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Mikroplastik in Körperpflegemitteln und Kosmetika: Ein Risiko, nicht nur bei Hauterkrankungen wie Neurodermitis und Schuppenflechte

Dass viele Produkte, auch Körperpflegemittel und Kosmetika, Mikroplastik enthalten, ist bekannt. Weniger bekannt ist, wie sich das auf die Gesundheit auswirkt. Das wirft insbesondere dann Fragen auf, wenn Produkte, die Mikroplastik enthalten, auf eine gestörte Hautbarriere treffen, wie dies bei Neurodermitis oder Psoriasis der Fall ist. Was weiß man aktuell über die Wirkung von Mikroplastik bei Kontakt mit der Körperoberfläche, was lässt sich extrapolieren und woran wird geforscht? MeinAllergiePortal sprach darüber mit Dr. med. Dipl. Biol. Susanne Saha, Fachärztin für Dermatologie, Venerologie und Berufsdermatologie (ABD), Hautärzte am Marktplatz, Karlsruhe und Betreiberin der kostenlosen Infoplattform dermoprotect zu umweltverträglichen Pflegeprodukten aus Apotheken.

Mikroplastik Körperpflegemitteln Kosmetik
Mikroplastik in Körperpflege- und Kosmetikprodukten: Potenzielle Gesundheitsrisiken über Hauterkrankungen hinaus! Bildquelle: S.Saha, canva siniehinaalona, Sivstockmedia

Interviewpartner:  Dr. med. Dipl. Biol. Susanne Saha, Fachärztin für Dermatologie, Venerologie und Berufsdermatologie (ABD), Hautärzte am Marktplatz, Karlsruhe

Autor: Sabine Jossé M.A.

Frau Dr. Saha in welcher Form wird Mikroplastik in Körperpflegemitteln eingesetzt?

Mikroplastik bezeichnet synthetisch hergestellte, feste, wasserunlösliche und biologisch nicht oder kaum abbaubare Kunststoffpartikel mit einer Größe von weniger als 5 mm. Partikel, die kleiner als 100 nm sind werden als Nanopartikel bezeichnet (1).

In welchen Körperpflege-Produkten wird Mikroplastik eingesetzt?

Das sogenannte primäre Mikroplastik, welches durch Hersteller bewusst hinzugefügt wird, findet Verwendung in zahlreichen Pflegeprodukten wie Cremes, Salben und Lotionen sowie Kosmetika aus Drogerien, Parfümerien und Apotheken. Sekundäres Mikroplastik hingegen entsteht aus Abrieb oder Zerfall von Kunststoffgegenständen.

Wozu dient Mikroplastik in Körperpflegemitteln? (Dient es eher der leichteren Produktion oder eher den Produkteigenschaften?)

Mikroplastik in Körperpflegemitteln erfüllt mehrere Funktionen gleichzeitig: Es verbessert Produkteigenschaften, senkt Herstellungskosten und ermöglicht Formulierungen, die durch natürliche Rohstoffe schwerer zu ersetzen sind.

Das bekannteste Beispiel sind Mikroperlen (Microbeads) aus Polyethylen (PE), die in Peeling- und Reinigungsprodukten als mechanische Abrasiva eingesetzt wurden, mittlerweile jedoch in der EU seit Oktober 2023 verboten sind (s. Tab 1).

Nicht als Mikroplastik definiert sind synthetische Polymere, die in Körperpflegemitteln als Filmbildner, Verdickungsmittel, Viskositätsregulatoren, Bindemittel und Emulgatoren in wachsartiger, gelartiger oder flüssiger Form eingesetzt werden. In Leave-on-Produkten wie Körpercremes und Lotionen sorgen solche Polymermikropartikel für ein seidiges Hautgefühl und verbesserte Haftung. Auch dienen synthetische Polymerkapseln der kontrollierten Freisetzung von Duftstoffen oder Wirkstoffen in Cremes, Lotionen und Parfums (3).

