AGAS AGNES Jahrestagung 2018

Die Tagungsleiter Katharina Hagemeister und Dr. Christian Weißhaar!

Schulungen im Umbruch: Auf dem Weg zur personalisierten Schulung?

Anaphylaxieschulungen – großes Interesse aus Angst und Unsicherheit

Während das Interesse an ambulanten Asthmaschulungen zurückgeht und das Interesse an Neurodermitisschulungen nicht der Anzahl der diagnostizierten Fälle entspricht, ist der Bedarf an Anaphylaxieschulungen groß. Dies gilt sogar nicht nur für die Familien der betroffenen Kinder, auch bei Erziehern aus Kitas und Schullehrern besteht ein großes Interesse an Schulungen. Mit nur 139 Anaphylaxietrainern deutschlandweit, kann diesem Schulungsbedarf aber nur schwer entsprochen werden – hier besteht ein Defizit.

Die Gründe dafür sah Katarina Hagemeister aus Bielefeld in einer Mischung aus Angst vor der Dramatik und Geschwindigkeit einer anaphylaktischen Reaktion und einem gewissen Medienhype um den sogenannten „Todeskuss“, bei dem Allergiker durch einen Kuss in Kontakt mit dem für sie gefährlichen Allergen kommen können. Anaphylaxie wird stets mit einer Notfallsituation in Verbindung gebracht und da Nahrungsmittel die häufigsten Auslöser anaphylaktischer Reaktionen bei Kindern sind, sind die Ängste auch bei Betreuern oft sehr groß. Hinzu kommt, dass für viele Laien der Unterschied zwischen allergisch bedingten und nicht allergisch bedingten Nahrungsmittelunverträglichkeiten nicht immer deutlich ist, so dass sie auch bei den ungefährlichen Nahrungsmittelintoleranzen das Risiko einer Anaphylaxie befürchten.

Schulungskonzepte im Umbruch – neue Impulse!

Um die Schulungen attraktiver zu gestalten bemühen sich die Arbeitsgemeinschaften, die aktuellen Bedürfnisse der Familien zu berücksichtigen. So soll das von Silke Seiffert aus Duisburg vorgestellte Konzept „Mikroschulung und Instruktion“, das vom Netzwerk Patienten- und Familienedukation in der Pflege e.V. zusammen mit der Uni Witten-Herdecke entwickelt wurde, die Lerninhalte stärker auf den tatsächlich bestehenden Informationsbedarf abstimmen. Das bedeutet, es wird nicht mehr grundsätzlich alles geschult, was die Patienten theoretisch wissen sollten, sondern nur die Module, die individuelle Bedürfnisse und „Wissenslücken“ abdecken. Ziel ist es auch hier, bei den Betroffenen eine größtmögliche Gesundheitskompetenz zu erreichen, die Schulungen werden aber individueller und bedarfsgerechter und greifen so den generellen Trend zur personalisierten Medizin auf.

Auch das jüngst überarbeitete Neurodermitis Trainermanual, das von Christine Lehmann aus Berlin präsentiert wurde, verfolgt einen neuen Ansatz. Es ist stärker auf das Definieren von Lernzielen und deren Erreichung ausgerichtet. Dabei galt es, in das bewährte und evaluierte Trainingskonzept die Prinzipien der modularen Schulung zu integrieren, ohne die bestehende Finanzierung durch die Krankenkassen zu gefährden. Wie beim Kompetenznetz Patientenschulung (KomPaS) hat das neue Neurodermitis Trainingsmanual jetzt sowohl generische als auch spezifische, auf Neurodermitis ausgerichtete Module. Zudem wurden die aktuellen Neurodermitis Leitlinien berücksichtigt.

Mehr Spaß bei Schulungen durch E-Devices und innovative Kreativität

Noch nicht flächendeckend, aber zunehmend, werden E-Devices in die Schulungen integriert. Wie Dr. Ulrich Umpfenbach aus Viersen berichtete, sind Gesundheitsapps wie z.B. PneumoDoc und AsthmaLaVista ein Highlight bei der Schulung insbesondere jugendlicher Patienten. Bei guter Einweisung ermöglichen E-Devices die präzise Messung und Speicherung der Lungenfunktionswerte und ermöglichen so eine kontinuierliche Therapieüberwachung. Die graphische Auswertung und Darstellung der Messwerte zeigt negative wie positive Einflüsse auf und motiviert zur Compliance. Voraussetzung ist allerdings, dass die Resultate vom behandelnden Arzt gemeinsam mit dem Patienten analysiert werden - die Mühe, die sich die Patienten mit dem Tool machen, muss entsprechend gewürdigt werden.

