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Proaktive Neurodermitis Therapie antientzündlichen Wirkstoffen

Proaktive Neurodermitis-Therapie mit antientzündlichen Wirkstoffen?, Bildquelle: Canva (Arman Zhenikeyev, DAPA Images)

Proaktive Neurodermitis-Therapie mit antientzündlichen Wirkstoffen?

Eine proaktive Neurodermitis-Therapie mit antientzündlichen Wirkstoffen wird von Ärzten zunehmend empfohlen. Wie kann eine proaktive Therapie Patienten mit atopischem Ekzem helfen? Und wie genau führt man sie durch? MeinAllergiePortal sprach mit Dr. med. Katja Nemat, Fachärztin für Kinderpneumologie und Allergologie am Kinderzentrum Dresden-Friedrichstadt (Kid) und Mitglied des Vorstands beim Ärzteverband Deutscher Allergologen e.V. (AeDA) und Dr. med. Susanne Abraham, Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Dermatologie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Dr. Katja Nemat, Dr. Susanne Abraham

Frau Dr. Nemat, Frau Dr. Abraham, was genau ist eine „proaktive Neurodermitis-Therapie mit antientzündlichen Wirkstoffen“?

proaktive neurodermitis therapie katja nemat meinallergieportalDr. med. Katja Nemat, Bildquelle: K. NematDr. Nemat: Bei Neurodermitis bedeutet „proaktive Therapie“, dass man eine niedrigdosierte Erhaltungstherapie durchführt, auch wenn gar keine Läsionen zu sehen sind. Anstatt erst dann mit der Neurodermitis-Therapie zu beginnen, wenn sich Ekzeme zeigen, versucht man so bereits das Entstehen der Hautsymptome zu verhindern.

Wie geht man vor bei einer proaktiven Neurodermitis-Therapie?

Dr. Abraham: Die proaktive Neurodermitis-Therapie mit antientzündlichen Wirkstoffen beginnt direkt im Anschluss an die Behandlung eines Ekzem-Schubs. Dann wird ein antientzündlicher Wirkstoff regelmäßig, in der Regel zweimal in der Woche, weiterverwendet, um neue Krankheitsschübe zu verhindern. Man möchte hiermit sozusagen „pro-agieren“ statt zu „re-agieren“. Man wartet also nicht erst auf den Schub oder eine Komplikation, um zu therapieren.

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Wann ist eine proaktive Neurodermitis-Therapie sinnvoll?

Dr. Nemat: Das ist zum Beispiel dann sinnvoll, wenn absehbar ist, dass bekannte Triggerfaktoren für Neurodermitis-Schübe nicht vermeidbar sind.

Mit welchen Medikamenten kann eine Neurodermitis präventiv behandelt werden?

proaktive neurdoermitis therapie susanne abraham meinallergieportalDr. med. Susanne Abraham, Bildquelle: S. AbrahamDr. Abraham: Ein Mittel der Wahl bei der proaktiven Therapie sind topische Kortikoide, also Kortison, oder sogenannte Calcineurininhibitoren (TCI). Beide Wirkstoffgruppen können für eine niedrigdosierte Langzeittherapie eingesetzt werden.

Was kann man mit der proaktive Neurodermitis-Therapie erreichen?

Dr. Nemat: Durch die regelmäßige präventive Anwendung des antientzündlichen Wirkstoffes treten seltener Neurodermitis-Schübe auf und es kommt auch nicht so oft zu Juckreiz.

Auch die Menge der eingesetzten Wirkstoffe ändert sich im Vergleich zur Bedarfstherapie.

Braucht man durch die proaktive Therapie der Neurodermitis weniger Kortison oder Calcineurininhibitoren?

Dr. Nemat: Ja, mit der präventiven Behandlung der atopischen Dermatitis kann man die Therapiedosis verringern. Das liegt daran, dass sich bei Neurodermitis auch außerhalb der akuten Krankheitsphasen häufig unterschwellige Entzündungsreaktionen an bestimmten Hautarealen zeigen. Von diesen Entzündungsherden gehen dann die akuten Verschlechterungen und Ekzemschübe aus. Dies mündet oft rasch in unkontrollierten Juckreiz und eine sichtbare Entzündungsreaktion der Haut. Letztlich kommt es dann oft in schneller Folge zu weiteren Schüben. Kontrolliert man jedoch die Entzündungsaktivität, die Inflammation in den Herden, lässt sich die Krankheitsaktivität insgesamt oft stark reduzieren. Man kann dann die Spirale „Entzündung – Juckreiz – Kratzen – weitere Entzündung“, den sogenannten „Juck-Kratz-Zirkel“, durchbrechen.

