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spezifische Immuntherapie Kinder

Dr. Katja Nemat, Fachärztin für Kinderpneumologie und Allergologie am Kinderzentrum Dresden-Friedrichstadt (Kid) und Mitglied des Vorstands beim Ärzteverband Deutscher Allergologen e.V. (AeDA)

Spezifische Immuntherapie (SIT) bei Kindern – was sollte man wissen?

Ein spannender Vortrag erwartete die Teilnehmer, die sich im Rahmen der Veranstaltung „Allergologie im Schloss Wackerbarth“ am 10. Juli 2015 in Dresden trafen. Dr. Katja Nemat, Fachärztin für Kinderpneumologie und Allergologie am Kinderzentrum Dresden-Friedrichstadt (Kid) und Mitglied des Vorstands beim Ärzteverband Deutscher Allergologen e.V. (AeDA) stellte in ihrem Vortrag die Besonderheiten der spezifischen Immuntherapie beim Kind vor. Dabei ging sie auch auf die Historie der spezifischen Immuntherapie ein.

Autor: Sabine Jossé M.A.

Interviewpartner: Dr. Katja Nemat

Der allergische Marsch ist ein Modell in der Allergologie, das lange als feste Abfolge gesehen wurde. Man verortete ihn in den ersten drei Lebensdekaden und ging davon aus, dass er in einer bestimmten Reihenfolge im Abstand von Jahren abläuft. Nach dieser Theorie begann der allergische Marsch mit einer Nahrungsmittelallergie, dann folgte die Neurodermitis und später kamen Asthma oder allergische Rhinitis hinzu.

Eine neue Entwicklung bzw. eine Beschleunigung der Abfolge des atopischen Marsches zeigt sich bei Kindern. Zwar treten nach wie vor häufig bereits im ersten Lebensjahr Nahrungsmittelallergie und Neurodermitis auf, zunehmend kommen jedoch relativ früh, schon ab zwei bis drei Jahren, ein allergisches Asthma oder eine Pollenallergie hinzu – die Patienten werden immer jünger.  

Spezifische Immuntherapie – schon seit über 100 Jahren bekannt

Die Spezifische Immuntherapie, auch Allergieimpfung oder Hyposensibilisierung genannt, hat bereits ihr 100. jähriges Jubiläum gefeiert hat. Es hat lange gedauert, bis sie sich als Standardtherapie in der Allergologie durchgesetzt hat, obwohl die Effektivität der Therapie schon in den ersten Studien deutlich wurde. Einer der Gründe dafür, war die Umständlichkeit des Verfahrens. „Man hat in den 50er Jahren Mischextrakte aus 40 verschiedenen Pollenarten in extremer Verdünnung genutzt und dreimal wöchentlich behandelt. Die Erhaltungsdosis war erst nach ca. sechs Monaten erreicht und danach wurde vier Jahre lang alle zwei Wochen behandelt.“ erklärte Dr. Katja Nemat. Für die Patienten war diese Prozedur sicher nicht angenehm – hinzu kamen unerwünschte Nebenwirkungen. Seit dieser Zeit und speziell seit den 80er Jahren wurde das Therapieverfahren jedoch kontinuierlich weiterentwickelt zu einer modernen, sicheren Behandlung mit vielfältigen Möglichkeiten.

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Kann die spezifische Immuntherapie den atopischen Marsch verhindern?

Man weiß, dass die spezifische Immuntherapie bei allergischer Rhinitis, Asthma und Insektengiftallergie eine effiziente und nachhaltige Wirkung hat, eine Schutzwirkung stellt sich relativ rasch nach Therapiebeginn ein. Es ist jedoch wichtig, die Behandlung fortzuführen, um diese Schutzwirkung auch zu erhalten und eine echte Toleranzentwicklung zu erzeugen. Erst gegen Ende des ersten Behandlungsjahres tritt dieser Effekt ein und erst im zweiten bzw. dritten Behandlungsjahr stabilisiert sich dieser Effekt.

Besteht bereits ein Asthma oder eine Pollenallergie haben Studien gezeigt, dass sich mit einer spezifischen Immuntherapie die Symptomatik und der Medikamentenverbrauch reduzieren lassen. In diesen Untersuchungen hat man auch nachgewiesen, dass der Effekt auf Allergische Rhinitis und Heuschnupfen selbst 12 Jahre nach Ende der Immuntherapie noch anhielt.