Das heißt also, der Einsatz von Mikroplastik erhöht die Profitabilität bei der Herstellung von Körperpflegemitteln?

Der Einsatz von Mikroplastik ist ein wirtschaftlich relevanter Aspekt, da er ein kostengünstiger und leichter Füllstoff ist, um Volumen zu erzeugen und die Formulierung zu strecken. Insbesondere Polypropylen (PP) lässt sich zu deutlich geringeren Kosten herstellen als pflanzliche oder mineralische Alternativen (18). Mikroplastik ist jedoch kaum biologisch abbaubar und reichert sich über die Abwässer in der Umwelt an.

Was bedeutet Mikroplastik in Körperpflegemitteln für die Umwelt?

Laut der Fraunhofer UMSICHT-Studie gelangen allein in Deutschland aus Kosmetik- und Putzmitteln jährlich rund 977 Tonnen Mikroplastik sowie 46.900 Tonnen gelöste synthetische Polymere ungefiltert in die Abwässer (2). Diese Partikel werden von Kleinstlebewesen mit der Nahrung aufgenommen und gelangen so über Umwege in die Nahrungskette des Menschen.

Seit Oktober 2023 wird ein Verbot der EU von festem, wasserunlöslichem Mikroplastik für unterschiedliche Produktkategorien stufenweise umgesetzt (s. Tab 1). Flüssige synthetische Polymere fallen jedoch nur teilweise unter diese Regulierung und können in vielen Produkten weiterhin enthalten sein (1,2).  

Geplante EU-Verbote von Mikroplastik
Verbotsdatum (EU) Produktkategorie
 Oktober 2023 Abrasive Mikroplastikperlen (Microbeads) in Peeling-, Polier- und Reinigungsprodukten
 Oktober 2027 Abwaschbare (Rinse-off) Kosmetika und Körperpflegeprodukte (z. B. Shampoos, Duschgele) – Trübungsmittel und sonstige Polymermikropartikel
 Oktober 2028 Wasch-, Pflege- und Reinigungsmittel; Wachse, Poliermittel, Lufterfrischer
 Oktober 2029 Leave-on-Produkte: Cremes, Lotionen, Haargels; Mikrokapseln für Duftstoffe
 Oktober 2035 Lippenstifte, Nagellacke, Make-up-Produkte

Quelle: Überblick über die EU-Verordnung 2023/2055 (REACH Anhang XVII, September 2023) zum Verbot von festem Mikroplastik in Kosmetika und Körperpflegemitteln, Europäische Kommission. Verordnung (EU) 2023/2055 der Kommission vom 25. September 2023 zur Änderung von Anhang XVII der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH). Amtsbl Eur Union. 2023. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/

Wie sieht das bei der Kosmetik aus, wo kommt hier Mikroplastik zum Einsatz und warum?

In Körperpflegeprodukten und Kosmetikprodukten spielt Mikroplastik eine besonders bedeutende Rolle, da diese Produkte direkt auf die Haut aufgetragen werden und dort über viele Stunden oder den gesamten Tag verbleiben. Im Vergleich zu abwaschbaren Produkten ist die Expositionsdauer damit deutlich länger. Im Bereich der dekorativen Kosmetik wird Mikroplastik ebenfalls vor allem in Foundations und Lippenstiften eingesetzt, um einen lang andauernden Halt zu gewährleisten.

Welche Arten von Mikroplastik findet man in Körperpflegemitteln und Kosmetik und unter welchen Bezeichnungen? 

Gemäß der International Nomenclature of Cosmetic Ingredients (INCI), dem international verbindlichen Nomenklaturstandard für Kosmetikinhaltsstoffe, können folgende Bezeichnungen auf Mikroplastik hinweisen:
 Stoff  Kurzname / INCI  Typische Produkte Funktion 
 Polyethylen (PE)  PE  Peelingpartikel, Scrubs Exfoliation 
 Polypropylen (PP)  PP  Peelingpartikel, Füllstoffe Exfoliation, Textur 
 Polystyrol (PS)  PS  Mikrokugeln, Füllstoffe  Textur, Füllstoff
 Polymethylmethacrylat  PMMA  Cremes, Foundation  Texturverbesserer, Weichzeichner
 Nylon-12 / Nylon-6  Polyamid  Cremes, Puder  Texturpartikel
 Polytetrafluorethylen  PTFE / Teflon  Lippenpflege, Puder  Gleitmittel
Quelle: Überblick über die häufigsten Mikroplastikarten, die in Kosmetika und Pflegeprodukten eingesetzt werden, ihre chemische Form, typische Anwendungsgebiete sowie das Ausmaß ihres Vorkommens, Europäische Kommission. Verordnung (EU) 2023/2055 der Kommission vom 25. September 2023 zur Änderung von Anhang XVII der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH). Amtsbl Eur Union. 2023. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/  

Was passiert, wenn man Mikroplastik-haltige Körperpflegeprodukte nur kurz auf die Haut oder die Haare aufträgt und dann wieder abwäscht

Bei Duschgelen, Shampoos, Körperpeelings oder Zahnpasta, sogenannten Rinse-off-Produkten, ist die Kontaktzeit mit der Haut begrenzt. Napper et al. berechneten, dass bei einer einzigen Anwendung eines Gesichtspeelings zwischen 4.594 und 94.500 Microbeads freigesetzt werden können (4). Nach dem Abspülen gelangen Großteile solcher und anderer Mikroplastikpartikel in das Abwassersystem, wobei ihre Filtration durch geeignete Klärstufen begrenzt ist.

Welche Auswirkungen hat es, wenn Mikroplastik-haltige Körperpflegemittel sehr lange auf der Haut oder den Haaren verbleiben?

Bisher unzureichend erforscht ist der längere Hautkontakt von Leave-on-Produkten wie Körpercremes, Lotionen, Sonnenschutzmitteln und Haarpflegeprodukten. Mögliche Interaktionsmuster wären bei verlängerter Einwirkung die Anreicherung von Partikeln in Poren und Haarfollikeln, das Eindringen besonders kleiner Partikel in tiefere Hautschichten sowie die Migration chemischer Zusatzstoffe aus dem Kunststoffmaterial in die Haut (s. Tab. 3).

Wissenschaftler fordern daher umfassende Vorschriften, die Überwachung aller Mikroplastikpartikel in Kosmetika sowie Studien zu den Auswirkungen und Emissionen von Mikroplastik in Kosmetika (8).

Unter welchen Umständen könnte Mikroplastik aus Körperpflegemitteln die Haut durchdringen und welche Rolle spielt es dabei, ob die Hautbarriere intakt oder, wie zum Beispiel bei Neurodermitis, geschädigt ist?

Mikro- und Nanoplastikpartikel aus Kosmetik- und Pflegeprodukten können nach derzeitigem Kenntnisstand eine intakte, gesunde Hautbarriere kaum überwinden. Eine Penetration wird vor allem bei sehr kleinen Partikeln und bei geschädigter Hautbarriere diskutiert. Die Partikelgröße von Mikroplastik (0,1 nm bis 5 mm) und Nanoplastik (< 100 nm) ist ein zentraler Parameter für das toxikologische Risikoprofil. Die Penetration von Nanopartikeln wird durch verschiedene Faktoren beeinflusst, darunter die interzelluläre Lipidmatrix, intrazelluläre Transportwege, Schweißdrüsen und Haarfollikel. Partikel unter 4 nm können die intakte Hautbarriere nahezu ungehindert penetrieren, während Partikel zwischen 21 und 45 nm dies nur bei geschädigter Haut, wie zum Beispielbei Neurodermitis (atopischer Dermatitis), vermögen (5). Partikel größer als 1000 nm akkumulieren höchstens im Stratum corneum und können die Hautbarriere unter normalen Bedingungen kaum durchdringen (9).

Weiß man, welche Wirkung Mikroplastik aus Körperpflegemitteln die Tight Junctions hat?

Tight Junctions (TJ) sind Verbindungsproteine der Körnerschicht (Stratum granulosum) der Haut, die als innere Barriere die Durchlässigkeit der Haut für Fremdstoffe regulieren. Sie bilden nach dem Stratum corneum die zweite Barrierelinie. Ob Mikroplastik die Tight Junction-Funktion auch bei intakter Haut dauerhaft beeinträchtigt, ist noch nicht abschließend geklärt. Hinweise aus Tierversuchen zeigen, dass gealterte Polystyrolpartikel über oxidativen Stress Tight Junction-Schäden und Apoptose - eine Art Selbstzerstörung der Zellen - auslösen können (6). Eine andere Arbeit dokumentierte ein erhöhtes Entzündungsrisiko im Hautgewebe von Mäusen nach Nanoplastik-Penetration durch Polystyrol (1). Studien mit Polystyrol-Partikeln lassen sich nicht auf alle Mikroplastikarten verallgemeinern, da physikalische und chemische Eigenschaften zwischen den Kunststofftypen erheblich variieren. Bei gesunden Menschen unter typischer kosmetischer Exposition fehlen bislang kausale Nachweise für eine systemische Aufnahme von Mikroplastik.

Was weiß man über die Wirkung von Mikroplastik aus Körperpflegemitteln, das die Hautbarriere durchdrungen hat?

Sobald Nanoplastikpartikel (< 100 nm) die Hautbarriere überwunden haben, können sie mit zellulären und immunologischen Strukturen interagieren. Das aktuelle Wissen stützt sich dabei überwiegend auf In-vitro-Experimente und Tiermodelle. Auf zellulärer Ebene führt der Kontakt von Hautzellen (Keratinozyten) mit Mikroplastik zur erhöhten Produktion freier Radikale, die DNA-Schäden und Zelluntergang auslösen können. Gleichzeitig werden entzündungsfördernde Botenstoffe hochreguliert, dieselben, die auch bei Neurodermitis und Schuppenflechte (Psoriasis vulgaris) eine zentrale Rolle spielen (11). Nanoplastik kann darüber hinaus von Immunzellen der Haut, insbesondere Langerhans-Zellen und Makrophagen, aufgenommen werden und so systemische Immunreaktionen anstoßen (5). Neben diesen entzündlichen Prozessen gibt es Hinweise auf beschleunigte Hautzellenalterung: Han et al. konnten zeigen, dass Nanoplastik die Alterung von Hautzellen vorantreiben kann (12). Zusätzlich fungiert Mikroplastik als trojanisches Pferd: es kann Schadstoffe wie Weichmacher (Phthalate, Bisphenol A) oder Schwermetalle in die Haut transportieren und diese dort freisetzen, wo sie eine eigenständige, unter anderem hormonell wirksame Toxizität entfalten (11). 

