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Therapieempfehlungen Neurodermitis neu

Prof. Dr. Thomas Werfel über die neue Therapieempfehlungen bei Neurodermitis: Was ändert sich?

Neue Therapieempfehlungen bei Neurodermitis: Was ändert sich?

Mit den aktualisierten Empfehlungen zur „Systemtherapie bei atopischer Dermatitis“ der aktuellen Neurodermitis-Leitlinie ändert sich einiges. Für Neurodermitis-Patienten mit schwererem Verlauf und auch Ekzemen in bestimmten Körperregionen gibt es nun deutlich mehr Therapieoptionen. MeinAllergiePortal sprach mit den Leitlinienautoren Prof. Dr. Thomas Werfel, stv. Direktor der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie der Medizinischen Hochschule Hannover (Erstautor), und Dr. med. Annice Heratizadeh, Funktionsoberärztin Abteilung für Immundermatologie und experimentelle Allergologie, Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie, Medizinische Hochschule Hannover (wiss. Redaktion), darüber, was sich für welche Patienten ändert.

Herr Prof. Werfel, Frau Dr. Heratizadeh, der Abschnitt zur Systemtherapie der aktuellen Neurodermitis-Leitlinie wurde aktualisiert, was bedeutet das für die Patienten?

dr med annice heratizadeh fachaerztin fuer dermatologie venerologie und allergologie medizinischen hochschule hannoverDr. med. Annice Heratizadeh über die neue Therapieempfehlungen bei Neurodermitis: Was ändert sich?Dr. med. Annice Heratizadeh: Die wichtigste Neuerung ist, dass es für Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Neurodermitis, die mit Cremetherapien der Haut nicht ausreichend behandelbar sind, eine neue sogenannte „First-line“ Therapieoption gibt. Zusätzlich zu Ciclosporin steht den Betroffenen eine neue Substanz zur Verfügung, ein Biologikum namens Dupilumab, die in die Leitlinie aufgenommen wurde. Hierbei handelt es sich um einen Antikörper, der ganz gezielt den Entzündungsprozess bei Neurodermitis (und auch allergischem Asthma) blockiert. Diese Therapie wird systemisch mit Hilfe einer Spritze ins Unterhautfettgewebe durch die Patienten selbst verabreicht.

Welches sind die Voraussetzungen dafür, dass ein Patient mit mittelschwerer oder schwerer Neurodermitis mit dieser Substanz therapiert wird?

Dr. med. Annice Heratizadeh: Zur Verordnung dieser Therapie müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein, allen voran in Bezug auf den Schweregrad der auftretenden Ekzeme und auf deren subjektiv belastende Begleiterscheinungen, zum Beispiel den Juckreiz. Hierzu stellen die neuen Leitlinien-Empfehlungen den behandelnden Ärzten eine Checkliste zur Verfügung, in der all diese Kriterien aufgeführt sind. Wichtig für die Patienten ist hierbei: Es ist nicht nötig, dass der Patient eine Vielzahl von Kriterien erfüllt. Zur Verordnung einer Systemtherapie muss aus den drei Kategorien Schweregrad, subjektive Belastung und bisheriges Therapieansprechen nur jeweils ein Kriterium zutreffend sein. 

Die neuen Empfehlungen zur Systemtherapie betreffen also nur Patienten mit schwereren Formen der Neurodermitis…

Prof. Dr. med. Thomas Werfel: Nicht ausschließlich. Eine weitere Neuerung der aktualisierten Empfehlungen zur Systemtherapie ist, dass auch Ekzeme an bestimmten, d.h. subjektiv belastenden Körperstellen auch als schwere Form der Neurodermitis bewertet werden. Ein Beispiel dafür wären gravierende Gesichtsekzeme oder Ekzeme an den Händen. Ekzeme, die auf die zur Verfügung stehenden Cremetherapien nicht ansprechen und sichtbar sind, beeinträchtigen die Patienten in hohem Maße.

 

Deshalb stellt auch diese neue Empfehlung eine weitreichende Optimierung für Neurodermitis-Patienten dar.

Ist die neue Substanz zur Systemtherapie nur für erwachsene Neurodermitis-Patienten zugelassen?

Prof. Dr. med. Thomas Werfel: Erstmalig steht uns mit der neuen Substanz Dupilumab nun auch ein zugelassenes Medikament zur Behandlung der moderaten bis schweren Neurodermitis bei Kindern ab 12 Jahren zur Verfügung. Das bislang zur Verfügung stehende Therapeutikum Ciclosporin ist ja erst ab 16 Jahren zugelassen.

Studien mit dem neuen Therapeutikum für die Altersgruppe von 6 bis 12 wurden gerade mit sehr positiven Ergebnissen publiziert – der Antrag zur Zulassungserweiterung läuft. Zur Therapie der noch kleineren Kinder, ab 6 Monaten, laufen ebenfalls Studien, und dies wird in der Leitlinie auch erwähnt.

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Gibt es in den Empfehlungen zur Systemtherapie von Neurodermitis weitere Neuerungen?

Dr. med. Annice Heratizadeh: Eine weitere Neuerung in den Empfehlungen zur Systemtherapie ist die konkretere Behandlung des Wirkstoffs Ustekinumab, eine Nischen-Indikation. Ustekinumab ist für die Therapie der Psoriasis, Psoriasis-Arthritis und chronisch entzündlicher Darmerkrankungen zugelassen. Studien haben jedoch gezeigt, dass in bestimmten Fällen auch Patienten mit Neurodermitis von der Therapie profitieren können. Die Therapie der Neurodermitis als alleinige Indikation für eine Behandlung mit Ustekinumab wird aber nicht empfohlen. Bei gleichzeitigem Vorliegen einer Psoriasis, Psoriasis-Arthritis, rheumatoiden Arthritis oder chronisch entzündlicher Darmerkrankung kann die Therapie mit Ustekinumab jedoch erwogen werden.

Prof. Dr. med. Thomas Werfel: Auch der Wirkstoff Alitretinoin wird in den neuen Empfehlungen zur Systemtherapie der atopischen Dermatitis konkreter behandelt. Alitretinoin ist zur Behandlung von chronischen Handekzemen zugelassen und wirkt bei hyperkeratotischen Formen besonders gut. Es handelt sich um ein Retinoid, das heißt, ein Vitamin-A-Abkömmling, das schon seit langem zugelassen ist und oral verabreicht wird. Hierzu gibt es eine größere offene Fallserie, die die Wirksamkeit der Substanz bei Patienten mit atopischer Dermatitis, die ein schweres Handekzem haben, untersucht hat. Die Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass das Handekzem unter Alitretinoin besser wird und auch die Neurodermitis verbesserte sich leicht. Auch dies wurde in das Update zur Systemtherapie der atopischen Dermatitis mit aufgenommen. Für Patienten, die an einem Handekzem leiden, ist das durchaus von Bedeutung.

Herr Prof. Werfel, Frau Dr. Heratizadeh, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quelle:

Aktualisierung „Systemtherapie bei Neurodermitis“ zur Leitlinie Neurodermitis [atopisches Ekzem; atopische Dermatitis], Entwicklungsstufe: S2k, https://www.awmf.org/fileadmin/user_upload/Leitlinien/013_D_Dermatologische_Ges/013-027l_S2k_Neurodermitis_Aktualisierung-Systemtherapie_2020-06.pdf