DGIM Patiententag Reizdarm

Prof. Dr. Paul Enck, Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Tübingen.

DGIM-Patiententag: Großes Interesse am Thema Reizdarm

Im Rahmen des 120. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin e.V. in Wiesbaden fand am 26.4.2014 zum wiederholten Mal ein Patiententag statt, der von einer umfangreichen Ausstellung begleitet wurde. Die Themenvielfalt war groß. Ob Atemwege, Herz, Leber, Tumorerkrankungen, Adipositas und mehr – eine Vielzahl von Erkrankungen wurde beleuchtet. Auf ganz besonders großes Interesse stieß eine Vortragsreihe zum Thema "Reizdarm-Syndrom" unter der Leitung von Prof. Dr. Paul Enck, Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum Tübingen.

Reizdarm-Syndrom (RDS) – ein häufig unerkanntes Krankheitsbild

Bis zu 15 Prozent  der Bevölkerung in Deutschland leiden unter einem Reizdarmsyndrom (RDS) oder haben Beschwerden, die darauf hindeuten. Das Problem: Nicht alle Menschen gehen zum Arzt und nicht alle Ärzte nehmen das Krankheitsbild so ernst, wie dies angeraten wäre. Der Patient stößt manchmal sogar auf Unverständnis, weil die klassischen Untersuchungen beim Reizdarm-Patienten keine greifbaren Ergebnisse bringen. "Doch auch wenn die Diagnose 'Reizdarm' gestellt wurde, heißt dies nicht, dass für den Patienten das Problem gelöst ist, stellt Prof. Enck fest, "es gibt bisher keine allgemeingültige Therapie, die allen Reizdarm-Patienten hilft." so Enck.

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Wie zeigt sich das Reizdarm-Syndrom?

dr marco schmidtmann Dr. med. Marco Schmidtmann, Facharzt für Innere Medizin, Schwerpunkt Gastroenterologie am Martin-Luther-Krankenhaus in BerlinBeim Reizdarm-Syndrom spielen Bauchbeschwerden eine zentrale Rolle. Laut der erst 2011 erstellten S3-Leitlinie zum Reizdarm-Syndrom spricht man dann von einem Reizdarm, wenn chronische Bauchschmerzen vorliegen, d.h. wenn sie länger als drei Monate bestehen, wenn es zu Blähungen und Meteorismus kommt.

Mit dem Reizdarm einher geht meist auch eine Veränderung des Stuhlgangs in Form von Durchfall, Verstopfungen oder beidem abwechselnd. Stuhlveränderungen sind jedoch nicht zwingend ein Teil der Symptomatik. "Ein wichtiges Kriterium beim Reizdarm-Syndrom ist auch, dass die Beschwerden so relevant sind, dass es zu einer Beeinträchtigung der Lebensqualität kommt," so Referent Dr. med. Marco Schmidtmann, Facharzt für Innere Medizin, Schwerpunkt Gastroenterologie am Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin, "außerdem müssen andere Erkrankungen mit Sicherheit ausgeschlossen worden sein, um die Diagnose 'Reizdarm' stellen zu können." Letztlich wird die Diagnose "Reizdarm" aufgrund der Beschwerden nach Ausschluss anderer Erkrankungen gestellt – es handelt sich also um eine sogenannte Ausschlussdiagnose.

 


Reizdarm ist nicht gleich Reizdarm – die Subtypen

Man unterteilt das Reizdarm-Syndrom nach dem von den Patienten geschilderten vorherrschenden Stuhlgangverhalten in die folgenden Subtypen ein:

1.    Das Reizdarm-Syndrom mit vorherrschender Diarrhö
2.    Das Reizdarm-Syndrom mit vorherrsc hender Obstipation
3.    Das Reizdarm-Syndrom mit wechselndem Stuhlgangverhalten, d.h. es kommt sowohl zu Durchfällen als auch zu Verstopfungen
4.    Das Reizdarm-Syndrom ohne ausgeprägte Stuhlgangveränderungen
5.    Das Reizdarm-Syndrom bei dem Meteorismus bzw. Blähungen vorherrschenden
6.    Das postinfektiöse Reizdarmsyndrom, das durch einen Infekt ausgelöst wird.

Ursachen: Wie kommt es zu einem Reizdarm-Syndrom?

Das sogenannte "Darmnervensystem" auch "Darmgehirn" genannt, ist ein komplexes System und durchzieht den gesamten Magen-Darm-Trakt. Zwischen dem Darm-Nervensystem und dem zentralen Nervensystem bestehen viele Interaktionen und Verbindungen, die u.a. als ursächlich für das Beschwerdebild Reizdarm-Syndrom gesehen werden.

