Neurodermitis Herpes

Prof. Thomas Bieber, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie an der Universitätsklinik in Bonn

Schwere Herpes-Infektionen bei Neurodermitis - Forschungsergebnisse!

Gibt es eine Möglichkeit, das Auftreten neuer Herpes-Schübe bei diesen Neurodermitis-Patienten zu verhindern?

Unser Eindruck ist: Je weniger compliant, d.h. therapietreu der Neurodermitis-Patient ist, desto höher ist das Risiko für eine schwere Herpes-Infektion. Bei einer gut kontrollierten Neurodermitis mit wenig Entzündungsreaktionen und einem guten Hautzustand ist die Gefahr deutlich geringer. Sehr wahrscheinlich hat dies etwas damit zu tun, dass bei Patienten, die die Neurodermitis „verschleppen“, die Hautbarriere anfälliger ist. Die nicht kontrollierte Entzündung der Haut begünstigt das Auftreten und die Verbreitung dieser Infektion.

Sie haben bei der Untersuchung von Neurodermitikern mit Herpes-Ekzem festgestellt, dass in den Langerhans-Zellen, das sind Immunzellen der Haut, ein Enzym namens IDO nach Stimulation besonders aktiv war. Bei Neurodermitikern ohne Herpesbefall war die IDO-Aktivität dagegen normal. Welche Mechanismen stecken hinter diesen Vorgängen und was versteht man unter „Stimulation“?

Aktuell wissen wir noch nicht, ob es sich dabei um einen genetisch bedingten Mechanismus handelt, oder ob das Immunsystem eine Rolle spielt. An diesen Fragestellungen arbeiten wir zurzeit.

Zur „Stimulation“: Bei unseren Tests an den Langerhans-Zellen verwenden wir Stoffe, die eine bakterielle Infektion simulieren und Stoffe, die eine Virusinfektion simulieren. Beide Stoffe haben wir in unseren Studien eingesetzt und dabei festgestellt, dass die Stoffe, die Virusinfektionen nachahmen, die Langerhans-Zellen dazu bringen, enorm hohe Mengen des IDO-Enzyms zu produzieren und aktiv zu werden. Die extrem hohe Aktivität des IDO-Enzyms könnte ein prädiktiver Biomarker sein. Das heißt, es könnte ein Wert sein, der eine verlässliche Aussage dazu erlaubt, wie hoch das Risiko eines Neurodermitis-Patienten ist, eine schwere Herpes-Infektion zu entwickeln.

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Das IDO-Enzym könnte also ein Biomarker für das hohe Risiko von Eczema herpeticum sein?

Bevor ein Biomarker als solcher für die Praxis qualifiziert ist, ist ein mehrstufiger Prozess nötig. Die erste Stufe, in der wir uns gerade befinden, ist die Entdeckung des Phänomens. In unserer aktuellen Studie haben wir das Phänomen „IDO-Enzym“ im Zusammenhang mit dem Risiko für schwere Herpes-Infektionen bei Neurodermitis erstmals gesehen.

Die zweite Stufe auf dem Weg zum Biomarker ist die Validierung. Wir müssen jetzt anhand weiterer Studien mit hohen Patientenzahlen bestätigen, dass das IDO-Enzym ein aussagekräftiger Wert ist, der als Biomarker genutzt werden kann. Der IDO-Wert müsste dann bei Neurodermitis-Patienten mit Risiko für schwere Herpes-Komplikationen immer dann extrem hoch sein, wenn die Langerhans-Zellen entsprechend stimuliert werden.

Das von uns genutzte Testverfahren ist allerdings sehr aufwendig. Dafür wird dem Patienten Blut entnommen, die Langerhans-Zellen werden aus dem Blut generiert und dann stimuliert. Dann wird die IDO-Expression und -Aktivität gemessen. Für uns stellt sich nun die Frage, ob wir dieses komplexe Verfahren so vereinfachen können, dass man es im klinischen Alltag sinnvoll einsetzen kann.

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Wenn es gelingt, diesen Test zu entwickeln, ließe sich dann in den Prozess der Entstehung schwerer Herpes-Infektionen bei Neurodermitis-Patienten eingreifen?

Die nächste Frage, die wir klären müssen, wäre, inwieweit man in den Prozess präventiv eingreifen kann. Aktuell sind wir noch ganz am Anfang und können lediglich sagen, es gibt dieses IDO-Phänomen und es ist messbar. Alles Weitere muss noch geklärt werden und der nächste logische Schritt ist, wie gesagt, die Validierung.

Dieser Prozess ist sehr zeitintensiv und es ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar, wie lange er dauern wird. In unserer nächsten Studie, die demnächst starten wird, wollen wir noch bestehende Fragen nach dem spontanen Verlauf der Erkrankung bzw. der Komplikationen. 

Herr Prof. Bieber, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

1) Antonia Staudacher, Torsten Hinz, Natalija Novak, Dagmar von Bubnoff, Thomas Bieber: Exaggerated IDO1 expression and activity in Langerhans cells from patients with atopic dermatitis upon viral stimulation: a potential predictive biomarker for high risk of Eczema herpeticum; Allergy; DOI: 10.1111/all.12699. Die Studie wurde von der amerikanischen NIH und von der CK-CARE Stiftung finanziert.

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