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Nahrungsmittelallergien im Alter

Univ.Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim, Allergologin und Fachärztin für Immunologie in Wien über das unterschätzte Problem „Nahrungsmittelallergien im Alter“

Nahrungsmittelallergien im Alter – ein unterschätztes Problem?

Nahrungsmittelallergien bei älteren Menschen stehen nicht im Fokus. Da die Erkrankung eher bei jungen Menschen bekannt ist, fehlt es an Studien, die sich dezidiert mit Nahrungsmittelallergien im Alter befassen. Die Folge: Nahrungsmittelallergien bei Senioren bleiben häufig unerkannt und das, obwohl im gealterten Organismus eine Anaphylaxie ein größeres Risiko darstellt und der Anteil der über 65 Jährigen an der Bevölkerung wächst. MeinAllergiePortal sprach mit Univ.Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim, Allergologin und Fachärztin für Immunologie in Wien über das unterschätzte Problem „Nahrungsmittelallergien im Alter“.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Univ.Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim

Frau Prof. Jensen-Jarolim, welchen Stellenwert hat das Thema „Nahrungsmittelallergien im Alter“ und wie viele Menschen sind betroffen?

Grundsätzlich: Wenn wir über Nahrungsmittelallergien sprechen, sind immunologisch vermittelte Allergien gemeint, d.h. es geht nicht um Nahrungsmittelintoleranzen wie z.B. Fruktosemalabsorption, Laktoseintoleranz oder Histaminintoleranz.  Im Gegensatz zu den Intoleranzen sind echte Nahrungsmittelallergien IgE-vermittelt. Die allergischen Reaktionen zeigen sich in der Regel unmittelbar nach Allergenkontakt. Bei intestinaler Symptomatik kann es auch zu zeitlich verzögerten Reaktionen kommen.

Lange Zeit hatte man die Nahrungsmittelallergien ausschließlich im Zusammenhang mit Kindern im Fokus. Für den Europäischen Raum geht man bei Kindern von einer Prävalenz zwischen 6 bis 8 Prozent aus, wobei sich die Nahrungsmittelallergien bei Kindern sehr häufig bis zum Schuleintrittsalter verlieren. Mit der Zeit rückte die Gruppe der jungen Erwachsenen ins Blickfeld  - hier geht man von 1 bis 3 Prozent Betroffenen aus.

Die Erkenntnis, dass auch ältere Erwachsene von Nahrungsmittelallergien betroffen sein können, setzt sich erst in letzter Zeit durch. Noch gibt es nur sehr wenige Studien und die Diagnose von Allergien wird im Alter schwieriger, aber man geht ebenso von ca. 1 bis 3 Prozent Betroffenen aus.

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Warum ist die Diagnose von Nahrungsmittelallergien im Alter schwieriger?

Im Alter verändert sich die Haut – ältere Haut ist „dünner“ und weniger gut durchblutet. Allergietests an der Haut sind deshalb weniger verlässlich und reproduzierbar. Das ist mit ein Grund dafür, dass Nahrungsmittelallergien bei älteren Menschen oft nicht erkannt werden.

Unterscheiden sich bei älteren Menschen auch die Symptome der Nahrungsmittelallergie?

Bei älteren Menschen kann es durch Nahrungsmittelallergien wie auch bei jüngeren Patienten zu stärkeren, mitunter systemischen Symptomen kommen. Im Falle einer Anaphylaxie ist zu bedenken, dass die Kompensationsprozesse der Lungen- und Herzfunktion im älteren Organismus erschwert sind und es leichter zu einer Dekompensation kommen kann. Es wäre deshalb wünschenswert, eine vorhandene Nahrungsmittelallergie auch zu diagnostizieren, damit das Allergen gemieden werden kann.

Kommt es denn bei älteren Menschen mit Nahrungsmittelallergien vermehrt zu anaphylaktischen Reaktionen?

Ob es bei einer Nahrungsmittelallergie zu einer Anaphylaxie kommt, hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab, wie z.B.:

- Dem Grad der Sensibilisierung

- Der Allergendosis

- Kofaktoren – durch Multimorbidität und Multimedikation

Grundsätzlich besteht eine prinzipielle Bereitschaft zur Ausbildung von Allergiesymptomen, wenn eine Sensibilisierung vorliegt. Die potenzielle Bandbreite reicht von einer lokalen bis zur systemischen Symptomatik. Wenn es bereits systemische Symptome gegeben hat, oder wenn Asthma vorhanden ist, besteht ein erhöhtes Risiko für schwerergradige Reaktionen.

