Nahrungsmittelallergien im Alter

Univ.Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim, Allergologin und Fachärztin für Immunologie in Wien über das unterschätzte Problem „Nahrungsmittelallergien im Alter“

Nahrungsmittelallergien im Alter – ein unterschätztes Problem?

Was unterscheidet weniger gefährliche von gefährlichen Nahrungsmittelallergenen?

Die Nahrungsmittelallergie-Symptome, die Pollenallergiker aufgrund von Kreuzreaktivitäten entwickeln, treten hauptsächlich im Bereich des Mundes und der Lippen auf, weil das auslösende Allergen nach dem Schlucken verdaut wird. Besteht daher eine gute Verdauung, werden die betreffenden Allergene ungefährlich gemacht. Erstsensibilisierungen gegen Nahrungsmittel können daher im Zusammenhang mit einer gestörten Magenverdauung stehen.

Im Gegensatz dazu sind gefährliche Allergene wie die sogenannten Liquid Transfer Proteine (LTPs) ausgesprochen verdauungsresistent. Verschluckt man die LTPs, werden diese trotz voll funktionierender Magenverdauung kaum abgebaut, passieren den Magen-Darm-Trakt größtenteils intakt und können über diese sehr gut durchblutete Schleimhaut in den Organismus aufgenommen werden. So können sie leichter sensibilisieren und dann auch systemische Reaktionen auslösen. Der Magen hat somit im Hinblick auf die Unterscheidung von harmlosen und gefährlichen Allergenen eine Schlüsselfunktion. In allen diesen Vorgängen spielt die Allergendosis natürlich eine relevante Rolle.

Welche Rolle spielt der Magen bzw. die funktionierende Verdauung bei der Entstehung von Allergien im Alter?

Ältere Menschen haben häufig Sodbrennen oder andere Magen-Probleme. Deswegen nimmt der Patient schleimhaut-schützende Medikamente ein, welche, die Verdauungsfunktion des Magens beeinträchtigen. Z.B. wird durch die Einnahme von Protonenpumpeninhibitoren (PPI), die Säureproduktion des Magens unterbunden. Das Magenenzym Pepsin kann jedoch nur bei wirklich saurem Magen-pH aktiviert werden. Der Enzymausfall führt dazu, dass auch normalerweise verdauliche Allergene länger intakt bleiben und zu systemischen Reaktionen führen können. In der Situation wird also der Schwellenwert der Dosis, die zu einer schweren Reaktion führt, herabgesetzt.

Bei welchen Medikamenten kann es zur Entwicklung von Nahrungsmittelallergien kommen und warum sind ältere Menschen besonders betroffen?

Bestimmte Medikamente werden von älteren Menschen vermehrt eingenommen. Von Betablockern und ACE-Hemmern, d.h. Blutdrucksenkern, und nichtsteroidalen Antiphlogistika, dies sind Medikamente, die Entzündungsreaktionen unterdrücken, weiß man, dass sie Urtikaria auslösen können und Anaphylaxien verstärken können. Auch Amphetamine, die als Stimmungsaufheller, bei Übergewicht oder bei der Rehabilitierung nach Schlaganfällen eingesetzt werden, können Allergien begünstigen. Treten beim älteren Patienten Symptome einer Nahrungsmittelallergie auf, sollte man deshalb durchaus einmal die Medikamente überprüfen.

Das Problem betrifft jedoch auch deshalb verstärkt Menschen in höherem Alter, weil diese Altersgruppe vermehrt unter Magenproblemen, Gastritis, Sodbrennen etc. leidet und deshalb auf die entsprechenden Medikamente zugreift. Auch durch Übergewicht, das im höherem Alter auf Grund des verlangsamten Metabolismus häufiger auftritt, oder nach der Menopause kann es zu Magenbeschwerden kommen. PPIs spielen auch eine wichtige Rolle als Komedikation bei NSAID und Cortisol-Therapien chronisch entzündlicher Erkrankungen und Schmerztherapie, und kommen auch über diesen Weg vermehrt bei SeniorInnen zum Einsatz. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, solange die Medikamente nach einer gewissen Zeit wieder abgesetzt werden. Oft gewöhnen sich die Patienten jedoch an die Medikamente und nehmen sie dauerhaft ein.

Gerade für ältere Patienten ist dies eine problematische Entwicklung, weil damit die Magenfunktion faktisch ausgeschaltet wird und Proteinverdauung nicht mehr stattfindet. Dass es so zur Entstehung von Nahrungsmittelallergien kommen kann, konnten wir in mehreren Studien nachweisen. Beispielsweise 15 Prozent einer untersuchten gastro-enterologischen Kohorte hatte bereits nach einer dreimonatigen Behandlung mit Protonenpumpenhemmern neue Sensibilisierungen auf Nahrungsmittelallergene entwickelt. Abgesehen davon fördern PPIs auch eine bakterielle Fehlbesiedlung.

Eine bakterielle Fehl- und Minderbesiedlung wird besonders durch Antibiotika Therapien begünstigt. Aus Tierstudien weiß man, dass die veränderte Darmflora nach Antibiotikagabe direkt zu Nahrungsmittelallergien führt, weil die Immunmodulation, bei der die Flora der Schleimhaut eine wichtige Rolle spielt, ausfällt. Ältere Menschen haben im Laufe ihres Lebens viele Male Antibiotika eingenommen. Hinzu kommen Operationen, die auch meist mit der Gabe von Antibiotika einhergehen. In Zukunft wird man hier mit Hilfe von Probiotika gegenregulieren können. 

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