Reizdarm häufig unerkannt

Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- u. Asthma-Zentrum Westend, Berlin

Reizdarm-Syndrom: Häufig unerkannt und oft nicht ausreichend behandelt!

Was kann man gegen einen Reizdarm tun?

Zunächst ist es wichtig, dass ein Arzt die richtige Diagnose "Reizdarm" überhaupt stellt. Dann ist eine professionelle Ernährungsberatung sinnvoll, denn für manche Menschen mit Reizdarm-Syndrom ist faserreiche Kost, die generell empfehlenswert und wichtig für die Verdauung ist, mit vermehrten Beschwerden verknüpft.

Insbesondere bestimmte wasserunlösliche Ballaststoffe, die ohnehin schwer verdaulich sind, können bei Reizdarm Probleme bereiten. Dazu gehören z.B. auch Vollkornprodukte, die durch ihren wasserunlöslichen Klebereiweißanteil vermehrte Beschwerden bei Reizdarm-Patienten verursachen können. Eine Ernährungsberatung kann dann sehr detaillierte Empfehlungen geben, z.B. dass Spargelköpfchen für Patienten mit Reizdarm oft besser verträglich sind, als der faserige Rest des Spargels. Pauschale Diäten sind beim Reizdarm nicht möglich, weil die Diät speziell auf jeden Patienten abgestimmt werden muss. Deshalb ist für Reizdarm-Betroffenen die professionelle Beratung einer mit diesem Krankheitsbild vertrauten erfahrenen Ernährungsfachkraft so wichtig. Leider gibt es aber nicht so viele Ernährungsberater, die sich auf das Reizdarm-Syndrom spezialisiert haben. Deshalb ist nicht bei jeder Beratung gesichert, dass Reizdarm-Patienten geeignete Informationen erhalten. Adressen findet man z.B. beim VDOE, dem Berufsverband Oecotrophologie e.V.. Allerdings benötigen die Patienten eine Verordnung eines Gastroenterologen, damit die Gesetzlichen Krankenkassen die Kosten der Behandlung übernehmen.

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Gibt es für Reizdarm-Patienten weitere Therapiemöglichkeiten?

Aufgrund der Tatsache, dass beim Reizdarm das vegetative Nervensystem eine Rolle spielt, kommt es häufig zu allgemeinen Empfehlungen, wie z.B. Stress zu meiden oder ein Entspannungstraining durchzuführen. Allerdings sind solche Empfehlungen nicht sinnvoll.

Das gesamte Verdauungssystem wird eher vom Parasympathikus gesteuert und weniger von seinem Gegenspieler, dem Stress-assoziierten Sympathikus. Der Parasympathikus kann aber nicht vom Willen beeinflusst werden. Es kann deshalb sein, dass ein Entspannungstraining beim Reizdarm-Syndrom den gegenteiligen Effekt hat und zu einer Verschlimmerung der Beschwerden führt.

Das soll nicht heißen, dass eine positive Beeinflussung des Parasympathikus völlig unmöglich ist. Der Parasympathikus verfügt jedoch über eine ausgeprägte Eigendynamik und dies sollte durchaus berücksichtigt werden. Schließlich ist es genau diese Eigendynamik, die zum Beschwerdebild beim Reizdarm führt, die Beschwerden sind ja häufig unberechenbar und nehmen einen launischen Verlauf.

Medikamente zur Behandlung des Reizdarms stehen bisher leider nicht zur Verfügung. Je nachdem, um welchen der genannten Reizdarm-Typen es sich handelt, kann man z.B. beim Blähungs-Reizdarm sogenannte Entschäumer einsetzen, das sind Medikamente, die die Gasentwicklung etwas einschränken. Beim Durchfall-Reizdarm kann man versuchen, durch die Ernährung, d.h. durch das Bevorzugen von eher stopfenden Nahrungsmitteln, den Durchfall in den Griff zu bekommen und beim Verstopfungs-Reizdarm kann man z.B. Flohsamen oder andere Mittel einsetzen, die die Verdauung erleichtern, ohne den Darm nachhaltig zu schädigen.

 

Das heißt also, dass ein Reizdarm-Syndrom unabhängig von den nicht-allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten gesehen werden sollte?

Ein Reizdarmsyndom ist in der Tat unabhängig von nicht-allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu sehen. Manche Menschen haben zusätzlich zum Reizdarm noch z.B. eine Laktoseintoleranz, denn diese Erkrankungen sind in der Bevölkerung ja nicht selten. So leiden ca. 10 Prozent der Bevölkerung in Deutschland an einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Laktoseintoleranz und auch beim Reizdarm geht man von ca. 10 Prozent Betroffenen aus. Viele der Patienten, die unter Verdauungsbeschwerden leiden und mit der selbst gestellten Diagnose "Pseudoallergie auf Zusatzstoffe" in die Praxis kommen, haben in Wirklichkeit einen Reizdarm.

Herr Priv.-Doz. Kleine-Tebbe, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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