Reizdarm häufig unerkannt

Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- u. Asthma-Zentrum Westend, Berlin

Reizdarm-Syndrom: Häufig unerkannt und oft nicht ausreichend behandelt!

Wie kommt es zu einem Reizdarm, bzw. was spielt sich im Körper ab?

Die Auslöser für den Reizdarm sind wahrscheinlich weder allergischer noch pseudoallergischer Natur. Wahrscheinlich beruht das Reizdarm-Syndrom auf einer generellen Überempfindlichkeit im Hinblick auf die nervöse Regulation des Darmes.

Wenn die besprochenen Symptome sehr rasch im Anschluss an eine Mahlzeit einsetzen, zeigt das, dass die Symptome von eigentlich "normalen" Reflexen ausgelöst werden. Es ist ganz normal, dass eine durch den Speisbrei verursachte vermehrte Ausdehnung des Magens eine Zunahme der Darmbewegung bedingt, man nennt das den gastrokolischen-Reflex. Dieser Magen-Darm-Reflex sorgt dafür, dass Magen und Darm als Verdauungssystem gut zusammenarbeiten. Konkret sorgt der Reflex dafür, dass sich der Darm nach der Befüllung des Magens auf seine Verdauungsaufgaben vorbereitet. Dazu gehören auch Darmbewegungen, mit denen der Speisebrei weitertransportiert und entsprechend verarbeitet werden soll. Dieser Reflex ist eigentlich ein physiologisch ganz normaler Reflex, kann aber bei vom Reizdarm-Syndrom betroffenen Patienten deutlich übersteigert sein. Die normale nervöse Regulation ist dann "aus dem Ruder gelaufen", die Reflexe laufen gesteigert ab und führen zu sehr unangenehmen Beschwerden.

All diese Vorgänge laufen auf der Ebene des vegetativen Nervensystems ab und können nicht willentlich beeinflusst werden.

Advertorial

Wie erfolgt beim Reizdarm-Syndrom die Diagnose?

Letztlich sind es die Beschwerden, die der Reizdarm-Patient angibt und die den Anstoß zur Diagnose geben. Man würde aber immer auch an Nahrungsmittelintoleranzen denken, die ja zu ganz ähnlichen Beschwerden führen können, z.B. die Laktoseintoleranz oder die Fruktoseaufnahmestörung. Wenn diese Erkrankungen jedoch ausgeschlossen wurden und wenn eine Darmspiegelung auch eine der seltenen entzündlichen Darmerkrankungen ausgeschlossen hat, ist der Reizdarm die wahrscheinlichste und häufigste Ursache. Der Reizdarm ist also eine Ausschlussdiagnose.

Die größte Schwierigkeit bei der Diagnose Reizdarm-Syndrom ist allerdings die Tatsache, dass gerade diese Patienten, die unter einem erheblichen Leidensdruck stehen, hier in Deutschland oft nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommen. Das hat u.a. auch damit zu tun, dass die Gastroenterologe, die Spezialisten für Erkrankungen des Magen-Darm-Bereichs, sehr stark auf Diagnosen spezialisiert sind, die sich aufgrund von apparativen funktionellen Untersuchungen erstellen lassen. Im Mittelpunkt stehen z.B. Magenspiegelungen, Darmspiegelungen etc. und es fehlt die Zeit, sich um Patienten zu kümmern, bei denen genau diese Untersuchungen keine Ergebnisse bringen. Aus meiner Sicht fallen die Reizdarm-Patienten hier sozusagen durch das Diagnoseraster und haben dadurch nur wenige kompetente Anlaufstellen. Hinzu kommt, dass die chronischen Beschwerden beim Reizdarm individuell sehr unterschiedlich sein können. Man benötigt daher viel Zeit, Geduld und Verständnis, um zur richtigen Diagnose und einer individuellen Behandlung zu kommen.

Es gibt übrigens zum Reizdarm analoge Krankheitsbilder, die sich ähnlich unspezifisch äußern, bei denen jedoch andere Organsysteme betroffen sind, wie z.B. die Augen, die Nase oder die Bronchien.  

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.