Reizdarm häufig unerkannt

Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- u. Asthma-Zentrum Westend, Berlin

Reizdarm-Syndrom: Häufig unerkannt und oft nicht ausreichend behandelt!

Die Beschwerden bei einem Reizdarm-Syndrom sind sehr unspezifisch. Das kann dazu führen dass die Erkrankung mit anderen Erkrankungen verwechselt wird, und oft wird ein Reizdarm auch gar nicht erkannt. Aber: Selbst wenn die Diagnose Reizdarm-Syndrom richtig gestellt wird, bedeutet das für die Patienten nicht automatisch, dass sie ihre Beschwerden los sind. MeinAllergiePortal sprach mit Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- u. Asthma-Zentrum Westend, Berlin über die Schwierigkeiten bei Diagnose und Therapie.

Herr Priv.-Doz. Kleine-Tebbe, was bedeutet es, wenn man ein Reizdarm-Syndrom hat?

Unter  Reizdarm-Syndrom versteht man eine recht komplexe Störung der lokalnervösen Regulation des Darmes. Es kommt zu nicht beeinflussbaren Beschwerden wie gesteigerte Darmbewegungen, Blähungen etc. d.h. zu Symptomen, die das Allgemeinbefinden in ganz erheblichem Maße beeinträchtigen können.

Wie sehen die Symptome eines Reizdarm-Patienten aus?

Die Symptome können beim Reizdarm sehr rasch, unmittelbar nach der Nahrungsaufnahme, oder mit einigen Stunden Verspätung auftreten. Dabei kann es zu vermehrten Darmbewegungen kommen oder auch zu Geräuschphänomenen im Bauch. Manche Reizdarm-Patienten klagen über einen geblähten Bauch und, wenn die Blähung sehr ausgeprägt ist, auch über Schmerzen. Bei anderen Patienten kommt es auch zu vermehrtem Abgang von Winden bzw. vielleicht auch zu Durchfällen. Andere wiederum klagen unter Verstopfungen und wieder andere über alle Symptome im Wechsel.

Handelt es sich beim Reizdarm-Syndrom um eine Grunderkrankung oder um eine Folgeerkrankung?

Aus meiner Sicht handelt es sich beim Reizdarm um eine Grundstörung, die allerdings verschiedene Ausprägungen und verschiedene Beschwerdeformen hat. Beim Reizdarm gibt es verschiedene Typen:

•    Den Reizdarm vom Blähungstyp
•    Den Reizdarm vom Durchfalltyp
•    Den Reizdarm vom Verstopfungstyp
•    Den Reizdarm mit allen drei Beschwerdeformen

Wir wissen, dass bei Reizdarm-Patienten der Darm selbst nicht krankhaft verändert sein muss, denn bei Darmspiegelungen sind die Ergebnisse eigentlich unauffällig. Dennoch ist eine Darmspiegelung vor der eigentlichen Diagnose sinnvoll, um eine der gefährlichen, seltenen entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis Ulcerosa auszuschließen.


Wie kommt es zu einem Reizdarm, bzw. was spielt sich im Körper ab?

Die Auslöser für den Reizdarm sind wahrscheinlich weder allergischer noch pseudoallergischer Natur. Wahrscheinlich beruht das Reizdarm-Syndrom auf einer generellen Überempfindlichkeit im Hinblick auf die nervöse Regulation des Darmes.

