Reizdarm Syndrom RDS IgE-negative Nahrungsmittelallergie

Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Detlef Schuppan zum Thema Reizdarm Syndrom (RDS) oder IgE-negative Nahrungsmittelallergie?

Reizdarm Syndrom (RDS) oder IgE-negative Nahrungsmittelallergie?

Bedeutet das, die meisten Reizdarm-Patienten haben in Wirklichkeit eine IgE-negative bzw. verzögerte Nahrungsmittelallergie?

In Deutschland haben zurzeit 15 Prozent der Bevölkerung die Diagnose „Reizdarm-Syndrom“ erhalten. Auch international werden zwischen 10 und 15 Prozent der Allgemeinbevölkerung mit einem Reizdarm- Syndrom unterschiedlichen Schweregrades beschrieben, hier gibt es gute epidemiologische Studien.

Geht man bei Deutschland von ca. 83 Mio Einwohnern aus, wären bei 15 Prozent RDS-Patienten bis zu ca. 12 Mio. Menschen betroffen; davon würden ca. 70  Prozent (mehr als 8 Mio) von einer gezielten Diät profitieren, die eines (selten auch mehrere) der genannten 4 Nahrungsmittel ausschliesst.

Hinzu kommt: Bis zu 30 Prozent der RDS-Patienten sind schwer betroffen, bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. Diese Patienten gehen oft von Arzt zu Arzt, ohne dass ihre Beschwerden gelindert werden. Etwa ein Drittel der Reizdarm-Patienten haben relativ geringe Beschwerden und bei einem weiteren Drittel sind die Beschwerden im mittleren Bereich anzusiedeln. Für die Betroffenen stellt dies eine hohe Belastung dar. Es handelt sich aber auch volkswirtschaftlich gesehen um ein enormes Gesundheitsproblem.

Dies müsste allerdings weiter und prospektiv untermauert werden. Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen einer klaren Diagnose und damit einfachen diätetischen Therapie wären dramatisch. Unter diesem Gesichtspunkt und zu diesem Projekt haben wir vor 10 Monaten einen Antrag zur Versorgungsforschung beim Bundesausschuss der Krankenkassen eingereicht. Projekte zu Versorgungsforschung und Versorgungsformen werden durch den Bundesausschuss/ Innovationsfonds der Krankenkassen mit jährlich 300 Mio Euro gefördert, mit dem erklärten Ziel der Verbesserung der Krankenversorgung. Jedoch haben wir den Antrag unkommentiert wegen „Themenverfehlung/Irrelevanz“ zurückbekommen. Es ist also schwer, dieses Projekt, u.a. mit der Entwicklung neuer Bluttests, die wir ebenfalls beantragt haben, voranzubringen.

Advertorial

Sie sagten, dass eine Diagnostik in der Praxis aktuell nicht zur Verfügung steht. Wäre die „Kartoffel-Reis-Olivenöl-Salz“-Diät eine Möglichkeit, die IgE-negative Nahrungsmittelallergie bei RDS-Patienten mittels diagnostischer Diät festzustellen?

Einerseits ja, denn wenn die Beschwerden unter Diät aufhören, wäre dies ein Hinweis auf eine verzögerte Nahrungsmittelallergie. Die Frage, welches das auslösende Allergen ist, würde so jedoch nicht einfach geklärt und das Ziel ist ja, alle verträglichen Nahrungsmittel wieder einzuführen.

Ich gehe aktuell bei meinen Patienten so vor, dass im Anschluss an die „Kartoffel-Reis-Olivenöl-Salz“-Diät nach und nach jeweils eine sehr reine Nahrungsmittelklasse, z.B. Milchprodukte, für zwei bis drei Tage wieder eingeführt wird, um die Verträglichkeit zu testen. Allerdings muss es sich um „reine“ nicht prozessierte bzw. industriell gefertigte Nahrungsmittel handeln, damit die Ergebnisse nicht verfälscht werden. Ausserdem müssen die Patienten sehr geduldig sein, da diese Austestung Monate dauern kann, und auch häufig unklare Reaktionen auftreten, die nicht unbedingt vom jeweiligen Nahrungsmittel abhängen. Den Patienten wird ein hohes Maß an Compliance abverlangt und nur wenige können dies unproblematisch in ihren Arbeitsalltag einbauen.

Hier können Bluttests helfen, die die Diagnose IgE-negativer Nahrungsmittelallergien vereinfachen sollen. Ein Entzündungsmarker, der unmittelbar nach der Allergenaufnahme die Schleimhautreaktion des Darmes, die ansonsten nur endoskopisch nachweisbar ist, im Blut anzeigt, wäre ein großer Fortschritt in der Diagnostik.

Ihre Studien haben gezeigt, dass Weizen der häufigste Auslöser der IgE-negativen Nahrungsmittelallergie ist, weiß man, welche Bestandteile des Weizens dafür verantwortlich sind?

Extrapoliert man die Erkenntnisse zur IgE-positiven Weizenallergie, stellt man zunächst fest, dass Weizen hunderte verschiedene Proteine, Glutene und nicht-Glutene, enthält und kommt so auf zahlreiche potenzielle Allergene, die sich von Patient zu Patient unterscheiden. Unter Umständen lässt sich vermuten, dass es bei der IgE-negativen Weizenallergie ähnlich sein könnte, auch wenn sie nicht IgE-vermittelt zu sein scheint. Mögliche Mechanismen untersuchen wir gerade u.a. an Tiermodellen.

Herr Prof. Schuppan, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

1) Fritscher-Ravens A, Schuppan D, Ellrichmann M, Schoch S, Röcken C, Brasch J, Bethge J, Böttner M, Klose J, Milla PJ, Confocal endomicroscopy shows food-associated changes in the intestinal mucosa of patients with irritable bowel syndrome, Gastroenterology. 2014 Nov;147(5):1012-20.e4. doi: 10.1053/j.gastro.2014.07.046. Epub 2014 Jul 30, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=fritscher+ravens+ibs

2) Rucha, Z, Pflaum T, Moesinger, M, Milla PJ, Roecken C, Schuppan D, Boettner M, Brasch J, Heckl S, Das M, Fritscher-Ravens A. DOUBLE BLIND RANDOMIZED CONTROLLED CROSS-OVER STUDY USING CONFOCAL ENDOMICROSCOPY TO DIFFERENTIATE WHEAT FROM NON-COELIAC GLUTEN SENSITIVITY (NCGS) IN IBS PATIENTS USING ANTIGEN EXCLUSION VS SHAM VS LOW FODMAP'S DIET TO DETERMINE SUCCESSFUL TREATMENT. Gastroenterology 2017; 152: S43-S43 (Abstract).

3) Catassi C, Alaedini A, Bojarski C, Bonaz B, Bouma G, Carroccio A, Castillejo G, De Magistris L, Dieterich W, Di Liberto D, Elli L, Fasano A, Hadjivassiliou M, Kurien M, Lionetti E, Mulder CJ, Rostami K, Sapone A, Scherf K, Schuppan D, Trott N, Volta U, Zevallos V, Zopf Y, Sanders DS, The Overlapping Area of Non-Celiac Gluten Sensitivity (NCGS) and Wheat-Sensitive Irritable Bowel Syndrome (IBS): An Update, Nutrients. 2017 Nov 21;9(11). pii: E1268. doi: 10.3390/nu9111268, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29160841

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden.