Neurodermitits und Depressionen

Prof. Dr. med. Uwe Gieler, Leitender Oberarzt und stellvertretender Direktor der Hautklinik am Universitätsklinikum Gießen.

Neurodermitis: Wie häufig sind Depressionen und Angststörungen?

Heißt das, im Falle der Angststörung bei Neurodermitis, die Angst bezieht sich gar nicht auf die Neurodermitis, z.B. den nächsten Schub, sondern auf gänzlich andere Dinge?

Die Angststörungen bei der Neurodermitis sind sehr unterschiedlich und können sich z.B. auch auf den Kontakt zu anderen Menschen beziehen, das wäre dann eine soziale Phobie. Menschen mit Hauterkrankungen sind davon recht häufig betroffen, denn bei Hauterkrankungen hat man immer auch einen Stigmatisierungseffekt.

Ein Beispiel: Es kann z.B. sein, dass ein Patient mit Neurodermitis immer Oberteile mit langen Ärmeln trägt und diese ständig über die Hand zieht, um die Ekzeme an den Handgelenken zu verbergen. Dazu kann kommen, dass der Patient sich nicht traut in Gruppen das Wort zu ergreifen, aus Angst, dass sich dann alle Blicke auf ihn richten und seine Neurodermitis ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerät. Dieses Verhalten ist auffällig und man muss dann von einem sozialen Problem ausgehen. Das gleiche Verhalten, das nur während eines Schubes für eine Woche anhält, ist hingegen nicht als problematisch zu bewerten.

Man macht die Einschätzung "problematisch oder nicht" abhängig von der Art der psychischen Interaktion, der Regelmäßigkeit und Dauer des Verhaltens  und davon, ob die Haut bzw. die Neurodermitis der auslösende Faktor des Verhaltens ist.

Was sollte man tun, wenn man Neurodermitis hat und merkt an sich die von Ihnen beschriebenen Verhaltensweisen bemerkt?

Wenn ein Neurodermitiker diese Verhaltensweisen an sich bemerkt  sollte er zunächst seinen Hautarzt ansprechen und mit ihm abklären, inwiefern ein Psychotherapeut konsultiert werden sollte. Der Hautarzt gibt zunächst Hilfestellung bei der Entscheidung, ob es sich um eine Art von Stress handelt, bei dem interveniert werden muss oder nicht. Oft kann der Dermatologe auch Empfehlungen in Bezug auf kompetente Ansprechpartner aussprechen. Mit solchen Empfehlungen können auch Krankenkassen helfen.  

Grundsätzlich gibt es drei mögliche Ansprechpartner: Die psychosomatischen Mediziner, die psychologischen Psychotherapeuten und die Psychiater. Darüber hinaus gibt es psychosomatische Kliniken bzw. auch Rehakliniken, die ebenfalls eine Anlaufstelle sein können.

Advertorial

Sie erwähnten Stress – welche Rolle spielt der Stress bei der Entwicklung von psychischen Problemen bei Neurodermitis?

Stress spielt eine große Rolle bei psychosozialen Problemen im Zusammenhang mit Neurodermitis. In allen großen Studien zu dieser Fragestellung konnte gezeigt werden, dass die sogenannten Life Events, d.h. die Lebensereignisse einen negativen Einfluss auf die Symptome Neurodermitis haben. Dies gilt sowohl für das Hautbild als auch für die Psyche.

In erster Linie ist die Neurodermitis eine Barrierestörung der Haut und dies ist der relevante Faktor bei der Bildung von Ekzemen. Mindestens genauso wichtig ist jedoch die sogenannte neurogene Entzündung. Bei der neurogenen Entzündung entstehen Nervenbotenstoffe, die in das Entzündungsgeschehen der Neurodermitis eingreifen und die durch Stressfaktoren aktiviert werden. Man spricht hier auch von sogenannten Affektspannungen, die immer dann auftreten, wenn eine erhebliche Belastung vorliegt.

Interessanterweise zeigt die aktuelle Stressforschung , dass diese Affektspannungen nicht nur während, sondern auch nach einer chronischen Stresssituation, d.h. einer privaten oder beruflichen angespannten Lebenssituation, auftreten können. Das typische Beispiel: Man hat eine Stresssituation unter Mobilisierung sämtlicher Kräfte hinter sich gebracht, fährt in den Urlaub, das Immunsystem stellt sich auf Erholung ein und plötzlich kommt ein Neurodermitis-Schub. Man kennt dieses Phänomen ja auch bei Erkältungen.

Advertorial

Auch bei Naturkatastrophen wie bei dem Erdbeben in Japan im Jahr 2011 hat man diesen gegensätzlichen Effekt der Affektspannungen beobachtet. So hat die Erdbebensituation bei 35 bis 40 Prozent der japanischen Neurodermitiker eine unmittelbare Verstärkung der Symptome ausgelöst und bei 8 Prozent eine Verbesserung. Man sieht hier sehr gut den Effekt der individuellen Belastbarkeit. Manche Menschen reagieren  auf Stresssituationen "gestresst" und andere, allerdings deutlich weniger, mobilisieren alle Kräfte und unterdrücken damit sogar die Symptome.

Welche Coping Strategien empfehlen Sie Ihren Patienten mit Neurodermitis?

An erster Stelle stehen immer die Neurodermitis-Schulungen, die in Deutschland mittlerweile flächendeckend angeboten wird. Die Neurodermitis Schulungszentren helfen beim Coping, d.h. sie helfen dabei, mit der Neurodermitis besser fertig zu werden. In sechs Therapieterminen, die je zwei  Stunden dauern, lernt man alles, was man über die Neurodermitis wissen muss, von der Hautpflege über die Ernährung bis hin zur psychischen Bewältigung und dem dazugehörigen Entspannungstraining. Diese Schulungsmaßnahmen werden bis zum 18. Lebensjahr von den Gesetzlichen Krankenkassen zuzahlungsfrei ersetzt, denn die entsprechenden Studien haben gezeigt, dass Prävention den Kassen Kosten spart.

An zweiter Stelle sind die genannten Psychotherapien zu erwähnen, die man erwägen sollte, wenn man die Anzeichen an sich bemerkt, die wir besprochen haben. Ein weiterer Grund für psychische Hilfestellungen könnte  auch eine belastende Lebenssituation sein, in der man Unterstützung benötigt. Auch eine Psychotherapie ist bei Neurodermitis eine Kassenleistung.

Eine dritte Möglichkeit sind die erwähnten Kliniken, die auf die psychotherapeutische Behandlung von Neurodermitis-Patienten spezialisiert sind, z.B. die Rothaarklinik in Bad Berleburg. Man lernt hier den Umgang mit der Erkrankung so zu verbessern, dass Lebensqualität und soziale Lebenssituation nicht mehr erheblich beeinflusst werden. Hierfür muss ein Antrag auf eine psychosomatische Rehabilitation gestellt werden.

Herr Prof. Gieler, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quelle:
1)    Leitlinie Neurodermitis, AWMF online, Stand 2008

Diese Website verwendet Cookies. Mit der Nutzung dieser Dienste erklärst du dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden. Bitte beachte auch unsere Datenschutzbestimmungen gemäß DSGVO.