Wie erfolgt die Diagnose der Nahrungsmittelallergie bei älteren Menschen?  

Normalerweise, d.h. bei Kindern oder jüngeren Patienten, fußt die Diagnose einer Nahrungsmittelallergie auf mehreren Säulen. An erster Stelle steht die detektivische Anamnese. Dann wird ein Hauttest durchgeführt, gefolgt von einem IgE-Test und letztendlich der Nahrungsmittelprovokation. Die orale Provokation ist der „Goldstandard“ der Diagnostik einer Nahrungsmittelallergie, d.h. der ultimative Nachweis, ob eine klinisch manifeste Nahrungsmittelallergie besteht, oder nicht.

Bei der Provokation wird dem Patienten das verdächtige Nahrungsmittel „in verblindeter Form“ oral gegeben und man beobachtet, ob ab einer gewissen Dosis eine allergische Reaktion erfolgt oder nicht. Das Verfahren dient auch dazu, jene Nahrungsmittel-Dosis zu ermitteln, die für den Patienten noch als sicher eingestuft werden kann. Da es bei der oralen Provokation zu einer Anaphylaxie kommen kann, führt man sie in spezialisierten Zentren mit der Möglichkeit akutmedizinischer Intervention durch.

Abhängig vom Allgemeinzustand wird aus Sicherheitsgründen bei älteren Menschen so gut wie nie eine orale Provokation vorgenommen. Es gibt Studien, die auch auf eine diesbezüglich geringere Kooperationsbereitschaft älterer PatientInnen hinweisen. Der Hauttest ergibt öfter falsch negative Resultate bei älteren Menschen und ist daher, wie gesagt, nicht verlässlich. Letztendlich steht bei Älteren also praktisch nur der Blut-Test zur Diagnose von Nahrungsmittelallergien zur Verfügung.

Dazu verwenden wir in unserem Zentrum die molekulare Allergiediagnostik mit dem ISAC112 Allergen-Mikrochip, der gerade bei Nahrungsmittelallergien ein wichtiges Screening-Instrument darstellt. Die molekulare Allergiediagnostik hat einen hohen prädiktiven Wert, denn es werden Allergenmoleküle mit unterschiedlichem Risikopotenzial eingesetzt. Der Test gibt somit breite Auskunft darüber, ob sich die bestehende IgE-Sensibilisierung gegen ein gefährliches oder ein weniger gefährliches Allergen richtet. Der ISAC-Chip enthält momentan 112 Allergene, darunter 42 Allergenmoleküle aus 19 Nahrungsmitteln. Das bedeutet, man kann eine Vielzahl von Allergenen gleichzeitig testen, und läuft nicht das erhöhte Risiko einer Provokation bei den SeniorInnen.

Weiter sieht man durch die molekulare Allergiediagnostik, ob es sich bei der Nahrungsmittelallergie um eine Kreuzallergie handelt, die auf eine bestehende Pollenallergie zurückzuführen ist. Eine solche leichte Nahrungsmittelallergie wäre z.B. weniger problematisch und würde hauptsächlich lokale orale Symptome hervorrufen.

Zeigt sich durch die molekulare Allergiediagnostik jedoch IgE, das sich bestimmte gefährliche Allergenmoleküle der Erdnuss, der Haselnuss, oder anderer Nahrungsmttel richtet, kann man dem Patienten eine verlässlichere Empfehlung geben, welche Nahrung er unbedingt meiden muss.

Insbesondere dann, wenn der Patient oder die Patientin bereits allergische Reaktionen erlebt hat, die über das orale Allergiesyndrom hinausgehen und eher auf eine Anaphylaxie hinweisen, kann eine strenge Allergenkarenz angezeigt sein, und der Betroffene sollte gegebenenfalls auch mit einem Notfallset zur Behandlung der Anaphylaxie versorgt werden.

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Welche Allergene sind bei Erwachsenen mit Nahrungsmittelallergien häufig?

Zu Nahrungsmittelallergien kann es also sekundär durch kreuzreaktives IgE kommen, welches primär gegen Baumpollen, Gräserpollen oder Unkrautpollen gerichtet ist und durch „Verwechslung“ auch Moleküle in Pflanzennahrung erkennt. Dies ist in vielen Studien untersucht worden und betrifft jüngere und ältere Pollenallergiker gleichermaßen. Pollenallergien und zugehörige Kreuzreaktivitäten gegen Nahrungsmittel können jedoch auch in den „best agers“, also über 65, neu auftreten. Dabei spielen veränderte Umweltbedingungen eine Rolle. Durch die Klimaerwärmung gedeihen in unseren Breiten jetzt Pflanzen, die es früher nicht gab und die z.T. sehr allergen sind, z.B. die Ambrosia, auch Ragweed genannt.