Beispiele für assoziierte Chemikalien in Mikro- und Nanoplastik
Chemische Substanz Pathologische Wirkung  Vorkommen in Kosmetika/Pflegeprodukten Vorkommen in Verpackungen 
Bisphenol A (BPA) Endokrine Disruption Stabilisator in Formulierungen (eingeschränkt) Migration aus Polycarbonat- und Epoxidharzverpackungen
Bisphenol A (BPA) Endokrine Disruption, Entwicklungs- und Fortpflanzungsstörungen Nicht zugelassen Migration aus PVC-Verpackungen und Verschlüssen
Phthalate Endokrine Disruption, Entwicklungs- und Fortpflanzungsstörungen Lösungsmittel/Fixator in Parfums, Lacken, Haarsprays, Lotionen Migration aus PVC-Verpackungen und Verschlüssen
Polybromierte Diphenylether (PBDEs) Neurologische und Entwicklungsstörungen Umweltkontaminanten in Rohstoffen Über recycelte Kunststoffverpackungen
Polychlorierte Biphenyle (PCBs)  Krebserkrankungen, Immunsystemdysfunktion Umweltkontaminanten in Rohstoffen Über recycelte Kunststoffverpackungen
Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) Krebserkrankungen,
Fortpflanzungsstörungen
Gesichtscremes und -masken, wasserfestes Make-up (Verbot in der EU ab Oktober 2026) Freisetzung aus beschichteten Verpackungsmaterialien
Triclosan Antibiotikaresistenz, endokrine Disruption Antimikrobieller Wirkstoff in Seifen, Zahnpasten, Deodorants (EU seit 2019 weitgehend verboten) Nicht primär verpackungsassoziiert
Polystyrol Atemwegsreizung, potenzielles Karzinogen Verunreinigung/Abbauprodukt Migration aus Polystyrol-Verpackungen
Formaldehyd Atemwegsreizung, erhöhtes Krebsrisiko Konservierungsmittel in Shampoos, Nagelprodukten, Haarpflege Nicht primär verpackungsassoziiert
Benzol Hämatologische Störungen, erhöhtes Krebsrisiko Verunreinigung in Sonnenschutzmitteln und Desinfektionsmitteln (Rückrufe 2021) Nicht primär verpackungsassoziiert
Beispiele für assoziierte Chemikalien in Mikro- und Nanoplastik, modifiziert nach Aristizabal M et al. (9), Europäische Kommission. Verordnung (EU) 2023/2055 der Kommission vom 25. September 2023 zur Änderung von Anhang XVII der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH). Amtsbl Eur Union. 2023. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/

Seit wann wird Mikroplastik in Sonnencremes eingesetzt?

Sonnencremes sind seit den 1950er- und 1960er-Jahren, zunächst vorwiegend als Bräunungsöle mit geringem Schutzfaktor breit verfügbar. Chemische UV-Filter wie zum Beispiel Octinoxat und Oxybenzon, welche in dringendem Verdacht stehen als endokrine Disruptoren hormonell wirksam zu sein, kamen ab den 1970er- und 1980er-Jahren in breiten Einsatz, während mineralische Filter wie Titandioxid und Zinkoxid als Nanopartikel erst ab den 1990er-Jahren zunehmend Verwendung fanden. Mikroplastik in Pflegeprodukten und Kosmetika wird ab den 1980er-Jahren systematisch eingesetzt. 2023 konnten Wang et al. zeigen, dass Mikroplastik die Proliferation von Hautkrebszellen vom Typ eines Plattenepithelkarzinoms in vitro fördern, das Wachstum normaler Hautzellen jedoch hemmen kann (13). Damit gibt es erste Hinweise auf ein kanzerogenes Potenzial.

Gibt es einen zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Mikroplastik in Sonnencremes und Hautkrebs?

Nach aktuellem Forschungsstand lassen sich keine Schlussfolgerungen zwischen der Verwendung von Mikroplastik in Sonnencremes und der Entstehung von Hautkrebs beim Menschen ziehen. Hautkrebs ist eine multifaktoriell bedingte Erkrankung, bei der UV-Strahlenexposition, genetische Prädisposition, Immunsuppression sowie chronische Entzündungsprozesse der Haut als wesentliche Risikofaktoren gelten. Um einen Zusammenhang belegen zu können, wären prospektive Langzeitstudien sowie in-vivo-Studien erforderlich, die die molekularen Signalwege einer möglichen malignen Entartung der Hautzellen durch alle in Pflegeprodukten bekannten Mikroplastikarten sowie UV-Filter aufklären.

Was bedeutet der Einsatz von Mikroplastik in Körperpflegemitteln und Kosmetik für Menschen mit Neurodermitis oder Schuppenflechte?

