spezifische Immuntherapie Allergieimpfung

Prof. Stefan Zielen, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitäts-Klinikum Frankfurt

Spezifische Immuntherapie: Wann hilft die Allergie-Impfung?

Unter der Leitung von Prof. Stefan Zielen, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Universitäts-Klinikum Frankfurt, fand am 28. November 2015 der Frankfurter Pädiatrietag statt. Mit seinem Vortrag „Spezifische Immuntherapie bei allergischen Erkrankungen“ gab Prof. Zielen einen umfassenden Überblick über den aktuellen Stand der Forschung und Praxis dieser einzig ursächlich ansetzenden Therapie bei Allergien der Atemwege.

Der allergische Marsch: Oft bleibt es nicht bei einer Allergie allein!

Typischerweise beginnt der allergische Marsch mit der Haut in Form von Neurodermitis, dann entwickelt sich ein Heuschnupfen und am Ende steht das allergische Asthma. Doch nicht immer verläuft der allergische Marsch linear, denn ein Asthma kann auch als allergische Ersterkrankung auftreten und der allergische Marsch kann auch bei der Neurodermitis „stehen bleiben“. Oft kommt es jedoch zu einem parallelen Auftreten aller drei Erkrankungen – ein massive Einschränkung der Lebensqualität bei den betroffenen Kindern.


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Spezifische Immuntherapie – Allergie-Impfung: Wie kann sie helfen?

Klar ist: Die spezifische Immuntherapie (SIT) moduliert das Immunsystem und hat eine modifizierende Wirkung auf den allergischen Marsch. Das bedeutet, die spezifische Immuntherapie kann zum einen eine Ausweitung des Allergenspektrums verhindern, z.B. zur Allergie gegen Frühblüher noch eine Allergie gegen Gräserpollen oder zur Pollenallergie noch eine Allergie gegen Hausstaubmilben. Zum anderen kann die SIT einen Etagenwechsel verhindern, d.h. die Ausweitung auf ein weiteres Organsystem, z.B. von der Pollenallergie zum Asthma.  

Nach wie vor ist jedoch unklar, welche Mechanismen hinter der Wirkung der spezifischen Immuntherapie stecken und nicht in jedem Fall ist die spezifische Immuntherapie erfolgreich. Je nach Allergen liegen die Erfolgsraten zwischen 70 und 90 Prozent, wobei sich die Erfolgsrate von 90 Prozent auf die SIT gegen Allergien auf Bienengift oder Wespengift bezieht.

Da das Immunsystem immer auf Gefahr reagiert, kommt  es typischerweise zu einer starken Immunreaktion gegenüber Bakterien und Viren. Allergene wie Birken-, Gräser und Schimmelpollen oder Milbenantigen werden vom Immunsystem kaum erkannt, die Immunreaktion ist entsprechend schwach. Die ausgesprochen hohe Erfolgsquote bei der SIT gegen Bienen- oder Wespengiftallergie könnte etwas damit zu tun haben, dass diese Allergene deutlich gefährlicher sind, als andere Allergene, wie z.B. Pollen oder Milben. Bei Bienengift-Allergikern und Wespengift-Allergikern kann es durch einen entsprechenden Insektenstich zu schweren anaphylaktischen Reaktionen kommen, denn das Immunsystem reagiert immer auf die Gefahr. Dies könnte für die gute Immunantwort bei der SIT gegen Bienengift und Wespengift verantwortlich sein.

Bei 10 bis 30 Prozent der behandelten Patienten hat die spezifische Immuntherapie allerdings nicht den erhofften Erfolg. Eindeutige Prädiktoren dafür, ob eine SIT einen positiven Effekt hat oder nicht gibt es bisher nicht. Eventuell sind die Erfolgschancen bei Monosensibilisierungen größer als bei multiplen Sensibilisierungen.

Spezifische Immuntherapie (SIT): Wie lange hilft sie und wem?

