Reha-Maßnahmen Kinder mit Neurodermitis

Dr. Wolfgang Franck, Oberarzt an den Fachkliniken Wangen.

Wie hilft eine Reha-Maßnahme Kindern mit Neurodermitis?

Neurodermitis oder auch "atopische Dermatitis" ist eine Krankheit, die den Alltag von betroffenen Kindern und ihren Familien stark beeinträchtigen kann. Der Juckreiz und die entzündlichen Hautveränderungen sind gerade für Kinder schwer zu ertragen. Oft leidet dann die ganze Familie mit. Das wichtigste Ziel bei der Behandlung von Neurodermitis ist es, Kindern und Eltern einen möglichst beschwerdefreien Alltag zu ermöglichen. Unter bestimmten Umständen ist eine Reha-Maßnahme in einer spezialisierten Klinik ein guter Weg, dieses Ziel zu erreichen. MeinAllergiePortal sprach mit Dr. Wolfgang Franck, Oberarzt an den Fachkliniken Wangen.

Wann ist bei Kindern mit Neurodermitis ein Aufenthalt in einer Rehaklinik sinnvoll? Welche Maßnahmen die evtl. ambulant nicht möglich sind, werden dort ergriffen?

Sinnvoll ist eine stationäre Rehabilitations-Maßnahme bei Neurodermitis, wenn die vielfältigen gesundheitlichen und psychosozialen Beeinträchtigungen, die die Erkrankung für Kinder und Jugendliche mit sich bringen kann, ambulant nicht mehr bewältigt werden können. Hierzu zählt eine mangelnde Besserung des Hautzustandes unter ambulanter Therapie, ein quälender Juckreiz, der durch bisherige Maßnahmen nicht beherrschbar ist, sowie eine deutliche Verminderung der Lebensqualität z.B. durch eine Störung des nächtlichen Schlafes.

In einer Rehabilitationsmaßnahme besteht die Möglichkeit, sich interdisziplinär, d.h. in Zusammenarbeit verschiedenster Fachdisziplinen, intensiv um den Patienten und seine Familie zu kümmern. Neben Ärzten und Krankenschwestern sind hier ggf. auch  Oecotrophologen, d.h. Ernährungsberater, sowie Neurodermitis-Trainer, Entspannungs-Trainer und Psychologen involviert. Dadurch, dass wir die Patienten und Familien hier vor Ort begleiten, kann sehr viel intensiver mit dem Patienten gearbeitet, die Haut beobachtet und können Veränderungen der Therapie  sozusagen "hautnah" verfolgt werden.

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Auch ist es sehr viel einfacher möglich, eine erweiterte Diagnostik - u.a. Allergiediagnostik sowie auch gezielte Eliminationsdiät, d.h. Weglassen bestimmter Nahrungsmittel mit nachfolgend strukturierter Nahrungsmittelprovokation - durchzuführen. Dies ist in einem ambulanten Rahmen meist nur sehr eingeschränkt bzw. gar nicht möglich.

Zum Teil sehen wir Patienten, die über die Jahre eine komplexe - nicht immer sinnvolle - Diät entwickelt haben. Dies kann unter Umständen die Gefahr einer Fehlernährung bedeuten, wenn entscheidende Nahrungsmittel im Speiseplan fehlen.

Großes Thema ist immer wieder auch der quälende Juckreiz. Eine über längere Zeit deutlich entzündete Haut führt nicht selten zu einem chronischen Juckreiz, der neben einer verminderten Lebensqualität auch Probleme im sozialen Zusammenleben nach sich ziehen kann. Auch erleben wir nicht selten eine Ausgrenzung wegen auffälliger Ekzeme.

Wie lange dauert eine Reha Maßnahme bei Neurodermitis und was passiert konkret?

Eine Rehabilitations-Maßnahme bei Neurodermitis dauert im Kindesalter minimal 4 Wochen, im Jugendbereich oft 6 Wochen, gegebenenfalls auch länger.

Wir betreuen jüngere Kinder mit einer Begleitperson (Mutter oder Vater) in unserem Bereich der sogenannten "Kind-Mutter-Rehabilitation". Jugendliche wohnen in einer Gruppe Altersgleicher, ein Aufnahme- und Entlassgespräch erfolgt nach Möglichkeit mit den Eltern zusammen.

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Zu Beginn der Maßnahme steht meist eine Überprüfung der bisherigen Therapie sowie gegebenenfalls eine erweiterte medizinische Diagnostik. Bei Bedarf fällt die Entscheidung zur Einführung einer sogenannten Eliminationsdiät, wobei aus dem Speiseplan bestimmte Nahrungsmittel weggelassen werden. Parallel dazu erfolgt eine Optimierung der Externa-Therapie, d.h. der Therapie mit Cremes und Salben.

