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Gewichtszunahme Nahrungsmittelunverträglichkeiten

Gewichtszunahme durch Nahrungsmittelunverträglichkeiten, gibt es das?

Gewichtszunahme durch Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten, gibt es das?

Über eine Gewichtszunahme klagen Viele. Gleichzeitig nehmen auch nicht-allergische Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten zu. Viele Betroffene fragen sich deshalb, ob es da einen Zusammenhang gibt. MeinAllergiePortal sprach mit Dr. Astrid Menne, Ernährungswissenschaftlerin - Schwerpunktpraxis für Ernährungsmedizin, Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten in Hersbruck über mögliche Zusammenhänge von Nahrungsmittelintoleranzen und Übergewicht und die Rolle der Kohlenhydratmalassimilationen.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Dr. Astrid Menne

Frau Dr. Menne, kann eine Gewichtszunahme die Folge einer unbehandelten nicht-allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeit sein?

Die Ernährung ist sehr individuell, aber in der Regel spielt bei Übergewicht eher eine Dysbalance des Energiehaushalts eine Rolle. Meist treffen eine überkalorische Ernährung und Bewegungsmangel zusammen und dies führt dann zum Übergewicht. Hinzu kommt häufig eine durch bestehendes Übergewicht oder eine erbliche Disposition sich entwickelnde Insulinresistenz, die den Betroffenen oft nicht einmal bewusst ist. All diese Faktoren zusammengenommen, führen zu Gewichtszunahme – ein Teufelskreis. Darüber hinaus kann auch eine genetische Disposition Übergewicht begünstigen.

Trotz alledem ist es möglich, dass auch nicht-allergische Nahrungsmittelunverträglichkeiten Übergewicht begünstigen, insbesondere wenn Kohlenhydratmalassimilationen oder eine Glutensensitivität oder eine Zöliakie vorliegen.

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Was genau ist eine Kohlenhydratmalassimilation und welche Krankheitsbilder gehören zu den Kohlenhydratmalassimilationen?

Zu den Kohlenhydratmalassimilationen gehören die Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption und Sorbitintoleranz. Auch bakterielle Fehlbesiedlungen des Darms können dazu führen, dass Glukose im Darm nicht schnell genug resorbiert wird und bakteriell abgebaut wird. Dies geht mit der die Bildung von Gasen einher.

Wie kommt es zu Kohlenhydratmalassimilationen und ist dies eine Folge von Fehlernährung?

In Einzelfällen kann es durch eine falsche Ernährungsweise, z.B. durch hochkalorische Ernährungsmuster, einseitge Lebensmittelauswahl oder einem dauerhaften Missverhältnis der Makronährstoffe, zu Kohlenhydratmalassimilationen kommen. Dann ist es schwer zu beurteilen, was zuerst da war, die Kohlenhydratmalassimilationen oder die Fehlernährung – ein klassisches Henne-Ei-Problem. Ändert man die Ernährungsweise, kann dies allein schon die Kohlenhydratmalassimilationen zum Verschwinden bringen.

Warum können nicht-allergische Nahrungsmittelunverträglichkeiten bzw. Kohlenhydratmalassimilationen eine Gewichtszunahme begünstigen?

Wir wissen, dass Kohlenhydratmalassimilationen, eine bestimmte Form der Nahrungsmittelunverträglichkeit, latent zu Unterzuckerungs-Reaktionen führen können.

Diese Unterzuckerungs-Zustände sind meist nicht bedrohlich, aber sie sind doch so ausgeprägt, dass sie im Blut der Patienten nachweisbar sind. Das bedeutet: Der Blutzucker kann so im Anschluss an eine Mahlzeit sinken, anstatt anzusteigen, und das führt zu Hungergefühlen.

Heißt das, bei den Unverträglichkeiten Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption, Sorbitintoleranz und bei bakteriellen Fehlbesiedlungen des Darmes sollte man mit einer Gewichtszunahme rechnen?

Überhaupt nicht. Eher ist es so, dass Patienten ihr Gewicht halten oder auch davon abnehmen. Im Endeffekt ist immer entscheidend, wie die Energiebilanz des Betroffenen aussieht. Wenn zum Beispiel Betroffene aufgrund einer Kohlenhydratmalassimilation Meteorismus, also einen Blähbauch und ein Völlegefühl erleben, kann das bei Manchen dazu führen, dass sie weniger essen und abnehmen; wieder andere essen mehr, weil sie sich unwohl fühlen und kein Gefühl mehr dafür haben, ob sie satt oder hungrig sind. Sie leiden unter ständigen Blähungen, der Bauch ist immer aufgebläht und sie fühlen sich deshalb nicht gut. Daraus kann man keine Gesetzmäßigkeit ableiten.

