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Neurodermitis ADHS

Prof. Dr. Jochen Schmitt, Direktor des Zentrums für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden

Neurodermitis: Gibt es einen Zusammenhang mit ADHS?

Immer mehr Kinder erkranken an Neurodermitis und auch immer häufiger leiden Kinder an ADHS, d.h. an einem Aufmerksamkeitsdefizit- oder einem Hyperaktivitätssyndrom. Dabei handelt es sich um separate Krankheitsbilder, die aber auch parallel auftreten können. Für die Medizin stellt sich damit die Frage, ob es Zusammenhänge zwischen den Krankheitsbildern gibt, d.h. ob die Neurodermitis die Entstehung von ADHS begünstigen könnte. In einem gemeinsamen Forschungsprojekt des Universitätsklinikums Carl Gustav Carus Dresden und der Technischen Universität Dresden gehen Mediziner und Psychologen dieser Frage nach. MeinAllergiePortal sprach mit Prof. Dr. Jochen Schmitt, Direktor des Zentrums für Evidenzbasierte Gesundheitsversorgung am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden über den derzeitigen Kenntnisstand zum Zusammenhang zwischen Neurodermitis und ADHS und über das laufende Projekt.

Herr Prof. Schmitt, kann man sagen wie viele Kinder gleichzeitig an Neurodermitis und ADHS leiden?

In Deutschland erkranken rund 20 Prozent der Kinder in den ersten beiden Lebensjahren an Neurodermitis. Die Hälfte dieser Kinder ist jedoch im Alter von 6 Jahren beschwerdefrei. ADHS hat eine Häufigkeit von rund 5 Prozent im Grundschulalter. Damit zählten beide Erkrankungen in Deutschland zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter.

Ein überzufällig häufiges gemeinsames Auftreten von Neurodermitis und ADHS konnten wir erstmals im Jahr 2009 basierend auf Krankenkassendaten zeigen. In großen, bevölkerungsbezogenen Kollektiven aus Deutschland konnten wir in den vergangenen 3 Jahren den Zusammenhang von Neurodermitis und ADHS bestätigen. In allen Untersuchungen zeigt sich, dass Kinder mit aktueller oder früherer Neurodermitis ein um rund 50 Prozent erhöhtes Risiko haben, an einem ADHS zu erkranken.

Ist stets die Neurodermitis die Grunderkrankung oder kann auch zuerst ADHS und dann erst die Neurodermitis auftreten?

Die meisten Kinder erkranken bereits in den ersten 2 Lebensjahren an Neurodermitis. ADHS tritt später, frühestens ab dem 4. Lebensjahr auf. Ob aber deshalb Neurodermitis eine Ursache des AHDS ist, ist bisher nicht belegt. Kinder mit ADHS weisen häufig Schlafstörungen auf, und der quälende Juckreiz der Neurodermitis ist eine der häufigsten Ursachen für Schlafstörungen bei Vorschulkindern. Diese Überlegung führte zu der Hypothese, dass eine frühe Störung der Schlafarchitektur im Rahmen der Neurodermitis zu Verhaltensauffälligkeiten im Sinne eines ADHS führen könnte. Andererseits könnten möglicherweise psychosoziale Belastungen von Kindern mit ADHS mit konsekutiven Schlafproblemen zu einer Verschlechterung einer bestehenden Neurodermitis führen. Es ist auch möglich, dass beide Erkrankungen eine gemeinsame zugrunde liegende Ursache aufweisen. Dies sind jedoch alles Spekulationen, die wir derzeit in einem Forschungsprojekt an der TU Dresden untersuchen.

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Gibt es für ADHS einen Biomarker?

Verlässliche Biomarker für ADHS sind mir nicht bekannt. Es gibt jedoch Fragebögen, die Hinweise auf ein mögliches AHDS geben können. Wichtig ist, dass die Diagnose ADHS durch Spezialisten gestellt werden sollte.

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Wie sieht das Studiendesign aus? Wie viele Kinder nehmen an der Studie teil? Wie gehen Sie vor? Welchen Zeitraum deckt die Studie ab?

Ziel der Studie ist es, die Ursachen für den Zusammenhang von Neurodermitis und ADHS zu erforschen. Insbesondere interessieren uns hier die Reaktion des Immunsystems und hormoneller Regelkreise auf Stress, die Auswirkungen von Schlafstörungen, und die Auswirkungen der Schwere der Neurodermitis auf die mentale Leistungsfähigkeit von Kindern und auf Zeichen eines ADHS.