Wie genau sieht eine solche anti-entzündliche Therapie mit Kortison oder Calcineurininhibitoren aus?

Dr. Abraham: Zunächst behandelt man einen Krankheitsschub, meist durch Anwendung von Kortison-Externa, einmal täglich an den betroffenen Arealen. Nach Abheilung der Läsionen beginnt man eine Intervalltherapie genau an den am stärksten betroffenen Stellen, in der Regel zweimal pro Woche. Es eignen sich hierfür moderne Kortison-Cremes und Kortison-Salben der Klasse 2 und 3. Aber auch die neueren Wirkstoffe Pimecrolimus und insbesondere Tacrolimus, , beides topische Calcineurininhibitoren (TCI), sind für die präventive Behandlung der Neurodermitis geeignet. Für letztere wurde der Begriff „Proaktive Therapie“ sogar geprägt. Längere Erfahrungen gibt es jedoch für diese Anwendungsform mit den Kortison-Cremes.

In welchen zeitlichen Abständen wird wo und wie proaktiv gecremt?

Dr. Abraham: Je nach Verordnung wird 1 bis 2 Mal wöchentlich gecremt. Meist cremt man an zwei festen Wochentagen, zum Beispiel montags und donnerstags. Wichtig ist es, die Prädilektionsstellen zu behandeln, an denen entweder stets ekzematöse Entzündungsreaktionen vorliegen oder von denen die Krankheitsschübe jeweils ausgehen. Das Wichtigste an der proaktiven Therapie ist die individuelle Identifizierung solcher „Neurodermitis-Stellen“. Bei Kindern sind das häufig die großen Körperbeugen, Handgelenke oder der Hals-/Nacken-Bereich. Wenn man an diesen Körperstellen die Entzündung eindämmt bzw. regelmäßig bekämpft, kann man Krankheitsschübe verhüten bzw. „Ekzem-Kontrolle“ erlangen. Dies geht mit einer erheblichen Steigerung der Lebensqualität der Kinder einher.

Wie lange kann man eine Neurodermitis proaktiv behandeln, ohne dass es zu Nebenwirkungen kommt?

Dr. Nemat: Aufwändig gestaltete wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass es unter einer proaktiven Therapie über längere Zeiträume nicht zu Nebenwirkungen kommt. Für die topischen Calcineurininhibitoren (TCI) ist dies für 12 Monate nachgewiesen, für Kortikoidexterna der Klasse 2 und 3 in mehreren Studien für 4 Monate. Bei letzteren Wirkstoffen sind längere Zeiträume leider nicht in kontrollierten Studien erfasst. Wir gehen jedoch aufgrund der Erfahrungen in der Praxis davon aus, dass auch mit Kortikoidexterna eine Behandlung über 12 Monate oder sogar länger sicher und gut wirksam ist. Solange das Ekzem sehr aktiv ist, sollte die proaktive Therapie daher beibehalten werden – so die Expertenmeinung.

Wie wissen die Eltern, wann sie die proaktive Neurodermitis-Therapie beenden können?

Dr. Nemat: Interessanterweise entwickeln Eltern bei der Anwendung bei ihrem Kind oft ein gutes Gefühl dafür, wie lange die Therapie noch weitergeführt werden muss. Sie merken anhand des Hautbefundes, wann der richtige Zeitpunkt ist, zu reduzieren oder die Behandlung zu beenden. Das können sie dann mit dem Arzt besprechen.

Wie sind die systemischen Nebenwirkungen von Kortison-Cremes zu beurteilen, was ist möglich und wie kann man das vermeiden?

Dr. Abraham: Wir verwenden heute bei Kindern moderne Kortisoncremes, die nicht systemisch aufgenommen werden. Tatsächlich sind systemische Nebenwirkungen bei Kortisoncremes eine Rarität. Außerdem sind sie immer, ohne Ausnahme, durch Anwendungsfehler bedingt, vor allem durch exzessive Anwendung von starken Kortisoncremes im Windelbereich. Deshalb sollte der verordnende Arzt immer genaue Angaben machen, wie die Kortisonsalben und –cremes zu verwenden sind. Am besten ist sogar ein schriftlicher Therapieplan. Wenn man sich an diese Anweisungen hält, kommen keine systemischen Nebenwirkungen vor. Handlungssicherheit in der Anwendung von Kortison bei Neurodermitis erhalten Eltern auch durch eine Neurodermitis-Elternschulung.

