Reizdarm Ernährung Diät

Dr. Sabine Poschwatta-Rupp, Ernährungskonzepte in Gießen

Reizdarm-Diät: Gibt es die richtige Ernährung beim Reizdarm-Syndrom?

Wie sieht die richtige Ernährung beim Reizdarm-Syndrom aus? Was kann ich noch essen? Die fragen sich viele Reizdarm-Patienten! Doch gibt es eine universelle Diät, die für alle Menschen mit Reizdarm-Syndrom gleichermaßen geeignet ist? „Eher nicht“ meint Dr. Sabine Poschwatta-Rupp, Ernährungskonzepte in Gießen. MeinAllergiePortal sprach mit ihr über individuelle Konzeptionen für die betroffenen Patienten.

Frau Dr. Poschwatta-Rupp, wie sieht die richtige Ernährung beim Reizdarm-Syndrom aus?

Für das Reizdarm-Syndrom gibt es keine allgemeine, auf jeden Reizdarm-Patienten passende Diätvorschrift. Vielmehr muss man bei der Auswahl der Nahrungskomponenten bei jedem Patienten individuell vorgehen. Ausschlaggebend für die Zusammenstellung der Kostform sind zum einen das Leitsymptom bzw. die Leitsymptome und zum anderen die konkrete Situation des Patienten, wie z.B. Zeitbudget, Art der Berufstätigkeit etc..

Wie gehen Sie bei der Entwicklung einer Reizdarm-Diät vor?

Zunächst  sollten  eventuelle Nahrungsmittelunverträglichkeiten bzw. andere gastroenterologische Erkrankungen ausgeschlossen werden. Das ist wichtig, damit die Reizdarm-Symptome nicht durch die Symptome z.B. einer Fruktosemalabsorption, einer Glutenunverträglichkeit, einer Laktoseintoleranz, CED oder Nahrungsmittelallergien überlagert werden. Manchmal genügt bereits eine Normalisierung eines zuvor überhöhten Obstverzehrs oder Genusses von Lebensmitteln mit Zuckeraustauschstoffen. Bestehen parallel zum Reizdarm-Syndrom andere Erkrankungen, müssen diese diätetisch berücksichtigt werden. Dafür wird zunächst über die Anamnese und das Symptomtagebuch eruiert, welche Lebensmittel individuell nicht vertragen werden. Häufig findet man hier bereits Verdachtsmomente, die, falls eine Diagnose noch nicht erstellt wurde, ärztlich abgeklärt werden müssen. Das Symptomtagebuch ist dann oft sehr hilfreich für den Arzt und den Patienten.

Zusätzlich können die Prinzipien der Leichten Vollkost entlastend für den Darm sein. Auch Störfaktoren wie Stress sollten in Betracht gezogen werden.

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Inwiefern kann zu viel Brot beim Reizdarm-Syndrom ein Problem sein?

Deutschland ist ein „Brotland“. Es gibt hier unzählige Brotsorten. Während frühere Generationen aufgrund ihrer körperlichen Aktivität eine kohlenhydratreiche Kost benötigten und somit die Empfehlung galt, eine dicke Scheibe Brot mit wenig Belag zu essen, sind die Verhältnisse heute anders zu bewerten. Man isst hierzulande oft sehr kohlenhydratlastig – morgens, mittags, zum Kaffee und zum Abendessen – zu fast jeder Mahlzeit kommen Produkte aus Weizen, Roggen oder Gerste auf den Tisch. In größeren Mengen können Getreideprodukte durch ihren Fruktangehalt zu Blähungen führen. Das bedeutet nicht, dass man auf Brot, Flocken & Co. verzichten sollte, aber wie so oft, ist die Dosis entscheidend.

Zudem gibt es auch Menschen, die bestimmte Bestandteile des Weizens nicht vertragen, obwohl sie nicht unter einer Zöliakie leiden. Lange sprach man in diesen Fällen von einer „Glutensensitivität“, aber nachdem es noch nicht feststeht, welche Bestandteile des Weizens die Beschwerden verursachen, spricht man heute von „Weizensensitivität“.  Um zu testen, ob eine Weizensensitivität besteht, lohnt es sich, ersatzweise z.B. Dinkel- oder Roggenprodukte auszuprobieren.


Gibt es auch für Getränke spezielle Empfehlungen für Reizdarm-Patienten?

