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Probiotika Allergien

Prof. Dr. Markus Rose, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Sana Klinikum Offenbach und Leiter der Pädiatrischen Infektiologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt

Allergien: Welche Rolle spielen Probiotika & Co. bei der Behandlung?

"Zu große Sauberkeit kan Allergien begünstigen" - das ist Quintessenz der Hygiene-Hypothese. Die Hygiene-Hypothese besagt, dass das Immunsystem des Menschen in westlichen Industrieländern nicht mehr in ausreichendem Maße von "natürlichen Feinden" "gefordert" wird. Deswegen greift das menschliche Abwehrsystem zunehmend harmlose Substanzen an, die eigentlich ungefährlichen Allergene. Als Beleg für diese These gilt, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, ein geringeres Risiko haben, an allergischem Asthma zu erkranken, als Stadtkinder. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Mikrobiom des Darms, denn Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die Zusammensetzung der Darmflora unterscheidet, je nachdem, in welcher Umgebung ein Kind aufwächst. Ein Ansatz, der in der Allergieforschung deshalb intensiv untersucht wird, ist die Möglichkeit, das kindliche Immunsystem mit Hilfe von Probiotika & Co. positiv zu beeinflussen. MeinAllergiePortal sprach mit Herrn Prof. Dr. Markus Rose, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Sana Klinikum Offenbach und Leiter der Pädiatrischen Infektiologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt.

Herr Prof. Rose, welchen Einfluss hat das Mikrobiom des Darms bzw. die Stuhlzusammensetzung auf die Prägung des Immunsystems?

Die Stuhlzusammensetzung, insbesondere von Säuglingen, hat in der Tat einen Einfluss, sowohl auf die Prägung des Immunsystems als auch für die Begünstigung von Allergien. Es ist durch wissenschaftliche Studie erwiesen, dass Kinder, die im jungen Säuglingsalter eine Bifidoflora, also eine Besiedlung des Darmes mit milchsäurebildenden Bakterien haben, weniger allergische Erkrankungen entwickeln. Gleichzeitig wissen wir aus Untersuchungen an Kleinkindern, Schulkindern und älteren Erwachsenen, dass der regelmäßige Verzehr von probiotischen Nahrungsergänzungen, wie z.B. von probiotischem Joghurt, zu einer deutlich verminderten Infektanfälligkeit bis hin zu weniger fieberhaften Episoden, aber auch zu einem geringeren Verbrauch von Antibiotika führt. Diese Beobachtungen gelten auch allgemein für die Atopischen Erkrankungen, d.h. für die Neurodermitis oder auch das Atopische Ekzem, den Heuschnupfen, d.h. die Allergische Rhinokonjunktivitis und das allergische Asthma bronchiale.

 

 

Was ist der Unterschied zwischen Probiotika, Präbiotika, Bakterienlysaten etc.?

Es gibt den relativ neuen Begriff der Metabiotika. Unter Metabiotika subsummiert man alles, was auf natürlicher Grundlage auf unser Immun- und Allergiesystem einwirkt. Dazu zählen die sogenannten Symbiotika als Oberbegriff für Präbiotika und Probiotika, aber auch Bakterienextrakte bis hin zu Autovakzinen.

Ein Probiotikum – das kommt von "pro" und "bios", also "für das Leben", ist eine Substanz, die aus milchsäurebildenden Bakterien oder entsprechenden Hefen besteht und die beim Einbringen in den Organismus eine günstige Wirkung ausübt. Die Anwendungsbereiche sind sehr vielfältig und reichen z.B. von der vaginalen Anwendung von Joghurt bei Hefepilzinfektionen, über probiotische Säuglingsnahrung zum Schutz vor Magen-Darm-Infektionen bis zur die Behandlung von Patienten, die unter wiederholten Harnwegsinfektionen leiden.

Ein Präbiotikum – von "prae" und "bios", also "vor dem Leben" - hingegen ist ein Kohlenhydrat, vergleichbar mit einem Zellstoff bzw. einem komplexen Zuckermolekül. Das Präbiotikum wird mit der Nahrung zugeführt und ist das Substrat, das die Grundnahrung für die Probiotika, also die probiotischen Bakterien, bildet. Mittlerweile gibt es Babynahrungen, die sowohl Präbiotika, d.h. komplexe Zuckermoleküle, als auch Probiotika, die milchsäurebildenden Bakterien, enthalten. Damit werden dem Körper die milchsäurebildenden Bakterien gleichzeitig mit deren Nahrungsgrundlage zugeführt.