Wenn die besprochenen Symptome sehr rasch im Anschluss an eine Mahlzeit einsetzen, zeigt das, dass die Symptome von eigentlich "normalen" Reflexen ausgelöst werden. Es ist ganz normal, dass eine durch den Speisbrei verursachte vermehrte Ausdehnung des Magens eine Zunahme der Darmbewegung bedingt, man nennt das den gastrokolischen-Reflex. Dieser Magen-Darm-Reflex sorgt dafür, dass Magen und Darm als Verdauungssystem gut zusammenarbeiten. Konkret sorgt der Reflex dafür, dass sich der Darm nach der Befüllung des Magens auf seine Verdauungsaufgaben vorbereitet. Dazu gehören auch Darmbewegungen, mit denen der Speisebrei weitertransportiert und entsprechend verarbeitet werden soll. Dieser Reflex ist eigentlich ein physiologisch ganz normaler Reflex, kann aber bei vom Reizdarm-Syndrom betroffenen Patienten deutlich übersteigert sein. Die normale nervöse Regulation ist dann "aus dem Ruder gelaufen", die Reflexe laufen gesteigert ab und führen zu sehr unangenehmen Beschwerden.

All diese Vorgänge laufen auf der Ebene des vegetativen Nervensystems ab und können nicht willentlich beeinflusst werden.

Wie erfolgt beim Reizdarm-Syndrom die Diagnose?

Letztlich sind es die Beschwerden, die der Reizdarm-Patient angibt und die den Anstoß zur Diagnose geben. Man würde aber immer auch an Nahrungsmittelintoleranzen denken, die ja zu ganz ähnlichen Beschwerden führen können, z.B. die Laktoseintoleranz oder die Fruktoseaufnahmestörung. Wenn diese Erkrankungen jedoch ausgeschlossen wurden und wenn eine Darmspiegelung auch eine der seltenen entzündlichen Darmerkrankungen ausgeschlossen hat, ist der Reizdarm die wahrscheinlichste und häufigste Ursache. Der Reizdarm ist also eine Ausschlussdiagnose.

Die größte Schwierigkeit bei der Diagnose Reizdarm-Syndrom ist allerdings die Tatsache, dass gerade diese Patienten, die unter einem erheblichen Leidensdruck stehen, hier in Deutschland oft nicht die nötige Aufmerksamkeit bekommen. Das hat u.a. auch damit zu tun, dass die Gastroenterologe, die Spezialisten für Erkrankungen des Magen-Darm-Bereichs, sehr stark auf Diagnosen spezialisiert sind, die sich aufgrund von apparativen funktionellen Untersuchungen erstellen lassen. Im Mittelpunkt stehen z.B. Magenspiegelungen, Darmspiegelungen etc. und es fehlt die Zeit, sich um Patienten zu kümmern, bei denen genau diese Untersuchungen keine Ergebnisse bringen. Aus meiner Sicht fallen die Reizdarm-Patienten hier sozusagen durch das Diagnoseraster und haben dadurch nur wenige kompetente Anlaufstellen. Hinzu kommt, dass die chronischen Beschwerden beim Reizdarm individuell sehr unterschiedlich sein können. Man benötigt daher viel Zeit, Geduld und Verständnis, um zur richtigen Diagnose und einer individuellen Behandlung zu kommen.

Es gibt übrigens zum Reizdarm analoge Krankheitsbilder, die sich ähnlich unspezifisch äußern, bei denen jedoch andere Organsysteme betroffen sind, wie z.B. die Augen, die Nase oder die Bronchien.  


Was kann man gegen einen Reizdarm tun?

Zunächst ist es wichtig, dass ein Arzt die richtige Diagnose "Reizdarm" überhaupt stellt. Dann ist eine professionelle Ernährungsberatung sinnvoll, denn für manche Menschen mit Reizdarm-Syndrom ist faserreiche Kost, die generell empfehlenswert und wichtig für die Verdauung ist, mit vermehrten Beschwerden verknüpft.

