Neurodermitis Schminken

Privatdozentin Dr. med. Kristine Breuer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie, Allergologie, Berufsdermatologie (ABD) und Leiterin der Abteilung für Allergologie und Berufsdermatologie im Dermatologikum in Hamburg

Neurodermitis und Schminken: Passt das zusammen?

Gutes Aussehen ist ein allgegenwärtiges Thema. Für alle, denen dies wichtig ist, bietet die Kosmetikindustrie zahlreiche Produkte, mit deren Hilfe man das eigene Aussehen ins rechte Licht rücken kann. Bei Neurodermitis ist oft das Gesicht betroffen. Dabei ist insbesondere die Haut der Augenpartie und im Bereich um den Mund herum sehr trocken und empfindlich, was das Schminken erheblich erschwert. Hinzu kommt, dass handelsübliche Produkte bei Neurodermitis nicht immer vertragen werden. Darüber wie die richtige Basispflege bei Neurodermitis aussieht und wie man sich am besten schminkt, sprach MeinAllergiePortal mit Privatdozentin Dr. med. Kristine Breuer, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie, Allergologie, Berufsdermatologie (ABD) und Leiterin der Abteilung für Allergologie und Berufsdermatologie im Dermatologikum in Hamburg über die Frage: Neurodermitis und Schminken: Passt das zusammen?

Frau Privatdozentin Breuer, Neurodermitis und Schminken – ist das überhaupt möglich? Geht das eher bei bestimmten Partien, z.B. Lippen, und weniger für andere, z.B. Augen?

Generell ist es auch für Menschen mit Neurodermitis möglich, sich zu schminken. Man sollte allerdings drei Dinge beachten.

Die erste Frage lautet: Wie ist der aktuelle Hautzustand? Hat man ein gerade akutes Ekzem, das gerötet ist, nässt und stark juckt, sollte man sich nicht schminken. Hat man gerade eine ruhige Phase, kann man sich durchaus schminken.

Die zweite wichtige Frage ist: Welche Produkte nimmt man? Hier gibt es gut verträgliche und weniger gut verträgliche Produkte.

Und  die dritte Frage ist die nach der Lokalisation im Gesicht. Die Wangen sind hier z.B. meist weniger problematisch als die Augenpartie, die von der Neurodermitis ja oft betroffen ist. Hinzu kommt, dass die Augenpartie grundsätzlich sehr empfindlich ist, weil die Haut hier sehr dünn ist. In den Schminkprodukten für die Augenpartie, wie z.B. Lidschatten und Mascara sind auch oft Allergene enthalten.

Auch eine Make-up Grundlage kann man bei Neurodermitis benutzen, vorausgesetzt, man nutzt das richtige Produkt.

Was kann man bei Neurodermitis für einen "ruhigen Hautzustand" tun?

Hierfür gibt es entzündungshemmende Medikamente, wobei man Kortison im Gesicht weniger gerne anwendet, insbesondere nicht im Augenbereich. Kortison macht die Haut mit der Zeit dünn und führt zu Abhängigkeit.

Gute Alternativen zu Kortison sind topische Calcineurininhibitoren, wie die Wirkstoffe Pimecrolimus und Tacrolimus, die sich insbesondere für die Lidpartie sehr gut eignen. Dabei handelt es sich um verschreibungspflichtige Präparate, die Teil einer stadiengerechten Lokaltherapie sind. Zu einer guten Neurodermitistherapie gehört es, in entzündlichen Phasen entzündungshemmend zu behandeln. Am Körper ist dies mit Kortisoncremes möglich, im Gesicht sollte man diese nicht länger als wenige Tage anwenden. Eine neue Herangehensweise ist die sogenannte "proaktive Therapie", d.h., entzündungshemmende Cremes werden noch nach Abheilen der üblicherweise von der Entzündung betroffenen Hautpartien in niedriger Frequenz, z.B. zweimal wöchentlich mit der entzündungshemmenden Creme weiter behandelt. Auf diese Weise ist es möglich, Schübe von vornherein zu verhindern. Dann ist auch tägliches Schminken möglich.

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Was müssen Menschen mit Neurodermitis bei der Verwendung von Kosmetika beachten?

Bei Neurodermitis liegt eine Barrierestörung der Haut vor. Diese Barrierestörung ist immer vorhanden, auch wenn die Haut gerade nicht entzündet ist. Alle Allergene aus Kosmetika dringen deshalb leichter in die Haut ein und führen eher zu Sensibilisierungen als bei anderen Menschen. In Studien konnte man nachweisen, dass Allergene in Kosmetika, wie z.B. Duftstoffe, bei Neurodermitikern häufiger Allergien auslösen als bei anderen Menschen. Deshalb ist es ausgesprochen wichtig, die richtigen Produkte zu benutzen. Es besteht sonst die Gefahr, sich durch die Kosmetika zusätzlich zu der Neurodermitis noch eine Kontaktallergie auf Kosmetika-Inhaltsstoffe zuzuziehen. Wenn man z.B. täglich einen austrocknenden Puder nutzt oder einen lang haftenden und sehr stark austrocknenden 24-Stunden-Lippenstift, kann dies die Symptome verstärken.

Generell ist eine gute Basispflege, wie z.B. eine Feuchtigkeitscreme als Grundlage für das Make-up oder eine Lippenpflege als Unterlage für den Lippenstift, sehr wichtig.

Gibt es Kosmetikprodukte, die für Neurodermitiker verträglicher sind als andere? Worauf sollte man achten?

