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Hysterie-Hypothese Nahrungsmittelintoleranzen

Dr. Imke Reese, Ernährungsberatung und -therapie, Schwerpunkt Allergologie in München

Nahrungsmittel-Intoleranz - was ist dran, an der Hysterie-Hypothese?

„Wirklich krank oder nur hysterisch?“ - „Nahrungsmittelintoleranz – eine Modeerscheinung“ „Hollywoods Abnehm-Trend: Gluten Diät“ diese Headlines liest man immer häufiger, wenn es um Nahrungsmittelunverträglichkeiten geht. Ob von Laktoseintoleranz, Fruktosemalabsorption, Glutensensitivität oder Histaminintoleranz die Rede ist, oft ist der eindeutige Tenor der Beiträge: Alles nur Einbildung! Gestützt wird diese Aussage oft mit Zahlen, die eine deutliche Diskrepanz zwischen vermuteten und tatsächlich nachweisbaren Erkrankungen dokumentieren, ein Trend der sich in vielen Ländern zeigt. Den Betroffenen helfen solche Statistiken jedoch wenig. MeinAllergiePortal sprach mit Frau Dr. Imke Reese, Ernährungsberatung und -therapie, Schwerpunkt Allergologie in München über die Frage: Was steckt hinter dem Phänomen der Nahrungsmittelunverträglichkeiten und welche anderen Ursachen könnten eine Rolle spielen?

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Dr. Imke Reese

Frau Dr. Reese, bei Befragungen geben deutlich mehr Menschen an, unter Nahrungsmittelallergien zu leiden, als dies tatsächlich der Fall ist. Wie kommt es zu dieser Wahrnehmung?

Die meisten Patienten gehen tatsächlich davon aus, dass sie eine Allergie haben und kommen gar nicht darauf, dass ihre Beschwerden auch andere Ursachen haben könnten.

Die Ursachen für diese Wahrnehmung sind vielfältig. Zum einen werden bestehende Missempfindungen von den Betroffenen schnell mit bestimmten Nahrungsmitteln in Verbindung gebracht.

Dabei spielt sicherlich auch die vermehrte Berichterstattung in den Medien eine Rolle, denn das Thema Nahrungsmittelunverträglichkeiten ist ja in letzter Zeit sehr präsent. Egal ob im Fernsehen, im Radio oder in Zeitschriften – Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind in aller Munde. Da liegt es nahe, die eigenen Missempfindungen wie z.B. Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Bauchbeschwerden etc. ebenfalls mit bestimmten Nahrungsmitteln in Verbindung zu bringen und zu vermuten, dass hinter den eigenen Beschwerden eine Unverträglichkeit steckt. Man kann sehr leicht falsche Schlüsse ziehen.

Ein Beispiel ist die Histaminintoleranz. Schaut man sich hier die klassischen Symptome an stellt man fest, dass sie eigentlich bei fast allen Menschen irgendwie „passen“. Bauchschmerzen oder Bauchgrummeln, Kopfschmerzen, Hitzewallungen, Abgeschlagenheit etc. treten bei so gut wie jedem Menschen auf, und dementsprechend nahe liegt dann manchmal die Vermutung, selbst von einer Histaminintoleranz betroffen zu sein.

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Die Beschwerden bestehen aber tatsächlich, oder ist das nur eine Frage der Wahrnehmung?

Die Frage ist eher: Was könnte die Ursache für bestimmte Beschwerden sein?

In einer Zeit, in der das Handy der ständige Begleiter ist und sich permanent bemerkbar macht, sind wir einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt. „Multitasking“ ist die Regel und nur in Ausnahmefällen konzentrieren wir uns wirklich noch auf eine einzige Sache. Symptome wie Abgeschlagenheit finde ich angesichts dessen nicht verwunderlich. Deshalb würde ich, wenn ein Patient über Abgeschlagenheit klagt, zunächst einmal nachfragen, wie viele Stunden Schlaf er denn in der Regel bekommt und wie es mit Stresssituationen bzw. der Reizüberflutung aussieht. Das Thema Nahrungsmittel würde ich mir als allerletztes untersuchen.

Für viele Patienten liegt es jedoch näher, bei den Nahrungsmitteln die Ursache für ihre Beschwerden zu suchen. Schließlich lässt sich die Ernährung vermeintlich leichter kontrollieren, als der Lebensstil. Deutlich schwieriger erscheint es vielen, früher ins Bett zu gehen oder ein stressfreieres Leben zu führen.

Oft werden Nahrungsmittelunverträglichkeiten mit psychischen Problemen oder mit der Tatsache, dass Nahrungsmittelintoleranzen „en vogue“ sind, in Verbindung gebracht. Sehen Sie diese Zusammenhänge in Ihrer Praxis?

Die meisten Nahrungsmittelunverträglichkeiten lassen sich sehr gut nachweisen. Dies gilt für allergisch bedingte Nahrungsmittelunverträglichkeiten, aber auch für nicht allergisch bedingte Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Zur Diagnose der Laktoseintoleranz und der Frukosemalabsorption gibt es z.B. den H2-Atemtest und auch die Zöliakie ist nachweisbar.