Für manche Reizdarm-Patienten sind zu heiße Getränke problematisch, meist sind es jedoch die zu kalten Getränke, die Probleme bereiten. Oft sind dies die Patienten, die zusätzlich zum Reizdarm-Syndrom an einer Gastritis leiden und oft erschweren Säureblocker die Situation. Sie verändern konsekutiv das Milieu im Dünndarm und fördern so eine mikrobielle Fehlbesiedlung, die wiederum zu intestinalen Beschwerden führen kann. Ist der Magen gereizt, sind auch oft schwarzer Kaffee oder Tee nicht gut verträglich, gleiches gilt für Alkohol. Wird Rotwein nicht gut vertragen, stellt sich die Frage, ob dies am Alkohol liegt oder am Histamingehalt, es könnte auch eine Histaminunverträglichkeit vorliegen. Doch auch hier ist zu berücksichtigen, dass diese meist sekundär auftritt und durchaus eine Folge einer Reizung der Darmschleimhaut sein kann. Zusammenfassend kann man sagen, dass auch für Getränke eine allgemeingültige Empfehlung nicht möglich ist, dies muss man individuell herausfinden, wie bei der Kostform insgesamt.

Sie erwähnten den Begriff „Leitsymptom“ im Zusammenhang mit dem Reizdarm-Syndrom…

Es gibt verschiedene Reizdarm-Typen mit verschiedenen Leitsymptomen. Bei manchen Patienten dominiert der  Schmerz, andere haben sowohl Schmerzen, als auch Verstopfung, manche ausschließlich Verstopfung oder Durchfälle, wieder andere leiden eher unter Meteorismen, d.h. Völlegefühl und Blähungen. Je nachdem, welches Leitsymptom vorherrscht, fällt auch die Therapie sehr unterschiedlich aus. Neigt der Patient z.B. zu Durchfällen, wird man insbesondere auf treibende Lebensmittel verzichten und eher eine leichte Kost zusammenstellen. Patienten mit Obstipation profitieren von einer ballaststoffreichen Kost und ausreichend Flüssigkeit. Geeignet sind Blattgemüse, Karotten, Fenchel, junger Kohlrabi, Zucchini, feinkrumige Brote, Flocken und sowie in kleinen Mengen Nüsse und Saaten, die gut gekaut werden sollten. Sowohl bei Diarrhoe als auch bei Obstipation haben sich Flohsamenschalen bewährt. Auch die Kombination aus Flohsamenschalen, Maisdextrin und Baobab ist eine sinnvolle, glutenfreie Ballaststoffmischung. Empfehlenswert ist es, insgesamt einen Tagesverzehr von mindestens 30 g Ballaststoffen zu erreichen. Dies entspricht auch der DGE-Empfehlung für Gesunde.    

Außerdem gibt es beim Reizdarm-Syndrom bestimmte Triggerfaktoren, die individuell sehr variieren können. Ein möglicher Triggerfaktor für Reizdarm-Symptome ist Stress, auch unter Gesunden relativ verbreitet. Manche neigen dann zu Verstopfung, andere zu Durchfällen.

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Wie gehen Sie vor bei der Entwicklung einer Reizdarm-Diät?

Oft genügt eine Modifikation der Normalkost zu einer leichten Vollkost. Dafür wird man auf besonders belastende Zubereitungsarten, wie Frittieren oder scharfes Anbraten  verzichten und schonenden Zubereitungsarten den Vorzug geben. Ferner ist, wie bereits erwähnt, das Führen eines Symptomtagebuches hilfreich. Schließlich wird der Patient dann sehen, was ihm gut tut und was nicht. Weiter wird man darauf achten, dass die jeweiligen Portionen nicht zu groß ausfallen und dass der Patient bei den Mahlzeiten gut kaut. Auch auf die Esstemperatur wird geachtet, eiskalte Getränke oder Eis als Nachtisch werden z.B. sehr häufig nicht vertragen. Oft hilft es den Reizdarm-Patienten schon, diese ganz allgemeinen Ratschläge zu beachten. Die in der Reizdarm-Leitlinie zum Teil empfohlene FODMAP-arme Kost ist hingegen aus meiner Sicht nicht immer sinnvoll. Sehr effektiv ist oft bereits eine Elimination oder deutliche Reduktion typischer Lebensmittel, die Beschwerden verursachen können wie Zwiebel, Knoblauch und manche Kohlarten sowie Hülsenfrüchte.


Was ist aus Ihrer Sicht bei der FODMAP-armen Kost beim Reizdarm-Syndrom zu beachten?

