Reizdarmsyndrom Mastzellen Dinatriumcromoglycinsäure

Prof. Dr. med. Martin Raithel, Chefarzt der Medizinischen Klinik II des Waldkrankenhauses St. Marien in Erlangen zur Verbindung zwischen Reizdarmsyndrom und Mastzellen!

Reizdarmsyndrom und Mastzellen: Gibt es eine Verbindung? Therapieoptionen?

Sie haben die Rolle der Mastzellen beim Reizdarmsyndrom untersucht, welche Zusammenhänge gibt es?

Interessant ist, dass in über 90 Prozent der histologischen Studien an Reizdarmpatienten ein vermehrtes Auftreten von Mastzellen bzw. eine erhöhte Aktivierung von Mastzellen festgestellt wurde und zwar bei fast allen Formen des Reizdarmsyndroms. Am häufigsten waren diese Studien im unteren Dünndarm und Dickdarm mit signifikanten Ansammlungen von Mastzellen versehen. Das ist insofern von Bedeutung, als Mastzellen ihre Mediatoren  im Gewebe, aber auch an den Nervenenden ausschütten und so die Nervenzellen beeinflussen können. Die eosinophilen Granulozyten waren bei weitem nicht so häufig beteiligt. Dies zeigt, dass Reizmagen- und das Reizdarmsyndrom sich stark auf eine Mastzellhyperplasie, d.h. eine Mastzellvermehrung beziehen. Allerdings sind die Ursachen, die letztendlich zu einer Mastzellenaktivierung führen, sehr vielfältig und liegen auch nicht immer zeitnah zum Auftreten der Symptome und sie sind keineswegs immer Ausdruck einer Allergie.

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Welche Ursachen können zur Aktivierung von Mastzellen bei Reizdarm-Patienten beitragen?

Die Ursachen für die Aktivierung der Mastzellen bzw. das Entstehen eines Reizdarmsyndroms sind multifaktoriell. Eine mögliche Ursache für Mastzellenaktivierungen sind genetische Veränderungen, eine verborgene Allergie, vorausgehende Infektionen des Magen-Darm-Traktes, wie z.B. Campylobacter- oder Norovirus-Infektionen. Manchmal stellen wir fest, dass Patienten erst viele Monate nach einer Campylobacter-Infektion einen Reizdarm entwickeln. Das heißt, durch die Infektion wurden das Immunsystem und die Mastzellen im Darm aktiviert. Die Mastzellen verbleiben dann jedoch im Darm und werden aus Gründen, die wir noch nicht kennen, hyperaktiv, oder durch eine kleine Änderung der Darmmikrobiota bzw. des Immunsystems nicht mehr in ihrer Aktivität gehemmt. Für die Manifestation des RDS spielt die Darmbarriere eine wichtige Rolle, bzw. ob diese eher durchlässig ist (Antigenüberlastung) oder dicht ist (Antigenausschluss). Eine durchlässige Darmbarriere kann dazu führen, dass Fremdmaterial ins Körperinnere gelangt, aber auch Alkohol kann die Darmbarriere schädigen und im weiteren Verlauf ein Reizdarmsyndrom begünstigen.

 

Würde das bedeuten, dass bei diesen Patienten Auffälligkeiten der Mastzellen bereits auftreten könnten, bevor es zu Reizdarm-Symptomen kommt?

Man hat nur wenige Daten zu dieser Fragestellung, denn die Patienten kommen in einer solch frühen Phase der Erkrankung nicht in die Praxis. Bei vielen Allergiepatienten, die wir über einen längeren Zeitraum betreut haben, konnten wir aber sehen, dass meist schon im Vorfeld allergischer Symptome Mastzellansammlungen vorliegen. Wird dann das Gleichgewicht durch bestimmte Faktoren gestört, z.B. durch Änderung des Histaminabbaus, Änderungen der Zusammensetzung der Darmflora oder durch eine Antibiotikagabe, kann es zur Manifestation der Nahrungsmittelallergie oder -unverträglichkeit kommen.

Welche weiteren Faktoren können dazu führen, dass ein Reizdarmsyndrom entsteht?

Neben einer Schädigung der Schleimschicht an der Darmoberfläche durch die besagten Infektionen oder durch Schädigung der Darmbarriere, z.B. Alkohol, kann auch Fehlernährung zur Manifestation des Reizdarmsyndroms beitragen. Ungewohnte, scharfe Gewürze, wie sie z.B. in der asiatischen Küche verwendet werden, können die Darmpermeabilität ändern, so dass verstärkt Capsaicin, Natriumglutamat oder andere Nahrungsfaktoren ins Körperinnere gelangen können.

Wenn man sich anschaut, wie die Menschen im 18. Jahrhundert gegessen haben, sieht man, dass der Speiseplan damals nur aus den heimischen Gemüsen und Früchten bestand, die gerade reif waren und die der Boden und die Jahreszeit hergab. Dazu wurde das Fleisch heimischer Tierarten verzehrt, aber keine exotischen Speisen, weniger Zusatzstoffe, weniger industriell hergestellte Lebensmittel und vor allem auch weniger Alkohol (in jüngeren Lebensjahren) konsumiert. Der moderne Mensch hingegen ist mit einer ungeheuren Vielzahl an nicht landestypischen ungewohnten Speisen, stark industriell verarbeiteten Fertigprodukten konfrontiert, verschluckt unbewusst Feinstaub, Kosmetika, Umweltgifte etc. und all diese Faktoren können auf die Zusammensetzung der Magen-Darmschleimhaut Einfluss nehmen. Auch Medikamente, wie z.B. Schmerzmittel oder Diabetes-Medikamente, können die Darmpermeabilität verändern. Bei manchen Patienten kommt es erst dann zu einer Nahrungsmittelallergie, wenn sie Schmerzmittel einnehmen. Auch Salicylate, die in vielen Schmerzmitteln, aber auch in Curry, enthalten sind, werden von manchen Patienten nicht vertragen.

Weiter kann die körperliche Aktivität beim Reizdarmsyndrom eine Rolle spielen. Die meisten Menschen arbeiten in Berufen mit sitzender Tätigkeit und bewegen sich zu wenig. Dadurch steigt der intraluminale Druck im Darm, was dazu führen kann, dass die Nahrungsmittelallergene in die Darmschleimhaut hineingepresst werden und so das intestinale Immunsystem und die Mastzellen aktivieren. Das ist unter anderem auch ein Grund dafür, dass wir beim Reizdarmsyndrom, genau wie bei anderen sogenannten „Wohlstands- oder Zivilisationserkrankungen“ wie dem metabolischen Syndrom oder der Adipositas, eine Zunahme der Erkrankungen sehen. Der erhöhte intraluminale Druck im gesamten Intestinaltrakt ist hier ein wichtiger Risikofaktor. Deshalb können alle Maßnahmen, die dazu geeignet sind diesen Druck zu senken, die Symptome deutlich lindern.

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