Reizdarmsyndrom Mastzellen Dinatriumcromoglycinsäure

Prof. Dr. med. Martin Raithel, Chefarzt der Medizinischen Klinik II des Waldkrankenhauses St. Marien in Erlangen zur Verbindung zwischen Reizdarmsyndrom und Mastzellen!

Reizdarmsyndrom und Mastzellen: Gibt es eine Verbindung? Therapieoptionen?

Wie genau gehen Sie vor, wenn Sie das Reizdarmsyndrom mit Dinatriumcromoglycinsäure behandeln?

Die Basis der Behandlung mit Dinatriumcromoglycinsäure ist eine klare Diagnose des Reizdarmsyndroms. Es sollte möglichst eine interdisziplinäre Abklärung erfolgen, die vom Hausarzt gesteuert wird und einen Gastroenterologen, einen Allergologon, einen Pathologen, einen psychologisch geschulten Mediziner und einen Ernährungsmediziner mit einschließt.

Bei Patienten mit Beschwerden, die zum Reizdarmsyndrom passen und bei denen andere Erkrankungen, wie z.B. Entzündungen, Darmdivertikel oder Darmpolypen ausgeschlossen wurden, ist es z.B. möglich, vorhandene Biopsien nachträglich auf Mastzellen untersuchen zu lassen. Dazu führen wir eine spezielle Immunhistochemie zur Anfärbung der Mastzellen, der Eosinophilen und der Lymphozyten durch, sowie eine spezielle Immunhistochemie zur Diaminoxidase (letzteres für die Frage Histamin-vermitteltes RDS). Zeigt sich dann eine erhöhte Anzahl bzw. Aktivität der Mastzellen, kann man von einem Reizdarmsyndrom ausgehen, wenn andere Zelltypen nicht verstärkt vorhanden sind.

Da die korrekte Interpretation der Laborergebnisse, wie gesagt, schwierig sein kann, ist für den Arzt eine enge Zusammenarbeit mit dem Pathologen sehr empfehlenswert. Wir entwickeln hierzu aber auch fortwährend neue Standards, um z.B. den Histamin-vermittelten Reizdarm oder den  Mastzellen-vermittelten Reizdarm und den postinfektiösen oder allergischen Reizdarm besser zu erkennen.

Mit dem Verein zur Förderung der Allergie- und Endoskopieforschung am Menschen (VAEM) informieren wir Ärzte und Patienten über neue Entwicklungen und unterstützen auch Kollegen bei der Diagnose. Hier gibt es auch Hinweise zu Kollegen, die sich auf die Interpretation von solchen Befunden spezialisiert haben, wie und wo sie kontaktiert werden können bzw. wann spezielle Fortbioldungen zu diesem Thema gehalten werden.  

Sie erwähnten eine Patientin, die zur Behandlung des Reizdarmsyndroms mit nur einer Dinatriumcromoglycinsäure-Gabe pro Woche auskam, wie häufig nimmt man normalerweise Dinatriumcromoglycinsäureein?

Das ist sehr unterschiedlich, denn die individuelle Empfindlichkeit des jeweiligen Reizdarm-Typus unterscheidet sich stark. Manche Patienten kommen mit seltenen Dinatriumcromoglycinsäure-Gaben aus und andere können ihre Symptome erst dann kontrollieren, wenn sie mindestens viermal täglich 400 – 500mg Dinatriumcromoglycinsäure einnehmen.

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Gibt es bei der Dinatriumcromoglycinsäuree denn auch Nebenwirkungen?

Bei der Dinatriumcromoglycinsäure gelangen nur unter 2 Prozent der Substanz ins Blut. Deshalb kommt es praktisch zu keinen ernsthaften systemischen Nebenwirkungen. Es lohnt sich also auf jeden Fall, die Behandlung mit Dinatriumcromoglycinsäure auszuprobieren. Voraussetzung ist, wie gesagt, der histologische Befund einer Mastzellansammlung und der Nachweis von verstärktem Methylhistamin, einem Abbauprodukt des Histamins, im Urin. So lässt sich nachweisen, dass der Patient unter histaminvermittelten Beschwerden leidet.

Heißt das, man kann die Dinatriumcromoglycinsäure auch nicht überdosieren?

Bei einem Erwachsenen geht man bei der Dinatriumcromoglycinsäure von einer Dosierung zwischen 200 mg bis 2000 mg pro Tag aus. Wir arbeiten mit einer Dinatriumcromoglycinsäure-Höchstdosis von vier Mal 500mg pro Tag, in Form von Kapseln oder als Granulat. Bei Kindern beträgt die Dosis 100 mg  bis 1000 mg. Welche Dosierung für welchen Patienten die richtige ist, muss man individuell abstimmen.

Müsste man die Dinatriumcromoglycinsäure zur Behandlung des Reizdarmsyndroms dauerhaft einnehmen?

Wenn die individuell auslösenden Trigger des Reizdarmsyndroms, z.B. Salicylate, bestimmte Lebensmittel, psychische Belastungsfaktoren etc. gefunden und diese eliminiert bzw. geändert werden, liegt eigentlich kein idiopathischer Reizdarm mehr vor. Denn man kennt dann ja die Aetiologie und drückt dies in der Diagnose aus, z.B. allergische und alimentäre Gastroenteritis, Nahrungsmittelunverträglichkeit, bakterielle Dünndarmüberwucherung etc. Beim RDS mit identifizierten Trigger, mit oft Mastzellhyperplasie und wenn nach zwei bis drei Jahren Behandlung mit Dinatriumcromoglycinsäure, die Darmbarriere wieder intakt ist, kann man möglicherweise auf eine weitere Behandlung zu verzichten.

Dass die Darmbarriere wieder intakt ist, sehen wir z.B. beim allergischen Reizdarm daran, dass sich weniger Entzündungszellen in der Darmschleimhaut befinden und an der geringeren Ausscheidung von Methylhistamin im Urin oder bei der Rückbildung des IgE im Darm, was wir durch die endoskopische Lavage ermitteln. Bei 10 bis 15 Prozent unserer Patienten war dies der Fall. Es lohnt sich in diesen Fällen, die Aetiologie des RDS aufzuspüren, die Diagnose kritisch zu überprüfen und die Therapiemaßnahmen an den Verlauf und den Erfolg der Maßnahmen anzupassen.

Die meisten Reizdarm-Patienten ohne einen identifizierten Trigger müssen die Reizdarmmedikation jedoch langfristig einnehmen.

Herr Prof. Raithel, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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