Pollenflugvorhersage Europa

Prof. Dr. med. Karl-Christian Bergmann, Leiter der interdisziplinären allergologisch-pneumologischen Ambulanz an der Charité Universitätsmedizin und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst in Berlin

Pollenflugvorhersage in Europa: Aktueller Stand und Zukunftsperspektiven

Spannende Ausblicke auf die Zukunft lieferte das 9. Europäische Pollen-symposium, das am 11. und 12. Oktober 2013 in Berlin stattfand. Mit der Veranstaltung, organisiert durch die in Berlin ansässige Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst unter der Leitung des Vorstandsvorsitzenden Prof. Dr. med. Karl-Christian Bergmann, wurde zudem das 30 jährige Bestehen der Stiftung gefeiert. Über 30 Experten aus 14 Ländern berichteten vor einem internationalen Publikum über aktuelle Forschungsergebnisse und gaben einen Ausblick auf spannende Entwicklungen.

Dabei fand man auch deutliche Worte zur aktuellen Situation der Pollenerfassung. Es herrschte allgemeiner Konsens, dass sich sowohl die nationalen als auch die Europäischen Gremien den gesundheitspolitischen  Herausforderungen zurzeit noch nicht in ausreichendem Maße stellen. "Es ist kurz vor 12! Ohne staatliche Unterstützung bzw. Finanzierung werden Pollenallergiker in Deutschland bald keine Informationen zum Pollenflug mehr erhalten, was deren Lebensqualität massiv beeinträchtigen wird. Es ist unverantwortlich von der Politik, diese Menschen mit Ihren Problemen allein zu lassen!", betont Prof. Bergmann, der neben seiner Arbeit für die Pollenstiftung die Leitung der interdisziplinären allergologisch-pneumologischen Ambulanz an der Charité Universitätsmedizin in Berlin innehat.

Die Zahl der Pollenallergiker steigt seit Jahrzehnten

60 Millionen Menschen in Europa leiden unter Asthma und Allergien und es werden immer mehr - wie eine Epidemie breiten sich allergische Erkrankungen aus. Zwar gibt es regionale Unterschiede, diese beziehen sich jedoch allenfalls auf die jeweils dominanten Allergene. So lösen z.B. in den südlichen Ländern häufig Olivenpollen Allergien aus und in den nördlichen Ländern sind dies eher die Birkenpollen. Doch ob Deutschland, Österreich, Griechenland, Italien, UK, Frankreich, Israel, Russland, Polen, Litauen, Tschechien, Georgien oder die Ukraine – alle Referenten berichteten von einem deutlichen Anstieg allergischer Atemwegserkrankungen. Für Deutschland z.B. geht man laut Prof. Dr. Jeroen Buters vom Zentrum Allergie & Umwelt (ZAUM), Technische Universität & Helmholtz Zentrum München davon aus, dass im Jahr 2050 bereits 40 Prozent der deutschen Bevölkerung sensibilisiert sein werden und von diesen Sensibilisierten zeigen schätzungsweise 50 Prozent auch klinische Symptome.

Unter den Allergikern sind Pollenallergiker mit 86 Prozent die größte Gruppe und gerade bei dem oftmals verharmlosten "Heuschnupfen" ist die Gefahr des Etagenwechsels zum Allergischen Asthma sehr groß. Hinzu kommt, dass jeder zweite von einer Pollenallergie oder Pollenasthma Betroffene zusätzlich noch unter einem oralen Allergiesyndrom oder einer sogenannten Kreuzallergie leidet, d.h. es kommt auch zu allergischen Reaktionen im Mund-Rachenbereich. "Eine gefährliche Entwicklung, die überwiegend bei Erwachsenen beobachtet wird" erklärt Prof. Bergmann.