Nicht nachweisbar sind die Histaminintoleranz oder die in letzter Zeit vieldiskutierte Glutensensitivität. Die Frage ist aber: Gibt es die Krankheitsbilder in dieser Form überhaupt, oder stecken andere Ursachen hinter den Beschwerden?

Was könnte Beschwerden verursachen, wie sie z.B. für die Histaminintoleranz beschrieben werden?

Oft lässt sich bei Patienten, die nach histaminreichen Mahlzeiten die Symptome einer Histaminintoleranz beschreiben, eine Störung der Darmbarriere vermuten. D.h., dass die Darmwand ihre Barrierefunktion nicht in vollem Maße erfüllt und es zu einer Durchlässigkeit des Darms kommt. So wird die Aufnahme von Histamin ermöglicht, denn eigentlich sollte das Histamin durch das im Darm befindliche abbauende Enzym Diaminoxidase im Darm selbst abgebaut und damit unschädlich gemacht werden.

Was weiß man über die Barrierefunktion des Darms?

Die Darmbarriere ist ein sehr komplexes und vielfältiges Abwehrsystem. Dabei spielen z.B. chemische und physikalische Vorgänge eine Rolle. Aber auch die Schleimschicht des Darms und die Frage, wie nahe die Bakterien der Darmwand kommen, sind für die Barrierefunktion des Darms relevant. Zudem findet man in der Darmschleimhaut IgA-Antikörper, die die Darmbarriere stabilisieren und Krankheitserreger abfangen.

Häufig berichten Patienten von Darm-Problemen nach Antibiotikaeinnahme oder nach sehr schweren Darminfekten. Das zeigt, dass die Darmwand durch diese Vorgänge geschädigt wird, die Barrierefunktion leidet und der Darm sich regelrecht „erholen“ muss. Dementsprechend sind diese Beschwerden oft nur passager, d.h. sie bestehen nur für eine gewisse Zeit.

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Welche Möglichkeiten gibt es, eine gestörte Barrierefunktion des Darms zu therapieren?

Nach wie vor stellen der gesamte Darm und seine Funktion noch eine „Black Box“ dar. Inzwischen können wir zwar bestens analysieren, welche Bakterien in uns leben, aber wie das zu interpretieren ist, wissen wir nicht in vollem Umfang. Ebenso ist es oft nicht klar was zu tun ist, wenn sich die Zusammensetzung dieser Bakterien ändert, ob man überhaupt etwas dagegen tun kann. Es gibt auch noch keine gut in der täglichen Praxis etablierten Tests, mit denen man die gestörte Darmbarriere nachweisen könnte.

Aber: Wenn man bei der Ernährung auf bestimmte Dinge achtet, regeneriert sich der Körper auch wieder. Zu einer funktionierenden Verdauung gehört z.B. eine ausreichend lange Verdauungszeit. Auch ein durch den Verzehr von Ballaststoffen störungsfreier Transport des Speisebreis, indem man vermehrt Gemüse einführt, ist eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Verdauung. Die richtige Mischung herauszufinden ist nach wie vor „Trial & Error“. In der Ernährungstherapie arbeiten wir deshalb ganz eng an Ernährungsprotokollen. Dadurch sehen wir, was genau die Probleme verursacht und versuchen den Weg zu einem beschwerdefreien Leben zu bahnen.

Anders als bei einem Medikament, das man einfach einnimmt um Beschwerdefreiheit zu erzielen, ist die Ernährungstherapie keine schnelle Lösung und braucht eine gewisse Zeit. Oft liegen den Bauchbeschwerden eingefahrene Vorlieben zugrunde, d.h. der Patient muss eventuell bevorzugte Nahrungsmittel gegen andere, bekömmlichere eintauschen, und das ist nicht so leicht.

Wie finden Patienten heraus, ob ihre Beschwerden von Nahrungsmitteln verursacht werden oder ob etwas anderes dahinter steckt?

Wie gesagt arbeiten Ernährungsfachkräfte mit Protokollen, mit denen sich nicht nur die Nahrungsaufnahme erfassen lässt, sondern auch Lifestylefaktoren. Wenn man für eine gewisse Zeit seine gesamte Lebensführung, inkl. der Ess- und Schlafgewohnheiten und Stressfaktoren dokumentiert, sieht man häufig schon mögliche Einflussfaktoren. Wenn man dabei Unterstützung benötigt, kann man auf den Arbeitskreis Diätetik in der Allergologie (www.ak-dida.de) und das Netzwerk des Deutschen Allergie und Asthmabundes (www.daab.de) zurückgreifen, um allergologisch versierte Ernährungsfachkräfte in seiner näheren Umgebung zu finden.

Auch wenn Lifestyle-Faktoren die Auslöser für Beschwerden sind, ist es sinnvoll eine Ernährungsfachkraft zu Rate zu ziehen?

