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Neurodermitis Herpes

Prof. Thomas Bieber, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie an der Universitätsklinik in Bonn

Schwere Herpes-Infektionen bei Neurodermitis - Forschungsergebnisse!

Es gibt Neurodermitis-Patienten, die ein Risiko für schwere Herpes-Infektionen haben. Das bedeutet ein Herpes, der für die meisten Menschen zwar lästig, aber harmlos ist, kann sich zu einer lebensbedrohlichen Komplikation entwickeln. Prof. Thomas Bieber, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie an der Universitätsklinik in Bonn hat in seinen Studien1) an Neurodermitikern mit schwerem Herpes-Ekzem (sog. Eczema herpeticum) festgestellt, dass in deren Immunzellen der Haut, ein Enzym namens IDO nach Stimulation besonders aktiv war. Daraus könnten sich Möglichkeiten für die frühzeitige Erkennung von Risikopatienten und – langfristig – auch für die Prävention ergeben. Mit MeinAllergiePortal sprach er über seine Forschungsergebnisse und die nächsten Schritte in der Forschung.

Herr Prof. Bieber, sind Herpesinfektionen ein generelles Problem bei Neurodermitis-Patienten?

Prinzipiell kann jeder Neurodermitis-Patient genauso wie alle anderen Menschen auch „normale“  Herpes-Infektionen entwickeln. Bei bestimmten Neurodermitis-Patienten kann es bei Herpes-Infektionen jedoch zu Komplikationen kommen. In diesen Fällen verbreitet sich die Herpes-Infektion weit über den Ursprungsort der Infektion hinaus.

Ein Beispiel: Bei einem Lippenherpes beschränken sich die Herpes-Läsionen normalerweise auf die Lippen und breiten sich nicht aus. Bei bestimmten Patienten mit Neurodermitis breiteten sich die Herpesbläschen aber teilweise - oder sogar vollständig - über das Gesicht aus. In manchen Fällen ist sogar der Körper teilweise oder insgesamt betroffen. Es handelt sich hier also nicht um den „normalen“ Herpes, sondern um schwere Formen einer Herpesinfektion. Diese Form des Herpes befällt in der Regel nur die Haut. Das Eczema herpeticum kann aber auch auf die Hirnhaut übergreifen und dann lebensgefährlich verlaufen.

Wie verbreitet sich bei den schweren Formen der Herpes-Infektion das Virus?

Das Herpes Virus verbreitet sich durch eine Art „Ausschwemmung“ über die Blutbahn, wodurch es zu einer Hirnhautentzündung kommen kann.

Der Prozess der „Ausschwemmung“ des Virus findet bei allen Herpes-Patienten gleichermaßen statt, allerdings nur in minimalem Maße. Ein gut funktionierendes Immunsystem kann diese „Ausschwemmung“ kontrollieren und die Herpesviren „in Schach halten“. Bei Patienten mit einer besonderen Form der Neurodermitis kann das Immunsystem dies nicht leisten und so kommt es zu diesen besonders schweren Herpes-Verläufen.

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Welche Neurodermitis-Patienten neigen zu Eczema herpeticum?

Es gibt genetische Untersuchungen, die darauf hinweisen, dass Neurodermitis-Patienten, die zu schweren Herpes-Infektionen neigen, möglicherweise eine genetische Prädisposition haben. Diese genetische Prädisposition bezieht sich jedoch nicht auf das Immunsystem, sondern auf eine Mutation des Gens, das für den Aufbau der Hautbarriere entscheidend ist. Das bedeutet, diese Patienten haben eine grundsätzlich gestörte Funktion der Hautbarriere. Typischerweise sind dies oft auch die Patienten, die die schwerste Form der Neurodermitis aufweisen.

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Ist die Neurodermitis nicht grundsätzlich eine Barrierestörung der Haut?

Bei Neurodermitis treten zwei Probleme auf:

1. Das Problem der Hautbarriere

2. Ein Problem auf der Ebene des Immunsystems

Das Zusammenspiel dieser beiden Probleme und externe Provokationsfaktoren (z.B. Umwelt, Infektionen, Nahrungsmittel, etc..) führt dann zur Neurodermitis.