Bakterienlysate schliesslich enthalten aufgearbeitete Darmbakterien, die häufig im Labor gezüchtet werden, z.B. Streptokokken, Enterokokken oder Colibakterien. All diese Bakterien finden sich im Darm, dem größten Immunorgan. Im Labor werden diese Bakterien dann vermehrt, abgetötet und die getrocknete Substanz wird dann in Alkohol oder anderen Lösungsmitteln resuspendiert.

Zur Behandlung führt man mit diesen Bakterienextrakten eine Art Kur durch, indem man sie regelmäßig, in steigender Dosis, über 3 bis 6 Wochen, zu sich nimmt, z.B. dreimal täglich 10 Tropfen aufgesteigert im Verlauf bis auf dreimal 30 Tropfen. Zu Beginn der Behandlung kann es vermehrt zu Bauchgeräuschen und Blähungen kommt. Im Laufe der Behandlung verbessert sich die Besiedlung des Darmes und über den Darm wird dann die körpereigene Immunabwehr stimuliert.


Gilt diese positive Wirkung der Metabiotika auch für die Nahrungsmittelunverträglichkeiten?

Es gibt Hinweise darauf, dass sich auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die fliessende Übergänge zu Nahrungsmittelallergien aufweisen, durch den regelmäßigen Genuss von probiotischen Nahrungsergänzungsmitteln günstig beeinflussen lassen.

Die Aufnahme von Nahrungsmittelbestandteilen ins Blut erfolgt über das Darmlumen, d.h. über die Darmwand. Dadurch werden sowohl echte Allergene als auch die Unverträglichkeiten auslösenden Stoffe über die Darmschleimhäute in die Blutbahn vermittelt werden. Man geht bzgl. der Wirkung von Metabiotika davon aus, dass diese sich wie eine natürliche Schutzwand zwischen Darminhalt und Darmschleimhäute legen und damit den Übertritt der unverträglichen Stoffe in die Blutbahn verhindern. Es entsteht also eine Barriere, eine Art Schutzwand, die zur verminderten Aufnahme von Allergenen und Unverträglichkeiten auslösenden Stoffen führt.

 

 

Was kann man durch den Einsatz von Metabiotika, bzw. probiotischen Nahrungsergänzungen noch erreichen? Welche Wirkmechanismen greifen?

Abgesehen von der erwähnten Barrierewirkung kommt es durch die probiotischen Nahrungsergänzungen im Bereich der Darmwände auch zur vermehrten Synthese von Immunglobulin A, einem Abwehrstoff, der vor allem bei Schleimhautinfektionen eine Rolle spielt. Dadurch finden auch weniger Entzündungsreaktionen an den Darmschleimhäuten statt, was sowohl bei Nahrungsmittelallergien als auch bei Nahrungsmittelunverträglichkeitsreaktionen einen gewissen Schutz darstellt.  

Probiotika können jedoch auch das Immunsystem stimulieren – dies wird über eine vermehrte Interferon-gamma-Stimulation erreicht. Gleichzeitig kommt es zu einer Regulation im Bereich der T-Lymphozyten, den sogenannten TH-1, TH-2, TH-0 und der regulatorischen Zellen.

Im Prinzip kann das Immunsystem, wie bei einer "Waage", wahlweise entweder in Richtung einer TH-1 oder in Richtung einer TH-2 gerichteten Immunantwort stimuliert werden. Die Stimulierung in Richtung einer TH-1 Immunantwort bedeutet, dass das Immunsystems so stimuliert wird, dass es erfolgreich vor Infektionen schützt. Das Problem in der westlichen Welt ist, dass, im ungünstigen Fall, das Immunsystem in Richtung einer TH-2 Überreaktion stimuliert wird. Das ist eine Atopische Reaktion, die z.B. mit Asthma und Allergien einhergeht.

Die Metabiotika  haben einen positiven Einfluss auf die frühkindliche Prägung unseres Immunsystems in Richtung einer TH-1 gerichteten Immunantwort. Durch die Wirkansätze bei den T-regulatorischen Zellen, die die "Waage" in die eine oder andere Richtung bringen können, sind die Metabiotika in der Lage, die Synthese von antientzündlichen Entzündungsbotenstoffen zu begünstigen. Gleichzeitig können sie entzündungsfördernde Botenstoffe runter regulieren und das Immunsystem u.a. durch Interferon gamma, aber auch durch bakterizide (bakterienabtötende) Substanzen, die die Metabiotika selbst herstellen, in die richtige Richtung bringen. Mittlerweile verfügen wir über ein ganzes Instrumentarium von Anwendungsmöglichkeiten für Probiotika & Co. - und wöchentlich kommen neue hinzu.


