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Phytopharmaka Reizdarm

Prof. Karen Nieber, ehem. Leiterin des Lehrstuhls Pharmakologie am Institut für Pharmazie der Universität Leipzig

Pflanzliche Arzneimittel: Wie helfen Phytopharmaka bei Reizdarm und Durchfall?

Das Interesse der Patienten an pflanzlichen Arzneimitteln, auch Phytopharmaka genannt, ist groß. Manche suchen eine Alternative, andere eine Ergänzung zu chemisch-synthetischen Medikamenten. Allerdings stellt sich dann manchmal die Frage, ob Phytopharmaka auch ausreichend wirksam sind, oft mangelt es an entsprechenden Untersuchungen. Gut zu wissen: Zwei aktuelle Untersuchungen der Universität Leipzig und der Charité Berlin konnten jetzt beispielsweise zeigen, dass Myrrhe Darmkrämpfe lindert und die Darmbarriere stärkt – beides wichtige Wirkansätze bei der Therapie von Reizdarm und Durchfall. MeinAllergiePortal sprach mit der Forscherin Prof. Karen Nieber, ehem. Leiterin des Lehrstuhls Pharmakologie am Institut für Pharmazie der Universität Leipzig über den Einsatz von Phytopharmaka zur Therapie von Reizdarmsyndrom und Durchfällen und die dahinter stehenden Wirkmechanismen.

Frau Prof. Nieber, welche praktischen Erkenntnisse haben sich aus den beiden aktuellen Myrrhe-Studien für Menschen mit Reizdarmsyndrom ergeben?

Die Myrrhe-Studien haben gezeigt, dass pflanzliche Arzneimittel eine gut verträgliche Alternative zu chemisch-synthetischen Medikamenten bei Magen-Darm-Problemen sind.

Beim Reizdarmsyndrom haben sich die drei Bestandteile Myrrhe, Kamille und Kaffeekohle bewährt, weil sie sich in ihren Wirkungen ergänzen. Myrrhe "übernimmt" dabei verschiedene Aufgaben: sie zieht die Schleimhaut zusammen, wirkt desinfizierend und hemmend auf Pilze. Kaffeekohle "saugt" Giftstoffe auf, sodass diese ausgeschieden werden. Myrrhe, Weihrauch und Kamille töten Keime und wirken entzündungshemmend. Bei zahlreichen Verdauungsbeschwerden wie Reizdarm und Durchfall haben sich auch andere Heilpflanzen bewährt – so beispielsweise Blutwurz und Flohsamen. Wenn man diese Heilpflanzen kombiniert einsetzt, verstärken sie sich häufig in ihrer Wirksamkeit.

Auch die entzündungshemmenden und Gewebe-regenerierenden Wirkungen spielen beim Reizdarmsyndrom eine Rolle. Bisher wusste man aber wenig über die Wirkungsmechanismen. Wir konnten nun zeigen, dass Myrrhe den Spannungszustand der glatten Darmmuskulatur senkt, die Stärke der Darm-kontraktionen verringert und dadurch Darmkrämpfe lindern kann.

Die Forschungen der Kollegen der Berliner Charité ergaben, dass Myrrhe außerdem die Darmbarriere stärkt. Das kann hilfreich sein, um einem "Leaky Gut Syndrom" vorzubeugen. Dieser "durchlässige Darm" kann sowohl Auslöser des Reizdarmsyndroms als auch von Allergien und Unverträglichkeiten sein.

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Bei welchen Reizdarmpatienten ist eine Therapie mit Arzneipflanzen besonders empfehlenswert?

Hauptsymptome des Reizdarmsyndroms sind Bauchschmerzen in Verbindung mit veränderten Stuhlgewohnheiten wie Durchfällen, Verstopfung oder Wechsel von Durchfall und Verstopfung. Entsprechend der Änderung der Stuhlfrequenz werden drei Typen unterschieden, die unterschiedlich häufig auftreten: Verstopfungs-Typ (17 Prozent), Durchfall-Typ (32 Prozent), gemischter Typ (46 Prozent). Da die Myrrhe insgesamt eine Verminderung der Darmbewegungen hervorruft, scheint ein Extrakt und somit auch Kombinationspräparate mit Myrrhe besonders für den Durchfall-Typ geeignet zu sein; allerdings muss dies in klinischen Studien weiter überprüft werden.