Das Besondere an unserer Studie ist, dass Dermatologen, Allergologen, Kinder- und Jugendpsychiater und Biopsychologen zusammenarbeiten und das Konzept gemeinsam entwickelt haben. Untersucht werden 4 Gruppen von Kindern:

  1. Kinder mit Neurodermits
  2. Kinder mit ADHS
  3. Kinder mit Neurodermitis und ADHS
  4. Kinder, die weder Neurodermitis noch ADHS haben

Insgesamt sollen in den 4 Untersuchungsgruppen je 45 Schulkinder im Alter von 6 bis 12 Jahren über rund 6 Monate beobachtet werden. Für jeden Studienteilnehmer sind 3 Untersuchungstermine an der TU Dresden vorgesehen. Dazwischen sind Telefoninterviews vorgesehen.

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Sie untersuchen in Ihrer Studie psychoneuroimmunologische Aspekte, d.h. die Wechselwirkung von Psyche, Nervensystem und Immunsystem. Gibt es bereits eine These zu den zugrundeliegenden Mechanismen, die Sie überprüfen wollen?

Hier interessieren uns vor allem die folgenden zwei möglichen Hypothesen. Wir vermuten, dass Stress und eine dysfunktionale biologische Stressreaktion ein gemeinsames Merkmal der Neurodermitis und des ADHS ist. Die zweite Hypothese ist, dass allergisch-entzündliche Prozesse aufgrund der Neurodermitis Symptome des ADHS auslösen bzw. diese verstärken können. Wir denken, dass beide Mechanismen eine ursächliche Rolle für das überzufällig häufige gemeinsame Auftreten von Neurodermitis und ADHS spielen könnten.

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Untersuchen Sie die Auswirkungen eines Neurodermitisschubs auf die Konzentrationsfähigkeit oder die Auswirkung der Konzentrationsstörung auf die Neurodermitis?

Primär interessieren uns die Auswirkungen der Neurodermitis auf die Konzentrationsfähigkeit. Viele Eltern vermuten, dass Kinder im Neurodermitisschub weniger leistungsfähig in der Schule sind. Dafür gibt es bislang aber keinen guten wissenschaftlichen Beweis. Um diese für die Lebensqualität der Kinder und betroffener Familien wesentliche Frage zu untersuchen, wählen wir bei den Kindern mit Neurodermitis die Untersuchungszeitpunkte systematisch nach der individuellen Krankheitsaktivität aus: Je 1 Untersuchungstermin sollte mit deutlichen Symptomen der Neurodermitis bzw. im Abheilungsstadium oder gebesserten Zustand erfolgen.

Eltern berichten in manchen Fällen, dass sich ihr eigener Stress in einem Neurodermitisschub des Kindes äußern kann. Deshalb die Frage: Ist es in Ihrem Projekt möglich, auch den Aspekt "Eltern" mit einzubeziehen?  

Selbstverständlich. Gestresste Eltern bedeuten für das Kind Stress und Stress ist ein wesentlicher Schubfaktor der Neurodermitis. Das ist bekannt. In unserer Studie gehen wir aber einen Schritt weiter: Uns interessiert, ob bei Kindern mit Neurodermitis Stress in besonderem Ausmaß auch AHDS-Symptome wie Konzentrationsstörungen auslösen kann. Dazu untersuchen wir sowohl psychosozialen Stress der Kinder als auch die durch die Eltern berichtete Lebensqualität der Familie. 

Welche Ergebnisse erhoffen Sie sich von Ihrem Projekt im Hinblick auf eine mögliche Prävention?

Die Ergebnisse der geplanten Studie sind von heuristischer und klinischer Relevanz, da sie einerseits den Einfluss dysfunktionaler entzündlicher und hormoneller Prozesse auf die Entwicklung und Funktion spezifischer Hirnfunktionen aufklären helfen sowie weiterhin Aufschluss darüber geben werden, ob Entzündungsreaktionen und/oder Stress durch die Neurodermitis ADHS-Symptome auslösen können. Je nach den Ergebnissen der Untersuchung könnte möglicherweise daraus eine spezielle präventivmedizinische Versorgung von den Kindern mit Neurodermitis erfolgen, die ein besonders hohes ADHS-Risiko haben. Durch Beeinflussung dieser Risikofaktoren könnte möglicherweise die Entstehung des ADHS verhindert werden oder ADHS zumindest zu einem frühen und prognostisch günstigen Zeitpunkt erkannt und einer adäquaten Behandlung zugeführt werden.

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Wann erwarten Sie erste Ergebnisse und wo können Eltern Informationen zu Ihrer Studie erhalten?

Aktuell haben wir bereits rund 50 Kinder untersucht. Das Interesse an der Studie ist hoch. Im kommenden Jahr erwarten wir die ersten Ergebnisse.

Nähere Information, auch zur Teilnahme an unserer interdisziplinären Studie zum Zusammenhang von Neurodermitis und ADHS erhalten Sie in unserem Studienflyer, sowie bei unserer Studienkoordinatorin Frau Katharina Trikojat, Email: katharina.trikojat@tu-dresden.de, Tel.: 0351/463-32493 oder Fax: 0351/463-37274.

Herr Prof. Schmitt, herzlichen Dank für dieses Interview!

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