Die Nachhaltigkeit der spezifischen Immuntherapie ist belegt. Studien haben einen Langzeiteffekt zwischen 7 und 15 Jahren nachgewiesen.
Allerdings wirkt die SIT umso besser, je früher im Krankheitsprozess sie eingesetzt wird. Deshalb sind die Erfolgsaussichten, einen Etagenwechsel bei Kindern durch eine spezifische Immuntherapie zu verhindern, deutlich größer, als bei Erwachsenen. Bei Erwachsenen besteht die Allergie zum einen oft schon seit Jahrzehnten und zum anderen liegt oft eine breite Sensibilisierung vor, ohne dass tatsächlich auch eine relevante Allergie besteht, was die Auswahl des Extraktes erschwert.


Subkutane (SCIT) oder Sublinguale Immuntherapie (SLIT): Was ist die richtige Therapie?   

Die klassische spezifische Immuntherapie erfolgt subkutan, d.h. durch regelmäßige Spritzen, für die der Patient in die Praxis kommen muss. Die Allergene werden unter die Haut gespritzt und lösen so die Toleranzentwicklung in den regulatorischen T-Zellen aus.

Bei der spezifischen Immuntherapie mit Tabletten, bei der durch eine Stimulierung der Langerhans Zellen eine Toleranz erzeugt wird, zeigen Studien mittlerweile ebenfalls eine immer bessere Evidenz. Ein Vorteil der SLIT: Die Tabletten kann der Patient selbst einnehmen, eine Vorstellung beim Arzt ist nicht nötig.

Da bei beiden Formen der spezifischen Immuntherapie eine gute Wirksamkeit belegt ist, kommt es bei der Frage: „SCIT oder SLIT“ eher auf die persönlichen Umstände und die Compliance des Patienten an. Voraussetzung für die Wirksamkeit der SLIT ist eine regelmäßige Einnahme der Tablette, bei manchen Produkten sogar ganzjährig. Es hängt also von der Selbstdisziplin des Patienten ab, und bei Kindern von der Disziplin der Eltern, ob die SLIT erfolgreich wirken kann oder nicht.

Ist diese Disziplin nicht gegeben, kann die SCIT, z.B. als Kurzzeittherapie, die erfolgreichere Maßnahme sein. Besteht bei den Kindern hingegen eine starke Angst vor Spritzen oder ist die nächste Arztpraxis zu weit vom Wohnort entfernt, wäre sicher die SLIT eine gute Option.

Langzeittherapie oder Kurzzeittherapie bei der spezifischen Immuntherapie (SIT): Was wirkt besser?

Grundsätzlich ist die spezifische Immuntherapie eine Langzeittherapie. Über mindestens drei Jahre erhält der Patient regelmäßig Injektionen des relevanten Allergenextraktes unter die Haut. Neue Ansätze machen es mittlerweile möglich mit einer Kurzzeittherapie bestehend aus zwischen 4 und 7 präsaisonalen Injektionen Schutz zu erzeugen. Die Wirkung dieser Kurzzeittherapien ist abhängig von der Applikationsart, dem relevanten Allergen, eventuell von der Dosis und dem Adjuvans.

Im Zusammenhang mit der Applikationsart haben Untersuchungen gezeigt, dass die Applikation des Allergenextrakts in die Lymphknoten, in denen die Immunreaktionen überwiegend stattfinden, die Therapie auf nur zwei Injektionen reduzieren kann. Die Lymphknoten-SIT steht für den klinischen Alltag allerdings noch nicht zur Verfügung.

Bei den Allergenextrakten wurde bisher überwiegend Aluminium als Adjuvans genutzt. Seit einigen Jahren setzt man hierfür auch Allergoide, d.h. chemisch modifizierte Allergene wie MPL (Monophosphoryl-Lipid A) ein, die die Immunantwort verstärken, damit die Therapiezeit verkürzen und weniger Nebenwirkungen mit sich bringen.

Spezifische Immuntherapie (SIT) bei Asthma: Eine Therapieoption?

Nicht nur zur Behandlung der allergischen Rhinitis, sondern auch zur Behandlung von allergischem Asthma ist die SIT geeignet. In Untersuchungen konnte man sehen, dass die Behandlung die Symptome und den Medikamentenverbrauch von Asthmatikern reduzieren kann. Eine aktuelle Studie an Kindern mit chronisch persistierendem Asthma hat gezeigt, dass die SCIT bei über 60 Prozent der Studienteilnehmer den Kortisonbedarf der Patienten deutlich senken konnte.  

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