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Nicht-allergische Rhinitis

Priv.-Doz. Dr. med. Sven Becker: Nicht-allergische Rhinitis - allergieähnliche Symptome, aber keine Allergie!

Nicht-allergische Rhinitis: Allergieähnliche Symptome, aber keine Allergie!

Die Nase läuft, die Augen brennen und Atemnot – typische Symptome einer Allergie, sollte man meinen. Doch es gibt auch Menschen, bei denen zwar allergieähnliche Symptome auftreten, die jedoch keinerlei Sensibilisierung aufweisen und die somit auch keine Allergie haben. In Bezug auf die Nase spricht dann von einer „Nicht-allergischen Rhinitis“. Bei Patienten ist dieses Krankheitsbild oft nicht bekannt und die Diagnose ist oft mehr als schwierig.  MeinAllergiePortal sprach mit Priv.-Doz. Dr. med. Sven Becker, MHBA, leitender Oberarzt und stellvertretender Ärztlicher Direktor an der Klinik für Hals-, Nasen- u. Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen.  

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Priv.-Doz. Dr. med. Sven Becker

Herr Privatdozent Becker, was ist eine Nicht-allergische Rhinitis?

Die "Nicht-allergische Rhinitis" bezeichnet eine chronische Form der Entzündung der nasalen Schleimhaut, der weder eine allergische noch eine infektiöse Ursache zugrunde liegt und die mit einer Reihe unspezifischer Schleimhautbeschwerden einhergeht. Bei betroffenen Patienten reagieren die Schleimhäute auf diverse Umweltreize empfindlich und mit allergieartigen Symptomen, obwohl es sich nicht um eine Allergie handelt.

Folgende Formen der Nicht-allergischen Rhinitis werden unterschieden:

  • Altersrhinitis: Vor allem starkes Naselaufen im höheren Alter
  • Gustatorische Rhinitis: Nasale Beschwerden beim Genuß scharfer Speisen
  • Medikamenteninduzierte Rhinitis: Nasale Beschwerden durch Einnahme unterschiedlichster Wirkstoffgruppen, z.B. bei Langzeiteinnahme von abschwellenden Nasensprays, Nicht-steroidale Anti-Rheumatika (ASS), Sympatholythika, ACE-Hemmer, Beta-Blocker
  • Hormonell bedingte Rhinitis: In der Schwangerschaft
  • Berufsbedingte Rhinitis: Durch Exposition gegenüber unterschiedlichen Stoffen am Arbeitsplatz
  • Idiopathische Rhinitis: Macht ca. 50 Prozent der Nicht-allergischen Rhinitiden aus und kann durch unterschiedlichste Trigger wie starke Gerüche, Parfüms, Temperaturwechseln, Zigarettenrauch, Luftverschmutzung ausgelöst werden

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Wie häufig ist die Erkrankung „Nicht-allergische Rhinitis“?

Unspezifische Schleimhautbeschwerden wie sie im Rahmen der Nicht-allergischen Rhinitis aber auch bei anderen Formen der nasalen Schleimhautentzündung vorkommen sind häufig. Die Diagnose ist allerdings nicht so einfach und wird dementsprechend erst nach Umwegen gestellt. Deshalb kann es auch bei manchen Patienten sehr lange dauern, bis ihnen geholfen wird.

Wie sehen die Symptome beim "Nicht-allergischer Rhinitis" aus – wie äußert sich das?

Von den unspezifischen Symptomen können die Schleimhäute der Nase, der Augen oder der Bronchien betroffen sein. Ist die Nase betroffen, spricht der Arzt von einer unspezifischen Rhinitis.

Symptome der Nicht-allergischen Rhinitis sind:

  • Laufende Nase
  • Niesreiz
  • Verstopfte Nase
  • Oder alles zusammen

Sind die Augen betroffen spricht man von einer unspezifischen Konjunktivitis.

Mögliche Symptome Im Bereich der Augen sind:

  • Tränende Augen
  • Gerötete Augen
  • Brennende Augen

Das Brennen ist eher ein Hinweis auf eine nicht-allergische Ursache. Juckreiz in den Augen spricht mehr für Allergie, denn bei einer Allergie schütten die Mastzellen Histamin aus und das Histamin provoziert den Juckreiz der Bindehäute.

