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Bauchhirn Bauchbeschwerden Zusammenhänge

Prof. Dr. med. Thomas Frieling, HELIOS Klinikum Krefeld zum Zusammenhang zwischen Bauchhirn und Bauchbeschwerden!

Bauchhirn - Bauchbeschwerden: Was weiß man über Zusammenhänge?

Bauchbeschwerden haben viele Menschen. Nicht immer ist es aber möglich, eine konkrete Diagnose zu stellen, denn bei den funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen sind die zugrundeliegenden Mechanismen häufig noch gar nicht erforscht. Mehr und mehr setzt sich jedoch die Erkenntnis durch, dass das Bauchhirn bei Bauchbeschwerden eine nicht unerhebliche Rolle spielt. Was aber weiß man über die Zusammenhänge? MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Thomas Frieling, Direktor der Klinik für Gastroenterologie, Hepatologie, Neurogastroenterologie, Infektiologie, Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am HELIOS Klinikum Krefeld und Mitautor des Buches „Darm an Hirn! Der geheime Dialog unserer beiden Nervensysteme und sein Einfluss auf unser Leben“.

Herr Prof. Frieling, was weiß man zurzeit über das Bauchhirn?

Erst seit 50 bis 60 Jahren weiß man, dass das enterische Nervensystem im Magen-Darm-Trakt eine überragende Bedeutung hat. Auch dass das Bauchhirn mit dem Kopfhirn kommuniziert, ist eine relativ neue Erkenntnis.

Man weiß heute auch, dass  das Bauchhirn sogar lernen kann, zum Beispiel Fehlfunktionen. Z.B. kann ein postinfektiöses Reizdarmsyndrom dadurch zustande kommen, dass es durch die zugrundeliegende Infektion zu einer Beeinflussung des Bauchhirns gekommen ist. Diese bleibt auch dann noch bestehen, wenn die eigentliche Infektion bereits ausgeheilt ist. Das Bauchhirn kann sich also Fehlfunktionen „merken“ - man geht davon aus, dass 10 bis 30 Prozent der Reizdarm-Patienten einen initialen Magen-Darm-Infekt hatten.  

Umgekehrt wird aktuell diskutiert, ob das Bauchhirn dann nicht auch in der Lage ist, „normale Funktionen zu „verlernen“. Das enterische Nervensystem ist ein plastisches, lernendes System, das sich permanent anpasst und das macht das Ganze sehr komplex. 

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Warum haben heutzutage so viele Menschen Bauchbeschwerden, was läuft schief mit dem Bauchhirn?

Da gibt es viele Faktoren. Auffällig ist, dass man funktionelle Magen-Darm-Beschwerden überwiegend in industrialisierten Ländern mit einem hohen Lebensstandard findet. Bei Naturvölkern findet man Reizdarm-Patienten nicht. Der Faktor „Zivilisation“ scheint deshalb wohl mit ein Grund dafür zu sein, dass viele Menschen Bauchbeschwerden entwickeln.

Dabei könnte Stress eine Rolle spielen, aber auch die Änderung der Ernährungsgewohnheiten. In einer zivilisierten Gesellschaft ernährt man sich völlig anders als das bei Naturvölkern der Fall ist. Zum Beispiel nehmen wir deutlich weniger Ballaststoffe zu uns und wir essen in einem anderen Rhythmus.

Außerdem isst man heutzutage nicht mehr so regelmäßig drei Mal am Tag, morgens, mittags und abends, wie das früher der Fall war. Stattdessen ernährt man sich eher durch Snacks, die „zwischendurch“ in Form von Müsli, Shake etc. gegessen werden. Das führt dazu, dass die „Housekeeper Funktion“ nicht mehr funktioniert. Durch das veränderte Essverhalten ändert sich auch die Physiologie der normalen Darmfunktion und dies kann zu Bauchbeschwerden führen.

Weiter wird spekuliert, ob die Antibiotikabehandlung von Nutztieren ein Grund dafür sein könnte, dass Menschen zunehmend unter Bauchbeschwerden leiden. Zwar werden Antibiotika durch die normalen Ausscheidungen der Tiere auch wieder abgebaut. Über das Blut gelangen die Antibiotika jedoch zunächst in sämtliche Organe und könnten dort durchaus eine Einflussgröße sein. Mit dem Fleisch dieser Tiere könnte man Antibiotika aufnehmen und dies könnte das Mikrobiom des Darms beeinflussen. Schließlich weiß man durch Studien, dass es bereits ausreicht, sich für nur eine Woche anders als bisher zu ernähren und die Bakterienflora des Darms ändert sich sofort.

Das bedeutet, bei funktionellen Darmbeschwerden könnte man über eine veränderte Ernährung viel erreichen?

