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Spezifische Immuntherapie SIT Kinder

Prof. Dr. Ulrich Wahn, Direktor a.D. an der Klinik für Pädiatrie Pneumologie/Immunologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin

SIT bei Kindern: Ab wann ist eine spezifische Immuntherapie möglich?

Ein Leben mit Allergien wollen Eltern ihren Kindern gerne ersparen. Mit der spezifischen Immuntherapie (SIT) gibt es eine Therapieoption, die eine ursächliche Behandlung ermöglicht. Aber: Eignet sich eine spezifische Immuntherapie auch zur Behandlung von Kindern? Ab welchem Alter ist eine SIT möglich? Was sollten Eltern vorher wissen? MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. Ulrich Wahn, Direktor a.D. an der Klinik für Pädiatrie Pneumologie/Immunologie an der Charité Universitätsmedizin Berlin über seine Empfehlungen.

Herr Prof. Wahn, unter welchen Umständen empfehlen Sie Eltern, ihr Kind mit einer spezifischen Immuntherapie behandeln zu lassen und ab welchem Alter  ist dies möglich?

Die spezifische Immuntherapie ist, wie auch die medikamentöse Behandlung, mit den Leitlinien und der Zulassung der Präparate sehr klar geregelt. Dementsprechend kann die spezifische Immuntherapie bei einer etablierten Atemwegsallergie ab dem 6. Lebensjahr verordnet werden.

Viele Kinderallergologen beschäftigen sich zurzeit mit der Frage, ob die modernen Formen der Allergenapplikation über die Zunge dazu geeignet sein könnten, einen sehr frühzeitigen Einsatz der spezifischen Immuntherapie zu ermöglichen. Hierzu werden aktuell verschiedene Studien durchgeführt.

Was bedeutet „früh“ im Zusammenhang mit der spezifischen Immuntherapie?

Über einen sinnvollen frühen Zeitpunkt für die spezifische Immuntherapie wird noch diskutiert. Aktuelle Studien untersuchen Kinder zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr - erste Studien aus Australien haben den Einsatz der SIT im zweiten Lebensjahr untersucht.

Es gibt jedoch auch Überlegungen, ob man bei Hochrisikokindern bereits im Säuglingsalter mit einer spezifischen Immuntherapie beginnen könnte.


Die spezifische Immuntherapie wird über einen relativ langen Zeitraum durchgeführt, warum?

Die empfohlene Zeitspanne von drei Jahren für die Durchführung der spezifischen Immuntherapie resultiert aus den vorhandenen Studienergebnissen. Diese zeigen, dass durch die Behandlung schon im ersten Jahr  ein Effekt auf Medikamentenverbrauch und  Beschwerdeniveau zu verzeichnen ist. Dieser Effekt lässt sich intensivieren, wenn die Behandlung über drei Jahre fortgeführt wird und hält erfreulicherweise an, auch nachdem die Immuntherapie abgeschlossen wurde.

Eine Behandlung über drei Jahre fordert von allen Beteiligten eine gewisse Disziplin. Was sollten die Eltern wissen, bevor sie sich für die SIT ihres Kindes entscheiden?

Ich denke Kinderärzte sind gut beraten, wenn sie die Problematik der Behandlungstreue sehr offen mit den Eltern besprechen.

Eine spezifische Immuntherapie ist eine sehr anspruchsvolle Behandlung und egal, ob man sich für eine Spritzenbehandlung, für eine Allergentablette oder für Tropfen entscheidet, in jedem Falle muss jemand die Verantwortung für die Therapietreue tragen. Entscheiden sich die Eltern für eine Spritzentherapie, trägt der behandelnde Arzt diese Verantwortung. Bei der sublingualen Immuntherapie mit Allergentabletten oder –tropfen, liegt die Verantwortung beim Kind bzw. den Eltern. Das bedeutet, die sublinguale Immuntherapie fordert eine noch stärkere Disziplin von den Familien.

Wie gehen die Betroffenen mit diesen Anforderungen um?

Jüngste Studien zeigen, dass das Durchhalten der Behandlung über drei Jahre noch nicht zufriedenstellend umgesetzt wird. Noch zu viele Patienten bleiben bei der spezifischen Immuntherapie nicht konsequent, behandeln unvollständig oder sie brechen die Behandlung zu früh ab.