Insbesondere bestimmte wasserunlösliche Ballaststoffe, die ohnehin schwer verdaulich sind, können bei Reizdarm Probleme bereiten. Dazu gehören z.B. auch Vollkornprodukte, die durch ihren wasserunlöslichen Klebereiweißanteil vermehrte Beschwerden bei Reizdarm-Patienten verursachen können. Eine Ernährungsberatung kann dann sehr detaillierte Empfehlungen geben, z.B. dass Spargelköpfchen für Patienten mit Reizdarm oft besser verträglich sind, als der faserige Rest des Spargels. Pauschale Diäten sind beim Reizdarm nicht möglich, weil die Diät speziell auf jeden Patienten abgestimmt werden muss. Deshalb ist für Reizdarm-Betroffenen die professionelle Beratung einer mit diesem Krankheitsbild vertrauten erfahrenen Ernährungsfachkraft so wichtig. Leider gibt es aber nicht so viele Ernährungsberater, die sich auf das Reizdarm-Syndrom spezialisiert haben. Deshalb ist nicht bei jeder Beratung gesichert, dass Reizdarm-Patienten geeignete Informationen erhalten. Adressen findet man z.B. beim VDOE, dem Berufsverband Oecotrophologie e.V.. Allerdings benötigen die Patienten eine Verordnung eines Gastroenterologen, damit die Gesetzlichen Krankenkassen die Kosten der Behandlung übernehmen.

Gibt es für Reizdarm-Patienten weitere Therapiemöglichkeiten?

Aufgrund der Tatsache, dass beim Reizdarm das vegetative Nervensystem eine Rolle spielt, kommt es häufig zu allgemeinen Empfehlungen, wie z.B. Stress zu meiden oder ein Entspannungstraining durchzuführen. Allerdings sind solche Empfehlungen nicht sinnvoll.

Das gesamte Verdauungssystem wird eher vom Parasympathikus gesteuert und weniger von seinem Gegenspieler, dem Stress-assoziierten Sympathikus. Der Parasympathikus kann aber nicht vom Willen beeinflusst werden. Es kann deshalb sein, dass ein Entspannungstraining beim Reizdarm-Syndrom den gegenteiligen Effekt hat und zu einer Verschlimmerung der Beschwerden führt.

Das soll nicht heißen, dass eine positive Beeinflussung des Parasympathikus völlig unmöglich ist. Der Parasympathikus verfügt jedoch über eine ausgeprägte Eigendynamik und dies sollte durchaus berücksichtigt werden. Schließlich ist es genau diese Eigendynamik, die zum Beschwerdebild beim Reizdarm führt, die Beschwerden sind ja häufig unberechenbar und nehmen einen launischen Verlauf.

Medikamente zur Behandlung des Reizdarms stehen bisher leider nicht zur Verfügung. Je nachdem, um welchen der genannten Reizdarm-Typen es sich handelt, kann man z.B. beim Blähungs-Reizdarm sogenannte Entschäumer einsetzen, das sind Medikamente, die die Gasentwicklung etwas einschränken. Beim Durchfall-Reizdarm kann man versuchen, durch die Ernährung, d.h. durch das Bevorzugen von eher stopfenden Nahrungsmitteln, den Durchfall in den Griff zu bekommen und beim Verstopfungs-Reizdarm kann man z.B. Flohsamen oder andere Mittel einsetzen, die die Verdauung erleichtern, ohne den Darm nachhaltig zu schädigen.

Das heißt also, dass ein Reizdarm-Syndrom unabhängig von den nicht-allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten gesehen werden sollte?

Ein Reizdarmsyndom ist in der Tat unabhängig von nicht-allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu sehen. Manche Menschen haben zusätzlich zum Reizdarm noch z.B. eine Laktoseintoleranz, denn diese Erkrankungen sind in der Bevölkerung ja nicht selten. So leiden ca. 10 Prozent der Bevölkerung in Deutschland an einer mehr oder weniger stark ausgeprägten Laktoseintoleranz und auch beim Reizdarm geht man von ca. 10 Prozent Betroffenen aus. Viele der Patienten, die unter Verdauungsbeschwerden leiden und mit der selbst gestellten Diagnose "Pseudoallergie auf Zusatzstoffe" in die Praxis kommen, haben in Wirklichkeit einen Reizdarm.

Herr Priv.-Doz. Kleine-Tebbe, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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