Vagusnerv-Stimulation

Ist eine Vagusnerv-Stimulation eine mögliche Rheuma-Therapie? Bildquelle: O.Seifert

Rheuma-Therapie: Hilft Vagusnerv-Stimulation?

 Zur Rheuma-Therapie stehen zahlreiche Behandlungsoptionen zur Verfügung, aber nicht allen Rheuma-Patienten kann damit geholfen werden. Eine neue Möglichkeit, die rheumatoide Arthritis zu behandeln, könnte die Vagusnerv-Stimulation sein. Anlässlich des Deutschen Rheumatologiekongresses 2023 sprach MeinAllergiePortal mit Prof. Dr. med. habil. Olga Seifert, Oberärztin, Fachärztin für Innere Medizin und Rheumatologie, Osteologin DVO am Universitätsklinikum Leipzig über diese sehr interessante Therapieoption.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Prof. Dr. med. habil. Olga Seifert

Frau Prof. Seifert, was für ein Nerv ist der Vagusnerv und welche Funktion hat er?

Der Nervus vagus ist der Zehnte von insgesamt zwölf Hirnnerven und innerviert mehrere Organe wie zum Beispiel Herz, Lunge und Gastrointestinaltrakt. Der Nervus vagus ist ein Bestandteil des parasympathischen Nervensystems.  Er wird auch als „Ruhenerv“ oder „Erholungsnerv“ bezeichnet, da er dem Stoffwechsel, der Erholung und dem Aufbau körpereigener Reserven dient. Der Nervus vagus spielt eine große Rolle in der Regulation von Emotionen, sozialen Zusammenhängen, bei der Angstreaktion, sowie bei depressiven Verstimmungen. Mit Hilfe der Herzratenvariabilität ist es möglich, die Aktivität des Vagus zu messen. 

Rheuma ist eine Autoimmunerkrankung, welche Verbindung besteht zwischen dem Immunsystem und dem Nervensystem bzw. zwischen Rheuma und dem Vagusnerv?

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass chronisch entzündliche Erkrankungen mit einer verminderten parasympathischen und einer erhöhten sympathischen Aktivität, dem so genannten autonomen Ungleichgewicht, einhergehen. Dieses Ungleichgewicht könnte das klinische Ansprechen auf eine Anti-TNF-Therapie vorhersagen; insbesondere sprachen Patienten mit mehr vagaler Aktivität besser auf diese Behandlung an.

Was ist mit Vagusnerv-Stimulation gemeint und wie wird das konkret gemacht?

Die bioelektronische Medizin ist ein neues, potenziell vielversprechendes Gebiet. Es gibt sowohl invasive, chirurgisch implantierte, als auch nicht-invasive, transkutane, VNS-Techniken.

Wie wird die invasive, chirurgisch implantierte Vagusnervstimulation (VNS) durchgeführt?

Bei der invasiven Vagusnervstimulation wird im Brustbereich unter der Haut bei einem minimalinvasiven Eingriff ein Stimulationsgerät ähnlich dem Herzschrittmacher implantiert, das über eine Elektrode mit dem Nervus vagus verbunden ist. Der Generator sendet regelmäßige elektrische Impulse, meist alle 5 Minuten über 30 Sekunden, über den Vagus Nerv an das Gehirn und entfaltet so seine Wirkung.

Wie wird die nicht-invasive, transkutane VNS durchgeführt?

Die transkutane Vagusnervstimulation basiert darauf, dass ein Ast des Vagusnervs, der sogenannte Ramus auricularis nervi vagi, die Haut der Ohrmuschel im Bereich der Concha sensibel versorgt. Dieser Ast kann transkutan, also durch die Haut hindurch, mit elektrischen Impulsen stimuliert werden. Ein operativer Eingriff ist hierbei nicht notwendig. 

Eine andere Methode der nichtinvasiven transkutanen Vagusnervstimulation ist die Erzeugung eines elektrischen Feldes über dem Vagusnerv in Höhe der Halsschlagader (Arteria carotis). Dabei wird durch Anlegen eines handgroßen Gerätes am Hals der Vagusnerv circa 2 Minuten lang stimuliert. Diese Methode ist in der Europäischen Union für die Behandlung von primären Kopfschmerzen, Depression, Angststörung und Epilepsie zugelassen.