Für Patienten mit funktionellen Beschwerden und dazu gehören auch die Reizdarm-Patienten, ist die Ernährungsumstellung eine wichtige Maßnahme. Besteht eine nicht-allergische Nahrungsmittelunverträglichkeit z.B. auf Milchzucker, Fruchtzucker und Sorbit, lässt sich dies durch Atemtests diagnostizieren und durch entsprechende Karenzmaßnahmen regulieren. Besteht eine Zöliakie ist der Glutenverzicht eine erfolgreiche Maßnahme. Ebenso kann eine individuell zu bestimmende Reduktion von Gluten bei der Glutensensitivität oder Weizensensitivität die Beschwerden deutlich verbessern. Über die FODMAP-Diät, d.h. über eine kohlenhydratreduzierte Kost, kann man versuchen zu ermitteln, ob sich die unverträglichen Nahrungsmittel identifizieren lassen und der Patient anspricht. Das „Ansprechen“ ist jedoch immer „subjektiv“, denn der Patient kann zwar berichten, dass es ihm unter der Diät besser geht, objektiv nachweisbar ist dies jedoch nicht.


Das klingt so, als müsse man viel ausprobieren….

Das Thema Ernährung ist in gewisser Weise ein Graubereich. Oft denken die Patienten zuerst an die Ernährung, wenn sie Bauchbeschwerden haben, aber überprüfbar ist es, wie gesagt nicht. Einen gewissen Einfluss hat hier der Glaube, der Placeboeffekt und auch der aktuelle Hype um Diäten spielt eine Rolle, z.B. die vegane Ernährung oder die glutenfreie Ernährung. Aus ärztlicher Sicht ist das nicht immer nachvollziehbar, so dass man im Einzelfall nur sagen kann, dass ein Patient die Ernährungsstrategie verfolgen sollte, die ihm am besten hilft. Voraussetzung ist allerdings, dass die Ernährung nicht zum Dogma wird und es dadurch nicht zu Fehlernährung kommt.

In einer Charité-Studie an 3.500 Berlinern mit Bauchbeschwerden hat man gefragt, ob sie glauben, dass die Beschwerden ernährungsbedingt seien. Ein Drittel der Befragten war der Meinung, dass die Ernährung für die Bauchbeschwerden verantwortlich sei und diese hat man dann sehr gründlich und aufwändig untersucht. Nur bei ca. 3,5 Prozent der Untersuchten hat man tatsächlich eine Nahrungsmittelallergie oder –unverträglichkeit nachweisen können. Das zeigt, dass es bei einem Großteil der Patienten nicht gelingt, einen Zusammenhang zwischen den Bauchbeschwerden und der Ernährung nachzuweisen.

Nichtsdestotrotz würde ich bei unklaren Bauchbeschwerden und nach Ausschluss anderer Erkrankungen immer versuchen, diätetisch einzugreifen, z.B. über ein Ernährungstagebuch. Es kann immer hilfreiche Erkenntnisse zu den Auslösern der Beschwerden bringen, wenn der Patient dieses Ernährungstagebuch über vier Wochen führt. In vielen Fällen findet man doch ein Muster, dass Hinweise auf mögliche Beschwerdeursachen gibt.

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Sie betonen, dass Ernährung nicht zum Dogma werden darf, haben Sie aus diesem Grund Ihr Buch „Darm an Hirn!“ geschrieben?

 

Mit unserem Buch „Darm an Hirn!“ wollten wir das komplexe Thema „Darmhirn“ laienverständlich aufbereiten und einige „Mythen“ korrigieren. Dazu gehört z.B. die „Schokoladenlüge“, die besagt, dass man dem Körper durch das Schokoladenessen Serotonin zuführt und dass dies dann glücklich macht – das stimmt so nicht!

 

Auch die Frage, ob das Bauchhirn denken kann, bzw. ob man Entscheidungen über das Bauchhirn treffen kann, wird in unserem Buch behandelt.

Kann das Bauchhirn denn denken?

Denken kann das Bauchhirn nicht, aber das Bauchhirn kann lernen und es kann über verschiedene Mechanismen Funktionen des Kopfhirns beeinflussen, denn es gibt zahlreiche Kommunikationsbahnen zwischen dem Bauchhirn und dem Kopfhirn. Wenn wir eine „Bauchentscheidung“ treffen, wird die Entscheidung aber dennoch im Kopf getroffen, aber vieles wird vielleicht auch auf den Bauch projiziert – hier ist noch Einiges zu erforschen.

Wer ist denn der Stärkere, das Bauchhirn oder das Kopfhirn?

Man kann vielleicht sagen, das Kopfhirn ist das Stärkere, aber das Bauchhirn ist nicht das Unterlegene! In diesem Zusammenhang haben wir uns in unserem Buch auch die Frage gestellt: Warum gibt es überhaupt ein Bauchhirn und warum steckt nicht die gesamte Magen Darm-Funktion im Kopfhirn? Bei jedem Lebewesen ist die Magen-Darm-Regulation sozusagen „ausgelagert“. Das Bauchhirn „vor Ort“ scheint den Vorteil der „kurzen Wege“ bei der Nervenregulation zu bieten. Wahrscheinlich war das Bauchhirn entwicklungsgeschichtlich auch das erste Gehirn und das Kopfhirn hat sich womöglich erst danach entwickelt. Nicht ohne Grund findet man im Bauchhirn die gleichen Nerven wie im Kopfhirn.

Herr Prof. Frieling, herzlichen Dank für dieses Gespräch!