Allergischer Marsch

Prof. Dr. Knut Brockow, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie, Technische Universität München

Der allergische Marsch: Gibt es ihn in einer festen Abfolge?

Welche Rolle spielen die sogenannten Pseudoallergien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten im Zusammenhang mit dem Etagenwechsel?

Die Bedeutung von Pseudoallergien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten, wie z.B. Laktoseintoleranz oder Histaminintoleranz ist schwer einzuschätzen, weil die Häufigkeit der in der Bevölkerung nachgewiesenen Pseudoallergien bzw. Unverträglichkeiten deutlich geringer ist als bei den „echten“ Nahrungsmittelallergien. Deshalb liegen hierzu deutlich weniger verlässliche Daten vor, zumal auch die Testungen, abgesehen von den sehr aufwändigen Provokationstestungen, nicht verlässlich sind. Es ist deshalb schwierig zu sagen, inwieweit die Pseudoallergien und Nahrungsmittelunverträglichkeiten im Zusammenhang mit atopischen Erkrankungen präferenziell vorkommen. Wir haben den Eindruck, dass Pseudoallergien im Kindesalter kein wesentliches Thema sind. Dagegen leiden Patienten mit anderen atopischen Erkrankungen im Erwachsenenalter häufig, aber nicht immer, an Nahrungsmittelunverträglichkeiten.

In diesem Bereich besteht insgesamt ein gewisses Problem der Datenlage. Die Diagnose von Pseudoallergien ist kompliziert und je komplizierter es ist, eine Erkrankung sicher nachzuweisen, umso weniger Daten gibt es zu dieser Erkrankung. Für Krankheitsbilder, für die es Diagnosemöglichkeiten gibt, wie für die Laktoseintoleranz oder die Fructosemalabsorption, die ja mit Hilfe des H2-Atemtestsnachgewiesen werden können, haben wir nicht den Eindruck, dass Atopie ein wesentlicher Risikofaktor ist.

Generell kann man für Pseudoallergien sagen, dass die Anzahl der echten Pseudoallergien im Vergleich zur Anzahl der vermuteten Pseudoallergien deutlich geringer ist. Viele Menschen denken sie hätten eine Pseudoallergie und im Provokationstest stellt sich dann heraus, dass sich diese nicht nachweisen lässt. Tatsächlich nachgewiesene Pseudoallergien sind eigentlich eher selten.

Ein wesentlicher Faktor bei der Theorie des allergischen Marsches ist die Vermutung, dass die Vererbung eine große Rolle spielt? Wie sehen hier die neusten Erkenntnisse aus?

Die genetische Vererbung ist schon eine Basis für die Entstehung atopischer Erkrankungen, insbesondere für Neurodermitis, Asthma und Heuschnupfen. Der Mensch bekommt ein Genom mit unterschiedlichen Einzelgenen vererbt, die teilweise auch die Neigung des Immunsystems, mit Entzündungen zu reagieren, bestimmen. Verschiedene Gene zusammengenommen erhöhen die Wahrscheinlichkeit, atopische Erkrankungen zu entwickeln. Insofern ist die Vererbung eine Basis, die zwar die Wahrscheinlichkeit einer Allergieentstehung mitbestimmt, man kann dadurch aber nicht genau vorhersagen, wer Allergiker wird und wer nicht, denn hier spielen auch andere Faktoren eine Rolle.

Der Einfluss der Vererbung auf atopische Erkrankungen wird mit Hilfe von sogenannten Linkage-Studien untersucht, an denen Patienten mit bestimmten Erkrankungen, wie Neurodermitis, Heuschnupfen oder Asthma, teilnehmen. Ziel der Linkage-Studien ist es herauszufinden, ob bestimmte Gene bei den atopischen Patienten im Vergleich zur Normalbevölkerung besonders häufig exprimiert werden, d.h. ausgeprägt sind. Dabei hat sich gezeigt, dass eine ganze Reihe von Genen bei diesen atopischen Erkrankungen auffällig sind. Daraus zieht man den Rückschluss, dass bei Vorhandensein einer bestimmten genetischen Konstellation, das Risiko für die Entwicklung atopischer Erkrankungen höher ist.

