DGIM Patiententag Reizdarm

Prof. Dr. Paul Enck, Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Tübingen.

DGIM-Patiententag: Großes Interesse am Thema Reizdarm

Reizdarm ist nicht gleich Reizdarm – die Subtypen

Man unterteilt das Reizdarm-Syndrom nach dem von den Patienten geschilderten vorherrschenden Stuhlgangverhalten in die folgenden Subtypen ein:

1.    Das Reizdarm-Syndrom mit vorherrschender Diarrhö
2.    Das Reizdarm-Syndrom mit vorherrsc hender Obstipation
3.    Das Reizdarm-Syndrom mit wechselndem Stuhlgangverhalten, d.h. es kommt sowohl zu Durchfällen als auch zu Verstopfungen
4.    Das Reizdarm-Syndrom ohne ausgeprägte Stuhlgangveränderungen
5.    Das Reizdarm-Syndrom bei dem Meteorismus bzw. Blähungen vorherrschenden
6.    Das postinfektiöse Reizdarmsyndrom, das durch einen Infekt ausgelöst wird.

Ursachen: Wie kommt es zu einem Reizdarm-Syndrom?

Das sogenannte "Darmnervensystem" auch "Darmgehirn" genannt, ist ein komplexes System und durchzieht den gesamten Magen-Darm-Trakt. Zwischen dem Darm-Nervensystem und dem zentralen Nervensystem bestehen viele Interaktionen und Verbindungen, die u.a. als ursächlich für das Beschwerdebild Reizdarm-Syndrom gesehen werden.

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Es gibt eine Reihe von nachweisbaren Veränderungen bzw. Störungen im Darmtrakt, die die typischen Beschwerden bedingen. Dazu gehört eine gestörte Barrierefunktion des Darmes, d.h. es kann zu Störungen im Zellverband der Darmschleimhaut kommen. Auch gestörte Bewegungsabläufe bzw. eine gestörte Koordination dieser Abläufe im Darm, sogenannte Motilitätsstörungen, spielen beim Reizdarm-Syndrom eine Rolle. Bekannt ist bei Reizdarm-Patienten ebenfalls eine gestörte Ausschüttung von Verdauungssekreten, wie Elektrolyten und Verdauungsenzymen ud auch die resorptiven Prozesse, d.h. die Rückgewinnung von Flüssigkeiten und Elektrolyten können bei Menschen mit Reizdarm-Syndrom gestört sein. Darüber hinaus berichten viele Patienten von Störungen in der Schmerz-Wahrnehmung, d.h. Missempfindungen der Sensorik. Jüngste Studiendaten zum Reizdarm zeigen auch minimalentzündliche Veränderungen in der Darmschleimhaut, eine vermehrte Besetzung der Darmwand mit weißen Blutkörperchen und eine Störung in der Zusammensetzung der Darmflora. Schließlich kann auch ein Magen-Darm-Infekt dazu führen, dass die Beschwerden, die sich im Rahmen des Infektes zeigen, dauerhaft bestehen bleiben.

Reizdarm-Syndrom  – liegt es am Stress?  

Man weiß, dass akuter oder chronischer Stress als wichtiger exogener, d.h. aus dem äußeren Umfeld kommender Kofaktor beim Reizdarm-Syndrom gesehen werden kann. Auch in Laborversuchen konnte man nachweisen, dass Stress Veränderungen der Darmfunktion hervorrufen kann, die auch beim Reizdarm-Syndrom eine Rolle spielen. Allerdings kann Stress nicht als einzige Ursache eines Reizdarm-Syndroms gesehen werden.

 

Oder ist die Psyche schuld am Reizdarm-Syndrom?

dr ute martens Dr. Ute Martens, HeidelbergAls psychische Erkrankung ist das Reizdarm-Syndrom nicht definiert. Die vielfältigen Verbindungen zwischen Zentralnervensystem und dem Darmnervensystem legen es jedoch nahe, das Thema Psyche im Zusammenhang mit einem Reizdarm-Syndrom zumindest abzuklären. Dafür spricht auch die Tatsache, dass das Reizdarm-Syndrom häufig komorbid ist. Nicht selten leiden Reizdarm-Patienten zusätzlich auch an psychischen oder somatoformen Störungen, insbesondere Angststörungen und Depressionen sind hier zu nennen, aber auch Schlafstörungen bzw. ein vermehrtes Schlafbedürfnis, Appetitstörungen und Heißhunger etc..

Auch andere, z.T. als funktionelle Erkrankungen gewertete Störungen, wie z.B. Fibromyalgie, Schmerzsyndrome, Erschöpfungssyndrome oder posttraumatische Belastungsstörungen sind wichtige Aspekte bei der Entstehung oder dem Andauern des Reizdarm-Syndroms. Auch finden sich beim Reizdarm-Syndrom Veränderungen im Serotonin-Stoffwechsel des Darmes, wie sie sich ebenfalls bei verschiedenen psychischen Erkrankungen finden.

Untersuchungen haben gezeigt, dass man bei Reizdarm-Syndrom-Patienten oft eine deutlich eingeschränkte Lebensqualität beobachten kann, auch im Vergleich zu Patienten mit anderen chronischen Erkrankungen. "Interessant ist hierbei auch, dass Menschen mit Reizdarm-Syndrom eine vergleichsweise sehr negativen Bewertung des eigenen Körpers zeigen" ergänzte Dr. Ute Martens aus Heidelberg.

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