Bei der FODMAP-armen Kost werden die fermentierbaren Kohlenhydrate, d.h. natürliche  Präbiotika, weitgehend aus der Diät ausgeschlossen. Zu den präbiotischen Inhaltsstoffen gehören z.B. die Galactooligosaccharide, die Fruktane oder die Fructooligosaccharide. Sie dienen gerade den schleimhautschützenden Darmbakterien-Stämmen wie z.B. Akkermansia muciniphila und Faecalibacterium prausnitzii als Nahrung. Durch eine FODMAP-arme Diät hungert man u.a. diese Vertreter des Mikrobioms seines Darmes also regelrecht aus, weshalb diese Kostform unter Experten zum Teil recht kritisch gesehen wird.

Gerade Reizdarm-Patienten haben oft einen sogenannten „Siebdarm“, auch „Leaky Gut Syndrom“ genannt. Deshalb hilft man diesen Patienten mit Maßnahmen, die die Schleimhautintegrität fördern. Eine monatelange FODMAP-arme Kost ist daher eher kontraproduktiv. Zur Entlastung des Darmes bzw. um die Symptomatik zu reduzieren, ist eine FODMAP-arme Diät  vorübergehend möglich, das haben Studien gezeigt. Als Dauerkost würde ich die FODMAP-arme Kost jedoch nicht empfehlen. Die Patienten sollten nach einer Elimination bei einem Kostaufbau zu einer ausgewogenen Dauerkost begleitet werden.

Gibt es denn Langzeitstudien zur FODMAP-armen Kost?

Zur FODMAP-armen Diät gibt es einige  Studien, die teilweise lediglich wenige Wochen durchgeführt wurden. In manchen Studien hat man den Studienteilnehmern aus der Verum-Gruppe zusätzlich Flohsamen-Präparate gegeben, von denen man weiß, dass sie beim Reizdarm-Syndrom sehr hilfreich sein können. Insofern sollte man die Ergebnisse dieser Studien durchaus hinterfragen.

Zwar ist es richtig, dass z.B. Fruktose und Inulin – beides sollte bei einer FODMAP-armen Kost gemieden werden - oft zu Blähungen führen. Dabei spielt aber immer auch die Dosis eine Rolle, d.h. man muss zwar herausfinden, welche Mengen dieser Stoffe noch verträglich sind, aber man muss sie nicht völlig aus dem Speiseplan streichen. Ziel sollte sein, die Verträglichkeit der präbiotisch wirksamen Bestandteile schrittweise zu steigern, indem die betreffenden Lebensmittel zusammen mit eiweiß- bzw. fetthaltigen Lebensmitteln verzehrt werden, also im Rahmen einer Mahlzeit. So kann das intestinale Mikrobiom unterstützt werden.

Interessant ist  – und diese Beobachtung wurde auch in die Leitlinie aufgenommen - dass schon die Beratungssituation an sich den Patienten hilft. Allein die Tatsache, dass man sich gut betreut fühlt, führt oft schon zu einer Besserung der Symptome. Ob es sich dabei um einen  handelt, weiß man nicht. Die psychologische Komponente, das „sich aufgehoben fühlen“, wirkt eventuell auch entlastend und reduziert den Stress.

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Zurück zum Siebdarm bzw. zum „Leaky Gut Syndrom“ der Reizdarm-Patienten: Dient die Präbiotika-reiche Diät dem Zweck, die „Leaks“ zu schließen?

In gewisser Weise schon. Zunächst könnte die FODMAP-arme Diät oder die gezielte Elimination unverträglicher Lebensmittel einer Entlastung des Darmes dienen. In Extremfällen kann es auch sinnvoll und entlastend sein, kurzfristig den Anteil von groben Nahrungs-Ballaststoffen zu reduzieren. Gleichzeitig sollte die Stuhlfrequenz und –Konsistenz mit Hilfe von Flohsamenpräparaten normalisiert werden. Auch der Einsatz von Kombipräparaten aus Flohsamen, resistenter Stärke wie z.B. Maisdextrin, Baobab und Mikronährstoffen wie z.B. Calcium hat sich bewährt. Flohsamen quellen im Darm auf und wirken leicht präbiotisch und Calcium unterstützt darüber hinaus die Verdauung durch Aktivierung der Verdauungsenzyme. Deshalb sind sie sehr gut beim Reizdarm-Typ mit dem Leitsymptom „Verstopfung“ einsetzbar. Aufgrund der Quellung normalisieren Flohsamen jedoch auch die Transitzeit im Darm im Sinne einer Verzögerung. Deshalb wirken sie ebenso gut beim Reizdarm-Leitsymptom „Durchfall“ regulierend. Die S-3-Leitlinie empfiehlt Flohsamen für beide RDS-Typen. Je nach Leitsymptom kann man zusätzlich noch Probiotika-Stämme einsetzen.