Die Pollenflugvorhersage auf dem Scheideweg

european pollen symposium berlin9. Europäisches Pollensymposium, BerlinFür Pollenallergiker ist die Pollenflugvorhersage ein unverzichtbares Instrument beim Management ihrer Erkrankung. Nur eine funktionierende Pollenflugvorhersage macht es möglich, dem jeweiligen Allergen entweder auszuweichen oder entsprechende Medikamente präventiv anzuwenden und so das Auftreten von Symptomen von vornherein zu verhindern.

Traditionelle Pollenkalender, die die Blühphasen der Pflanzen angeben, sind schon lange nicht mehr verlässlich. Mit der Erderwärmung ändern sich die klimatischen Bedingungen und damit ändern sich der Beginn und das Ende der Pollensaison und die Intensität des Pollenausstoßes. Auch neue Pflanzen, die den Pollenallergikern das Leben schwer machen, siedeln sich an. So findet man z.B. die hochallergene Ambrosie mittlerweile in Deutschland, Österreich, Israel, Russland etc. und damit kommen neue Allergene hinzu.Zurzeit wird die Erfassung des Pollenaufkommens und damit die Grundlage der Pollenflugvorhersage über Pollenfallen organisiert – die Anzahl variiert von Land zu Land. Ausgewertet werden die durch die Pollenfallen gesammelten Informationen überwiegend "per Hand" durch Auszählen der Pollen unter dem Mikroskop. In Deutschland z.B. erfolgt dies überwiegend von Freiwilligen, die ein persönliches Interesse an der Thematik haben.

Mehr als fraglich ist es, ob auch in Zukunft genug Freiwillige zur Bewältigung dieser Aufgaben bereit stehen werden. Für Prof. Buters gibt es daher nur zwei Möglichkeiten – eine Professionalisierung des Prozesses durch bezahlte Mitarbeiter, was mit einem erheblichen Finanzierungsbedarf einhergehen würde, oder die Automatisierung des Prozesses. Dies könnte auf Basis der Bestimmung der jeweiligen Allergenproteine, also nicht auf Basis der Bestimmung der Pollen als Ganzes, erfolgen, wie dies auch in der molekularen Allergiediagnostik der Fall ist. Es gibt hier erste Geräte, die vielversprechende Ergebnisse liefern, aber auch hier bestünde ein erheblicher Finanzierungsbedarf. Für den Patienten wäre diese Entwicklung wünschenswert, da sie eine präzisere Behandlung unterstützt. Genauso wie durch die Molekulare Allergiediagnostik eine präzise Bestimmung des krankheitsauslösenden Allergens eine präzise Hyposensibilisierung möglich wird, würde eine präzise "Allergenflug-Vorhersage" den


Handlungsbedarf eines Heuschnupfen-Patienten konkretisieren.

Erkenntnisse aus dem Pollentagbuch: Sind allergische Reaktionen auf das gleiche Allergen überall gleich und bedeuten "viele Pollen" auch immer "schwere Symptome"?

Gestützt wird diese Entwicklung durch Erkenntnisse des Teams um Uwe E. Berger (MBA), Medizinischen Universität Wien, der die wissenschaftliche Leitung des österreichischen Pollenwarndienstes innehat. Uwe Berger betonte die Wichtigkeit einer individuellen und symptomorientierten Datenerfassung und einer patientenorientierten Datenbereitstellung im 2-Stunden Takt.

Seine Analysen der Daten des personalisierten Pollentagebuchs ergaben u.a., dass die Toleranzschwellen für das Auftreten von Allergiesymptomen sich von Land zu Land durchaus unterscheiden. Z.B. muss die Ambrosia-Pollenkonzentration in Serbien deutlich höher sein als in Österreich, um bei den jeweiligen Heuschnupfen-Patienten Symptome auszulösen. Auch sind die Symptome der Heuschnupfen- und Pollenasthma-Patienten zu Beginn der Pollensaison in der Regel heftiger als zum Ende.