Kann es bei Neurodermitis durch die Anwendung von Kortisoncreme zu lokalen Nebenwirkungen kommen?

Dr. Abraham: Lokale Nebenwirkungen durch externe Kortikoide sind prinzipiell möglich. Bei den modernen Kortisoncremes ist das Risiko insgesamt aber sehr gering. Bei korrekter Anwendung moderner Kortikoide kann man lokale ebenso wie systemische Nebenwirkungen ausschließen. Unterscheiden muss man aber, um welche Art von Kortison es sich genau handelt, denn es gibt vier Generationen von Kortisoncremes.

Was ist der Unterschied zwischen Kortisoncreme der ersten, zweiten, dritten und vierten Generation?

Dr. Nemat: 1952 kam das erste Kortikoid als Externum, die erste Kortisoncreme auf den Markt. Seitdem wurden die Kortisonsalben kontinuierlich optimiert. Ähnlich wie bei den Antihistaminika wurden die Wirkstoffe weiterentwickelt und das Nebenwirkungs-Wirkungs-Verhältnis deutlich verbessert. Im Moment sind wir bei der vierten Kortisonexterna-Generation. Hier besteht nur noch ein extrem geringes Risiko für lokale Nebenwirkungen, vor allem für eine Hautatrophie, einer Verdünnung der Haut.

Wann kommt es durch Kortisoncreme zu einer dünnen Haut?

Dr. Abraham: Zu einer Hautatrophie kann es kommen, wenn man ältere Kortisonsalben in hoher Dosis häufig und über einen längeren Zeitraum hinweg anwendet. Mit „häufig“ ist gemeint: Täglich ohne Unterbrechung. Zu einer dünnen Haut kann es dadurch insbesondere an den Stellen kommen, an denen die Haut bereits per se etwas dünner ist. Bei Kindern sind dies der Bereich der Augenlider und der Windelbereich bzw. Genitalbereich. Hier besteht auch eine erhöhte Durchlässigkeit der Haut. Deshalb können dort bei exzessiver Anwendung von Kortisonsalben lokale Nebenwirkungen auftreten, insbesondere unter Okklusion, also wenn die Haut abgedeckt wird.

Normalisiert sich bei Neurodermitis die Haut wieder, wenn man die Kortisoncreme weglässt?

Dr. Nemat: Eine Hautverdünnung durch ältere Kortikoidexterna ist in der Regel noch reversibel. Das heißt, das kann sich wieder zurückbilden, allerdings nur, wenn es frühzeitig bemerkt wird. Bemerkt man nicht, dass die Haut durch die Kortisoncreme immer dünner wird und wendet die Kortisonexterna weiterhin an, kann die Hautverdünnung irreversibel werden. Mit den modernen Kortikoiden sehen wir diese Hautatrophien allerdings gar nicht mehr. Das liegt zum einen am optimierten Wirkstoff. Ein weiterer Grund ist wahrscheinlich auch, dass wir unsere Neurodermitis-Patienten beraten, wie, wann und wie lange sie die Kortisoncreme anwenden sollen.

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Wie merken Patienten, die über viele Monate täglich Kortisonsalben der alten Generation verwendet haben, dass sich die Haut verdünnt?

Dr. Abraham: Man erkennt die Hautverdünnung an einer dünneren, vermehrt durchsichtigen Haut und einer pergamentartigen Fältelung. Manchmal kommt es zu Teleangiektasien, dann sind einzelne Venen durch die Haut sichtbar. Zu solchen Hautverdünnungen kommt es mit den modernen Kortisonexterna, die nach einem festen Behandlungsschema aufgetragen werden, nicht mehr.

Warum kann es gerade im Windelbereich durch Kortisonsalben unter Okklusion zu Nebenwirkungen kommen?

