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Neurodermitis chronisch Triggerfaktoren

Prof. Dr. Thomas Werfel, Stellvertretender Direktor der Klinik für Dermatologie, Allergologie und Venerologie der Medizinischen Hochschule Hannover und Präsident der DGAKI

Neurodermitis: Typischer, chronischer Krankheitsverlauf und Triggerfaktoren!

Und wie wirken sich Inhalationsallergien, wie Pollenallergien, Hausstaubmilbenallergie, Schimmelpilzallergie und Tierhaarallergie auf die Neurodermitis aus? 

Inhalationsallergien können bei Neurodermitis relevante Schubfaktoren werden, wenn eine IgE-vermittelte Sensibilisierung vorliegt. Das bedeutet, einem Patienten mit einer schweren Neurodermitis und einer Sensibilisierung auf Hausstaubmilbenallergene empfehlen wir Encasings. Unter Encasings versteht man milbendichte Bezüge für Matratze und Bettzeug, die den Allergenkontakt unterbinden – eine Maßnahme, die die Krankenkassen übernehmen.

Gibt es weitere Schubfaktoren bei der Neurodermitis?

Die Irritation der Haut, d. h. das Reizen der Haut, kann bei Neurodermitis ebenfalls ein Triggerfaktor sein. Die Haut ist bei Neurodermitis durch den Barrieredefekt besonders empfindlich. Wird sie durch sehr häufiges Waschen – Wasser trocknet aus – oder Chemikalien, z. B. durch häufiges Desinfizieren der Haut im medizinischen Bereich, „geärgert“, kann es zum irritativen Ekzem kommen. Ein irritatives Ekzem ist von der Neurodermitis oft nicht klar abgrenzbar.

Auch kratzige Kleidung, wie z. B. „kratzige Wollpullover“, irritieren die Haut bei Neurodermitis. Grundsätzlich gilt: Je weicher die Kleidung ist, desto besser verträglich ist dies für Neurodermitis. Sehr empfindlichen Neurodermitikern empfiehlt man sogar, die T-Shirts verkehrt herum zu tragen, damit die Nähte nicht direkt mit der Haut in Berührung kommen.

Um den Effekt von Weichspülern bei Neurodermitis gab es viele Diskussionen. Man befürchtete, dass die Inhaltsstoffe von Weichspülern einen negativen Effekt auf die Ekzeme haben könnten. Dies scheint sich nicht bestätigt zu haben, vielmehr könnte der „Weichspül-Effekt“ eine positive Auswirkung auf die Haut bei Neurodermitis haben.

Psychischer Stress hat vermutlich auch einen Einfluss auf die Neurodermitis-Ekzeme, allerdings ist dies schwer fassbar. Ein nervöser, gestresster Mensch wird sich bei Juckreiz sicher noch eher und häufiger kratzen und so die Schübe „hochtriggern“.  Auch unbewusst, z. B. im Schlaf, ist das Kratzrisiko dann höher.
Besser fassbar ist der Einfluss von Hormonen auf die Neurodermitis. In der Schwangerschaft kann es deshalb vorkommen, dass zum ersten Mal eine Neurodermitis auftritt. Wahrscheinlich polarisieren die Östrogene das Immunsystem in Richtung Allergie. Im Einzelfall kann das auch durch die Kontrazeption, d.h. durch hormonelle Verhütungsmittel, der Fall sein.

Auch die klimatischen Bedingungen können potenzielle Triggerfaktoren bei Neurodermitis sein. Positiv wirkt sich der Sommer auf den Hautzustand von Menschen mit Neurodermitis aus, während Herbst, Winter und frühes Frühjahr weniger gut für die Haut bei der Erkrankung sind. Wahrscheinlich liegt dies am Innenraumklima, das durch trockene Raumluft und eine höhere Konzentration von Innenraumallergenen gekennzeichnet ist, als dies im Sommer in Bezug auf die Außenallergene der Fall ist.  

Bei Neurodermitis können auch Infektionen wie z. B. grippale Infekte oder Magen-Darm-Infektionen Schübe auslösen. Durch die Aktivierung des Abwehrsystems, kann es zu einer unspezifischen Verschlimmerung der Haut kommen. Nach Virusinfekten ist dies häufig der Fall.