Generell kann man sagen, dass ein feuchtigkeitsspendendes Creme-Make-up sicher besser verträglich ist, als ein Puder, der eher austrocknet. Aufpassen sollte man auch bei Produkten auf pflanzlicher Basis, die z.B. Extrakte aus Korbblütlern wie Arnika oder Ringelblume enthalten, denn diese können auch Allergien auslösen.  

Bei der dekorativen Kosmetik ist z.B. ein Lidschatten auf Mineralbasis besser verträglich als andere Produkte. Wenn man das richtige Produkt nutzt und das Augenlid gerade entzündungsfrei ist, ist auch ein Kajalstift für Neurodermitiker verwendbar. Ist das Augenlid gerade entzündet, sollte man solche Produkte natürlich auf keinen Fall verwenden.

Gibt es bzgl. der Inhaltsstoffe von Kosmetikprodukten für Menschen mit Neurodermitis so etwas wie eine Positivliste bzw. eine Negativliste?

Die Auswahl der richtigen Produkte ist entscheidend. Neurodermitiker sollten Kosmetikprodukte bevorzugen, die frei von Duftstoffen, pflanzlichen Inhaltsstoffen und Konservierungsstoffen sind. Manche  Mascaras enthalten z.B. Kolophonium, ein Baumharz, das als Kontakallergen bekannt ist. Man kann sich also durch die Nutzung des falschen Produktes auf Kolophonium sensibilisieren und Neurodermitiker sollten solche Produkte deshalb nicht verwenden.

Wenn man den Verdacht hat, dass ein konkretes Kosmetikprodukt, z.B. ein Lidschatten, nicht vertragen wird, kann man auch einen sogenannten Gebrauchstest machen. Dafür versucht man, die Situation bei der täglichen Anwendung der Kosmetika zu simulieren. Für den Test wählt man ein Hautareal an der Beugeseite des Unterarms und trägt das verdächtigte Kosmetikum über einen Zeitraum von ein bis zwei  Wochen 2 x mal täglich auf eine Fläche von ca. drei mal drei cm auf. Mit Haarfarben sollte man dies nicht machen, da diese starke Allergene enthalten und bei wiederholtem Auftragen auf die Haut Allergien auch erst ausgelöst werden könnten. Grundsätzlich sollte bei Verdacht auf eine Kontaktallergie auf Kosmetika oder Haarfarben ein Arzt aufgesucht werden, der einen Allergietest (dazu gehört auch der Gebrauchstest) durchführt.

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Es gibt ja eine Reihe von Kosmetikprodukten speziell für Neurodermitiker. Sind diese Produkte zuverlässig?

Die erste Maßnahme zur Überprüfung der Verträglichkeit von Kosmetikprodukten wäre der Abgleich der Inhaltsstoffe mit dem persönlichen Allergiepass.

Dann gibt es auch eine Reihe von Spezialprodukten für Neurodermitiker, aber nicht alle, die mit der Angabe "dermatologisch getestet" versehen sind, sind auch unbedingt gut geeignet. Im Grunde ist die Angabe "dermatologisch getestet" irreführend, denn sie besagt nicht, dass das Produkt keine möglichen Kontaktallergene enthält.

Tendenziell kann man sagen, dass Apothekenprodukte (Duft- und Konservierungsstoff-frei) eher für Neurodermitiker geeignet sind als herkömmliche Produkte, hier sollte man seinen Allergologen um Rat fragen.

Wie muss die Basispflege bei Neurodermitis aussehen?

Die Basispflege sollte feuchtigkeitsspendend sein, Feuchthaltestoffe wie z.B. Glyzerin enthalten oder Ceramide, d.h. körpereigene Bausteine der Hautbarriere, enthalten. Urea-haltige (d.h. Harnstoff-haltige) Produkte werden von sehr empfindlichen Menschen im Gesichtsbereich unter Umständen nicht vertragen. Die Basispflege bei Neurodermitis sollte sehr viel Feuchtigkeit spenden und die Hautbarriere stärken, damit die Kosmetikprodukte die Haut nicht austrocknen können. Öle sind hierzu eher nicht geeignet.

Abschminken sollte man sich mit einer milden Reinigungsmilch ohne Konservierungsstoffe, Farbstoffe und Duftstoffe oder mit klarem Wasser. Wenn man z.B. wasserlösliche Mascara nutzt, ist dies sehr gut möglich. Seife sollte man eher nicht fürs Gesicht verwenden.

Zwar werden die Haare nicht "geschminkt", aber auch hier gibt es ja diverse Hilfsmittel , die der Verschönerung dienen. Was sollte man bei Neurodermitis in Bezug auf Färbemittel, Festiger, Haargels, Harsprays etc. beachten?

Färbemittel und Blondierungen reizen die Haut und enthalten Kontaktallergene, d.h. man sollte möglichst darauf verzichten. Wenn es nicht anders geht, sollte man zumindest statt oxidativer Haarfarben weniger allergene  Produkte , z.B. sogenannte direktziehende Haarfarben verwenden. Grundsätzlich ist beim Thema Haare färben bei Neurodermitis ausschlaggebend, ob auch die Kopfhaut von der Neurodermitis betroffen ist oder nicht.

Für Shampoos und andere Haarpflegeprodukte gilt das gleiche wie für die Hautprodukte. Auch hier sollten keine Konservierungsstoffe, Farbstoffe und Duftstoffe enthalten sein und man sollte die Inhaltsstoffe mit dem persönlichen Allergiepass abgleichen.

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Übrigens ist auch Henna allergologisch nicht unproblematisch. Das liegt nicht an Henna selbst, sondern an den Zusatzstoffen, die oft die gleichen sind wie bei den oxidativen Haarfarben, also potente Kontaktallergene.

Frau Privatdozentin Breuer, ich danke Ihnen für dieses Interview!

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