Auch die Bronchien können betroffen sein: Die Bronchien reagieren dann überempfindlich auf die genannten Reize, ziehen sich zusammen und es kommt zu gereizten Atemwegen. Die Diagnose lautet hier "unspezifische bronchiale Hyperaktivität" und gilt als Vorstufe oder Basis eines Bronchialasthmas.

Mögliche Symptome die die Bronchien betreffen sind:

  • Schweratmigkeit
  • Atemnot
  • Husten

Wie wird die Diagnose „Nicht-allergische Rhinitis“ gestellt?

Die wichtigste Maßnahme bei der Diagnose einer Nicht-allergischen Rhinitis ist eine intensive Anamnese, bei dem der Arzt sich viel Zeit nehmen muss. Danach folgt eine erweiterte allergologische Abklärung z.B. mit sogenannten Provokationstests. Nur so kommt man hier zu einer verlässlichen Einschätzung.

Ein Arzt, der nicht auf den Bereich Hals-Nasen-Ohren spezialisiert ist, wird sich mit der Diagnose "Nicht-allergische Rhinitis" aber eher schwertun, daher ist es wichtig immer wieder über dieses Krankheitsbild zu informieren und aufzuklären

Was macht die Diagnose „Nicht-allergische Rhinitis“ so schwierig?

Ein Problem ergibt sich aus der Häufigkeit, mit der hierzulande allergische Sensibilisierungen auftreten. Bei 40 bis 50 Prozent der Bevölkerung findet man mittlerweile eine Sensibilisierung auf mindestens ein Allergen! Damit sind diese Menschen zwar "allergiebereit" aber nicht alle entwickeln auch tatsächlich eine Allergie, das ist nur bei der Hälfte der Sensibilisierten der Fall.

Wenn nun Menschen mit unspezifischen Beschwerden zusätzlich Zeichen der Allergiebereitschaft zeigen, wird die Diagnose schwierig. Denn wenn ein Patient bei einem Allergietest positiv auffällt, kann er von einem unerfahrenen Arzt leicht fälschlich als Allergiker eingestuft werden, obwohl seine Beschwerden gar nicht allergisch begründet sind.

Könnten Sie ein typisches Beispiel für eine falsch diagnostiziertenichtallergische Rhinitisgeben?

Ein konkretes Beispiel? Ein Patient leidet das ganze Jahr über unter gleichbleibenden rhinitischen Beschwerden, die sich im Sommer nicht verschlimmern. Im Zuge der Diagnose macht der Arzt einen Allergietest und der Patient reagiert "positiv" auf ein Pollenallergen. Ein unerfahrener Arzt könnte daraus den Schluss ziehen, dass der Patient eine Pollenallergie hat. Tatsächlich zeigt der Test aber nur eine Sensibilisierung an, so wie sie bei vielen anderen Menschen auch vorhanden sein kann. Die eigentlichen Beschwerden des Patienten rühren vielleicht von der nichtallergischen Rhinitis. Wenn der Patient dann noch mit einer allergenspezifischen Immuntherapie behandelt wird, muss es zu Enttäuschungen kommen, denn eine SIT ist aufwändig und kann in diesem Fall nicht erfolgreich sein.

Noch schwieriger wird es bei den ganzjährigen Allergien wie z.B. bei der Hausstaubmilbe. Diese Allergie ist ganzjährig relevant und Menschen mit chronischen Allergien entwickeln durch die Entzündungsmechanismen zwangsläufig auch einen gewissen unspezifischen Anteil bei ihrem Beschwerdebild - die Allergie senkt hier die Reizschwelle. Bei den meisten Allergikern lösen im Rahmen der Allergie auch die genannten Umweltreize Beschwerden aus, die dann aber nicht direkt allergiebedingt sind.

Wie erfolgt die Therapie bei Nicht-allergischer Rhinitis bzw. wie behandelt man die Symptome an der Nase?