Manchmal kommt es auch nach Impfungen zu leichten Neurodermitis-Schüben. Das ist jedoch kein Grund, auf das Impfen zu verzichten. Die STIKO-Empfehlungen sollten auch bei Neurodermitis eingehalten werden.

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In einer Studie haben Sie die Auswirkungen von Außenallergenen, bzw. Pollen auf Neurodermitis untersucht….

Viele Kollegen gingen bisher davon aus, dass Gräserpollen bei Neurodermitis-Patienten mit gleichzeitiger Gräserpollen-Allergie keinen Einfluss auf den Hautzustand haben. Dies wollten wir überprüfen und so haben wir im Winter in einer Pollenkammer in Hannover eine Sommerwiese imitiert. In der Pollenkammer wurden die Patienten an zwei aufeinanderfolgenden Tagen für jeweils vier Stunden Gräserpollen in einer Konzentration ausgesetzt, die einem pollenreichen Sommertag entsprach. Diese Studie war randomisiert, d. h. ein Teil der Patienten saß zwar in der Pollenkammer, aber die Luft war völlig pollenfrei.

Zu unserer Überraschung haben wir an den luftexponierten Hautarealen mit Gräserpollenexposition sehr deutliche Neurodermitis-Schübe gesehen. Das bedeutet, die Neurodermitis-Schübe traten an den Hautbereichen auf, die unbedeckt waren: im Gesicht, im Nacken, an den Unterarmen und an der unteren Hälfte der Oberarme. Dagegen waren die Reaktionen an den von Kleidung bedeckten Körperteilen schwächer und zeigten sich später. Wir gehen davon aus, dass die Pollenallergene die Haut penetrieren können, was bedeutet, dass sie in die Haut eindringen und bei vorhandener Sensibilisierung eine Reaktion einleiten können. Graspollen-sensibilisierte Neurodermitiker sollten deshalb in der Pollenflugsaison „ihres“ Allergenes entsprechende Wiesen meiden, bzw. möglichst „bedeckt“ ins Freie gehen. (5)

Und welche Rolle spielt das Mikrobiom der Haut im Zusammenhang mit den Triggerfaktoren der Neurodermitis?

Im Zusammenhang mit dem Mikrobiom der Haut wissen wir, dass bei Neurodermitis ein bestimmter Keim, Staphylococcus aureus, sehr häufig auf der entzündeten Haut zu finden ist. Bei Neurodermitis-Patienten findet man ihn, je nach Studie, bei 70 bis 90 Prozent der Patienten, bei hautgesunden Menschen nur bei ca. 10 Prozent. Deshalb gibt es Überlegungen, inwieweit Staphylococcus aureus selbst die Haut negativ beeinflussen könnte  – es gibt Mechanismen, die durchaus dafür sprechen.

Allerdings zeigten bisherige Versuche, Staphylococcus aureus mit Antiseptika, d. h. mit Desinfektionsmitteln oder Antibiotika zu beeinflussen, keine sehr starken Effekte. Vielmehr lässt sich der Keim am besten durch eine gute antientzündliche Behandlung vermindern, z. B.  durch Eincremen mit Kortisonpräparaten oder topischen Calcineurininhibitoren.

Zusammenhänge mit dem Mikrobiom der Haut scheint es auch bei einem Hefepilz zu geben, dem Malassezia sympodialis. Dieser Hefepilz tritt bei Patienten, die eine sogenannte „Head and Neck Dermatitis“ haben, auf. Es handelt sich um eine Entzündung im Gesicht mit Hals- und Nackenbeteiligung sowie im Gesicht mit Beteiligung des Oberkörpers. Es gibt Studien, die darauf hinweisen, dass Antipilzmittel, die Malassezia sympodialis reduzieren, sich positiv auf die Neurodermitis auswirken könnten.

Grundsätzlich kann man sagen, dass die mikrobielle Vielfalt der Haut in der Läsion offenbar zusammenbricht und durch die Therapie wieder ansteigt. Dabei gibt es „Gewinner“ wie Staphylococus aureus und „Verlierer“, d. h., auf gesunder Haut sitzende Keime, die verdrängt werden. Möglicherweise hat es negative Auswirkungen auf die Neurodermitis, wenn diese nicht mehr vorhanden sind.