Unterscheiden sich die Herpes-Läsionen eindeutig von den Läsionen der Neurodermitis?

Der Unterschied zwischen Neurodermitis und Herpes ist sehr deutlich. Diese Patienten zeigen auf der einen Seite die typischen Neurodermitis-Läsionen, d.h. diffuse Rötungen mit Schuppungen und Juckreiz im Gesichtsbereich sowie an den sonst typischen Lokalisationen der Neurodermitis (z.B. Ellenbeugen und Kniekehlen). Hinzu kommt eine Ausdehnung der für die Herpes-Infektion typischen, akuten Läsionen in Form von kleinen Bläschen, Krustenbildung und nässenden Reaktionen. Wie gesagt bleiben diese Herpes-Läsionen in diesen Fällen nicht z.B. auf die Lippen lokalisiert, sondern breiten sich auf Teile des Gesichts oder das gesamte Gesicht aus, oder auch auf Teile des Körpers. Diese Patienten fühlen sich krank und zeigen allgemeine Krankheitszeichen wie Fieber, Abgeschlagenheit und Lymphknotenschwellungen.     

Auch Neurodermitis kann ja am Kopf auftreten…

Bei Patienten mit Neurodermitis und einer zusätzlichen Anfälligkeit für schwere Herpes-Infektionen tritt die Neurodermitis meistens auch am Kopf auf. Diese Komplikation befällt typischerweise eher erwachsene Neurodermitis-Patienten, und bei erwachsenen Patienten ist der Kopf- und Halsbereich in der Regel betroffen.

Im schlimmsten Fall kann die Hirnhaut von der Herpes-Infektion betroffen sein. Glücklicherweise treten derart schwere Komplikationen nur noch sehr selten auf, weil man mit den entsprechenden Medikamenten rechtzeitig eingreifen kann.

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Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es für Neurodermitis-Patienten mit schweren Herpes-Infektionen?

Neurodermitis-Patienten mit schweren Herpes-Infektionen werden stationär aufgenommen und bekommen Infusionen mit dem Anti-Herpes-Simplex-Wirkstoff Aciclovir, der auch bei der Behandlung der Gürtelrose eingesetzt wird. Die stationäre Behandlung dauert in der Regel fünf Tage.

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Ist die stationäre Behandlung mit dem Anti-Herpes-Simplex-Wirkstoff Aciclovir lange wirksam, oder kann es auch zu Rückfällen kommen?

In unserer Studie waren Neurodermitis-Patienten eingeschlossen, die bereits mindestens ein bis zwei Eczema Herpeticum-Schübe erlebt hatten, und wir konnten zeigen, dass die Herpes-Infektionen bei diesen speziellen Neurodermitis-Patienten immer wieder auftreten können.


Gibt es eine Möglichkeit, das Auftreten neuer Herpes-Schübe bei diesen Neurodermitis-Patienten zu verhindern?

Unser Eindruck ist: Je weniger compliant, d.h. therapietreu der Neurodermitis-Patient ist, desto höher ist das Risiko für eine schwere Herpes-Infektion. Bei einer gut kontrollierten Neurodermitis mit wenig Entzündungsreaktionen und einem guten Hautzustand ist die Gefahr deutlich geringer. Sehr wahrscheinlich hat dies etwas damit zu tun, dass bei Patienten, die die Neurodermitis „verschleppen“, die Hautbarriere anfälliger ist. Die nicht kontrollierte Entzündung der Haut begünstigt das Auftreten und die Verbreitung dieser Infektion.

Sie haben bei der Untersuchung von Neurodermitikern mit Herpes-Ekzem festgestellt, dass in den Langerhans-Zellen, das sind Immunzellen der Haut, ein Enzym namens IDO nach Stimulation besonders aktiv war. Bei Neurodermitikern ohne Herpesbefall war die IDO-Aktivität dagegen normal. Welche Mechanismen stecken hinter diesen Vorgängen und was versteht man unter „Stimulation“?