Was ist bei Allergien und Unverträglichkeiten wirksamer, probiotische Medikamente oder die "normalen" Milchprodukte, wie z.B. Joghurt?

Man würde in Bezug auf Probiotika bzw. Metabiotika nicht von "Medikamenten" sprechen, sondern von probiotischen Nahrungsergänzungsmitteln. Diese enthalten jedoch so hohe Dosierungen an kolonieformenden Einheiten, das ist die Maßeinheit für probiotische Bakterien, dass sie wie Medikamente wirken. Deshalb werden sie in der Allergiebehandlung bzw. zur Behandlung von Nahrungsmittelunverträglichkeiten eingesetzt.

Eine übliche Verzehrmenge an normalem Kefir oder Joghurt entspricht ca. 100 ml. Diese Menge an Joghurt oder Kefir enthält ca. 105 kolonieformende Einheiten der milchsäurebildenenden Bakterien. Ein probitiosches Präparat in Pulverform oder als Granulat enthält dagegen 109 bis 1011 kolonieformende Einheiten. Erst in dieser Größenordnung entfaltet sich die therapeutische Wirksamkeit und in dieser Dosierung werden die milchsäurebildenden Bakterien auch bei anderen entzündlichen Erkrankungen, z.B. bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder akuter infektiöser Gastroenteritis, d.h. Brech-Durchfall, eingesetzt.

Das heißt also es reicht nicht aus, einfach Joghurt zu essen, um eine Allergie wirksam zu behandeln?

Eine Studie, die Prof. Schretzenmeir in Kiel an Senioren durchgeführt hat, zeigte, dass man täglich 1 kg Joghurt – das entspricht einem Liter - zu sich nehmen müsste, um dem Darm eine Menge an milchsäurebildenden Bakterien zuzuführen, die eine entsprechende therapeutische Wirkung erzielt. Natürlich ist der Verzehr von Joghurt und Kefir immer sinnvoll. Für eine wirksame Intervention benötigt man allerdings größere Mengen oder eben entsprechende probiotische Präparate.

 

 

Warum werden Probiotika & Co. unter Experten kontrovers diskutiert?

Die Probiotika enthalten Substanzen, die teilweise noch  vermehrungsfähig sind. Bei Baterienlysaten ist dies nicht der Fall. In Insiderkreisen wird deshalb diskutiert, ob die Bakterienlysate wirksam sein können, obwohl sie keine vermehrungsfähigen Bakterien enthalten. Dem zugrunde liegt die These, dass nur die lebenden Bakterien eine nutzenbringende Wirkung entfalten können. In diesem Zusammenhang wird auch diskutiert, ob die Probiotika die Passage durch den Magen überhaupt überleben, denn der Magensaft enthält ja Salzsäure, die alles abtötet.

Eine andere Fraktion in der wissenschaftlichen Gemeinde argumentiert, dass bereits die Bakterienbestandteile, das sind z.B. bakterielle Endotoxine aus den Zellwänden der gramnegativen Bakterien, ausreichen, um eine Immunmodulation zu bewirken, auch wenn sie nicht in einer vermehrungsfähigen Form verabreicht werden. Hier setzt auch die sogenannte Hygienehypothese an.


Wie genau lassen sich Metabiotika zur Behandlung von Allergien einsetzen?

Im Prinzip können Probiotika in jedem Lebensalter positive Kräfte entfalten. Das gilt sowohl für die Prävention im Säuglingsalter, z.B. bei Kindern atopischer Eltern, als auch bei der Therapie bestehender Allergien – es gibt auch Studien zum Einsatz von Probiotika bei Erwachsenen mit Heuschnupfen.

Auch als Präventionsmaßnahme in der "Erkältungssaison" haben sie sich bewährt. Nicht umsonst hat der Nobelpreisträger, Ilya Ilitch Metchnikov, seinerzeit anhand der Bevölkerung von Bulgarien festgestellt, dass die Menschen, die täglich große Mengen an Kefir und Sauermilch zu sich nehmen häufig über 100 Jahre alt werden und sich guter Gesundheit erfreuen.