Basispflege und antientzündliche Cremes gehören zur klassischen Neurodermitis-Therapie, helfen aber nicht immer allen Neurodermitis-Patienten. Was tut sich in der Neurodermitis-Therapie-Forschung?

Zunächst zur Basispflege und dem grundsätzlichen Umgang mit Neurodermitis: Wichtig für ein gutes Neurodermitis-Management sind interdisziplinäre Schulungen für Kinder mit Neurodermitis und ihre Familien nach AGNES. Unter www.neurodermitisschulung.de findet man alle Schulungen, die in den Schulungszentren kontinuierlich angeboten werden, sowie dezentrale Schulungsteams, die Schulungen außerhalb der Kliniken anbieten.

Für ein ähnliches Schulungsmodell für Erwachsene (ARNE) liegen jetzt die Auswertungen einer Untersuchung vor. Diese zeigt, dass bei erwachsenen Patienten ein Jahr nach der Schulung der Hautscore signifikant besser wurde, als bei Patienten, die nicht geschult worden waren. Wir möchten deshalb erreichen, dass die ARNE-Schulungen flächendeckend von den Kostenträgern übernommen werden.

Bei der Forschung konzentriert man sich aktuell auf die systemische Therapie von Neurodermitis, also auf die „innerliche“ Behandlung – oral oder per Spritze. Bisher gibt es für schwer betroffene erwachsene Neurodermitiker ein einziges zugelassenes Medikament, das Ciclosporin A.  

Für Kinder gibt es überhaupt keine zugelassenen Therapien. Stark von Neurodermitis betroffene Kinder müssen deshalb „off-label“, d. h. außerhalb der Zulassung behandelt werden, ebenso Erwachsene, wenn das Ciclosporin A nicht einsetzbar ist.

Es ist deshalb ausgesprochen spannend, dass es zurzeit viele Entwicklungen zu neuen Medikamenten, den sogenannten Biologics, gibt, zu denen auch bereits klinische Studien durchgeführt wurden. Der Einsatz von Biologics wird sowohl für die Neurodermitis, als auch für das allergische Asthma untersucht, da die Entzündungsmechanismen sehr ähnlich sind. Bei Biologics greifen monoklonale Antikörper direkt die Zielmoleküle der allergischen Entzündung an und unterdrücken sie.

Monoklonale Antikörper werden je nach Studienergebnissen beispielsweise alle zwei oder alle vier Wochen als Injektion unter die Haut verabreicht. Die aktuellen Daten sind sehr vielversprechend. Es sieht so aus, als ob sich durch solche Antikörper in Zukunft sowohl der Juckreiz als auch der Hautscore der Neurodermitis deutlich verbessern ließen.

Herr Prof. Werfel, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Quellen:

(1)    Langen, U., Schmitz, R., & Steppuhn, H. (2013). Prevalence of allergic diseases in Germany: results of the German Health Interview and Examination Survey for Adults (DEGS1). Bundesgesundheitsblatt, Gesundheitsforschung, Gesundheitsschutz, 56(5–6), 698–706. http://doi.org/10.1007/s00103-012-1652-7

(2)    Yim KM, Armstrong AW. Updates on cardiovascular comorbidities associated with psoriatic diseases: epidemiology and mechanisms. Rheumatol Int. 2016 Review

(3)    http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26253344

(4)    Ehlers I, Worm M, Sterry W, Zuberbier T., Sugar is not an aggravating factor in atopic dermatitis, Acta Derm Venereol. 2001 Aug-Sep;81(4):282-4

(5)    Werfel T, Heratizadeh A, Niebuhr M, Kapp A, Roesner LM, Karch A, Erpenbeck VJ, Lösche C, Jung T, Krug N, Badorrek P, Hohlfeld JM. Exacerbation of atopic dermatitis on grass pollen exposure in an environmental challenge chamber. J Allergy Clin Immunol. 2015 Jul;136(1):96-103.e9.

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