Etagenwechsel Allergie

Dr. Bernhard Sehrbundt, Leiter der Hochschulambulanz der Hals- Nasen- Ohrenklinik, Universitätsklinikum Marburg

Etagenwechsel: Anzeichen, Verlauf und Gegenmaßnahmen - Von den Fachgesellschaften hört man immer wieder, dass die allergologische Versorgung in Deutschland..

Von den Fachgesellschaften hört man immer wieder, dass die allergologische Versorgung in Deutschland nicht adäquat sei, d.h. dass nicht alle Patienten, bei denen dies angebracht wäre, mit einer Spezifischen Immuntherapie (SIT) behandelt würden. Wie passt das zu dem von Ihnen genannten potenziellen Einsparungspotenzial für das Gesundheitssystem?

Einerseits sind viele Patienten selbst nicht genügend sensibilisiert. Viele halten einen Heuschnupfen für harmlos, auch weil er nur saisonal auftritt. Auf der anderen Seite hat eine Studie in Belgien ergeben, dass auch die behandelnden Ärzte oftmals die Symptome der Patienten unterschätzen. Sie neigen dazu, den Leidensdruck der Patienten als geringer einzuschätzen, als dies angesichts des Schweregrades der Erkrankung angebracht wäre. Hinzu kommt, wie bereits erwähnt, dass Familien mit Haustieren diese Haustiere trotz Allergie gerne behalten möchten und damit zur Verschlimmerung der Krankheit beitragen. Es gibt hier also eine Gemengelage von Ursachen.

Man muss allerdings auch erwähnen, dass der behandelnde Arzt in Deutschland für die Durchführung einer  Spezifischen Immuntherapie (SIT) ein Zusatzbudget beantragen muss, dass von der Krankenversicherung genehmigt werden muss. Eine Spezifische Immuntherapie ist relativ – und durch ein kurzfristiges Zeitfenster betrachtet - teuer. Ohne Zusatzbudget ist eine solche Behandlung also nicht möglich. Die Rahmenbedingungen in Deutschland wirken hier wie ein eng geschnürtes Korsett. So wird in Deutschland vieles reglementiert und man muss fast schon sagen rationiert. Es werden Folgekosten produziert, die einsparbar wären, (wie bereits am zitierten Beispiel der USA gesehen) wenn man nicht so kurzsichtig agieren würde.

 


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Gibt es nach dem Etagenwechsel zum allergischen Asthma mögliche Folgerkrankungen?

Es gibt Studien aus Dänemark, die besagen dass Allergien sogar einen schützenden Charakter haben können, und zwar in Bezug auf Gehirntumore und Tumore des Verdauungssystems. Menschen mit Allergien scheinen hier besser geschützt zu sein.

Sind auch noch andere Organsysteme vom Etagenwechsel betroffen?

Es ist durchaus so, dass man von einem gewissen „allergischen Marsch“ sprechen kann. Das Risiko für allergische Erkrankungen steigt bereits bei Kindern mit einem allergischen Elternteil. Sind beide Eltern von Allergien betroffen liegt das Risiko der Kinder für allergische Erkrankungen bis zu 60 Prozent über dem der Normalbevölkerung. Oft beginnt das im Alter von drei bis vier Monaten mit Nahrungsmittelallergien. Diese gehen dann später oft in eine Hautallergie, eine Neurodermits über, das sich allerdings häufig gegen Ende der frühen Kindheit wieder bessert. Im frühen Jugendalter kann dann die allergische Rhinitis kommen. Die Allergie kann sich also bei Kindern zunächst über den Magen-Darm-Trakt, dann über die Haut und schließlich über den Respirationstrakt manifestieren.

Bei Erwachsenen lässt sich der allergische Marsch in dieser Form nicht beobachten. Beim Late-onset (spät auftretenden) allergischen Asthma  oder bei der Late-onset allergischen Rhinitis verlieren sich die Symptome meistens auch spontan wieder. Dahingegen sind starke Allergische Rhinitiden in der Kindheit oftmals ein Indikator für ein späteres starkes allergisches Asthma.

Bei der Therapie des allergischen Asthmas spielen neben der Medikation Schulungen eine große Rolle. Was lernt man dort?

Die wichtigsten Punkte bei der Asthmatherapie sind:

  1. Die Medikamente müssen regelmäßig eingenommen werden.
  2. Die Einnahme muss entsprechend des gemeinsam mit dem behandelnden Facharzt erstellten Planes erfolgen.
  3. Dies gilt sowohl für die regelmäßige Medikation als auch für die Bedarfsmedikation.
  4. Die geplanten Zeiten und Dosierungen müssen eingehalten werden, auch dann, wenn aktuell keine Beschwerden vorhanden sind, damit es möglichst gar nicht erst zu einem Asthmaanfall kommt.

