Nahrungsmittelallergie Triggerfaktor Neurodermitis Schübe

Daniel Gianelli, Leiter Ernährungstherapie an der Hochgebirgsklinik Davos in der Schweiz zum Thema „Nahrungsmittelallergie: Triggerfaktor für Neurodermitis Schübe?

Nahrungsmittelallergie: Trigger für Neurodermitis Schübe?

Wie therapiert man die Nahrungsmittallergie bei Neurodermitis?

Grundsätzlich wird bei einer Nahrungsmittelallergie die Meidung des Allergens für einen bestimmten Zeitraum empfohlen.

Existiert jedoch ein Schwellenwert, würde man versuchen, das Nahrungsmittel bis zur individuelle verträglichen Menge in den Speisplan zu integrieren. Außerdem erleichtert es den Alltag der Betroffenen enorm, wenn sie z.B. bei dem Hinweis „Kann Spuren von… enthalten“ nicht auf das Lebensmittel verzichten müssten. Aus eben diesem Grunde ist die orale Provokation so wichtig, weil dabei der individuelle Schwellenwert ermittelt werden kann.

Zudem konnte man in Studien zeigen, dass die strikte Meidung von Nahrungsmitteln bei Nahrungsmittelallergien grundsätzlich nicht von Vorteil ist. Strikte Karenz kann sogar dazu führen, dass sich die Nahrungsmittelallergie bei den Kindern sogar zu einer Soforttyp Nahrungsmittelallergie, das heisst einer IgE-vermittelte Nahrungsmittelallergie, mit systemischen Reaktionen entwickeln bzw. dazu führen kann.

Hingegen scheint es die Toleranzentwicklung zu fördern, wenn immer eine bestimmte Menge des Allergens, also z.B. Kuhmilch oder Hühnerei, regelmäßig konsumiert wird. Wenn wir in der Hochgebirgsklinik Davos bei einem Kind beim oralen Provokationstest feststellen, dass es z.B. verbackene Milch oder verbackenes Hühnerei im Kuchen verträgt, geben wir den Eltern die klare Empfehlung, dass das Kind diese Speisen jede Woche in Form von Kuchen oder Muffins erhalten sollte. Eine schöne Empfehlung, die die Kinder immer sehr freut. Natürlich gilt dies nicht für hochallergische Kinder, bei denen die Gefahr einer Anaphylaxie besteht.

Die Hochgebirgsklinik Davos bietet für Neurodermitis Patienten Rehabilitationsmaßnahmen an, wie lange werde diese durchgeführt?

In der Regel bewilligen die Kassen für Kinder einen dreiwöchigen Aufenthalt, wobei eine Verlängerung von ein bis zwei Wochen möglich ist, wenn das Therapieziel nach drei Wochen noch nicht erreicht ist. Die Jugendlichen bleiben länger in der Rehabilitation und können dabei auch in unserer eigenen Klinikschule am Unterricht teilnehmen.

In dieser Zeit werden die Kinder und Jugendlichen mit Neurodermitis sehr intensiv und sehr individuell betreut und erhalten zahlreiche Schulungen, z. B. von Dermatologen und Ernährungstherapeuten. In der Regel bessert sich das Hautbild unserer Patienten sehr rasch, unter anderem auch deshalb, weil sich die Hochgebirgsklinik in einer pollen- bzw. allergenarmen Umgebung befindet und das Immunsystem aufgrund dessen weniger stark gefordert wird. Auf Basis der durchgeführten Diagnostik und der Erfahrungen bei der Therapie werden dann für jeden Neurodermitis Patienten individuelle Empfehlungen für zu Hause erarbeitet. Es ist wichtig, diese Empfehlungen zu beherzigen und nicht bei weniger fundierten Quellen Rat zu suchen.

Welche Quellen wären weniger fundiert und welche Empfehlungen geben Sie Ihren Patienten hierzu?

Wenn ein Kind Neurodermitis hat, belastet das natürlich in erster Linie das Kind, aber auch die Eltern und letztendlich die ganze Familie. Natürlich suchen die Eltern nach Heilungschancen für ihr Kind und sind dann manchmal auch offen für alle möglichen Ratschläge. Wenn dann ohne fundierte Diagnose empfohlen wird, z.B. Gluten zu meiden, ist dies schon sehr einschränkend für das Kind und aufwändig für die Mutter, die dann eventuell „glutenfrei“ und „normal“ kochen muss. Das ist eine sehr große Belastung und die Lebensqualität der ganzen Familie leidet enorm. Ich empfehle deshalb dringend, nach wissenschaftlichen Kriterien vorzugehen und eine fundierte Diagnose vornehmen zu lassen, bevor unnötige Diäten durchgeführt werden.

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Was kann passieren, wenn man bei Neurodermitis Auslassdiäten „auf Verdacht“ durchführt?

Wir hatten jüngst ein Kind in Behandlung, bei dem aufgrund einer Sensibilisierung, ohne klare Diagnostik der klinischen Relevanz, wie z.B. orale Provokation, über einen langen Zeitraum Weizen, Eier und Milchprodukte aus dem Speichplan gestrichen wurden, ein Fall, den wir in der Schweizer Zeitschrift für Ernährungsmedizin ausführlich beschrieben haben.1) Das Kind litt an Gedeihstörungen und hatte keinen Appetit mehr.

Bei der erneuten Diagnose stellte sich dann heraus, dass eine Sensibilisierung auf diese Nahrungsmittel bestand, die klinischen Symptome nach Verzehr von Kuhmilch, Ei und Weizen jedoch unklar waren. Bei der oralen Provokation zeigte sich dann, dass das Kind das Ei in verbackener Form problemlos vertrug und dass keine Unverträglichkeit auf Weizen bestand. Und: Bei der Kuhmilch in reiner Form kam es erst ab einer gewissen Dosis (Schwellenwert) zu leichten Hautreaktionen.

Nach der Wiedereinführung von weizenhaltigen Produkten, sowie regelmäßig verabreichten festgelegten Mengen an verbackenem Hühnerei und verbackener Milch in den Speiseplan hatte das Kind wieder Spaß am Essen, es blühte auf und nahm innerhalb kurzer Zeit wieder an Gewicht zu. Eine Nachfrage bei der Mutter nach einem halben und nach einem Jahr zeigte dann, dass das Kind zuerst Ei und dann Milchprodukte auch in unverbackenem Zustand wieder vertrug.

Herr Gianelli, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

Quellen:
1) Daniel Gianelli, Julia Eisenblätter, Ernährungsberatung bei Kindern mit Nahrungsmittelallergien, Ein Plädoyer für eine individuelle Ernährungstherapie, SZE, 1/2016, S. 1-4

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