Eine weitere interessante Erkenntnis aus den Untersuchungen von Bergers Team an der Medizinischen Universität Wien trug Dr. Katharina Bastl vor: Ein Vergleich der Jahre 2012 und 2013 für die Region um Wien und das Burgenland hatte ergeben, dass die untersuchten pollenallergischen Patienten für 2013 deutlich ausgeprägtere Symptome angaben, als dies im Jahr 2012 der Fall gewesen war. Dies überrascht umso mehr, als die Pollenzahlen im Jahr 2013 weit unter den im Jahr 2012 gemessenen Werten lagen. Die Anzahl der Pollen scheint also nicht der allein ausschlaggebende Faktor in Bezug auf den Schweregrad der Symptome zu sein, was wiederum für eine differenziertere Betrachtungsweise und das Einbeziehen der Symptome in die Pollenflugvorhersage spricht.

Immuntherapie mit Pollenextrakten: die Spezifische Immuntherapie (SIT) und die Pollenflugvorhersage

Die Spezifische Immuntherapie (SIT) ist zurzeit die einzige Therapie, die nicht erst bei der Bekämpfung der Symptome der Pollenallergie ansetzt. Durch eine langsame „Gewöhnung“ des Immunsystems an das Allergen, setzt die SIT viel früher an - bei der Modulierung des Immunsystems. Symptome entstehen so gar nicht erst oder werden zumindest verringert. Dies führt dann zu einem geringeren Bedarf an Medikamenten oder gar dazu, dass keinerlei Medikamente mehr benötigt werden. Die SIT ist zudem die einzige Therapie, die einen Etagenwechsel von der Pollenallergie zum Allergischen Asthma verhindern kann.

Wie Privatdozent Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- und Asthmazentrum Westend, Berlin betonte, kommt jedoch nicht jeder Patient in den Genuss dieser Therapie. Weltweit wird die SIT sehr unterschiedlich eingesetzt, z.T. liegt dies auch an den jeweiligen gesundheitspolitischen Gegebenheiten. Weiter betonte er, dass die Wirksamkeit der Therapie zum einen vom Einsatz des „richtigen“ Allergens abhängt – auch hier spielt die Molekulare Allergiediagnostik eine wichtige Rolle. Zum anderen ist für eine Steuerung des Therapieverlaufs die Pollenflugvorhersage von zentraler Bedeutung. Nur so lassen sich im gesamten Verlauf  der Pollensaison individuelle Symptomausprägung, Symptomstärke und Pollenkonzentration korrelieren und eine entsprechende Dosierung der Medikamente vornehmen.

Antihistaminika: Für das richtige "Timing" ist die Pollenflugvorhersage entscheidend

Dass die Pollenvorhersage auch für die Therapie mit hochwirksamen Antihistaminika entscheidend ist, betonte Prof. Dr. med. Marcus Maurer, Direktor für Forschung an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Charité Universitätsmedizin in Berlin. Mit dem Einsatz von Antihistaminika wird eine Interaktion des Histaminmoleküls mit dem H1 Histaminrezeptor unterbunden und dies muss erfolgen, bevor es zu einem Allergenkontakt kommt. Eine möglichst präzise Pollenflugvorhersage ist deshalb für Pollenallergiker eine wichtige Hilfe beim Medikamentenmanagement.

Neue Erkenntnisse aus der Forschung: Die Rolle nicht-allergener Substanzen in Pollen

Im Zusammenhang mit allergischen Reaktionen spielen nicht allein die allergenen Proteine, sondern auch die in den Pollen vorhandenen bioaktiven Lipide eine Rolle, wie Prof. Dr. med. Martin Metz, Facharzt für Dermatologie an der Charité Universitätsmedizin in Berlin berichtete, denn auch sie sind in der Lage, allergene Aktivitäten in den Mastzellen zu entfalten. Dies erklärt das Phänomen, dass in einigen Fällen bei Patienten trotz allergischer Symptome eine Sensibilisierung gegen Pollenallergene nicht nachgewiesen werden kann.

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