Vom ersten Tag an geht es darum, Patienten bzw. Eltern einen besseren Umgang mit einer oft chronischen Erkrankung zu vermitteln. Neben dem Erlernen einer stadiengerechten Therapie der Haut sowie passender Körperpflege, geht es um einen angemessenen Umgang mit dem Juckreiz. Ziel ist es, das Selbstmanagement so zu stärken, dass der Umgang mit der Erkrankung zu Hause sich auch nachhaltig verbessert.

Bei jüngeren Patienten ist es elementar, sowohl die Patienten als auch ihr soziales Umfeld in die Behandlung einzubinden. Gegen Ende der Maßnahme rückt der Blick mehr und mehr in Richtung Zukunft. Geklärt wird, in wie weit Dinge heimatnah fortgeführt werden müssen, wenn ja in welcher Intensität und welche Hilfestellungen gegebenenfalls notwendig sind.


Was sind die wichtigsten Dinge, die Kinder mit Neurodermitis und ihre Eltern in der Reha lernen?

Als Wichtigstes würde ich nennen, dass Patienten bzw. Eltern auf der einen Seite lernen, Neurodermitis als Erkrankung zu akzeptieren, auf der anderen Seite aber auch die Überzeugung bekommen, dass Neurodermitis mit einer entsprechenden Therapie in den allermeisten Fällen sehr gut beherrschbar ist und Einschränkungen in der Lebensqualität sich sehr gut minimieren lassen.

Klar ist jedoch auch, dass dafür ein gewisses Engagement vorhanden sein muss.
Eine Rehabilitationsmaßnahme soll Patienten bzw. deren Familien befähigen, in der Zeit danach die Erkrankungen mit ambulanten Maßnahmen zu stabilisieren.

In manchen Fällen bei schwerer Neurodermitis macht eine regelmäßige Wiederholung einer Rehabilitationsmaßnahme Sinn, insbesondere auch dann, wenn Kinder bzw. Jugendliche im Prozess des Älterwerdens mehr Eigenverantwortung im Krankheitsmanagement übernehmen können.

Bei manchen Kindern mit Neurodermitis ist auch eine Nahrungsmittelallergie vorhanden...

Nahrungsmittel-Allergien werden oft vermutet, wirklich betroffen sind ca. nur 1/3 aller Neurodermitis-Patienten im Kindesalter. Die am häufigsten betroffenen Allergene sind Kuhmilch, Hühnerei, Soja, Weizenmehl, Nüsse, Erdnuss und Fisch. Es gilt diejenigen Patienten zu identifizieren, die von einer Nahrungsmittelkarenz profitieren, auf der anderen Seite jedoch auch Patienten vor nicht sinnvollen oder gegebenenfalls auch gefährlichen Diäten zu schützen.

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Auch die Psyche scheint bei Neurodermitis eine Rolle zu spielen. In welcher Form wird dieser Aspekt  in die Neurodermitis-Reha integriert?

Emotionen und Psyche können als Schubfaktoren eine Rolle spielen. Unser Leben ist nicht frei von Emotionen. Auf der einen Seite kann so Stress das Hautbild verschlechtern, auf der anderen Seite reagiert bei einer schlechten Haut oft sekundär auch die Psyche mit.

Es gilt Patienten bzw. Familien so zu stabilisieren, dass sie Krisensituationen adäquat verarbeiten können. In den Schulungen lernen Patienten bzw. Familien auch dieses.

Insbesondere das Thema Jucken und Kratzen spielt eine große Rolle, Betroffene lernen sogenannte "Kratz-Alternativen" kennen. Auch Entspannungstechniken können hier eine wertvolle Hilfe sein.

Weiter unterstützen wir die Arbeit an einem positiven Selbstbild und gesunden Selbstbewusstsein.

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Wie müssen die Eltern vorgehen, wenn Sie sich für eine Reha Maßnahme für ihre Kinder mit Neurodermitis interessieren?

Grundsätzlich kann eine Rehabilitation über die Rentenversicherung oder über die Krankenkasse beantragt werden. Die Beantragung übernehmen Eltern zusammen mit ihrem Arzt. Kinder und Jugendliche erhalten in der Regel eine Rehabilitations-Leistung über ihre versicherten Eltern. Ein Teil der Antragsformulare muss von den Eltern ausgefüllt werden, ein Teil von dem Arzt.

Antragsformulare bekommt man von der Rentenversicherung oder im Internet über den Suchbegriff "Anträge Kinderreha" - dann entsprechende Formulare wählen.

Alternativ kann die Rehabilitation auch über die Krankenkasse durchgeführt werden, hier sind entsprechende Formulare bei der Krankenkasse erhältlich.

Herr Dr. Franck, herzlichen Dank für das Interview!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.

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