Auch unabhängig von respiratorischen Kreuzallergien kann es bei jungen und älteren Erwachsenen zu Nahrungsmittelallergien über orale, inhalative (Stäube und Dämpfe beim Kochen) oder perkutane Sensibilisierung kommen. Dabei kann - wie typischerweise bei Kindern - eine Kuhmilch Allergie oder eine Hühnerei Allergie bestehen, aber es kann auch durch Fisch, Schalentiere, Nüsse und Erdnüsse, und viele anderen Nahrungsmitteln zu Allergiesymptomen kommen.

Was unterscheidet weniger gefährliche von gefährlichen Nahrungsmittelallergenen?

Die Nahrungsmittelallergie-Symptome, die Pollenallergiker aufgrund von Kreuzreaktivitäten entwickeln, treten hauptsächlich im Bereich des Mundes und der Lippen auf, weil das auslösende Allergen nach dem Schlucken verdaut wird. Besteht daher eine gute Verdauung, werden die betreffenden Allergene ungefährlich gemacht. Erstsensibilisierungen gegen Nahrungsmittel können daher im Zusammenhang mit einer gestörten Magenverdauung stehen.

Im Gegensatz dazu sind gefährliche Allergene wie die sogenannten Liquid Transfer Proteine (LTPs) ausgesprochen verdauungsresistent. Verschluckt man die LTPs, werden diese trotz voll funktionierender Magenverdauung kaum abgebaut, passieren den Magen-Darm-Trakt größtenteils intakt und können über diese sehr gut durchblutete Schleimhaut in den Organismus aufgenommen werden. So können sie leichter sensibilisieren und dann auch systemische Reaktionen auslösen. Der Magen hat somit im Hinblick auf die Unterscheidung von harmlosen und gefährlichen Allergenen eine Schlüsselfunktion. In allen diesen Vorgängen spielt die Allergendosis natürlich eine relevante Rolle.

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Welche Rolle spielt der Magen bzw. die funktionierende Verdauung bei der Entstehung von Allergien im Alter?

Ältere Menschen haben häufig Sodbrennen oder andere Magen-Probleme. Deswegen nimmt der Patient schleimhaut-schützende Medikamente ein, welche, die Verdauungsfunktion des Magens beeinträchtigen. Z.B. wird durch die Einnahme von Protonenpumpeninhibitoren (PPI), die Säureproduktion des Magens unterbunden. Das Magenenzym Pepsin kann jedoch nur bei wirklich saurem Magen-pH aktiviert werden. Der Enzymausfall führt dazu, dass auch normalerweise verdauliche Allergene länger intakt bleiben und zu systemischen Reaktionen führen können. In der Situation wird also der Schwellenwert der Dosis, die zu einer schweren Reaktion führt, herabgesetzt.

Bei welchen Medikamenten kann es zur Entwicklung von Nahrungsmittelallergien kommen und warum sind ältere Menschen besonders betroffen?

Bestimmte Medikamente werden von älteren Menschen vermehrt eingenommen. Von Betablockern und ACE-Hemmern, d.h. Blutdrucksenkern, und nichtsteroidalen Antiphlogistika, dies sind Medikamente, die Entzündungsreaktionen unterdrücken, weiß man, dass sie Urtikaria auslösen können und Anaphylaxien verstärken können. Auch Amphetamine, die als Stimmungsaufheller, bei Übergewicht oder bei der Rehabilitierung nach Schlaganfällen eingesetzt werden, können Allergien begünstigen. Treten beim älteren Patienten Symptome einer Nahrungsmittelallergie auf, sollte man deshalb durchaus einmal die Medikamente überprüfen.

Das Problem betrifft jedoch auch deshalb verstärkt Menschen in höherem Alter, weil diese Altersgruppe vermehrt unter Magenproblemen, Gastritis, Sodbrennen etc. leidet und deshalb auf die entsprechenden Medikamente zugreift. Auch durch Übergewicht, das im höherem Alter auf Grund des verlangsamten Metabolismus häufiger auftritt, oder nach der Menopause kann es zu Magenbeschwerden kommen. PPIs spielen auch eine wichtige Rolle als Komedikation bei NSAID und Cortisol-Therapien chronisch entzündlicher Erkrankungen und Schmerztherapie, und kommen auch über diesen Weg vermehrt bei SeniorInnen zum Einsatz. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden, solange die Medikamente nach einer gewissen Zeit wieder abgesetzt werden. Oft gewöhnen sich die Patienten jedoch an die Medikamente und nehmen sie dauerhaft ein.

