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Reizdarm-Syndrom Cannabis

Prof. Dr. med. Martin Storr zum Thema: Reizdarm-Syndrom (RDS) - Könnte Cannabis helfen?

Reizdarm-Syndrom (RDS): Könnte Cannabis helfen?

Cannabis kann jetzt verordnet werden um bestimmte Erkrankungen zu behandeln. Welche Erkrankungen von einer Cannabis-Therapie profitieren könnten, ist Gegenstand zahlreicher Forschungsvorhaben. Ob das Reizdarm-Syndrom eine solche Erkrankung sein könnte, hat Prof. Dr. med. Martin Storr, Gastroenterologe am Zentrum für Endoskopie/Gesundheitszentrum Starnberger See (MVZ) in einer Studie1) untersucht. MeinAllergiePortal Fachkreise sprach mit ihm über die Frage, ob Cannabis beim Reizdarm-Syndrom (RDS) helfen könnte.

Herr Prof. Storr, was weiß man über die Wirkung von Cannabis auf das Reizdarm-Syndrom?

Die Cannabis-Pflanze Cannabis sativa, enthält als Leitsubstanz Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC), und dieses hat gewisse Auswirkungen auf den Körper. Das in Pflanzen vorkommende System „Cannabis“, auch „Endocannabinoid-System“ oder „endogenes Cannabinoid-System“ genannt, findet man jedoch auch in Säugetieren und beim Menschen. Das bedeutet, der Körper von Säugetieren und Menschen enthält ähnlich strukturierte Substanzen wie Cannabis, und diese verfügen über Rezeptoren, an denen die sogenannten Endocannabinoide ansetzen können.

Sowohl die Nerven als auch die Immunzellen arbeiten mit diesem Endocannabinoid-System, das im Körper völlig unabhängig von der Cannabis-Pflanze wirkt.

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Wozu dient das Cannabis-System beim Säugetier bzw. beim Menschen?

Das Cannabis-System hat eine regulierende Funktion. Es übernimmt viele Basisfunktionen, die für das Zusammenspiel der Nerven und die Immunabwehr essentiell sind. Zudem schützt es den Körper vor den eigenen Antworten, auch bei der Kommunikation der Nerven untereinander, damit diese nicht „überschießend“ werden.

Welcher Zusammenhang besteht zwischen dem Cannabis-System und dem Reizdarm-Syndrom?

Viele Funktionen des Darms, zum Beispiel die Geschwindigkeit des Darmtransports, regelt das Cannabis-System. Wird es aktiviert, verlangsamt sich der Darmtransport, wird es blockiert, beschleunigt er sich.

Geregelt wird auch die Schmerzwahrnehmung. Ist das System aktiviert, reduziert sich die Schmerzwahrnehmung, während eine Blockierung die Schmerzwahrnehmung verstärkt. In allen Funktionsbereichen, die einem Reizdarm-Patienten Beschwerden bereiten, hat das Cannabis-System eine Kontrollfunktion, die bei RDS-Patienten jedoch häufig nicht fehlerfrei funktioniert. Man kann diese Kontrollfunktion aber prinzipiell nutzen, um in das Geschehen einzugreifen.

Prinzipiell gilt dies jedoch nicht nur für das Reizdarm-Syndrom, sondern auch für andere Erkrankungen, bei denen das zentrale Nervensystem eine Rolle spielt, zum Beispiel für die chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED). Weitere potenzielle Anwendungsbereiche wären die Schmerztherapie, psychiatrische Erkrankungen oder die Regulation des Sättigungsgefühls und der Immunabwehr.


Geht es beim Reizdarm-Syndrom mehr um die Aktivierung oder die Reduzierung der Motilität?

Bei Reizdarmsyndrom geht es um beides. Es gibt Reizdarm-Patienten, die überwiegend unter Durchfällen leiden. Hier wäre eine Reduktion der Darmbewegung das Ziel. Andere RDS-Patienten leiden unter Obstipation, so dass eine Beschleunigung der Darmmotilität wünschenswert wäre.

Das Cannabinoid-System ist deshalb so attraktiv, weil es die Darmgeschwindigkeit in beide Richtungen regulieren kann. Außerdem würde es die Schmerzwahrnehmung, sowie die Entzündung und die Sekretionsvorgänge, das heißt den Wassergehalt des Stuhlganges, regulieren.

Aber: Es muss noch viel geforscht werden, bevor man in der Lage ist, diese Studienerkenntnisse auf den Menschen zu übertragen, ein Medikament zu entwickeln und Studien an Patienten durchzuführen.

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Was ist der nächste Schritt in der Forschung generell und bei der Cannabis-Forschung im Besonderen?

Der nächste Schritt ist meist die Übertragung der Forschung am Mausmodell auf menschliches Gewebe. Beim Cannabinoid-System wurde dies zum Teil bereits gemacht. Man weiß schon, dass man den größten Teil dieser rein pharmakologischen Effekte auch am menschlichen Gewebe ausüben kann. Die nächste Stufe wären dann Studien am Menschen.  

Der nächste wesentliche Schritt wäre, an einer größeren Gruppe von ca. 50 Reizdarm-Patienten, zum Beispiel vom Durchfall-Typ, zu  untersuchen, ob eine Behandlung mit Cannabis-Extrakt oder einer Forschungssubstanz zu einer Besserung der Beschwerden führt. Diese Untersuchungen sind bislang noch nicht durchgeführt worden, aber sie sind weltweit in verschiedenen Labors in der Planung.

Es ist mir wichtig zu betonen, dass Reizdarm-Patienten aktuell noch nicht, mit Cannabis behandelt werden können.

Erst die klinischen Studien zur Cannabis-Therapie für Reizdarm-Patienten werden dann also Klarheit bringen?

Diese klinischen Studien sind ausgesprochen wichtig, denn bislang weiß der Arzt noch nicht, welche Patienten die richtigen für eine Cannabis-Therapie sind – und dies gilt für alle Bereiche der Medizin.

Positiv ist zu vermerken: Seitdem die Möglichkeit besteht, Cannabis zu verordnen, beginnen viele Hersteller jedoch, ihre Extrakte genauer zu untersuchen. Vermutlich werden wir also in ca. fünf Jahren sehr gut wissen, welche Patienten von Cannabis profitieren könnten, und welche nicht – möglicherweise auch die Reizdarm-Patienten.

Dann wird man auch mehr über die Wirkungen wissen, es wird unterschiedliche Cannabis-Extrakte, möglicherweise aus unterschiedlichen Blüten, geben und die Suchtgefahr wird kontrolliert werden können. Schon jetzt gibt es ja bereits Hersteller, die es geschafft haben, aus ihren Cannabis-Produkten die suchtproblematischen Substanzen zu eliminieren. Das wäre natürlich die Voraussetzung für eine sinnvolle Therapie mit Cannabis.

Herr Prof. Storr, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

Quellen:

1) Salaga M, Binienda A, Tichkule RB, Thakur GA, Makriyannis A, Storr M, Fichna J., The novel peripherally active cannabinoid type 1 and serotonin type 3 receptor agonist AM9405 inhibits gastrointestinal motility and reduces abdominal pain in mouse models mimicking irritable bowel syndrome, Eur J Pharmacol. 2018 Oct 5;836:34-43. doi: 10.1016/j.ejphar.2018.08.016, Epub 2018 Aug 17, (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30121173)

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