Neurodermitis Juckreiz Grundlagenforschung

Prof. Dr. med. Jens Malte Baron, D.A.L.M., Leitender Oberarzt an der Klinik für Dermatologie und Allergologie – Hautklinik, Universitätsklinikum Aachen

Neurodermitis - Juckreiz: Grundlagenforschung und neue Therapieansätze

Histamin wird in den Mastzellen produziert, wo werden die anderen Neuromediatoren produziert?

Es ist eine Erkenntnis der letzten Jahre, dass die Keratinozyten - das sind spezialisierte Zellen der Epidermis, die Keratin produzieren – eine Quelle für Neuromediatoren sein können. Zu den fünf nach aktuellen Erkenntnissen wichtigsten Zelltypen, die an der Entstehung des Juckreizes beteiligt sind, gehören übrigens die Mastzellen, die Eosinophilen, die Lymphozyten, die Neutrophilen und die Keratinozyten.
Das bedeutet, die Epidermis selbst spielt bei der Neurodermitis eine Rolle bei der Entstehung von Juckreiz und nicht nur die Mastzellen! Zum einen können die Zellen, die in der Epidermis selbst sitzen, juckreizfördernde Mediatoren freisetzen. Umgekehrt haben diese Zellen aber auch selbst Rezeptoren, um auf diese Mediatoren zu reagieren. Deshalb können sich diese Effekte auch wechselseitig verstärken. Z.B. wissen wir vom Botenstoff Interleukin 31, an dem wir intensiv forschen, dass es die physikalische Hautbarriere zerstört. Wir wissen aber mittlerweile auch, dass das Interleukin 31 einen positiven Einfluss auf die Bakterienabwehr hat. Man kann also diese Faktoren auch nicht einfach ausschalten, um den Juckreiz zu bekämpfen, weil neben den negativen Effekten vielleicht auch die positiven Wirkungen verloren gehen.

Spielen bei der Entstehung von Juckreiz alle diese Faktoren gleichermaßen eine Rolle, oder gibt es auch unter den Neurodermitis-Patienten Menschen mit unterschiedlichen Agonisten?

Wahrscheinlich ist dies der Fall, denn es gibt verschiedene Neurodermitis-Typen. Z.B. gibt es Patienten mit hohen IgE-Werten und einer Vielzahl von Allergien und bei anderen spielt das IgE- keine Rolle.

Zurzeit laufen einige interessante Studien mit verschiedenen Substanzen, die in der Lage sind, einzelne der juckreizfördernden Faktoren selektiv zu blocken. Man wird dann sehen, welcher dieser Ansätze erfolgsversprechend ist. Ein vielversprechendes Beispiel wären die Blockierung der Wirkung von IL-4 und IL-13. Hier könnten bereits relativ bald gegen den Juckreiz sehr wirksame Medikamente auf den Markt kommen.

Grundsätzlich ist es heutzutage das Ziel der Medizin, den Patienten eine zunehmend individuellere Therapie zu ermöglichen. Diese Vorgänge sind äußerst komplex, aber für die behandelnden Ärzte ist es wichtig, Pathophysiologie und Mediatoren des Juckreizes bei Neurodermitis zu verstehen, um die neuen Medikamente richtig einsetzen zu können.    

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Die Entwicklung von neuen Medikamenten setzt also auf der Grundlagenforschung auf?

Die Grundlagenforschung zeigt z.B. bei der Fragestellung  „Juckreiz bei Neurodermitis“ auf, welche Rezeptoren es im Zusammenhang mit der Entstehung von Juckreiz gibt und welche Substanzen daran beteiligt sind.

Auf klinischer Ebene werden Hautproben auf diese Faktoren hin untersucht und die Ergebnisse der Grundlagenforschung werden verifiziert.
Auf Basis dieser Arbeit beginnt die Pharmaindustrie dann die Entwicklung von Medikamenten, die in klinischen Studien getestet werden. Die ersten Präparate zur Behandlung des Juckreizes bei Neurodermitis stehen jetzt, wie gesagt, vor der Zulassung.

Kenntnis dieser zahlreichen Faktoren, die bei der Pathogenese, d.h. die Krankheitsentstehung, des Juckreizes eine Rolle spielen, ist die Basis für die Entwicklung neuer gezielter Therapiestrategien (z.B. anti Zytokin-Therapie).

Aufgrund der Diversität der beschriebenen Signalwege erklärt sich aber auch, dass nicht ein Therapieansatz bei allen Prurituspatienten therapeutisch erfolgreich sein wird.

Um effektivere Therapien zu entwickeln, ist es deshalb  wichtig, die basalen Mechanismen des Juckreizes weiter zu erforschen.

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Würde man dann vor dem Einsatz der neuen Medikamente versuchen, den Neurodermitis-Typus zu definieren?

Es gibt große Bestrebungen einen Test zu entwickeln, der es ermöglicht, die individuelle Ursache für den Juckreiz zu definieren und dann gezielter zu therapieren, allerdings ist dies noch Zukunftsmusik. Es gibt aber Studien, die sich damit beschäftigten, geeignete Untersuchungsmethoden zu entwickeln.

Herr Prof. Baron, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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