Keine Allergie-News verpassen!

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter!

Sie wollen stets zu Allergien und Intoleranzen informiert werden? Abonnieren Sie kostenlos unseren MeinAllergiePortal-Newsletter!

 

x

Neurodermitis Juckreiz Grundlagenforschung

Prof. Dr. med. Jens Malte Baron, D.A.L.M., Leitender Oberarzt an der Klinik für Dermatologie und Allergologie – Hautklinik, Universitätsklinikum Aachen

Neurodermitis - Juckreiz: Grundlagenforschung und neue Therapieansätze

Juckreiz, auch als Pruritus bezeichnet, ist ein Symptom der Neurodermitis, das von vielen Patienten als quälend empfunden wird. Auch haben Studien gezeigt, dass ein permanenter Juckreiz die Lebensqualität der Patienten stark beeinträchtigt. Zurzeit sind die therapeutischen Möglichkeiten für den Juckreiz bei Neurodermitis allerdings begrenzt, neue Therapien werden gebraucht. Zur Entwicklung neuer Therapien ist deshalb die Grundlagenforschung von äußerster Wichtigkeit. Geforscht wird z.B. nach den Mechanismen, die hinter dem Juckreiz stehen und nach den beteiligten Faktoren und ihren Wechselwirkungen. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. med. Jens Malte Baron, D.A.L.M., Leitender Oberarzt an der Klinik für Dermatologie und Allergologie – Hautklinik, Universitätsklinikum Aachen und Grundlagenforscher über Pathophysiologie und Mediatoren des Juckreizes bei Neurodermitis.

Herr Prof. Baron, welche Mechanismen führen dazu, dass bei Neurodermitis Juckreiz auftritt?

Die Auslösung des Juckreizes bei der Neurodermitis bzw. der atopischen Dermatitis wird durch das Zusammenspiel von epidermaler Barrierestörung, hochregulierten Immunkaskaden und der Aktivierung von Strukturen im zentralen Nervensystem vermittelt. Das heißt: Es gibt nicht nur eine Ursache des Juckreizes, sondern Juckreiz wird durch die komplexe Interaktion unterschiedlicher Faktoren ausgelöst. Außerdem gibt es bei Neurodermitis verschiedene Typen des Juckreizes.

Was genau ist im Zusammenhang mit Neurodermitis-Juckreiz  mit „epidermaler Barrierestörung“ gemeint?

Bei der Neurodermitis geht man davon aus, dass die physikalische Schutzbarriere der Haut, d.h. die oberen Schichten der Epidermis, entweder durch genetische Mutationen oder durch den Einfluss von Zytokinen geschädigt wird. Damit können z.B. Allergene, aber auch andere Faktoren schneller in die Haut eindringen.

Advertorial

Wie beeinflussen hochregulierte Immunkaskaden den Juckreiz bei Neurodermitis?

Bei der Hochregulierung von Immunkaskaden sind sehr viele Faktoren beteiligt. Meist ist nur von Histamin die Rede, aber Histamin ist nur einer von vielen Botenstoffen, die Juckreiz vermitteln können. Es gibt zwei große „Familien“ von Rezeptoren und verschiedene, getrennt verlaufende Nervenbahnen und all diese Faktoren können am Juckreiz der Neurodermitis beteiligt sein – dies sind sehr komplexe Vorgänge!  

Advertorial


Welche Rolle spielt die Aktivierung von Strukturen im zentralen Nervensystem?

Es gibt Nervenfaserbahnen, die von der Haut bis zum zentralen Nervensystem im Gehirn getrennt verlaufen und erst dort zusammentreffen. Diese Nervenfaserbahnen sind an der Entstehung von Juckreiz beteiligt.

Auf den Nervenfaserbahnen sitzen verschiedene Rezeptoren, nicht nur für Histamin, sondern auch für viele andere Botenstoffe und zusätzlich kommt es zwischen den Nervenfaserbahnen zu Interaktionen. Die  hinter diesen Vorgängen stehenden Mechanismen sind sehr komplex und auch nicht bei jedem Neurodermitis-Patienten gleich – es gibt verschiedene Juckreiz-Typen.

Die aktuellen Therapien, Antihistaminika oder Psychopharmaka, setzen am zentralen Nervensystem an und versuchen, den Juckreiz zentral zu dämpfen. Besser wäre es, auch im Hinblick auf die typischen Nebenwirkungen wie die gestörte Reaktionsfähigkeit, die Problematik näher an der Ursache zu bekämpfen, so wie dies mit den neuen, in der Entwicklung befindlichen Medikamenten hoffentlich bald möglich sein wird - der Leidensdruck der Patienten ist enorm!

Welche verschiedenen Juckreiz-Typen gibt es bei Neurodermitis?

Grundsätzlich unterscheiden wir den histaminerg, d.h. den durch Histamin ausgelösten und den nicht-histaminerg induzierten Juckreiz. Beide Juckreiz-Typen aktivieren jedoch die Freisetzung von juckreizfördernden Neuromediatoren. Die Neuromediatoren wiederum führen zu einer Gefäßerweiterung und Entzündung in der Haut. Produkte der weißen Blutkörperchen verstärken die Entzündungsantwort und die Juckreizwahrnehmung.

Übrigens: Das Vorhandensein dieser unterschiedlichen Juckreiz-Typen erklärt auch, warum Histamin H1 Rezeptor-Blocker aktuell oft erfolglos zur Behandlung von verschiedenen Typen des Juckreizes, die durch unterschiedliche Haut-, Leber- und Nierenerkrankungen ausgelöst werden, eingesetzt werden.