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Es gibt eine Reihe von nachweisbaren Veränderungen bzw. Störungen im Darmtrakt, die die typischen Beschwerden bedingen. Dazu gehört eine gestörte Barrierefunktion des Darmes, d.h. es kann zu Störungen im Zellverband der Darmschleimhaut kommen. Auch gestörte Bewegungsabläufe bzw. eine gestörte Koordination dieser Abläufe im Darm, sogenannte Motilitätsstörungen, spielen beim Reizdarm-Syndrom eine Rolle. Bekannt ist bei Reizdarm-Patienten ebenfalls eine gestörte Ausschüttung von Verdauungssekreten, wie Elektrolyten und Verdauungsenzymen ud auch die resorptiven Prozesse, d.h. die Rückgewinnung von Flüssigkeiten und Elektrolyten können bei Menschen mit Reizdarm-Syndrom gestört sein. Darüber hinaus berichten viele Patienten von Störungen in der Schmerz-Wahrnehmung, d.h. Missempfindungen der Sensorik. Jüngste Studiendaten zum Reizdarm zeigen auch minimalentzündliche Veränderungen in der Darmschleimhaut, eine vermehrte Besetzung der Darmwand mit weißen Blutkörperchen und eine Störung in der Zusammensetzung der Darmflora. Schließlich kann auch ein Magen-Darm-Infekt dazu führen, dass die Beschwerden, die sich im Rahmen des Infektes zeigen, dauerhaft bestehen bleiben.

Reizdarm-Syndrom  – liegt es am Stress?  

Man weiß, dass akuter oder chronischer Stress als wichtiger exogener, d.h. aus dem äußeren Umfeld kommender Kofaktor beim Reizdarm-Syndrom gesehen werden kann. Auch in Laborversuchen konnte man nachweisen, dass Stress Veränderungen der Darmfunktion hervorrufen kann, die auch beim Reizdarm-Syndrom eine Rolle spielen. Allerdings kann Stress nicht als einzige Ursache eines Reizdarm-Syndroms gesehen werden.

 

Oder ist die Psyche schuld am Reizdarm-Syndrom?

dr ute martens Dr. Ute Martens, HeidelbergAls psychische Erkrankung ist das Reizdarm-Syndrom nicht definiert. Die vielfältigen Verbindungen zwischen Zentralnervensystem und dem Darmnervensystem legen es jedoch nahe, das Thema Psyche im Zusammenhang mit einem Reizdarm-Syndrom zumindest abzuklären. Dafür spricht auch die Tatsache, dass das Reizdarm-Syndrom häufig komorbid ist. Nicht selten leiden Reizdarm-Patienten zusätzlich auch an psychischen oder somatoformen Störungen, insbesondere Angststörungen und Depressionen sind hier zu nennen, aber auch Schlafstörungen bzw. ein vermehrtes Schlafbedürfnis, Appetitstörungen und Heißhunger etc..

Auch andere, z.T. als funktionelle Erkrankungen gewertete Störungen, wie z.B. Fibromyalgie, Schmerzsyndrome, Erschöpfungssyndrome oder posttraumatische Belastungsstörungen sind wichtige Aspekte bei der Entstehung oder dem Andauern des Reizdarm-Syndroms. Auch finden sich beim Reizdarm-Syndrom Veränderungen im Serotonin-Stoffwechsel des Darmes, wie sie sich ebenfalls bei verschiedenen psychischen Erkrankungen finden.

Untersuchungen haben gezeigt, dass man bei Reizdarm-Syndrom-Patienten oft eine deutlich eingeschränkte Lebensqualität beobachten kann, auch im Vergleich zu Patienten mit anderen chronischen Erkrankungen. "Interessant ist hierbei auch, dass Menschen mit Reizdarm-Syndrom eine vergleichsweise sehr negativen Bewertung des eigenen Körpers zeigen" ergänzte Dr. Ute Martens aus Heidelberg.


Welche Therapie hilft beim Reizdarm-Syndrom?

Zur Behandlung des Reizdarm-Syndroms gibt es kein festes Therapieschema. "Wichtig ist", so betont Dr. Schmidtmann, "dass der behandelnde Arzt zusammen mit dem Patienten ein plausibles individuelles Krankheitsmodell entwickelt und dann ein passendes und verständliches Behandlungskonzept vermitteln." Ziel ist es, eine Symptomfreiheit oder zumindest eine Verbesserung der Lebensqualität zu erreichen. Je nach Beschwerdebild kann der Schwerpunkt der Behandlung auf der Ernährung, dem Stressabbau, einer medikamentösen Behandlung, einer psychotherapeutischen Behandlung etc. liegen.