Kann auch eine Hefe-Unverträglichkeit auf Dauer zu Übergewicht führen?

Hier ist es wichtig, auf die Begrifflichkeit zu achten: eine echte Hefe-Allergie ist eine Rarität. Es gibt Antigen-Antikörper-Reaktionen auf Hefe, die aber extrem selten sind. Ich kann mich bei vielen Tausend Patienten nur an einen Fall erinnern, bei dem man im Prick-to-Prick Test eine Sensibilisierung auf Hefe nachgewiesen hat.

Eine „Hefe-Unverträglichkeit“ ist ein etwas schwammiger Begriff, der nicht klar zuordnet, was gemeint ist. Lebende Hefen können Nahrungsmittel verändern, z.B. werden durch Hefen Zucker in Alkohol umgewandelt. Hefe als Backtriebmittel ist ja nur kurze Zeit fermentativ zur Teiglockerung aktiv und wird dann beim anschließenden Backen bereits ab 40 Grad denaturiert und ist fermentativ inaktiv. Besteht der Verdacht, dass Backwaren nicht vertragen werden, ist es viel wahrscheinlicher, dass andere Zutaten dieser Backwaren für die Beschwerden verantwortlich sind. Das kann beispielsweise auch wieder Milchzucker sein. Lebende Hefepilze finden wir auf der anderen Seite auch auf rohem Obst.

Könnte dann eine Histaminintoleranz zu Übergewicht führen?

Bei dieser Frage muss ich etwas weiter ausholen. Wenn man die Leitlinien zur Histaminintoleranz liest stellt man fest, dass der Nachweis dieser Erkrankung aktuell nicht möglich ist. Nichtsdestotrotz wird die Diagnose Histaminunverträglichkeit zurzeit sehr häufig gestellt. Ein Grund dafür ist, dass unter dieser Diagnose so viele verschiedene Beschwerden subsummiert werden, dass sich viele Patienten darin wiedererkennen. Leider wird das Ganze auch forciert durch Histamin-Tests, mit denen die Diagnose einer Histaminintoleranz gar nicht möglich ist. Dazu gehören zum Beispiel der Urin-Test auf Methylhistamin und diagnostische Tools, mit denen man Diaminoxidase (DAO), bzw. Histamin im Serum, bestimmt.

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Heißt das, eine Histamintoleranz gibt es gar nicht?

Eine enterale Histaminose, bedingt durch eine reduzierte Aktivität der Diaminooxidase im Darm, kann zum Beispiel durch die Einnahme bestimmter Medikamente entstehen oder durch den gleichzeitigen Konsum von Alkohol. Dadurch kann es bei den Patienten tatsächlich zu einem Histaminproblem kommen. Das mögliche Histamin in den Nahrungsmitteln kann dann im Darm nicht abgebaut werden. Mit Sicherheit gibt es auch Menschen, bei denen eine genetisch bedingte niedrige Diaminooxidase-Aktivität im Darm besteht. Auch Allergiker, die ohnehin einen höheren Histamingehalt im Blut haben, können Probleme mit Histamin bekommen. Das kann zum Beispiel dann passieren, wenn ein Allergiker beim Pollenflug Heuschnupfen hat. Wenn dann noch ein geringer Histaminüberschuss aus dem Darm hinzu kommt, der normalerweise keine Rolle spielen würde, kann das bei Betroffenen zu Problemen führen.

Gibt es weitere Lebensmittelunverträglichkeiten, bei denen es verstärkt zu einer Gewichtszunahme kommen kann?

Auch bei Patienten mit einer nicht diagnostizierten Zöliakie oder Nichtzöliakie-Nichtweizenallergie-Weizensensitivität kann Übergewicht gehäuft auftreten. Allerdings kommt es bei diesen Patienten manchmal auch zu Untergewicht.