Für Menschen mit Neurodermitis oder Schuppenflechte ist die Frage nach einem möglichen Zusammenhang mit Mikroplastik in Körperpflegeprodukten besonders relevant. Sowohl Neurodermitis als auch Schuppenflechte gehen mit einer strukturell und funktionell gestörten Hautbarriere einher. Bei Neurodermitis sind die Tight Junctions in erkrankten Hautbereichen deutlich reduziert, was zu einer erhöhten Durchlässigkeit führt; Entzündungsprozesse hemmen diese Barrierproteine zusätzlich (14). Auch bei Schuppenflechte ist die strukturelle Integrität durch veränderte epidermale Verbindungsstrukturen gestört (15).

Bei vorgeschädigter Barriere können Nanoplastikpartikel in die Haut eindringen und dort, wie in-vitro-Studien zeigen, oxidativen Stress, Zytotoxizität sowie proinflammatorische Prozesse auslösen, was zu einer Verschlechterung entzündlicher Hauterkrankungen wie Ekzem und Psoriasis sowie zu Prozessen der Hautalterung führen kann (11).

Belastbare kausale klinische Langzeitstudien, die einen direkten Zusammenhang zwischen der Anwendung mikroplastikhaltiger Körperpflegemittel und der Verschlechterung von Neurodermitis oder Schuppenflechte beim Menschen belegen, liegen noch nicht vor. Personen mit Neurodermitis oder Schuppenflechte können jedoch eine signifikant erhöhte dermale Absorptionsrate – das ist der prozentuale Anteil eines auf die Haut aufgetragenen Stoffes, der die Hautbarriere überwindet und in den systemischen Blutkreislauf gelangt - für Nanoplastikpartikel aus Körperpflegeprodukten aufweisen (5). 

Ein weiterer relevanter Aspekt: chemische Zusatzstoffe aus Plastik wie zum Beispiel der Weichmacher Bisphenol A (BPA) gelangen nicht nur über den direkten Einsatz in Körperpflegeprodukten, sondern auch durch Migration aus Kunststoffverpackungen in das Produkt. Der regelmäßige Einsatz mikroplastikhaltiger Cremes, Salben und Lotionen bei diesen Patientengruppen ist daher kritisch zu hinterfragen.

Welche Folgen kann es haben, wenn chemische Zusatzstoffe aus Plastik durch Migration aus Kunststoffverpackungen in Körperpflegemittel geraten?

Eine Studie hat beobachtet, dass Bisphenol A-Exposition in der Schwangerschaft epigenetische Veränderungen bewirken kann, die mit der Entstehung einer Neurodermitis assoziiert sein könnten (5). Dies unterstreicht, dass die Verpackungen von Pflegeprodukten als weitere potenzielle Schadstoffquelle in Betracht gezogen werden müssen.

Was ist der Stand der Forschung zu gesundheitlichen Auswirkungen von Mikroplastik und Nanoplastik in Körperpflegemitteln und Kosmetik?

Die aktuelle Forschung zu gesundheitlichen Auswirkungen von Mikroplastik und Nanoplastik weist relevante Einschränkungen auf. Fehlende einheitliche Standards zur Partikelcharakterisierung erschweren die Vergleichbarkeit der Studien. Hinzu kommen Störfaktoren wie zum Beispiel Kontamination, lückenhafte Expositionsdaten und uneinheitliche Studiendesigns. Da die meisten Experimente unter Laborbedingungen mit Polystyrol-Modellpartikeln durchgeführt wurden, ist deren Übertragbarkeit auf reale Expositionsbedingungen durch eine Vielzahl von unterschiedlichen Mikroplastikarten begrenzt. Langzeitdaten fehlen, und die Validierung der bisherigen in-vitro Befunde am Menschen steht noch aus. Regional unterschiedliche Expositionsmuster und Bevölkerungsmerkmale erschweren zusätzlich die Verallgemeinerung der Ergebnisse (1).