Innerhalb der Prävention gibt es unterschiedliche Anwendungsmöglichkeiten der Metabiotika - es gibt die Primärprävention, die Sekundärprävention und die Tertiärprävention. Primärprävention bedeutet, dass man das Ausbrechen der Krankheit verhindert. Bei der Sekundärprävention versucht man bei vorhandener Veranlagung für eine bestimmte Erkrankung das Ausbrechen zu verhindern. Bei der Tertiärprävention wird versucht, den Patienten bei einer bereits vorhandenen Erkrankung bei der Heilung zu unterstützen und Rückfälle zu verhindern. Metabiotika unterstützen bei allen drei Präventionsarten, und dies nicht allein bei allergischen Erkrankungen, sondern z.B. auch bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen oder Gastroenteritis (Brechdurchfall).

 

 

Es gibt mittlerweile sogar Erkenntnisse, dass der Einsatz von Metabiotika bei Antibiotika-assoziierter Gastroenteritis wirksam ist. Das ist dann der Fall, wenn ein Patient nach der Einnahme von Antibiotika unter Darmproblemen und Durchfällen zu leiden hat. Bei gleichzeitiger Einnahme von Antibiotika und Metabiotika lassen sich diese Beschwerden verhindern. Das ist insofern eine spannende Erkenntnis, als man früher der Meinung war, man könne nicht zeitgleich mit der Antibiotikabehandlung mit Metabiotika therapieren. Man ging davon aus, dass man mit der metabiotischen Darmrekonstitution bis zum Abschluss der Antibiotikatherapie warten muss, aber dies ist offensichtlich nicht der Fall. 

Hält die Wirkung von Metabiotika dauerhaft an oder muss die Behandlung regelmäßig wiederholt werden?

Grundsätzlich kann man sagen, dass die Aussicht auf eine Wirksamkeit der Behandlung umso größer ist, je länger sie erfolgt. Allerdings vaiiert auch die Wirksamkeit von Probiotika mit dem Lebensalter. Eine Allergentoleranz-induzierende nachhaltige Wirkung erzielt man in prägungssensiblen Lebensabschnitten - man bezeichnet das auch als "window of oportunity" ("Gelegenheitsfenster"). Dabei handelt es sich wahrscheinlich um die ersten Lebensmonate, aber auch um die Zeit der Schwangerschaft. Man spricht hier von "fetaler Programmierung", d.h. von der Prägung des Kindes im Mutterleib durch Umwelteinflüsse, durch die Nahrung der Mutter, Genetik etc. die das immunologische "Rüstzeug" des Kindes beeinflussen.

Diese Idee steckt auch hinter der Hygiene-Hypothese, die besagt, dass Kinder, die auf Bauernhöfen aufwachsen, weniger Allergien entwickeln, als andere Kinder – dies wurde auch in Studien nachgewiesen. Probiotisch arbeitende Wissenschaftler greifen diese Idee auf und behandeln Babies, die nicht auf Bauernhöfen groß werden, in den ersten Lebensmonaten möglichst lange und häufig mit Bakterienlysaten oder Symbiotika. Dadurch soll die natürliche Toleranzentwicklung simuliert werden.

Säuglingsnahrung ist heutzutage häufig mit Probiotika & Co. angereichert. Sollten Eltern atopischer Kinder diese Produkte bevorzugen?

Nach aktueller Datenlage ist es ganz klar, dass sich Probiotka vorteilhaft auf die Vermeidung von Allergien auswirken. Für den Einsatz von Metabiotika spricht auch, dass sie auf keinen Fall schaden, es ist gut verträglich und stimuliert die Immunregulation. Außerdem gibt es kaum noch Säuglingsnahrungen, die keine metabiotischen Zusätze enthalten.

Eltern können aber noch etwas tun, um das Allergierisiko ihres Kindes zu senken. Die Hygiene-Hypothese hat gezeigt, wie wichtig die Lebensumstände sind, unter denen ein Kind aufwächst. Ein "zu viel" an Sauberkeit und Desinfektionsmitteln kann dazu führen, dass der Darm des Kindes trotz Metabiotika  keine gesunde Bakterienbesiedlung entwickeln kann. Eine gewisse Großzügigkeit der Eltern im Umgang mit Zivilisationshygiene ist deshalb von Nutzen für das Kind. Die etwas "schmuddeligeren" Kinder sind oftmals die "gesünderen" Kinder - hier müssen wir lernen, umzudenken.

Herr Prof. Rose, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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