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Zusammenhänge Nahrungsmittelallergie und Neurodermitis

Prof. Dr. med. Eckard Hamelmann, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin und Leiter des Allergie-Centrums der Ruhr-Universität Bochum (ACR)

Nahrungsmittelallergie und Neurodermitis: Abgrenzung und Zusammenhänge

Viele Eltern von Kindern, die an Neurodermitis leiden, gehen davon aus, dass eine Nahrungsmittelallergie die Ursache für die Neurodermitis ist. Doch so klar sind die Zusammenhänge nicht. Prof. Dr. med. Eckard Hamelmann, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin und Leiter des Allergie-Centrums der Ruhr-Universität Bochum (ACR) sprach mit MeinAllergiePortal über Zusammenhänge und Abgrenzung.

Herr Prof. Hamelmann, wie oft kommt es vor, dass ein Kind mit einer Neurodermitis auch unter einer Nahrungsmittelallergie leidet?

Bei etwa 2/3 der Kinder, die unter einer Neurodermitis, auch atopische Dermatitis genannt, leiden, ist auch eine Sensibilisierung gegen ein Nahrungsmittelallergen im Blut nachweisbar. Von diesen Patienten haben ca. 50 Prozent auch tatsächlich klinische Symptome einer Nahrungsmittelallergie. Das bedeutet, dass etwa ein Drittel der Kinder mit Neurodermitis gleichzeitig auch eine klinisch relevante Nahrungsmittelallergie haben, umgekehrt aber bei zwei Dritteln ist dies nicht der Fall.

Warum gehen so viele Eltern dann davon aus, dass es zwischen Neurodermitis und Nahrungsmittelallergie einen Zusammenhang gibt?

Oft suchen die Eltern nach einer greifbaren und beherrschbaren Ursache für die Neurodermitis ihres Kindes. Eine Nahrungsmittelallergie erfüllt diese Kriterien. Allerdings muss man ganz klar festhalten, dass es sich hier um zwei Krankheitsbilder handelt, die unabhängig voneinander auftreten. Eine Nahrungsmittelallergie ist eine IgE-vermittelte Unverträglichkeit, die typischerweise bei Atopikern (zu Allergien neigende Menschen) auftritt. Eine Neurodermitis ist eine genetisch bedingte chronisch entzündliche Hauterkrankung, die typischerweise durch einen Barrieredefekt der Haut verursacht wird. Dieser Defekt führt dazu, dass die Haut mehr Flüssigkeit verliert, dass sich die Hautdurchlässigkeit erhöht und so z.B. mehr Staphylokokken-Toxine, Bakterien und eben auch Allergene durch die Haut eindringen können. Dadurch kann es auch generell zu einer erleichterten Sensibilisierung bei Neurodermitikern kommen.

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Ist die Neurodermitis immer eine chronische Erkrankung?

Das Risiko, dass die Neurodermitis persisitiert, also bestehen bleibt, ist immer dann gegeben, wenn zusätzlich eine sehr hohe Allergiebereitschaft vorliegt, wie z.B. bei einer persistierenden Nahrungsmittelallergie gegen Fisch. Weiter wissen wir, dass Kinder eher Neurodermitis behalten, wenn sie schon in sehr frühen Lebensjahren eine Allergie gegen respiratorische Allergene (Allergene in der Luft) aufweisen.

Umgekehrt ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Neurodermitis wieder verliert, höher, wenn gar keine oder nur transiente Formen einer Sensibilisierung nachgewiesen werden. Dann ist die Möglichkeit nicht klein, dass sich die Neurodermitis bis zum Schulalter wieder verliert.


Man liest oft, dass es einen Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelallergien und ADHS gibt. Können Sie das bestätigen?

Es gibt noch keine direkten Hinweise auf einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Nahrungsmittelallergien und ADHS. Es ist jedoch belegt, dass ADHS bei Kindern mit Neurodermitis in verstärkter Form auftritt. Die Unruhe neurodermitischer Kinder - hervorgerufen durch den Juckreiz -verstärkt die Symptome des ADHS. Gleichzeitig verstärkt die Unruhesymptome der Kinder mit ADHS die Kratzneigung bei Neurodermitis, was wiederum das Hautbild weiter verschlechtert – ADHS und Neurodermitis verstärken sich also gegenseitig, bedingen sich aber nicht.

Gibt es Möglichkeiten, eine Allergie zu verhindern? Was empfehlen Sie den Müttern?

Leider können wir eine Allergie beim Kind nicht grundsätzlich verhindern, der genetische Anteil an der Ursachen der Allergie ist mit ca. 60 bis 70 Prozent sehr hoch.

Umso wichtiger ist es, die Präventionsmaßnahmen, die heute als gesichert gelten, unbedingt zu beherzigen. Grundsätzlich kann man sagen, dass Mütter in der Schwangerschaft bzw. in der Umgebung von Säuglingen das Rauchen komplett vermeiden sollten, sowohl aktiv als auch passiv. Ebenso sollten Innenraumschadstoffe, Feinstaub und starkes Übergewicht (Adipositas) der Kinder vermieden werden. Auf Katzen im Haushalt sollte dann verzichten werden, wenn ein familiäres Risiko und eine Sensibilisierung gegen Katzenepithelien besteht, denn das Katzen-Allergen ist sehr aggressiv.

Weitere Empfehlungen zur Prävention sind, dass die Babies, wenn möglich, in den ersten 4 Monaten ausschließlich gestillt werden sollten. Besteht eine familiäre Vorbelastung für eine Allergie und keine Möglichkeit zum Stillen, sollte man eine hypoallergene Formula füttern. Ebenso sollten alle empfohlenen Impfungen durchgeführt werden.

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Spannend und neu ist der mögliche Einsatz von Bakterienlysaten zur Prävention. Hier gibt es erste Studien mit Säuglingen, die ein familiäres Risiko tragen, d.h. bei denen mindestens ein Elternteil Neurodermitis und/ oder eine Allergie haben. Diese Studien konnten nachweisen, dass die Gabe von Bakterienlysaten in den ersten 6 Lebensmonaten dazu führte, dass die Wahrscheinlichkeit für das  Auftreten einer Neurodermitis um ca. 10 Prozent gesenkt werden konnte. Diese Erkenntnisse, die auch in Richtung Hygiene-Hypothese gehen, fließen auch bereits in die aktuellen Behandlungsempfehlungen ein und machen Mut, dass wir doch am Ende eine Art "Impfung gegen Allergie" entwickeln können.

Herr Prof. Hamelmann, herzlichen Dank für das Gespräch!