 

 

Wie man spielerisch und innovativ die Kreativität der Schulungsteilnehmer als „Eisbrecher“ einsetzen kann, zeigte Dr. Alexandra Heinzelmann aus Bielefeld mit dem Impulsholz. Dabei sind die Teilnehmer aufgefordert, aus kleinen Holzbrettchen, innerhalb eines festgesetzten Zeitraums und ohne viel nachzudenken, mit einer Vielzahl von Materialien zu einem kleinen Kunstwerk zu machen. In der anschließenden Narration erläutern die „Künstler“ ihr Werk, was oft zu überraschenden Erkenntnissen führt. So wird durch die Arbeit mit dem Impulsholz eine positive Grundstimmung geschaffen. Es werden aber auch Veränderungsprozesse angestoßen, die die Basis für ein selbstbestimmtes Krankheitsmanagement sein können.

Advertorial

Wie schult man die, die keine Schulung wollen?

Für eine effektive Therapie ist es unabdingbar, dass die chronisch kranken Patienten das Management ihrer Erkrankung aktiv in die Hand nehmen. Allerdings halten sich z.B. über die Hälfte der asthmakranken Kinder und Jugendlichen nicht an die vorgegebene Dosis und Medikation, machte Prof. Michael Schulz aus Bielefeld schon zu Beginn seiner Präsentation deutlich. Bei Erkrankungen wie Rheuma und Adipositas sieht es noch schlechter aus.

Dafür gibt es viele Gründe, die von Vergesslichkeit bis zur willentlichen Ablehnung der Therapie reichen. Wie also kann man Menschen dazu bringen, sich gesund zu verhalten? Nötig ist, laut Prof. Schulz, eine konzertierte Aktion des gesamten Betreuungsteams und eine Mischung aus individueller Beratung der Patienten und deren Familien. Um eine Verhaltensänderung zu erreichen, kann eine Adhärenztherapie eingesetzt werden, bestehend aus psychischer und sozialer Unterstützung, Therapievereinfachung und einem stärkeren Monitoring der Patienten bis hin zu regelmäßigen Anrufen und Hausbesuchen. Unterstützend wirkt dabei eine motivierende Gesprächsführung.

 

 

 

Schulung – quo vadis?

Deutlich wurde bei der 15. AGAS/AGNES-Tagung, dass die Schulungen und die entsprechenden Organisationen ein hohes Niveau erreicht haben und sich die Qualität der Schulungsmaßnahmen kontinuierlich verbessert hat. Fest steht aber auch, dass der Schulungsbedarf sehr unterschiedlich zu sein scheint und dass zumindest für die Asthmaschulungen und zum Teil auch für die Neurodermitisschulungen ein Handlungsbedarf besteht.

Die Verantwortlichen sind sich dessen bewusst, aber es gibt unterschiedliche Lösungsansätze, die in der Abschlussdiskussion von den Diskutanten Dr. Hans-Georg Bresser, Bielefeld, Dr. Marcus Dahlheim, Mannheim und Dr. Thomas Spindler, Wangen sehr anschaulich dargestellt wurden:

• Sollte man alles so belassen wie es ist, weil die Asthma- und Neurodermitisschulungen evaluiert, qualitätsgesichert, standardisiert, etabliert und vor allem finanziert sind?

• Sollte man das Schulungsangebot streichen oder zumindest reduzieren, weil sowieso immer weniger Betroffene teilnehmen?

• Oder sollte man die Schulungen kürzen, damit wieder mehr Betroffene zu einer Teilnahme motiviert werden können, auch wenn das bedeutet, dass Schulungsinhalte verloren gehen und die Finanzierung neu verhandelt werden muss?

Mit den modularen Konzepten, die zwischen generischen und spezifischen Lerninhalten unterscheiden und mit einer stärkeren Fokussierung auf Mikroschulungen und Instruktion geht man bereits in Richtung „personalisierte Schulung“. Auch die Integration von E- Devices in die Schulungen könnte eine Möglichkeit sein, mehr Akzeptanz für die Schulungsmaßnahen zu erreichen. Ebenso könnte man durch Online-Schulungen bestimmter Module mehr Flexibilität und „Kundenorientierung“ und damit eine größere Akzeptanz erreichen. Man darf also gespannt sein, wie die in der diesjährigen Jahrestagung gesetzten Impulse bis zur 16. AGAS/AGNES-Jahrestagung 2019 in Strahlsund umgesetzt worden sind.

 

 

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