Symptomorientiert stehen zur medikamentösen Behandlung eine Reihe von Medikamenten zur Verfügung, wovon viele wirksame Medikamente "off label" eingesetzt werden müssen, weil sie zwar für andere Erkrankungen, nicht aber zur Behandlung des Reizdarms zugelassen sind. Dazu gehören Spasmolytika bei Schmerz, trizyklische Antidepressiva, die allerdings verstopfend wirken, und selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer bei Schmerzen.

Bei Obstipation haben sich die neuen Wirkstoffe Prucaloprid und Linaclotid bewährt.

Reizdarm-Syndrom – gibt es "die richtige Ernährung"?

dr miriam goebel stengel "Untersuchungen haben gezeigt, dass es bei 75 Prozent der Reizdarm-Patienten zu einer deutlichen Symptom-Reduktion kommt, wenn sie auf FODMAP-haltige Nahrungsmittel verzichten" erklärte Dr. Miriam Goebel-Stengel, Fachärztin in der Abteilung Innere Medizin am Martin-Luther-Krankenhaus in Berlin. FODMAP steht für "Fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und Polyole" und beschreibt eine Gruppe von Kohlenhydraten, d.h. von Zuckern und Alkoholen.

Das F, für "fermentierbare",  gilt für alle FODMAP-Bestandteile. Sie alle werden im Dünndarm aus den unterschiedlichsten Gründen schlecht resorbiert, was eine Zersetzung durch Darmbakterien und die Entstehung von Gasen begünstigt. Ebenso führt die schlechte Resorption dazu, dass die FODMAP osmotisch aktiv sind, indem sie Wasser ins Darminnere ziehen, was wiederum Durchfälle auslöst.

Bestandteile der FODMAP sind in den unterschiedlichsten Nahrungsmitteln, aber auch in Fertigprodukten, enthalten. So finden sich  z.B. in Hülsenfrüchten und dementsprechend ganz besonders in der indischen und der mexikanischen Küche. Auch Zwiebeln, Knoblauch und Artischocken sind FODMAP-Bestandteile. Die Nahrungsmittelindustrie nutzt Teile der FODMAP gerne als Fettersatz, Nahrungsergänzungsmittel oder zur Ballaststoffanreicherung.

Auch Laktose, Fruktose, Sorbitol und Manitol sind Bestandteile der FODMAP. Milchzucker ist in allen Milchprodukten, aber auch in sehr vielen Industrieprodukten enthalten, während Fruktose in fast allen Obstsorten, Honig und Trockenfrüchten enthalten ist. Sorbitol ist Bestandteil vieler Früchte, z.B. von Pfirsichen, Manitol findet man in Pilzen und beide Stoffe werden häufig in Süßigkeiten sowie in Diät- und Light-Produkten eingesetzt.

Wie hilft MAGDA beim Reizdarm-Syndrom?

Mit MAGDA ist das Patientenforum Magen-Darm-Erkrankungen der DGNM, der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität e.V., gemeint. Zweck des Forums ist es, Patienten mit funktionellen und anderen Magen-Darm-Erkrankungen über diese Krankheitsbilder so umfassend wie möglich zu informieren. Darüber berichtete Frau Petra Ilgenstein, stellvertretende Vorsitzende von MAGDA und Interessensvertreterin der Patienten.

MAGDA informiert über traditionelle und neuere diagnostische und therapeutische Möglichkeiten, aber auch über den Stellenwert und die Wirksamkeit allgemeiner Maßnahmen, wie z.B. Ernährung und Sport, sowie über die Möglichkeiten spezieller Diagnose- und Behandlungsverfahren.

Im Fokus stehen bei MAGDA u.a. die Krankheitsbilder Reizdarmsyndrom ("irritables Kolon"), Funktionelle Dyspepsie (Reizmagen), Nahrungsmittelunverträglichkeiten wie z.B. Laktoseintoleranz und Fruktosemalabsorption und Zöliakie (Glutensensitivität).

"MAGDA veranstaltet hierzu regelmäßig Informationsveranstaltungen, bei denen Ärzte und Wissenschaftler Vorträge halten und den Patienten für Fragen zur Verfügung stehen. Wir werden auch in diesem Jahr wieder an wechselnden Orten zur Veranstaltungen durchführen und sind auch ganz sicher bei nächsten Patiententag in Wiesbaden wieder dabei.", betont Prof. Enck, der ebenfalls dem MAGDA-Vorstand angehört.

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