antientzündliche proaktive Neurodermitis-Therapie

Dr. Katja Nemat, Fachärztin für Kinderpneumologie und Allergologie am Kinderzentrum Dresden-Friedrichstadt (Kid)und Mitglied des Vorstands beim Ärzteverband Deutscher Allergologen e.V. (AeDA)

Neurodermitis: Proaktive Therapien mit antientzündlichen Wirkstoffen!

Bei der Behandlung von Neurodermitis plädieren Experten zunehmend für eine proaktive, vorbeugende Therapie mit antientzündlichen Wirkstoffen. Das bedeutet: Anstatt erst dann therapeutisch einzugreifen, wenn sich Läsionen zeigen, versucht man, bereits das Entstehen der Hautsymptome zu verhindern. Das ist u.a. dann sinnvoll, wenn absehbar ist, dass bekannte Trigger für Neurodermitis-Schübe nicht vermeidbar sind. Ein Mittel der Wahl sind Kortikoide, d.h. Kortison, oder sogenannte Calcineurininhibitoren (TCI). Beide Wirkstoffgruppen können für eine niedrigdosierte Langzeittherapie eingesetzt werden. MeinAllergiePortal sprach mit Dr. Katja Nemat, Fachärztin für Kinderpneumologie und Allergologie am Kinderzentrum Dresden-Friedrichstadt (Kid)und Mitglied des Vorstands beim Ärzteverband Deutscher Allergologen e.V. (AeDA) über die Möglichkeiten einer proaktiven Neurodermitis-Therapie.

Frau Dr. Nemat, wann ist eine proaktive Neurodermitis-Therapie sinnvoll?

Die proaktive Therapie ist eine niedrigdosierte Erhaltungstherapie bei Neurodermitis, bei welcher direkt im Anschluss an die Behandlung eines Schubs ein antientzündlicher Wirkstoff regelmäßig, in der Regel zweimal in der Woche, weiter verwendet wird, um neue Krankheitsschübe zu verhindern. Man möchte hiermit sozusagen „pro-agieren“ statt zu „re-agieren“, d.h. nur auf den Eintritt eines Schubs oder einer Komplikation hin zu handeln.

Durch die regelmäßige Anwendung des antientzündlichen Wirkstoffes treten seltener Schübe auf und es lässt sich der Verbrauch von Wirkstoffen, wenn sie nur in Reaktion auf einen Schub angewandt werden (sogenannte Bedarfstherapie), deutlich reduzieren. Man braucht also insgesamt weniger Wirkstoff, obwohl man ihn vermeintlich ungezielter verwendet!

Der Hintergrund ist, dass sich bei Neurodermitis auch außerhalb der akuten Krankheitsphasen häufig unterschwellige Entzündungsreaktionen an bestimmten Hautarealen zeigen. Von diesen „Herden“ gehen dann die akuten Verschlechterungen und Schübe aus. Dies mündet oft rasch in unkontrollierten Juckreiz und sichtbare Entzündungsreaktion der Haut – und zieht letztendlich oft weitere Schübe in schneller Folge nach sich. Kontrolliert man jedoch die Entzündungsaktivität in den Herden, lässt sich die Krankheitsaktivität insgesamt oft stark reduzieren und die Spirale Entzündung – Juckreiz – Kratzen – weitere Entzündung, der sogenannter „Juck-Kratz-Zirkel“, durchbrechen.

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Wie genau sieht eine solche Therapie aus? Welche Kortikoid-Dosierung ist sinnvoll? Welche anderen Wirkstoffe könnten eingesetzt werden?

Zunächst behandelt man einen Krankheitsschub, meist durch Anwendung von Kortison-Externa, einmal täglich an den betroffenen Arealen. Nach Abheilung der Läsionen beginnt man eine Intervalltherapie genau an den am stärksten betroffenen Stellen – in der Regel zweimal pro Woche. Es eignen sich hierfür moderne Kortison-Cremes und – Salben der Klasse 2 und 3, aber auch die neueren Wirkstoffe Pimecrolimus und insbesondere Tacrolimus, die sogenannten Calcineurininhibitoren (TCI). Für letztere wurde der Begriff „Proaktive Therapie“ sogar geprägt. Längere Erfahrungen gibt es jedoch für diese Anwendungsform mit den Kortison-Externa. 

In welchen zeitlichen Abständen wird wo und wie gecremt?

Je nach Verordnung wird 1 bis 3 x wöchentlich gecremt, meist an zwei festen Wochentagen - zum Beispiel montags und donnerstags. Wichtig ist es, die Prädilektionsstellen zu behandeln, an denen entweder stets ekzematöse Entzündungsreaktionen vorliegen oder von denen die Krankheitsschübe jeweils ausgehen. Das Wichtigste an der proaktiven Therapie ist die individuelle Identifizierung solcher „Herde“. Bei Kindern sind das häufig die großen Körperbeugen, Handgelenke oder der Hals-/Nacken-Bereich. Wenn man an diesen Körperstellen die Entzündung eindämmt bzw. regelmäßig bekämpft, kann man Krankheitsschübe verhüten bzw. „Ekzem-Kontrolle“ erlangen. Dies geht mit einer erheblichen Steigerung der Lebensqualität einher.

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Wie lange kann man eine Neurodermitis proaktiv behandeln?

Aufwändig gestaltete wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass es unter einer proaktiven Therapie über längere Zeiträume nicht zu Nebenwirkungen kommt. Für die topischen Calcineurininhibitoren (TCI) ist dies für 12 Monate nachgewiesen, für Kortikoidexterna der Klasse 2 und 3  in mehreren Studien für 4 Monate.

Bei letzteren Wirkstoffen sind längere Zeiträume leider nicht in kontrollierten Studien erfasst. Wir gehen jedoch aufgrund der Erfahrungen in der Praxis davon aus, dass auch mit Kortikoidexterna eine Behandlung über 12 Monate oder sogar länger sicher und gut wirksam ist. Solange das Ekzem sehr aktiv ist, sollte die proaktive Therapie daher beibehalten werden – so die Expertenmeinung.

Interessanterweise entwickeln Eltern bei der Anwendung bei ihrem Kind oft ein Gefühl dafür, wie lange die Therapie noch weitergeführt werden muss bzw. wann der richtige Zeitpunkt ist, zu reduzieren oder eine Beendigung zu versuchen. Das können sie dann mit dem Arzt besprechen.

Wie sind die systemischen Nebenwirkungen externer Kortikoide zu beurteilen? Welche Nebenwirkungen sind möglich und wie lassen sie sich vermeiden?

Tatsächlich sind systemische Nebenwirkungen externer Kortikoide eine Rarität und immer – ohne Ausnahme – durch Anwendungsfehler bedingt, vor allem durch exzessive Anwendung im Windelbereich.

Der verordnende Arzt sollte immer genaue Angaben machen, wie die Kortisonsalben und –cremes zu verwenden sind. Am besten ist sogar ein schriftlicher Therapieplan. Wenn man sich an diese Anweisungen hält, kommen keine systemischen Nebenwirkungen vor. Handlungssicherheit in der Anwendung von Kortison bei Neurodermitis erhalten Eltern auch durch eine Neurodermitis-Elternschulung.

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