Dr. Nemat: Unter Okklusion, unter abdeckender Behandlung, steigt das Risiko für Nebenwirkungen an. Dieser Umstand hat im Windelbereich Relevanz, dort ist die Haut sowieso bereits etwas dünner und durchlässiger. Im Windelbereich behandelt man in der Regel aber keine Neurodermitis, denn es ist typisch für die Neurodermitis, dass sie im Windelbereich gar nicht auftritt. Durch die Windeln befindet sich die Haut in diesem Bereich in einer Art feuchten Kammer und ist gut hydriert. Nur in ausgesprochen seltenen und schweren Fällen treten bei Kindern mit Neurodermitis Ekzeme auch im Windelbereich auf. Wenn die Entzündungsreaktion zu stark ist und pflegende oder antiseptische Maßnahmen nicht mehr ausreichen, kann hier für kurze Zeit ein Klasse 2-Kortikosteroid – am besten sogar 30 Prozent oder 60 Prozent verdünnt angewandt werden.

Wenn Neurodermitis im Windelbereich selten ist, welche Hautprobleme treten denn dann im Windelbereich auf?

Dr. Abraham: Im Windelbereich findet man eher eine sogenannte irritativ-toxische Dermatitis oder Windeldermatitis. Zu Entzündungsreaktionen wie der Windeldermatitis kommt es durch den Kontakt mit Kot oder Urin. Erreger wie Pilze und Bakterien, die aus dem Darm kommen, besiedeln dann die geschädigten Hautareale. Die Windeldermatitis behandelt man antiseptisch und durch eine gute, stadien-angepasste Pflege. Die entzündeten Hautstellen werden dabei mit Zinkpaste vor dem Kontakt mit Urin geschützt.

Ist mangelnde Hygiene der Grund für Windeldermatis?

Dr. Nemat: Die Windeldermatitis muss kein Hygieneproblem sein, denn manche Kinder neigen eher zu Windeldermatitis und Pilzinfektionen als andere Kinder. Es hilft aber bei der Behandlung und ist auch Teil der Therapie, wenn man den Kindern häufig die Windeln wechselt und sie auch einmal ganz ohne Windeln und Höschen frei laufen lässt. Man sollte auch den Windelbereich nicht mit harten Lappen abwischen und, falls nötig, nach der Reinigung sogar trockenföhnen. Vorsicht sollte man bei der Verwendung von Feuchttüchern walten lassen. Oft enthalten Feuchttücher reizende Stoffe oder Duftstoffe, die Kontaktallergien auslösen können. Diese Art von Dermatitis heilt ab, wenn die Kinder windelfrei werden.

Sie erwähnten auch Ekzeme im Bereich der Augenlider der Kinder, kann man hier auch Kortisoncreme verwenden?

Dr. Nemat: Im „inneren Gesicht“ um die Lider herum, an Wangen und um den Mund herum, besteht ebenfalls ein erhöhtes Risiko für Kortison-Nebenwirkungen. Insbesondere an den Lidern sollte man aufpassen. Jedoch kommt es häufig vor, dass man bei Lidekzemen oder überhaupt im Gesichtsbereich antientzündliche Wirkstoffe benötigt. Man kann dann kurzfristig verdünnte Klasse 2-Kortikosteroide einsetzen. Als Alternative gelten die topischen Calcineurininhibitoren, insbesondere das Pimecrolimus, das mittlerweile ab dem 3. Lebensmonat zugelassen ist. Die Basistherapie der Neurodermitis ist auch im Gesicht die Pflege mit rückfettenden Cremes. Dabei handelt es sich tatsächlich um eine „Therapie“, weil sie am Kernproblem, der Barrierestörung der Haut, angreift.

Letzte Frage: Wie lässt sich die proaktive Neurodermitistherapie mit dem Aufenthalt in der Sonne vereinbaren?

Dr. Abraham: Ein Lichtschutz wird bei Kindern mit Neurodermitis generell empfohlen, wie bei nicht erkrankten Kindern auch. Sinnvoll ist ein Sonnenschutz mit UVA/UVB-Filter, der konsequent angewendet werden sollte, ergänzt um sonnenschützende Textilien. Die Sonnenschutzprodukte sollten keine Duft-, Konservierungs- und Farbstoffe enthalten, eine Empfehlung, die auch generell für die Basispflegeprodukte gilt. Eine exzessive Sonnenexposition durch Sonnenbaden ist generell nicht empfehlenswert, auch nicht für hautgesunde Kinder.

Frau Dr. Nemat, Frau Dr. Abraham, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.