Ebenso können durch die spezifische Immuntherapie bei einer signifikanten Anzahl der Patienten weitere Sensibilisierungen verhindert werden – dies konnten mehrere Studien zeigen. Es lässt sich auch bei einem Teil der Kinder durch eine Hyposensibilisierung aufhalten, dass sich aus einem Heuschnupfen ein Asthma bronchiale entwickelt. „Die spezifische Immuntherapie sollte bei Kindern unbedingt sehr früh eingesetzt werden, d.h. innerhalb von 12 bis 24 Monaten nach der Manifestation und eindeutigen Diagnose der Allergie“ empfiehlt Dr. Nemat, „auch wenn in vielen Positionspapieren steht, dass die Allergie zwei Jahre nach Manifestation beobachtet werden sollte – wir müssen gerade bei Kindern die frühen präventiven Effekte nutzen. Der Trend geht in Zukunft vielleicht sogar zur prophylaktischen Behandlung bei gerade erst festgestellter Sensibilisierung.“

Was macht eine spezifische Immuntherapie erfolgreich?

Die Qualität des Allergenextraktes ist ein maßgeblicher Faktor für den Erfolg der spezifischen Immuntherapie. Hierzu gibt die neue SIT-Leitlinie wertvolle Hilfestellungen. „Die neue Leitlinie empfiehlt, dass für eine erfolgreiche SIT die Wirksamkeit des Extraktes für die jeweilige Indikation und das zur Anwendung geplante Präparat nachgewiesen sein muss“ betonte Dr. Nemat. Die Fragestellung ob eine subkutane (SCIT) oder eine sublinguale spezifischen Immuntherapie (SLIT) durchgeführt werden sollte, hat somit keine Priorität.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist eine gute Therapieadhärenz des Patienten und bei Kindern gilt es diese Frage auch für die Eltern zu klären. Nur die konsequente Durchführung der Therapie über drei Jahre – und auch vier oder fünf Jahre können im Hinblick auf eine optimale Symptomverbesserung sinnvoll sein - führt zu einer langanhaltenden Toleranzentwicklung. „Letztendlich ist es auch bei der SIT wichtig, Aufwand und Nutzen für den Patienten gegeneinander abzuwägen“ betonte Dr. Nemat.   

Wann kann die spezifische Immuntherapie beim Kind frühestens durchgeführt werden?

Ausschlaggebend für eine erfolgreiche SIT beim Kind ist, dass das Kind ein gewisses Verständnis für die Maßnahme und eine gewisse Kooperation mitbringt. „Oft ist die Gabe von Tropfen bei kleinen Kindern schwieriger, als eine Spritze zu verabreichen“ berichtete Dr. Nemat. „Ab dem Vorschulalter ist die SIT bei den meisten Kindern in allen Darreichungsformen sehr gut möglich, bei guter Kooperation auch schon früher“ ergänzte Dr. Nemat.

Was spricht gegen die SIT beim Kind?

Eine Voraussetzung für die SIT beim Kind ist, dass kein unkontrolliertes Asthma vorliegt. „Die Entscheidung, ob eine SIT beim Kind sinnvoll ist, sollte nach der klinisch-allergologischen Einschätzung getroffen werden“ betonte Dr. Nemat.

Zu den Kontraindikationen der SIT zählen z.B. auch floride Autoimmunerkrankungen, schwere allgemeine Erkrankungen, Immundefekte und maligne Erkrankungen. Bei der sublingualen Immuntherapie (SLIT) gehören Entzündungen der Mundhöhle, z.B. Aphten, zu den Kontraindikationen. „Auch Kinder mit schweren Nahrungsmittelallergien, vor allem bei gastrointestinalen Symptomen, vertragen nach meiner eigenen Erfahrung die SLIT eher schlecht“ kommentierte Dr. Nemat.     

Welche Nebenwirkungen kann die spezifische Immuntherapie haben?

Eine häufige Nebenwirkung bei der subkutanen Immuntherapie sind gesteigerte Lokalreaktionen an der Einstichstelle, die mit Antihistaminika behandelt werden können und im Behandlungsverlauf abnehmen. Systemische Reaktionen sind selten. Zur Vermeidung ist vor allem auf eine optimale Kontrolle eines möglicherweise bestehenden Asthma bronchiale zu achten. Auch sollte am Tag der Injektion kein Sport getrieben werden.

Bei der sublingualen Immuntherapie sind Nebenwirkungen im Mundbereich häufiger, insbesondere bei Therapiebeginn. Oft gehen diese Symptome im Behandlungsverlauf, innerhalb ca. 30 Tagen, ebenfalls zurück. Wichtig ist, den Patienten auf die möglichen Symptome gut vorzubereiten. Bei einem Teil der Kinder, bei ca. 10 bis 15 Prozent, treten auch gastrointestinale Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen auf.

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.