Gibt es neue Forschungsansätze zu Mikroplastik und Nanoplastik in Körperpflegemitteln und Kosmetik?

Die dermale Absorption von Mikroplastik gilt derzeit als aufkommendes Forschungsgebiet. Auf toxikologischer Ebene rückt Nanoplastik (< 100 nm) zunehmend in den Mittelpunkt, da sie aufgrund ihrer geringen Größe eine deutlich höhere biologische Verfügbarkeit aufweisen als größere Partikel und damit leichter in Gewebe eindringen können. Parallel dazu wird die hormonelle Wirksamkeit von Plastikzusätzen wie hormonell aktiven Weichmachern aus Kunststoffverpackungen intensiv untersucht (16). Ein neues Forschungsfeld ist die mögliche Interaktion von Mikroplastik mit dem Hautmikrobiom und die Frage, ob und wie eine veränderte Mikrobiom-Zusammensetzung die Anfälligkeit für entzündliche Hauterkrankungen erhöht.

Spektroskopische Verfahren wie Fourier-Transform-Infrarotspektroskopie (FTIR) und Raman-Spektroskopie werden derzeit für standardisierte Protokolle entwickelt (17). Eng damit verbunden ist der dringende Bedarf an dermatologischen Langzeitstudien, insbesondere zur chronischen Exposition durch Leave-on-Produkte wie Körpercremes und Lotionen und der möglichen systemischen Auswirkungen (11,24).

Gibt es Alternativen zu Mikroplastik und Nanoplastik in Körperpflegemitteln und Kosmetik?

Zunehmend rücken Alternativen für Mikroplastik wie bioabbaubare Cellulosepartikel aus Buchenholz und Haferstroh in den Vordergrund. Sie sind in ihrer Wirkung herkömmlichen Polyethylenpartikeln ebenbürtig und können ebenso kostengünstig hergestellt werden (19).

Worauf sollte man bei den Inhaltsstoffen achten, wenn man Körperpflegemittel und Kosmetik ohne Mikroplastik kaufen möchte?

Wer Körperpflegemittel ohne Mikroplastik kaufen möchte, sollte zunächst einen Blick auf die Zutatenliste werfen. Gemäß EU-Kosmetikverordnung sind Hersteller verpflichtet, alle Inhaltsstoffe nach der INCI-Nomenklatur anzugeben. Generell gilt die Faustregel, dass die Vorsilbe „Poly-" oder der Begriff „Polymer" auf synthetische Kunststoffe oder flüssige Polymere hinweist.

Praktische Unterstützung im Alltag bieten digitale Hilfsmittel wie die Apps ToxFox des BUND sowie CodeCheck. Mit ihnen können Produkte aus Drogerien und Parfümerien kostenfrei per Barcode auf Mikroplastik, Hormongifte und Nanopartikel gescannt werden. Die kostenlose Infoplattform dermoprotect.de listet ausschließlich Pflegeprodukte und Kosmetika aus Apotheken ohne gesundheits- und umweltbedenkliche Inhaltsstoffe auf. Zertifizierte Kosmetik und Pflegeprodukte mit den Siegeln NATRUE, COSMOS/BDIH oder Ecocert bieten eine verlässliche Orientierung, da diese Standards synthetische Polymere erdölbasierter Herkunft grundsätzlich ausschließen. Da die Kunststoffverpackung selbst Weichmacher und andere chemische Zusatzstoffe in das Produkt abgeben können, ohne dass dies für Verbraucher ersichtlich ist, ist die Wahl von Produkten in Glasverpackungen, wo immer möglich, zu empfehlen.

Frau Dr. Saha, herzlichen Dank für dieses Interview!