Bei Patienten mit Altersrhinitis wo die Nase oft tropft "wie ein Wasserhahn" kann zum Beispiel ein Wirkstoff eingesetzt werden, der lokal den Parasympathikus blockiert und so das vegetative Nervensystem genau da "ruhigstellt", wo dies erwünscht ist. Der Wirkstoff Ipratropiumbromid wird dann als Nasenspray eingesetzt und ist ein sogenanntes Parasympatholitikum. Obwohl in Deutschland hergestellt, gibt es dieses Medikament nur im Ausland. In Deutschland ist der Wirkstoff Ipratropiumbromid nur in Form einer Inhalationslösung zur Behandlung der chronischen Bronchitis bzw. einer COPD zugelassen. Man muss sich deshalb bei der Behandlung der Altersrhinitis damit behelfen, dass man nach Verschreibung der Inhalationslösung das Präparat vom Apotheker in eine Nasensprayflasche umfüllen lässt. Man nutzt das Medikament sozusagen "off-label", d.h. für eine Indikation, für die es nicht zugelassen ist. Insbesondere bei Patienten, bei denen die Nase unentwegt läuft und die bis zu 20 Taschentuch-Päckchen pro Tag verbrauchen, kann dieser Wirkstoff aber sehr segensreich sein, zumal das Ipratropiumbromid nur lokal wirksam ist und nicht von der Schleimhaut aufgenommen wird. Abgesehen davon, dass die Nase sehr stark austrocknen kann ist der Wirkstoff weitgehend nebenwirkungsfrei.

Weitere wichtige Wirkstoffe die im Rahmen der Abklärung und Therapie der Nicht-allergischen Rhinitis zum Einsatz kommen sind kortisonhaltige Nasensprays und neuerdings auch Nasensprays, die Capsaicin, den Wirkstoff der roten Chillischote, enthalten und die die Nase längerfristig widerstandsfähiger gegen unspezifische Reize machen sollen.

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Wie können die Symptome an den Augen behandelt werden?

Einige der Augentropfen, die für die Behandlung einer allergischen Konjunktivitis gedacht sind, können auch zur Therapie der unspezifischen Konjunktivitis eingesetzt werden. Dazu gehören die sogenannten Mastzellenstabilisatoren, d.h. die Cromone, wie z. B. das Nedocromil. Ihre Wirkung beruht wahrscheinlich darauf, dass sie das Einströmen von Chlorid-Ionen in die Zellen verhindern.

Inwieweit Mastzellenaktivitäten bei einer unspezifischen Konjunktivitis eine Rolle spielen, weiß man zur Zeit nicht. Man geht davon aus, dass dies nicht in gleichem Maße wie bei den Allergien der Fall ist. In den Fällen, in denen die Mastzellen aktiviert sind und Histamin freisetzen, helfen möglicherweise Antihistaminika.

In manchen Fällen sprechen die unspezifischen Beschwerden auf Kortison an. Kortison ist für eine Therapie an den Augen langfristig nicht geeignet, aber wenn es als Nasenspray lokal eingesetzt wird, kann Kortison bei der Nicht-allergischen Rhinitis, wie gerade beschrieben, sehr hilfreich sein.

Wie behandelt man die bronchialen Symptome?

Zeigt sich die Schleimhautüberempfindlichkeit an den Bronchien, gibt es ebenfalls Behandlungsmöglichkeiten, um die Entzündung zu mildern. Bei der unspezifischen bronchialen Hyperaktivität kann man auf Präparate wie antientzündliche kortisonhaltige Inhalationssprays oder -pulver zurückgreifen. Die typischen Symptome wie Husten oder Schweratmigkeit lassen sich mit Beta-2-Sympathomimetika oder auch die Parasympatholitika lindern; letztere sind allerdings bisher nur bei der chronischen Bronchitis zugelassen und beim Asthma noch "off-label" eingesetzt. Die Vorbereitungen für die Zulassung dieser Wirkstoffe beim Asthma laufen allerdings bereits. Bei der Nicht-allergischen Rhinitis, der unspezifischen Konjunktivitis und der unspezifischen bronchialen Hyperaktivität handelt es sich in einer Vielzahl der Fälle um Störungen, bei denen eine nervös lokale Dysregulation und eine gestörte Barrierefunktion eine Rolle spielen. Entzündungsforscher sprechen auch von einer "neurogenen Entzündung". Erst in den letzten Jahren konnte dieses neue Gebiet erfolgreich untersucht werden und es scheint so zu sein, dass Entzündungsmechanismen und lokale Nerven eng "zusammenarbeiten".

Herr Privatdozent Becker, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.