Bei einem zu frühen Abbruch der spezifischen Immuntherapie sieht man zwar dennoch manchmal einen Effekt. Der gewünschte Langzeiteffekt im Sinne der Modifizierung der Erkrankung sieht man in der Regel dann nicht.


Auch bei der spezifischen Immuntherapie kann es zu unerwünschten Begleitreaktionen kommen…

Bei der spezifischen Immuntherapie kann es zu Nebenwirkungen kommen, die aus der Konfrontation mit dem Allergen resultieren. Die modernen Allergenextrakte, die bei der SIT eingesetzt werden, sind sehr gut standardisiert, was eine befriedigende Sicherheit der Behandlung gewährleistet. Dennoch können alle Beschwerden, die in einem natürlichen Umfeld durch die Allergenexposition ausgelöst werden können, z.B. durch bestimmte Pollen, auch im Rahmen der spezifischen Immuntherapie auftreten. Dies können Lokalreaktionen aber auch allergische Allgemeinreaktionen sein, wie z.B. Nießen, eine blockierte Nase, Hautquaddeln oder, in seltenen Fällen, auch Asthma. Theoretisch kann es auch zu einer Anaphylaxie kommen – Einzelfälle sind beschrieben. Ich selbst habe dies in 40 Jahren allerdings noch nie erlebt.

Lassen sich allergische Symptome im Rahmen der SIT unterdrücken?

Wie bei Erwachsenen auch lassen sich die Allergiesymptome bei Kindern durch entsprechende Medikamente unterdrücken. Ich halte es für sinnvoll, zunächst die etwaigen Nebenwirkungen zu sehen und dann erst entsprechend zu reagieren. Antihistaminika können jedoch auch prophylaktisch, vor der Allergenverabreichung, gegeben werden. In jedem Fall sollte der Arzt nach jeder Applikation sorgfältig dokumentieren, ob und welche Symptome auftreten und stets nachfragen, ob die vorherige Gabe gut vertragen wurde.  

In einer Studie1) konnte gezeigt werden, dass man bei Kindern bereits Jahre vor dem ersten Auftreten allergischer Symptome Immunglobulin E im Blut feststellen kann, ist eine möglichst frühe spezifische Immuntherapie sinnvoll?

Die Risikokinder für die Entwicklung einer späteren bleibenden Atemwegserkrankung erkennt man meist bereits in den ersten zwei Lebensjahren. Hinweise können die elterliche Veranlagung, eine Frühmanifestation allergischer Symptome, z.B. an der Haut oder eine Nahrungsmittelallergie sein. Versucht man dann über einen Allergietest zu ermitteln, ob sich eine allergische Sensibilisierung „zusammenbraut“ kann man anhand all dieser Kriterien eine Risikoabschätzung vornehmen.     

Deshalb beschäftigt man sich mit der Frage, ob diese Risikokinder von einer frühen Immuntherapie profitieren könnten. Ob dies erfolgreich sein wird, müssen wir abwarten – zunächst muss die wissenschaftliche Evidenz nachgewiesen werden.

In der klinischen Praxis wird eine solch frühe Immuntherapie aber noch nicht durchgeführt?

Für die frühestmögliche Durchführung der spezifischen Immuntherapie gilt die bereits genannte Angabe der Leitlinie „ab dem 6. Lebensjahr“. Alles andere wäre eine „off label“-Therapie, für die auch kein Anspruch auf die Kostenübernahme durch die gesetzlichen Krankenkassen besteht.

Herr Prof. Wahn, herzlichen Dank für dieses Interview!

Quellen:

1)    Molecular spreading and predictive value of preclinical IgE response to Phleum pratense in children with hay fever, Laura Hatzler, Valentina Panetta, Susanne Lau, Petra Wagner, Renate L. Bergmann, Sabina Illi, Karl E. Bergmann, Thomas Keil, Stephanie Hofmaier, Alexander Rohrbach, Carl Peter Bauer, Ute Hoffman, Johannes Forster, Fred Zepp, Antje Schuster, Ulrich Wahn, Paolo Maria Matricardi, October 2012, Journal of Allergy and Clinical Immunology Vol. 130, Issue 4, Pages 894-901.e5

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