Mittelohrentzündung, Otitis, Allergie: Gibt es Zusammenhänge?

Gibt es einen Zusammenhang zwischen einer Allergie und einer Mittelohrentzündung? Kann eine allergische Rhinitis, z.B. ein Heuschnupfen oder eine Hausstaubmilbenallergie die Entstehung einer Otitis begünstigen? MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Thomas Grundmann, Chefarzt der HNO-Abteilung der Asklepios Klinik Altona über das Thema: Mittelohrentzündung, Otitis, Allergie: Gibt es einen Zusammenhang?

Herr Prof. Grundmann, können Allergien eine Mittelohrentzündung auslösen?

Einen Zusammenhang zwischen Allergien und Mittelohrentzündung hat man seit langem vermutet, evidenzbasiert bewiesen wurde er allerdings noch nicht.
Man weiß jedoch, dass allergische Kinder häufig einen schwereren Verlauf einer Mittelohrentzündung durchmachen. Auch Mittelohrergüsse, bei denen es sich ebenfalls um eine Art Otitis handelt, scheinen bei Kindern mit Allergien schwerer zu verlaufen.

Bekannt ist, dass Mittelohrentzündungen durch das Zuschwellen der Eustachischen Röhre bedingt sein können. Zudem haben Studien gezeigt, dass auch eine erhöhte Bereitschaft der entzündlich veränderten Mittelohrschleimhaut eine Otitis begünstigen kann. Am allergisch vorgeschädigten Mittelohrepithel können sich akute Entzündungen eher etablieren. Das ist nicht bewiesen, aber es ist ein klinischer Erfahrungswert.


Advertorial

Advertorial

Wie ließe sich ein Zusammenhang zwischen Allergie und Otitis nachweisen?

Vor einiger Zeit haben wir hierzu eine Untersuchung durchgeführt. Dafür haben wir allen Patienten, die vor einer Mittelohroperation standen, vor der Operation einen Cocktail aus den Allergenen von Hausstaubmilben, Gräserpollen, Getreidepollen und Birkenpollen in die Nase gesprüht. Dadurch wurde es möglich, nach Allergenkontakt eine Probe aus dem Mittelohr zu entnehmen, was normalerweise nicht möglich ist, weil das gesunde Trommelfell das Mittelohr normalerweise abdichtet. Im Zuge der Operationen hat sich gezeigt, dass bei allergischen Kindern, aber auch bei allergischen Erwachsenen, IgE-positive Zellen, die für eine Allergie typische Marker sind, in das Mittelohr eingewandert waren. Dadurch wissen wir, dass die Allergie bei Allergikern eine Entzündung im Mittelohr generieren kann. In der Klinik hat sich die Konsequenz aus dieser Erkenntnis jedoch noch nicht durchgesetzt, weil noch nicht nachgewiesen wurde, ob eine antiallergische Therapie den Verlauf oder die Entstehung einer Otitis günstig beeinflusst.

 

Ist die Tatsache, dass man bei Allergikern IgE im Mittelohr findet, vergleichbar mit dem ähnlichen Phänomen bei der lokalen allergischen Rhinitis (LAR)?

Ja, dabei handelt es sich um den gleichen Prozess. Die Nase ist bei der Allergie das Schockorgan, d.h. das Allergen, z.B. eine Polle, tritt in die Nase ein und dadurch wird der gesamte Körper betroffen. Die mit IgE besetzten Mastzellen treten überall auf und das ist auch der Grund dafür, weshalb man das IgE auch mit einem Prick-Test am Unterarm nachweisen kann. Die Symptome treten jedoch erst dann auf, wenn die Allergene nach dem Erstkontakt erneut auftreffen. Die Symptome des allergischen Schnupfens entstehen dann an der Nasenschleimhaut.

Wir wissen jedoch, dass die IgE-positiven Zellen von der Nasenschleimhaut über die Eustachische Röhre auch ins Mittelohr hineingelangen können, vorausgesetzt, die Mittelohrschleimhaut ist bereits durch eine Reizung oder durch eine Entzündung verändert. An einer gesunden Mittelohrschleimhaut ist eine allergische Reaktion nicht möglich. Was man zurzeit noch nicht weiß, ist, was zuerst da ist, Henne oder Ei. Das heißt, bestand zuerst die chronisch entzündlich veränderte Schleimhaut oder die Allergie?

Abgesehen von möglichen Zusammenhängen mit Allergien, welche anderen Ursachen für eine Otitis sind möglich?

Auch Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes, bei denen es grundsätzlich eher zu Entzündungen kommt, können die Auslöser für eine Mittelohrentzündung sein.

Zudem sind anatomische Ursachen möglich, denn auch eine Tubenbelüftungsstörung kann durch eine Allergie ausgelöst werden. Wenn die Eustachischen Röhren im Bereich des Rachens zuschwellen, kommt es auch eher zu einer Otitis. Hinzu kommen Patienten, die schon prädeformiert schwere Tubenbelüftungsstörungen haben, z.B. leiden Patienten mit operierten Lippen-Kiefer-Gaumenspalten häufiger unter Mittelohrentzündungen.

Herr Prof. Grundmann, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden. Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen gemäß DSGVO.