Asthmaanfälle werden ja manchmal auch durch körperliche Anstrengung ausgelöst - empfehlen Sie Ihren Patienten, Sport zu treiben?

Allergiker und insbesondere Asthmatiker sollten auf jeden Fall Sport treiben, allerdings kommt es auf die Art und Weise an. Eine leistungsfähige Atemmuskulatur ist besonders für Asthmatiker enorm wichtig. Betreibt man regelmäßig Ausdauersport, wie z.B. Laufen oder Radfahren, erreicht man eine Kräftigung der Atemmuskulatur und eine Kräftigung der glatten Muskulatur der Bronchien und der Bronchiolen. Dies ist sehr wichtig um eine gewisse Reserve zu haben, ganz besonders bei einer Erkrankung wie Asthma.

Für Anstrengungsasthmatiker ist es wichtig, dass vor Beginn der sportlichen Belastung ein Bedarfsmedikament eingenommen wird, welches die Bronchien erweitert und das von Vornherein verhindert, dass es zu einer Verengung der Bronchien und damit zu einem Asthmaanfall während des Sports kommen kann. Wichtig ist auch eine Aufwärmphase, eine Phase, in der der Körper langsam an die Belastung herangeführt wird. Bewährt hat sich hier ein Wechsel von einem strammen Gehen für ca. 100 Sekunden und einem Laufen von ca. 20 Sekunden. Damit sollte der Körper ca. 10 Minuten lang langsam aufgewärmt werden, dann kommt der eigentliche Ausdauersport und dann sollte man mit einem Cooling-down die Intensität langsam wieder auslaufen lassen. In Studien hat man zwei Gruppen von Asthma-Patienten verglichen. Bei der Gruppe derjenigen, die sich nicht aufgewärmt hatten, kam es bei ca. 60 Prozent der Beteiligten zu asthmatischen Beschwerden. Bei der Gruppe, die sich aufgewärmt hatte, waren dies nur ca. 5 Prozent – ein erheblicher Unterschied. Wenn man diese Regeln beherzigt, sind Asthma und Sport sehr gut miteinander vereinbar. Auch nach einem erfolgten Etagenwechsel sollte man deshalb auf Sport nicht verzichten. Im Gegenteil, man sollte mit Sport den Körper und die allgemeinen Abwehrkräfte stärken und insbesondere dafür sorgen, dass die Atemmuskulatur trainiert  wird.

Zum Thema Lebensstil und Asthmarisiko gibt es auch eine sehr interessante Studie aus Schweden. Hier hat man untersucht, wie Kinder atmen, je nachdem ob sie ein Videospiel am Computer spielen oder ob sie ein Buch lesen. Dabei hat man herausgefunden, dass die tiefe Einatmung, man nennt das „Sigh-rate“ (Seufzer-Atmung) bei den Kindern, die Bücher lesen, wesentlich ausgeprägter war als bei den Kindern, die Videospiele spielen. Diese tiefe „Seufzer-Atmung“ soll, zumindest einigen Studien zufolge, in gewisser Weise gegen spätere asthmatische Beschwerden schützen. Viele Eltern, welche (oft zurecht) glauben, dass ihre Kinder zuviel Zeit mit fernsehen und Videospielen verbringen, werden diese Ergebnisse mit Freude lesen und sich bestätigt fühlen!

Eine Allergie ist ja eigentlich eine Abwehrreaktion des Immunsystems gegen harmlose Stoffe, die zu Unrecht als "feindlich" eingestuft werden. Worin lag der "natürliche" Sinn und Zweck?

Entwicklungsgeschichtlich könnte die Allergie durchaus einen Sinn gehabt haben, denn die IgE-Reaktion des Immunsystems schützt vor vielen Parasitenerkrankungen und diese waren früher ja wesentlich häufiger. Heutzutage ist das allerdings nicht mehr so und die Immunreaktion wendet sich gegen die falschen Feinde.

Deshalb ist es wichtig, bereits im frühen Kindesalter eine klare Diagnose zu stellen. Hier stellt man die Weichen dafür, ob aus dem allergischen Kind ein allergiekranker oder ein nicht-allergischer Erwachsener wird. Viel kann erreicht werden, wenn es den Kinderärzten mit Hilfe der Eltern gelingt, diejenigen Kinder entsprechend ihrem Risikoprofil herauszufiltern, die im Hinblick auf Allergien untersucht werden sollten. So können sie früh und auch mit Erfolg therapiert werden. Das kostet zwar kurzfristig ein wenig mehr Zeit und anscheinend auch viel Geld, aber wie wir gesehen haben, lohnt es sich, denn dies ist eine gute Investition in die Gesundheit des einzelnen Patienten und damit auch eine zukünftige Entlastung des öffentlichen Gesundheitssystems.

Herr Dr. Sehrbundt, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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