Die Therapie wird durch die Patienten selbstständig durchgeführt und kann gut in den Alltag integriert werden. Die Stimulationsstärke wird dabei so eingestellt, dass ein angenehmes Kribbeln oder Pulsieren am Ort der Stimulation zu spüren ist. Die Anwendung sollte täglich erfolgen.

Hat die Vagusnervstimulation auch Nebenwirkungen?

Die Vagusnervstimulation ist im allgemeinen eine sichere und gut verträgliche Therapie.

Was passiert im Körper, wenn der Vagusnerv stimuliert wird?

Die Vagusnervstimulation führt zur Aktivierung des parasympathischen Nervensystems durch die zunehmende Produktion der Überträgersubstanzen, so genannten Neurotransmittern, zum Beispiel Acethylcholin, sowohl für die Schaltstelle in den Ganglien als auch am Zielorgan, wie Herz, Darm etc..

Das autonome Gleichgewicht könnte möglicherweise durch elektrische Stimulation des Vagusnervs wiederhergestellt werden. Ein ausgeglichenes vegetatives Nervensystem reguliert das Immunsystem optimal.

Wie wirkt sich die Vagusnerv-Stimulation konkret auf die rheumatischen Erkrankungen aus?

Mehrere Pilot-Studien haben gezeigt, dass eine Vagusnerv Stimulation, entweder invasiv oder transkutan, mit einer signifikanten Abnahme der Erkrankungsaktivität der Rheumatoiden Arthritis verbunden ist. Außerdem haben andere kleine Studien gezeigt, dass eine VNS die Müdigkeit beim Sjögren-Syndrom und systemischem Lupus begrenzen oder Schmerzen bei einem Fibromyalgiesyndrom sowie bei erosiver Handarthrose lindern kann. Es bleiben jedoch einige Fragen offen, wie zum Beispiel die Stimulationseinstellungen, die Behandlungsdauer oder die optimale Stimulationsroute. Schließlich sind randomisierte kontrollierte Studien im Vergleich zur Scheinstimulation mit großen Stichproben von Patienten notwendig, um endgültige Schlussfolgerungen über die Wirksamkeit einer Vagusnerv Stimulation zu ziehen

Für welche Rheuma-Patienten kommt eine Vagusnerv-Stimulation in Frage?

In Anbetracht der Patienten, die entweder auf die verfügbaren Medikamente nicht ausreichend ansprechen, bei denen im Laufe der Zeit die Wirksamkeit der Medikamente verloren geht oder die arzneimittelbedingten unerwünschten Ereignisse haben, könnte ein nicht-pharmakologischer Ansatz wie Bioelektronik eine nützliche Ergänzung als Instrument zur erfolgreichen Erweiterung des therapeutischen Arsenals rheumatischer Erkrankungen sein.

Steht die Vagusnerv-Stimulation als Therapie bereits zur?

Die Entwicklung der Vagusnervstimulation begann im 19. Jahrhundert. In den 1990er Jahren wurde die VNS nach dem Erfolg mehrerer früher klinischer Studien für die Behandlung von refraktärer Epilepsie zugelassen. Seit 2004 wird Vagusnerv Stimulation zusätzlich bei therapieresistenten depressiven Episoden eingesetzt. Darüber hinaus wurde die VNS von der Food and Drug Administration als alternative Behandlung für Cluster-Kopfschmerzen und Migräne zugelassen. Aktuelle klinische Studien zeigten vielversprechende Ergebnisse bei der Behandlung von anderen Hirnerkrankungen wie einem M. Parkinson, Autismus-Störungen, Schizophrenie, traumatischen Hirnverletzungen, Panikstörungen und Schlaganfall.

Wird die Vagusnervstimulation auch schon zur Behandlung von Rheuma angewendet?

Mehrere Pilot-Studien haben Wirksamkeit bei rheumatischen Erkrankungen gezeigt. Allerdings besteht noch ein großer Bedarf an weiteren Studien und der Entwicklung neuer therapeutischer Strategien im Bereich der bioelektrischen Behandlung der rheumatischen Erkrankungen.

Zurzeit können wir zur Aktivierung des Vagus Nervens ein gezieltes Entspannungstraining, auch Yoga, empfehlen. Ein solches Training bietet dem Parasympathikus Gelegenheiten in Ruhe verstärkt zu arbeiten. Das führt nachhaltig zu einem ausgeglichenen vegetativen Nervensystem und regt die Selbstheilungskräfte an.

Frau Prof. Seifert, herzlichen Dank für dieses Interview!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.