Verhältnis von Muskeln und Körperfett verändert sich zugunsten der Muskeln.

Wer ist für Rheuma-Patienten der richtige Ansprechpartner für ein immununterstützendes Sportprogramm?

Der erste Ansprechpartner für Patienten mit Rheuma ist der Hausarzt oder der Rheumatologe. Zusätzlich zur medikamentösen Therapie sollte bei diesen Betroffenen immer auch die Gelenkbeweglichkeit verbessert werden. Dafür braucht es eine entsprechende Verordnung für die Behandlung bei einem Sporttherapeuten oder Physiotherapeuten. Wichtig ist, dass hier nicht nur passive Maßnahmen, wie das Durchbewegen der vom Rheuma betroffenen Gelenke, im Vordergrund stehen. Ein gutes Aufbautraining und ein guter, individuell abgestimmter Trainingsplan ist die Grundlage für ein erfolgreiches Training für Rheuma-Patienten und sollte Teil der Behandlung sein.

Herr Prof. Bloch, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.