Oft führt die diätetische Therapie mit einer glutenfreien Kost bereits zu einer Gewichtsnormalisierung. Dies liegt zum Teil daran, dass im Rahmen der Diät weniger Kalorien zugeführt werden, in manchen Fällen kommt es aber auch bei gleichbleibender Kalorienzufuhr zu einer Gewichtsreduktion bei den Betroffenen. Glutenfreie Lebensmittel sind nicht per se kalorienärmer, manchmal sogar kalorienreicher, häufig ballaststoffärmer als die glutenhaltigen Vergleichsprodukte.

gewichtszunahme nahrungsmittelunvertraeglichkeiten astrid menne Kann es durch Unverträglichkeiten zu Übergewicht kommen? Bildquelle: Pixabay PublicDomainPictures

 

Kann es bei Kohlenhydratmalassimiliationen wie der Laktoseintoleranz, der Fruktosemalabsorption und der Sorbinintoleranz auch zu Gewichtsverlust kommen? Wovon hängt es ab, ob Betroffene zu- oder abnehmen?

Im Endeffekt hängt es schon sehr davon ab, inwieweit der Patient die Unverträglichkeit bei seinem Essverhalten berücksichtigt. Wenn man sich diätetisch darauf einstellt, dann wird es einem eher gelingen ein wünschenswertes Gewicht zu halten. Umgekehrt wird es Betroffenen eher nicht gelingen abzunehmen, wenn sie sich überhaupt nicht daran orientieren.

Im Zusammenhang mit der Gewichtszunahme erwähnten Sie die Insulinresistenz: Handelt es sich dabei bereits um Diabetes?

Jeder Typ II-Diabetiker hat eine Insulinresistenz, für die Diagnose des Typ II Diabetes gibt es klare Kriterien. Eine Insulinresistenz beginnt meist schon viele Jahre vorher, letztlich handelt es sich bei der Insulinresistenz aber um eine Vorstufe zu Diabetes – hier gibt es „Graustufen“, die ineinander übergehen.
Bei einem Body Mass Index (BMI) von 26 kann man von einem Hyperinsulinismus und einer beginnenden Insulinresistenz ausgehen. Je länger ein Übergewicht besteht, desto eher ist zu erwarten, dass eine Insulinresistenz auftritt.

Je nach genetischer Disposition kann eine Insulinresistenz aber auch bei Normalgewicht auftreten.

Was ist der Unterschied zwischen einem Hyperinsulinismus und einer Insulinresistenz?

Die Insulinresistenz ist im Endeffekt der beschriebene Mechanismus des „Randle-Zyklus“. Dann werden die Insulinrezeptoren durch einen hohen Zustrom an freien Fettsäuren „unsensibler“. In der Folge schüttet die Bauchspeicheldrüse relativ mehr Insulin aus, um den Blutzucker zu senken. Auf Dauer stresst das die Bauchspeicheldrüse. Das nennt man Hyperinsulinismus. Das führt langfristig, je nach Disposition, zu Diabetes Mellitus Typ II.

Wie sollte man sich optimalerweise bei beginnender Insulinresistenz ernähren?

Lange Phasen der Nahrungskarenz müssen vermieden werden, denn dies fördert die Freisetzung von Fettsäuren. Genau dieser Mechanismus führt dann wieder zu einem Insulinresistenz. Viele kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt sind ein Teil der Lösung. Weiter ist eine dem Kalorienbedarf angepasste Ernährung wichtig. Das bedeutet, keine hyperkalorische Ernährung, aber auch keine zu starke hypokalorische Ernährung. Ein kleines Kaloriendefizit von 10 bis 20 Energieprozenten ist okay.

Größere Abweichungen können erneut zu einer Freisetzung von Fettsäuren führen und so eine Insulinresistenz fördern. Insbesondere den Kohlenhydratanteil jeder Mahlzeit sollte man in Augenschein nehmen: Will man diese reduzieren, sollte man relativ den Anteil an Fett und Eiweiß erhöhen.

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Sie erwähnten, dass auch eine bakterielle Fehlbesiedlung des Darms Übergewicht auslösen kann, was bedeutet das?

Eine bakterielle Fehlbesiedlung des Darms liegt vor, wenn das Mikrobiom des Darms gestört ist. Die Ursachen liegen oft in einer falschen Ernährung oder in einer längeren und intensiven Antibiotika-Behandlung. Auch nach Darmoperationen kann es zu bakteriellen Fehlbesiedlungen des Darms kommen.

Könnten Sie erklären, welche Diätfehler zu bakteriellen Fehlbesiedlungen des Darms oder Kohlenhydratmalassimilationen und Übergewicht führen können?