Ich würde diese Faktoren immer gemeinsam betrachten. Es kann auch ein Teil des Lifestyles sein, das Essen häufig zu vergessen, oder sehr unregelmäßig zu essen. Viele lassen immer wieder Mahlzeiten aus und essen dann dafür später die vielfache Menge. Auch durch ein ungünstiges Essverhalten kann es zu Beschwerden kommen und dann wäre eher das Verhalten die Ursache und  nicht eine Nahrungsmittelunverträglichkeit.

Kommt es in Ihrer Praxis häufig vor, dass nicht eine Nahrungsmittelunverträglichkeit, sondern eine andere Ursache die Beschwerden des Patienten verursacht?

In meiner Praxis ist es ein häufiges Phänomen, dass Patienten mit dem konkreten Verdacht kommen, ein bestimmtes Nahrungsmittel nicht zu vertragen. Oft stellt sich dann heraus, dass diese Patienten mit einer Umstellung der Essgewohnheiten, d.h. „wie sie essen“, eine gute Lebensqualität erreichen können.

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Spielt auch die Psyche dabei eine Rolle?

Man kann nicht behaupten, dass die Psyche keinen Einfluss auf den Magen-Darm-Trakt hätte. Es gibt eine Hirn-Darm-Achse und jeder weiß, dass Aufregung, Sorgen und Trauer Auswirkungen auf den Magen-Darm-Trakt haben können. Auch viele unserer Sprichwörter greifen dieses Phänomen auf. Die Reaktion der Menschen ist jedoch sehr individuell – manche Menschen essen mehr, wenn es ihnen schlecht geht, andere  hören auf zu essen.

An der Psyche anzusetzen ist für mich aber oft „ein zu leichter Weg“. Wenn man die Beschwerden der Patienten gleich in die „Psychoecke“ schiebt, macht man es sich als Therapeut  zu leicht. Meine Erfahrung ist eher, dass man vielen Patienten durch eine Rückführung zu einem physiologischen Essverhalten helfen kann.

Was ist mit physiologischem Essverhalten gemeint?

Ich nenne es physiologisches Essverhalten, wenn man sich daran orientiert, was die Verdauung braucht, um gut und beschwerdefrei zu funktionieren. Das wichtigste dabei ist, wieder ein Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln. Das bedeutet auch, sich beim Essen an Hunger und Sättigung zu orientieren und nicht an vorgegebenen Mahlzeiten.

Natürlich gibt es Berufe, die ein solches physiologisches Essverhalten erschweren. Viele sind darauf angewiesen, lange mahlzeitenfreie Zeiten auszuhalten. Wenn man aber nur frühstückt und dann sechs Stunden gar nichts mehr isst, kann das allein schon der Grund für Verdauungsprobleme sein. Dann kommt es darauf an für diesen Patienten das Frühstück so zu gestalten, dass es die sechs Stunden ohne Essen besser durchhält.

Auf jeden Fall ist die Auswahl der Speisen wichtig. Isst man zum Frühstück z.B. ein Marmeladenbrot und sonst nichts, fluten die Nährstoffe sehr schnell ins Blut und werden sehr schnell wieder abgebaut. Die Folge ist, dass man relativ schnell wieder Hunger hat. Deshalb hat man bei kohlenhydratbetonter Kost permanent Hunger und hat ständig das Bedürfnis zu essen, um diesen Hunger zu stellen.

Ernährt man sich aber eher gemüse-, eiweiss- und fettbetont dauert die Darmpassage länger und die Sättigung hält viel länger an.

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Nicht nur die von nicht allergischen Nahrungsmittelunverträglichkeiten Betroffenen stehen oft unter Beschuss, sondern auch die Hersteller, die für die angeblich „eingebildeten Kranken“ entsprechende „frei von“-Produkte anbieten. Wie erkennt der Verbraucher sinnvolle Produkte?

Für die Verbraucher sind diese Produkte nur dann interessant, wenn sie nachweislich ein Problem mit bestimmten Stoffen haben. Das Problem sind aus meiner Sicht nicht die Hersteller, die frei von Produkte anbieten. Für Menschen, die diese Produkte brauchen, sind sie ein Plus. Das Problem liegt eher darin, dass Menschen, die gar keine Nahrungsmittelunverträglichkeiten haben, diese Produkte kaufen, weil sie glauben, sich dann gesünder zu ernähren.

Es ist ein merkwürdiges Phänomen dass Manche glauben, der Label „frei von“ stünde per se für bessere Produkte. Um zu beurteilen, ob es sich um ein qualitativ hochwertiges Nahrungsmittel handelt oder nicht, sollte man sich an der Zutatenliste orientieren und nicht an dem Stoff der „nicht“ enthalten ist. Hinter diesem Trend steckt wahrscheinlich der Wunsch des Verbrauchers nach Kontrolle. Die Menschen haben zunehmend das Bedürfnis zu wissen, was in ihrem Essen steckt. Es ist jedoch paradox sich dabei an dem zu orientieren, was nicht drin ist.

Damit möchte ich die „frei von“-Lebensmittel aber keinesfalls verteufeln. Für einen Erdnussallergiker ist es eine wichtige Information wenn ein Hersteller seine Produkte mit „frei von Erdnüssen“ kennzeichnet.

Frau Dr. Reese  herzlichen Dank für dieses Gespräch!

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.