Diagnose Reizdarmsyndrom

Prof. Ulrich R. Fölsch, Generalsekretär der DGIM (Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V.)

Reizdarmsyndrom: Verzögert die aktuelle Gebührenordnung eine solide Diagnose?

Das Reizdarmsyndrom gehört zu den Erkrankungen, die eine aufwändige Diagnose erfordern. Auch gibt es zurzeit keine Möglichkeit, die Erkrankung nachzuweisen - die Diagnose erfolgt über den Ausschluss anderer Erkrankungen. Bei vielen Reizdarm-Patienten führt u.a. dieser Grund dazu, dass es sehr lange dauert, bis die Diagnose Reizdarmsyndrom gestellt wird. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Ulrich R. Fölsch, Generalsekretär der DGIM (Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e.V.) über weitere Gründe für eine verzögerte Diagnose, die aktuelle Gebührenordnung und eine unglückliche Weichenstellung der Gesundheitspolitik.

Herr Prof. Fölsch, es wurde berichtet, dass Patienten mit einem Reizdarmsyndrom durchschnittlich 10 Jahre warten müssen, bis die Diagnose richtig gestellt wird. Warum ist das so?

Wie lange es dauert, bis beim Reizdarmsyndrom die richtige Diagnose gestellt wird, hängt vom Ausmaß der Symptome des Patienten ab und auch von der Sorgfalt des behandelnden Arztes. Wenn es 10 Jahre bis zur Diagnose eines Reizdarmsyndroms dauert, handelt es sich um einen Extremfall und nicht um ein durchschnittliches Zeitfenster, aber es kann durchaus vorkommen.

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Sie erwähnten das "Ausmaß der Symptome" beim Reizdarmsyndrom, welche Rolle spielt dies  für die Diagnose?

Das Ausmaß der Symptome, d.h. der Belästigung der Patienten durch das Reizdarmsyndrom kann sehr unterschiedlich sein. Dies spielt insofern eine Rolle, als dass die Symptome nicht immer so ausgeprägt sind, dass der Patient sofort zum Arzt geht. Wenn z.B. unangenehme Beschwerden für Minuten oder Stunden auftreten und dann wieder verschwinden, kann es sein, dass der Patient sie zunächst wieder vergisst. Das kann dann dazu führen, dass die Latenzphase beim Patienten, d.h. der Zeitraum zwischen dem Beginn der Symptome und dem Aufsuchen eines Arztes schon sehr lang sein kann.

Auch beim Arztbesuch spielt das "Ausmaß der Symptome" eine Rolle. Der Reizdarm-Patient kann, wie gesagt, die unterschiedlichsten Symptome haben, z.B. gelegentliche Bauchschmerzen, Verstopfungen, Durchfälle, Bauchgrimmen etc. Eine ganze Palette von Symptomen kann beim Reizdarmsyndrom auftreten. Das heißt, der Arzt kann diese Symptome nicht eindeutig dem Reizdarmsyndrom zuordnen.

Hinzu kommt, dass Patienten diese Beschwerden auch sehr unterschiedliche empfinden können bzw. ihre Symptome auch sehr unterschiedlich beschreiben. Manche Patienten dissimulieren, d.h. sie "verniedlichen" ihre Beschwerden, so dass der Arzt dann z.B. zunächst eine Ernährungsumstellung vorschlägt oder Abführmittel verordnet. Das bedeutet, der Arzt richtet sich bzgl. der Geschwindigkeit der einzuleitenden Diagnostik auch nach der Dramatik der Beschwerden. Beschreibt der Patient die Symptome nicht als sehr gravierend, kann es vorkommen, dass es für eine ganze Weile eben nicht zu einer gründlichen Diagnostik kommt.  

Grundsätzlich ist es jedoch nicht ratsam, ohne eine entsprechende Diagnostik Medikamente zum Abführen oder Verstopfen zu verschreiben. Unklaren Beschwerden wie Durchfälle sollte man durch eine graduierte Diagnostik, d.h. durch eine abgestufte, aufeinander aufbauende Diagnostik, auf den Grund gehen. Dazu gehört z.B. eine Stuhlkultur anzulegen, bestimmte Laborwerte zu ermitteln oder eine Dickdarmspiegelung durchzuführen.

 

Sie erwähnten die Darmspiegelung, könnte es sein, dass manche Patienten vor dieser Untersuchung zurückschrecken?

Es ist nicht auszuschließen, dass manche Patienten, die unklare Darmbeschwerden haben, eine Darmspiegelung nicht durchführen lassen wollen. Dies hängt aber auch wieder mit der Intensität der Symptome zusammen. Wenn der Alltag eines Patienten sehr stark von den Symptomen dominiert wird, wird er sicher eher bereit sein, eine Koloskopie, d.h. eine Darmspiegelung, durchzuführen, als wenn sich die Beschwerden in Grenzen halten.

Hier spielt auch ein gewisser Verdrängungsmechanismus eine Rolle, der individuell sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Das zeigt sich übrigens auch daran, dass von den Erwachsenen über 50 Jahren, die regelmäßig eine Koloskopie im Rahmen der Gesundheitsvorsorge durchführen könnten, nur 20 Prozent diese Kassenleistung in Anspruch nehmen.  

Eine aufbauende Diagnostik bedeutet jedoch, dass man zunächst versuchen sollte, die Ursache des Problems mit nicht-invasiven Methoden zu ermitteln, d.h. mit Untersuchungsmethoden, die nicht in den Körper eindringen. Dazu gehören als erstes eine körperliche Untersuchung, die Stuhlkultur, Blutwerte und Ultraschall.

Lässt sich denn ein Reizdarmsyndrom mit diesen nicht-invasiven Diagnosemethoden diagnostizieren?

Nein, das ist nicht möglich. Ein Reizdarmsyndrom lässt sich erst dann diagnostizieren, wenn alle anderen möglichen Erkrankungen sicher ausgeschlossen wurden. Das kann bedeuten, dass eine Koloskopie oder Gastroskopie letztendlich doch nötig ist, allerdings sind diese Untersuchung nicht so dramatisch.

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