Wie gesagt: Ernährung ist sehr individuell! Nicht jeder Mensch, der sich unausgewogen ernährt, muss mit Dysbalancen rechnen. Man weiß aber, dass bakterielle Fehlbesiedlungen des Darms durch extreme Makronährstoffverhältnisse gefördert werden. Mit extremen Makronährstoffverhältnissen ist zum Beispiel eine extrem eiweißreiche, eine extrem fettreiche oder eine extrem kohlenhydratreiche Kost gemeint. Die Dysbalance bei der Nährstoffaufnahme kann also zu Störungen des Mikrobioms führen. Gemeint ist damit eine bakterielle Fehlbesiedlung des Darms und, in der Konsequenz, das Auftreten von Bauchbeschwerden wie Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfällen.

Zurück zur Gewichtszunahme und den Intoleranzen: Spielen auch kalorienreiche Ersatzprodukten eine Rolle?

Es ist möglich, dass es im Zusammenhang mit Nahrungsmittelintoleranzen durch die gezielte, einseitige Auswahl bestimmter Nahrungsmittel zu Dysbalancen kommt.

Dafür müsste man aber entsprechend große Mengen dieser Nahrungsmittel zu sich nehmen.

Eine gewisse Gefahr, unwissentlich zu viele Kalorien zu sich zu nehmen, besteht bei bestimmten Ersatzprodukten indirekt. Die Getreidemilchen, die die Kuhmilch ersetzen sollen, sind zum Beispiel häufig sehr stark verzuckert. Der Grund dafür ist, dass Produkte wie Reismilch oder Mandelmilch im Verlauf des Produktionsprozesses hydrolisiert werden. Dabei entsteht aus Stärke Glukose, die nicht in der Zutatenliste aufgeführt werden muss. Deshalb enthalten diese Produkte oft viel Zucker, was zu einem schnellen Anstieg des Blutzuckerspiegels führt, nicht jedoch zu einer nachhaltigen Sättigung. So kann es zu Hyperinsulinismus, Insulinresistenz und letztendlich durch den anhaltenden Hunger, zu einer Gewichtszunahme kommen.

Das bedeutet, Ersatzprodukte für Kuhmilch, Weizen, Zucker, Fleisch etc. sind nicht automatisch auch gesund…

Im Vergleich zu traditionellen standardisierten Ernährungskonzepten, ernähren sich heute viele Menschen differenzierter. Ob makrobiotische Ernährung, vegane Ernährung oder Paleo – es gibt heute die unterschiedlichsten teilweise extremen Ernährungstrends, die häufig emotional oder ethisch geprägt sind und manches Mal einer wissenschaftlichen Grundlage entbehren.

Die vegane Ernährung ist zum Beispiel sehr kohlenhydratbetont und Eiweiß und Fett kommen manchmal zu kurz. Weil sich dadurch das Sättigungsgefühl nicht so schnell einstellt, kann es dazu kommen, dass man mehr isst mit der Folge einer überkalorischen Ernährung. Im Einzelfall kann dies die Blutzuckerregulation beeinflussen und zu Dysbalancen führen und letztendlich zu Übergewicht.

Mit einer Nahrungsmittelunverträglichkeit hat dies zunächst einmal nichts zu tun, sie kann sich aber in der Folge entwickeln. So gibt es zum Beispiel eine „angegessene Fruktosemalabsorption“, die auch über einen H2-Atemtest nachweisbar ist.

Wie können Menschen mit nicht allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten erfolgreich das Gewicht reduzieren?

Pauschal lässt sich die Frage nicht beantworten. Bei jedem Patienten stellen sich zunächst die Fragen: Wie lautet der Befund? Welche Beschwerden liegen vor?

Welche Persönlichkeit hat der Patient? In welchen Lebensumständen befindet er sich? Wozu ist er bereit? Wie motiviert ist er? Welcher Esstyp ist er? Geht er lieber essen oder kocht er selbst? Man kann Menschen nicht aufoktroyieren, von jetzt auf gleich sämtliche Mahlzeiten selbst zuzubereiten, wenn sie keinen Spaß daran haben. Das wird dann schlicht nicht umgesetzt. In der Konsequenz heißt das, man muss die Ernährungsempfehlungen so gestalten, dass sie zum Patienten passen.

Frau Dr. Menne, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.