Dr. med. Dipl. Biol. Susanne Saha, Bildquelle: S. Saha

Dr. med. Dipl. Biol. Susanne Saha ist Fachärztin für Dermatologie, Venerologie und Berufsdermatologie sowie Ansprechpartnerin der AG Dermatologie der KLUG-Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V.. Sie engagiert sich für nachhaltige Innovationen im Gesundheitswesen, insbesondere für die Reduktion von Plastik in der Medizin. Frau Dr. Saha publiziert regelmäßig zum Thema Ressourcenschonung in der Klinik und Praxis, fungiert als Referentin zu Klima- und Umweltthemen in der Medizin und ist in fachlichen und politischen Arbeitskreisen aktiv. Als Geschäftsführerin der dermaplastik GmbH setzt sie sich mit ihrer kostenlosen Infoplattform dermoprotect für umweltverträgliche Pflegeprodukte aus Apotheken ein. 

Literaturverzeichnis

1. Europäische Kommission. Verordnung (EU) 2023/2055 der Kommission vom 25. September 2023 zur Änderung von Anhang XVII der Verordnung (EG) Nr. 1907/2006 (REACH). Amtsbl Eur Union. 2023. https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/

2. Naturschutzbund Deutschland (NABU). Mikroplastik und gelöste Polymere aus Kosmetik- und Putzmitteln: Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT. NABU; 2018.

3. Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel (IKW). Mikroplastik in Kosmetik – Fragen und Antworten. Updated 2024. https://www.ikw.org

4. Napper IE, Bakir A, Rowland SJ, Thompson RC. Characterisation, quantity and sorptive properties of microplastics extracted from cosmetics. Mar Pollut Bull. 2015;99(1-2):178-185. doi:10.1016/j.marpolbul.2015.07.029

5. Tan J, et al. Plastics in dermatology: A review and solutions. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2025. doi:10.1111/jdv.20537

6. Li Q, Jiang L, Feng J, et al. Aged polystyrene microplastics exacerbate alopecia associated with tight junction injuries and apoptosis via oxidative stress pathway in skin. Environ Int. 2024;186:108638. doi:10.1016/j.envint.2024.108638

7. Hoang HG, Nguyen NSH, Zhang T, Tran H-T, Mukherjee S, Naidu R. A review of microplastic pollution and human health risk assessment: current knowledge and future outlook. Front Environ Sci. 2025;13:1606332. doi:10.3389/fenvs.2025.1606332

8. Kukkola A, et al. Beyond microbeads: Examining the role of cosmetics in microplastic pollution. Sci Total Environ. 2024. doi:10.1016/j.jhazmat.2024.135053

9. Aristizabal M, et al. Microplastics in dermatology: Potential effects on skin homeostasis. J Cosmet Dermatol. 2024;23:766-772. doi:10.1111/jocd.16167

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13. Wang Y, Xu X, Jiang G. Microplastics exposure promotes the proliferation of skin cancer cells but inhibits the growth of normal skin cells. Ecotoxicol Environ Saf. 2023;267:115636.

14. Katsarou S, Makris M, Vakirlis E, Gregoriou S. The Role of Tight Junctions in Atopic Dermatitis: A Systematic Review. J Clin Med. 2023;12(4):1538. doi:10.3390/jcm12041538

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17. Giustra M, Sinesi G, Spena F, et al. Microplastics in Cosmetics: Open Questions and Sustainable Opportunities. ChemSusChem. 2024;17(22):e202401065. doi:10.1002/cssc.202401065

18. MarketsandMarkets. Microplastic Fillers Market – Global Forecast to 2031. 2026. https://www.marketsandmarkets.com/Market-Reports/microplastic-fillers-market-200881712.html

19. Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen und Systemen (IMWS). Umweltfreundliche Mikroplastik-Alternativen in Kosmetikartikeln – Projekt KosLigCel. Pressemitteilung. 2018. https://www.imws.fraunhofer.de/de/presse/pressemitteilungen/2018/imws-umweltfreundlich-mikroplastik.html

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

05. Juni 2026
Autor: Sabine Jossé/ Dr. med. Dipl. Biol. Susanne Saha

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