Aktuell wissen wir noch nicht, ob es sich dabei um einen genetisch bedingten Mechanismus handelt, oder ob das Immunsystem eine Rolle spielt. An diesen Fragestellungen arbeiten wir zurzeit.

Zur „Stimulation“: Bei unseren Tests an den Langerhans-Zellen verwenden wir Stoffe, die eine bakterielle Infektion simulieren und Stoffe, die eine Virusinfektion simulieren. Beide Stoffe haben wir in unseren Studien eingesetzt und dabei festgestellt, dass die Stoffe, die Virusinfektionen nachahmen, die Langerhans-Zellen dazu bringen, enorm hohe Mengen des IDO-Enzyms zu produzieren und aktiv zu werden. Die extrem hohe Aktivität des IDO-Enzyms könnte ein prädiktiver Biomarker sein. Das heißt, es könnte ein Wert sein, der eine verlässliche Aussage dazu erlaubt, wie hoch das Risiko eines Neurodermitis-Patienten ist, eine schwere Herpes-Infektion zu entwickeln.

Das IDO-Enzym könnte also ein Biomarker für das hohe Risiko von Eczema herpeticum sein?

Bevor ein Biomarker als solcher für die Praxis qualifiziert ist, ist ein mehrstufiger Prozess nötig. Die erste Stufe, in der wir uns gerade befinden, ist die Entdeckung des Phänomens. In unserer aktuellen Studie haben wir das Phänomen „IDO-Enzym“ im Zusammenhang mit dem Risiko für schwere Herpes-Infektionen bei Neurodermitis erstmals gesehen.

Die zweite Stufe auf dem Weg zum Biomarker ist die Validierung. Wir müssen jetzt anhand weiterer Studien mit hohen Patientenzahlen bestätigen, dass das IDO-Enzym ein aussagekräftiger Wert ist, der als Biomarker genutzt werden kann. Der IDO-Wert müsste dann bei Neurodermitis-Patienten mit Risiko für schwere Herpes-Komplikationen immer dann extrem hoch sein, wenn die Langerhans-Zellen entsprechend stimuliert werden.

Das von uns genutzte Testverfahren ist allerdings sehr aufwendig. Dafür wird dem Patienten Blut entnommen, die Langerhans-Zellen werden aus dem Blut generiert und dann stimuliert. Dann wird die IDO-Expression und -Aktivität gemessen. Für uns stellt sich nun die Frage, ob wir dieses komplexe Verfahren so vereinfachen können, dass man es im klinischen Alltag sinnvoll einsetzen kann.

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Wenn es gelingt, diesen Test zu entwickeln, ließe sich dann in den Prozess der Entstehung schwerer Herpes-Infektionen bei Neurodermitis-Patienten eingreifen?

Die nächste Frage, die wir klären müssen, wäre, inwieweit man in den Prozess präventiv eingreifen kann. Aktuell sind wir noch ganz am Anfang und können lediglich sagen, es gibt dieses IDO-Phänomen und es ist messbar. Alles Weitere muss noch geklärt werden und der nächste logische Schritt ist, wie gesagt, die Validierung.

Dieser Prozess ist sehr zeitintensiv und es ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar, wie lange er dauern wird. In unserer nächsten Studie, die demnächst starten wird, wollen wir noch bestehende Fragen nach dem spontanen Verlauf der Erkrankung bzw. der Komplikationen. 

Herr Prof. Bieber, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

1) Antonia Staudacher, Torsten Hinz, Natalija Novak, Dagmar von Bubnoff, Thomas Bieber: Exaggerated IDO1 expression and activity in Langerhans cells from patients with atopic dermatitis upon viral stimulation: a potential predictive biomarker for high risk of Eczema herpeticum; Allergy; DOI: 10.1111/all.12699. Die Studie wurde von der amerikanischen NIH und von der CK-CARE Stiftung finanziert.

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