Früher ging man sogar davon aus, dass die Mehrzahl der Kinder atopischer Eltern mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 bis 60 Prozent, eine atopische Erkrankung entwickeln würde. Heute wissen wir aus Querschnittsstudien, die Atopien und Sensibilisierungen überprüft haben, dass die Wahrscheinlichkeit gar nicht so hoch ist, wie dies immer angenommen wurde. Man geht davon aus, dass, wenn beide Eltern atopisch sind, das Kind in den ersten zwei  Lebensjahren ein 33prozentiges Risiko hat, ebenfalls eine atopische Erkrankung zu entwickeln. Im Vergleich zu nicht-atopischen Kindern ist dies eine Verdoppelung der Wahrscheinlichkeit, aber der Unterschied zwischen vorbelasteten und nicht vorbelasteten Kindern beträgt letztendlich lediglich 15 Prozent.

Zwar ist die Reihenfolge des allergischen Marsches nicht absehbar, aber gibt es  Allergien, die häufiger in Kombination auftreten oder bei denen der Schweregrad der Ausprägung in einem Zusammenhang steht?

Es gibt hierzu meines Wissens nach keine Studie, aber aus der klinischen Beobachtung heraus kann man sagen, dass bei Kindern zuerst die Neurodermitis auftritt und sich dann erst die Nahrungsmittelallergie – typisch ist hier die Reaktion auf tierische Allergene wie Kuhmilch und Hühnerei - entwickelt. Eine Theorie, der ich mich anschließen würde, ist, dass es möglicherweise durch die bei der Neurodermitis gestörte Hautbarriere zu einem Hautkontakt mit dem Nahrungsmittel kommt und dass sich dadurch leichter Sensibilisierungen entwickeln können. Dies würde erklären, warum in diesem Lebensalter hauptsächlich Patienten mit Neurodermitis Nahrungsmittelallergien entwickeln. Interessant ist, dass die überwiegende Anzahl der Kinder mit einer Nahrungsmittelallergie eine Neurodermitis hat – eine Nahrungsmittelallergie im frühen Kindesalter ohne Neurodermitis ist relativ selten.

Auch gibt es einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Schweregrad der Neurodermitis und der Wahrscheinlichkeit eine Nahrungsmittelallergie zu entwickeln. Bei sehr stark betroffenen Neurodermitis-Patienten besteht häufig eine tendenziell auch stärker ausgeprägte Nahrungsmittelallergie. Bei den schwersten Formen der Neurodermitis haben Studien gezeigt, dass bei etwas über 50 Prozent der Betroffenen eine Nahrungsmittelallergie auftritt. Bei sehr leichten Neurodermitis-Fällen sieht man Nahrungsmittelallergien sehr selten. Man weiß allerdings nicht ob sich die beiden Krankheitsbilder nicht evtl. auch gegenseitig befeuern.

Ein weiteres typisches Beispiel für relativ eng verquickten Allergieformen ist der Zusammenhang zwischen einer Pollenallergie, d.h. einem Heuschnupfen, und einer Nahrungsmittelallergie auf pflanzliche Nahrungsmittel. Diese sogenannten Kreuzallergien entstehen aus Kreuzreaktivitäten zwischen Pollen und ähnlichen Eiweißstrukturen in den entsprechenden Nahrungsmitteln.

Weiter sind die allergische Rhinitis und das allergische Asthma Bronchiale sehr stark miteinander verknüpft. Und insgesamt werden die allergischen Erkrankungen Neurodermitis, allergische Rhinitis und allergisches Asthma als Atopie beschrieben, weil sie sehr häufig zusammen auftreten. Auch Urtikaria tritt häufig in Zusammenhang mit einer dieser Erkrankungen auf.

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