Abgesehen von Histamin, welche weiteren körpereigenen Triggerfaktoren können bei Neurodermitis Juckreiz verursachen?

Aktuelle Studien haben gezeigt, dass die pathogenen, d.h. die krank machenden Mechanismen des Juckreizes, Agonisten wie Proteasen, Neuropeptide, Zytokine/Chemokine (Botenstoffe der Entzündung) und endogene sekretierte Faktoren  (z.B. Cannabinoide und Acetylcholin) sowie ihre spezifischen Rezeptoren umfassen. 

Advertorial

   

 

Advertorial


Histamin wird in den Mastzellen produziert, wo werden die anderen Neuromediatoren produziert?

Es ist eine Erkenntnis der letzten Jahre, dass die Keratinozyten - das sind spezialisierte Zellen der Epidermis, die Keratin produzieren – eine Quelle für Neuromediatoren sein können. Zu den fünf nach aktuellen Erkenntnissen wichtigsten Zelltypen, die an der Entstehung des Juckreizes beteiligt sind, gehören übrigens die Mastzellen, die Eosinophilen, die Lymphozyten, die Neutrophilen und die Keratinozyten.
Das bedeutet, die Epidermis selbst spielt bei der Neurodermitis eine Rolle bei der Entstehung von Juckreiz und nicht nur die Mastzellen! Zum einen können die Zellen, die in der Epidermis selbst sitzen, juckreizfördernde Mediatoren freisetzen. Umgekehrt haben diese Zellen aber auch selbst Rezeptoren, um auf diese Mediatoren zu reagieren. Deshalb können sich diese Effekte auch wechselseitig verstärken. Z.B. wissen wir vom Botenstoff Interleukin 31, an dem wir intensiv forschen, dass es die physikalische Hautbarriere zerstört. Wir wissen aber mittlerweile auch, dass das Interleukin 31 einen positiven Einfluss auf die Bakterienabwehr hat. Man kann also diese Faktoren auch nicht einfach ausschalten, um den Juckreiz zu bekämpfen, weil neben den negativen Effekten vielleicht auch die positiven Wirkungen verloren gehen.

Spielen bei der Entstehung von Juckreiz alle diese Faktoren gleichermaßen eine Rolle, oder gibt es auch unter den Neurodermitis-Patienten Menschen mit unterschiedlichen Agonisten?

Wahrscheinlich ist dies der Fall, denn es gibt verschiedene Neurodermitis-Typen. Z.B. gibt es Patienten mit hohen IgE-Werten und einer Vielzahl von Allergien und bei anderen spielt das IgE- keine Rolle.

Zurzeit laufen einige interessante Studien mit verschiedenen Substanzen, die in der Lage sind, einzelne der juckreizfördernden Faktoren selektiv zu blocken. Man wird dann sehen, welcher dieser Ansätze erfolgsversprechend ist. Ein vielversprechendes Beispiel wären die Blockierung der Wirkung von IL-4 und IL-13. Hier könnten bereits relativ bald gegen den Juckreiz sehr wirksame Medikamente auf den Markt kommen.

Grundsätzlich ist es heutzutage das Ziel der Medizin, den Patienten eine zunehmend individuellere Therapie zu ermöglichen. Diese Vorgänge sind äußerst komplex, aber für die behandelnden Ärzte ist es wichtig, Pathophysiologie und Mediatoren des Juckreizes bei Neurodermitis zu verstehen, um die neuen Medikamente richtig einsetzen zu können.    

Die Entwicklung von neuen Medikamenten setzt also auf der Grundlagenforschung auf?

Die Grundlagenforschung zeigt z.B. bei der Fragestellung  „Juckreiz bei Neurodermitis“ auf, welche Rezeptoren es im Zusammenhang mit der Entstehung von Juckreiz gibt und welche Substanzen daran beteiligt sind.

Auf klinischer Ebene werden Hautproben auf diese Faktoren hin untersucht und die Ergebnisse der Grundlagenforschung werden verifiziert.
Auf Basis dieser Arbeit beginnt die Pharmaindustrie dann die Entwicklung von Medikamenten, die in klinischen Studien getestet werden. Die ersten Präparate zur Behandlung des Juckreizes bei Neurodermitis stehen jetzt, wie gesagt, vor der Zulassung.

Kenntnis dieser zahlreichen Faktoren, die bei der Pathogenese, d.h. die Krankheitsentstehung, des Juckreizes eine Rolle spielen, ist die Basis für die Entwicklung neuer gezielter Therapiestrategien (z.B. anti Zytokin-Therapie).

Aufgrund der Diversität der beschriebenen Signalwege erklärt sich aber auch, dass nicht ein Therapieansatz bei allen Prurituspatienten therapeutisch erfolgreich sein wird.

Um effektivere Therapien zu entwickeln, ist es deshalb  wichtig, die basalen Mechanismen des Juckreizes weiter zu erforschen.

Advertorial

Würde man dann vor dem Einsatz der neuen Medikamente versuchen, den Neurodermitis-Typus zu definieren?

Es gibt große Bestrebungen einen Test zu entwickeln, der es ermöglicht, die individuelle Ursache für den Juckreiz zu definieren und dann gezielter zu therapieren, allerdings ist dies noch Zukunftsmusik. Es gibt aber Studien, die sich damit beschäftigten, geeignete Untersuchungsmethoden zu entwickeln.

Herr Prof. Baron, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Advertorial

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden. Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen gemäß DSGVO.