Gerade für ältere Patienten ist dies eine problematische Entwicklung, weil damit die Magenfunktion faktisch ausgeschaltet wird und Proteinverdauung nicht mehr stattfindet. Dass es so zur Entstehung von Nahrungsmittelallergien kommen kann, konnten wir in mehreren Studien nachweisen. Beispielsweise 15 Prozent einer untersuchten gastro-enterologischen Kohorte hatte bereits nach einer dreimonatigen Behandlung mit Protonenpumpenhemmern neue Sensibilisierungen auf Nahrungsmittelallergene entwickelt. Abgesehen davon fördern PPIs auch eine bakterielle Fehlbesiedlung.

Eine bakterielle Fehl- und Minderbesiedlung wird besonders durch Antibiotika Therapien begünstigt. Aus Tierstudien weiß man, dass die veränderte Darmflora nach Antibiotikagabe direkt zu Nahrungsmittelallergien führt, weil die Immunmodulation, bei der die Flora der Schleimhaut eine wichtige Rolle spielt, ausfällt. Ältere Menschen haben im Laufe ihres Lebens viele Male Antibiotika eingenommen. Hinzu kommen Operationen, die auch meist mit der Gabe von Antibiotika einhergehen. In Zukunft wird man hier mit Hilfe von Probiotika gegenregulieren können. 

Spielt auch das Altern an sich eine Rolle bei der Entstehung von Allergien bei älteren Menschen?

Bei älteren Menschen lässt die Barrierefunktion der Haut und der Schleimhäute nach und ebenso die Schleimproduktion an den Schleimhäuten, dies zeigt sich insbesondere bei Frauen nach den Wechseljahren. Damit fallen schützende Faktoren weg und Nahrungsmittelallergene können leichter resorbiert werden.

Bei einer WDEIA (wheat dependent excercise induced anaphylaxis) führt körperliche Aktivität zu einer verstärkten Durchblutung und einer verstärkten Öffnung der Schleimhautbarrieren, es werden mehr Allergene resorbiert was zur verstärkten Symptomatik führt. Wieder führen die verdünnten Schleimhautbarrieren im Alter zu heftigeren Reaktionen mit einer größeren Gefahr einer Dekompensation.     

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Es gibt also viele Faktoren, die bei älteren Menschen die Entwicklung einer Nahrungsmittelallergie begünstigen…

Es ist von größter Wichtigkeit, dass Mediziner auch bei den sogenannten „Best agers“ eine Nahrungsmittelallergie in Erwägung zieht, wenn entsprechende Symptome auftreten. Man sollte gerade nicht davon ausgehen, dass Nahrungsmittelallergien ausschließlich bei Kindern und jungen Menschen ein Thema sind. Nahrungsmittelallergien sind bei älteren Menschen ebenso häufig wie bei den jüngeren Erwachsenen, können aber schwerer ablaufen. Unterschätzt man dies, besteht die Gefahr, dass ältere Menschen unterdiagnostiziert bleiben. Angesichts der eindeutigen demographischen Entwicklung sind Studien zum Thema Allergie im Alter dringend nötig.

Frau Prof. Jensen-Jarolim, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

allergycare - Allergiediagnose und –studienzentrum WienAllergyCare - Allergiediagnose und –studienzentrum Wien

Kontakt: Prof. Erika Jensen-Jarolim, MD. Medizinische Universität Wien und AllergyCare, Allergiediagnose und –studienzentrum Wien, http://www.allergycare.at

Email: erika.jensen-jarolim@allergycare.ac.at

Ausgewählte Literatur:

  • Diesner SC, Untersmayr E, Pietschmann P, Jensen-Jarolim E. Food allergy: only a pediatric disease? Gerontology. 2011;57(1):28-32. doi: 10.1159/000279756. Epub 2010 Jan 29. Review.
  • Pali-Schöll I, Jensen-Jarolim E. Anti-acid medication as a risk factor for food allergy.
    Allergy. 2011 Apr;66(4):469-77. doi: 10.1111/j.1398-9995.2010.02511.x. Epub 2010 Dec 1. Review.
  • Bakos N, Schöll I, Szalai K, Kundi M, Untersmayr E, Jensen-Jarolim E. Risk assessment in elderly for sensitization to food and respiratory allergens. Immunol Lett. 2006 Sep 15;107(1):15-21. Epub 2006 Jul 10.

 

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.