Welche Probiotika-Stämme empfehlen Sie zur Behandlung des Reizdarm-Syndroms?

Es gibt Untersuchungen mit Wirkungsnachweisen zu Einzelstämmen. Die Leitlinie empfiehlt in Abhängigkeit vom Leitsymptom verschiedene Stämme, wie z.B. u.a. Lactobacillus plantarum bei Schmerzen und Meteorismus, Lactobacillus shirota sowie E. coli Nissle bei Obstipation. In der Apotheke kann man aber auch Multistamm-Präparate als Pulver mit bis zu 11 verschiedenen Bakterienkulturen im Tagesportionsbeutel erhalten, auch hier haben Studien eine Wirksamkeit nachgewiesen. Diese Präparate können das Mikrobiom sehr gut unterstützen, und auch ich persönlich habe sehr gute Erfahrungen mit Multistamm-Präparaten gemacht. Es gibt sogar Präparate mit Lactobacillus helveticus und Bifidobacterium longum, die eine cortisolsenkende Wirkung haben, was auch einen stressregulierenden Effekt hat. Zusätzlich sind Kombinationen aus Pro- und Präbiotika erhältlich, sogenannte Synbiotika. Sie liefern das „Futter“ für die Probiotika gleich mit. Durchaus lohnenswert kann es auch sein, mehrere Probiotika parallel einzusetzen, z.B. eines am Morgen und ein anderes am Abend, sodass beide Präparate ideal wirken können.

Wie können Phytotherapeutika beim Reizdarm-Syndrom helfen?

Die Reizdarm-Leitlinie gibt einen sehr interessanten Hinweis auf den Einsatz von Phytotherapeutika. Empfohlen wird beim Reizdarm-Syndrom z.B. der Einsatz von Pfefferminze, entweder als Tee, zubereitet mit dem frischen Kraut, oder als Extrakt aus der Apotheke. Pfefferminz- und Kümmelöl wirken als Spasmolytikum bei Bauchkrämpfen oder Bauchschmerzen und können von den Patienten einfach einmal ausprobiert werden. Auch Melisse hat sich bewährt und wächst hervorragend im Garten.

Die Leitlinie empfiehlt beim Reizdarm-Syndrom aber auch Kamille, Angelikawurzel, Kümmelfrüchte, Schleifenblume, Mariendistel, Schöllkraut und Süßholzwurzel. Patienten sollten diese Phytotherapeutika aber nur in Absprache mit einem Arzt einsetzen, da diese Stoffe durchaus auch andere, weniger erwünschte Wirkungen haben können.

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Zurück zur Reizdarm-Diät: Wie lange dauert es, bis die Ernährungsumstellung beim Reizdarm-Syndrom positiv wirkt?

Eine Ernährungsumstellung kann beim Reizdarm-Patienten sehr schnell Wirkung zeigen. Schon innerhalb von zwei Wochen kann sich die Zusammensetzung der Darmbakterien verändern, so dass sich relativ schnell ein Besserungseffekt zeigen kann. Begleitend empfehle ich, wie bereits thematisiert, entsprechende Pro- und Präbiotika, die durchaus auch langfristig verwendet werden können. Ist allerdings starker Stress der Triggerfaktor für das Reizdarm-Syndrom, kann es auch länger dauern. Außerdem können sich die Symptome immer dann wieder zeigen, wenn der Patient in das alte Essverhalten zurückfällt. Umgekehrt kann das Wegfallen bestimmter Triggerfaktoren, wie z.B. Stress, dazu führen, dass auch wieder mehr Nahrungsmittel verträglich sind. Bei Stress empfehle ich meinen Patienten, gezielt „Oasen“ in den Alltag einzubauen. Das kann ein kleiner Spaziergang sein, ein Treffen zum Mittagessen mit netten Freunden oder ein Plausch mit Kollegen an Stelle der obligatorischen Email. Es kann auch eine wunderbar „entstressende“ Wirkung haben, sich einfach mal etwas „zu gönnen“ -  und sei es nur der Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad anstatt mit dem Auto!

Frau Dr. Poschwatta-Rupp, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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