Aber nicht nur die veränderte Stuhlgewohnheit wird dadurch verbessert, auch die entzündungshemmende Wirkung kann dazu beitragen, dass sich die Symptome des Reizdarmsyndroms bessern. An der Aufklärung der Mechanismen, die dieser entzündungshemmenden Wirkung zugrunde liegen, arbeiten wir gerade.


Welche Arzneipflanzen empfehlen Sie bei Reizdarm und Durchfall?

Neben den bereits erwähnten Arzneipflanzen haben sich bei Reizdarm noch Kombinationen bewährt, die Pfefferminz- und Melissenblätter und Kümmel- sowie Mariendistelfrüchte enthalten. Bei Durchfall können auch getrocknete Heidelbeeren zur Linderung der Beschwerden beitragen. Wissenswertes zum Thema "Pflanzliche Hilfe beim Reizdarmsyndrom" finden Patienten in der gleichnamigen Broschüre, die von der Deutschen Reizdarmhilfe e.V. empfohlen wird.

Welche Maßnahmen empfehlen Sie Menschen mit Reizdarm sonst noch?

Das Führen eines Symptom- und Ernährungstagebuchs kann helfen herauszufinden, welche Nahrungsmittel gut und welche schlecht sind. Eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährung und häufige kleinere Mahlzeiten können helfen, dass der Darm besser funktioniert. Alkohol, scharfe Gewürze und Nikotin sollten vermieden werden. Wichtig ist auch Stress abzubauen und sich viel bewegen, z. B. Walking oder Jogging.

Spezielle mikrobiologische Untersuchungen des Stuhls können dazu beitragen Ursachen herauszufinden, die die Symptome des Reizdarms verschlimmern. Es können z. B. Enzyme oder Botenstoffe (z.B. Histamin) vermehrt nachgewiesen werden, die typisch für Entzündungen der Darmschleimhaut sind. Wenn eine unausgewogen zusammengesetzte Bakterienbesiedlung im Darm zu den Symptomen beiträgt, dann können Probiotika helfen, indem sie das natürliche Gleichgewicht der Darmflora wiederherstellen.

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Wo liegen die Vorteile pflanzlicher Arzneimittel bei Verdauungsbeschwerden? Und wo die Grenzen?

Die Anwendung von pflanzlichen Kombinationen bei Verdauungsbeschwerden hat eine lange Tradition und hat in dieser Zeit ein hohes Sicherheitsprofil bewiesen, d. h. die Nebenwirkungen sind gering oder zu vernachlässigen. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Darmschleimhaut durch pflanzliche Kombinationspräparate nicht angegriffen wird.

Ganz wesentlich ist, dass ein Pflanzenextrakt per se ein Vielstoffgemisch mit einer Vielzahl pharmaklogisch aktiver Stoffe ist. Diese lösen unterschiedliche, je nach Wirkort sogar gegensätzliche Wirkungen aus. Das ist bei Krankheitsbildern mit unterschiedlichen Ursachen, wie es beim Reizdarmsyndrom der Fall zu sein scheint, von großem therapeutischem Wert.

Pflanzliche Arzneimittel haben große Vorteile bei gastrointestinalen Befindlichkeitsstörungen und leichten Verdauungsbeschwerden. Hier sind sie gut für eine Langzeittherapie geeignet und können chemisch-synthetische Arzneimittel ersetzen oder ergänzen. Bei mittelschweren und schweren Verlaufsformen sollten allerdings Standardmedikamente vom Arzt verschrieben werden.

Frau Prof. Nieber, herzlichen Dank für dieses Interview!

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