Nahrungsmittelunverträglichkeiten Nahrungsergänzungsmittel

Ernährungstherapeutin (DA) Daniela Kluthe-Neis aus Ulm

Nahrungsmittelunverträglichkeiten: Braucht man Nahrungsergänzungsmittel?

Viele Menschen mit Nahrungsmittelallergien und Intoleranzen greifen regelmäßig zu Nahrungsergänzungsmitteln. Die Gründe dafür sind oft nicht konkrete Beschwerden, sondern eher der Wunsch, einem eventuellen Mangel vorzubeugen. Man will einfach sicher sein, nichts zu versäumen. Nahrungsergänzungsmittel "auf Verdacht" und ohne medizinische Notwendigkeit einzunehmen birgt durchaus Risiken. MeinAllergiePortal sprach mit Ernährungstherapeutin (DA) Daniela Kluthe-Neis aus Ulm über den sinnvollen Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln und mögliche Risiken.

Frau Kluthe-Neis, was fällt eigentlich unter den Begriff Nahrungsergänzungsmittel?

Nahrungsergänzungsmittel sind Produkte, die aus Nährstoffen oder sonstigen Stoffen mit ernährungsspezifischer oder –physiologischer Wirkung in konzentrierter Form bestehen. Das können Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, kleine Eiweißbausteine, Ballaststoffe - die auch oft als  "sekundäre Pflanzenstoffe" bezeichnet werden - Pflanzen- oder Kräuterextrakte sein. "Nahrungsergänzungsmittel" umfassen somit ein sehr breites Spektrum an Produkten.

Obwohl diese Supplemente in Tablettenform, als Dragée oder Pulver angeboten werden, sind diese als Lebensmittel zu bewerten und müssen sicher sein und dürfen keinerlei Nebenwirkungen haben! Diese Produkte fallen unter das Lebensmittelgesetz.

Verwirrend für den Verbraucher ist es, dass manche Produkte, bestimmte Vitamine und Mineralstoffe wie z.B. Magnesium, auch als Arzneimittel zugelassen sind, obwohl man sie in der gleichen Konzentration auch als Nahrungsergänzungsmittel kaufen kann. Die in der Zusammensetzung vergleichbaren Arzneimittel fallen jedoch unter das Arzneimittelgesetz und ihre Wirksamkeit muss durch Studien nachgewiesen worden sein. Die Durchführung dieser Studien ist kosten- und zeitintensiv und nicht alle Hersteller von Supplementen können oder möchten sich dies leisten. Diese Unterscheidung hat Konsequenzen, denn mit einem Medikament gehen die Verbraucher tendenziell vorsichtiger um als mit einem Nahrungsergänzungsmittel.

Wann ist der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln sinnvoll?

Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, bei denen der Einsatz von Nahrungsergänzungsmitteln sinnvoll sein kann. Dazu gehören auch die Nahrungsmittelallergien und –intoleranzen.

Allerdings muss man sagen: Wo ein Vorteil ist, gibt es auch einen Nachteil. Konkret heißt das, dass sich mit Nahrungsergänzungsmitteln zwar Mangelzustände beheben lassen, dass aber auch die Gefahr einer möglichen Überdosierung besteht. Die in den Beipackzetteln der Nahrungsergänzungsmittel vorgeschlagene Dosierung bezieht sich auf den Tagesbedarf der entsprechenden Substanz. Die mit der normalen Ernährung aufgenommenen Stoffe werden dabei nicht berücksichtig. Werden über einen längeren Zeitraum zu hohe Dosen aufgenommen, kann sich dies sehr negativ auswirken. Die European Food Safety Authority  EFSA hat deshalb Empfehlungen zu unbedenklichen Obergrenzen für die Einnahme von Vitaminen und Mineralien neu beschrieben.

Zu beachten sind Wechselwirkungen zwischen Nahrungsergänzungsmitteln und bestimmten Medikamenten oder auch Nahrungsmitteln. Es ist daher nicht ratsam, auf eigene Faust zu Nahrungsergänzungsmitteln zu greifen.


Wann kann es denn zu einer Unterversorgung mit bestimmten Nährstoffen, Vitaminen, Mineralien etc. kommen, insbesondere in Bezug auf  Nahrungsmittelallergien und -intoleranzen?

Bei lang bestehenden Nahrungsmittelallergien und –unverträglichkeiten kann es zu einer mangelhaften Nährstoffverdauung und Nährstoffaufnahme  im Darm kommen, je nachdem welcher Darmabschnitt durch die Stoffwechselproblematik betroffen ist. Beispielhaft könnte sich dies bei der Laktoseintoleranz, der Fruktosemalabsorption oder der Zöliakie gleich Glutenunverträglichkeit, entwickeln.

Bei der Fruktosemalabsorption kann es z.B. zu einem Vitamin B-Mangel kommen, was sich bei Frauen auch durch Menstruationsschmerzen äußern kann. Dann könnte über die Einnahme eines Folats diskutiert werden. Insbesondere bei Kinderwunsch wäre diese Supplementation dieses B-Vitamins sinnvoll. Die mögliche Entstehung einer Spina bifida des Kindes, d.h. offener Rücken, ließe sich so vermeiden.

Wie zeigt sich eine Unterversorgung mit Nährstoffen?

Eine Unterversorgung mit Mineralstoffen kündigt sich oft mit Gewichtsreduktion, Verdauungsstörungen, Müdigkeit, Haarausfall und trockener schuppiger Haut an. In der ernährungstherapeutischen Anamnese ist dann ein Eisenmangel bis zur Anämie zu beobachten. Eine Osteoporose kann sich entwickeln, wenn Kalzium nicht mehr ausreichend aufgenommen wird, oder im Darm zu wenig Vitamin D gebildet wird.

Bei der Zöliakie sind diese Prozesse sehr gut dokumentiert.  Einzelne Nährstoffe können substituiert werden, entweder für einen bestimmten Zeitraum oder, in manchen Fällen, sogar lebenslang. Eine Überversorgung sollte nicht stattfinden. Der Bedarf muss also regelmäßig überprüft werden. Die Interaktion zwischen den einzelnen Nährstoffen oder zwischen den Nährstoffen und Medikamenten sollte  dabei prinzipiell berücksichtigt werden.

Wer keine Beschwerden verspürt, sollte sich auch über eine Zufuhr von Nahrungsergänzungsmitteln keine  Gedanken machen.


Und wie weist man den Nährstoffmangel nach, über eine Blutuntersuchung?

Zunächst wird in der Anamnese, also im Patientengespräch, untersucht, welche Symptome beobachtet werden und wie sich der Körper verändert hat. Dies wird dann versucht mit einer objektiven Messlatte abzugleichen. Über den Facharzt kommen die Laborparameter und/oder Biopsien, die die Diagnose vervollständigen. Der behandelnde Arzt kann bei Bedarf, Nahrungsergänzungsmittel empfehlen.

Und was kann passieren, wenn man Nahrungsergänzungsmittel überdosiert?

Nehmen wir das Beispiel Omega-3-Fettsäuren, d.h. Fischölkapseln. Werden Omega-3-Fettsäuren in ausreichender  Dosierung eingenommen, kann eine Insulinresistenz rasch in einen Typ-2-Diabetes übergehen.

Wird regelmäßig Folsäure eingenommen, kann dadurch ein Mangel am Vitamin B12 maskiert werden, d.h. dieser Mangel kann dann oft nicht mehr nachgewiesen werden und bleibt meist auch unbehandelt.   Dies wird bei erfahrenen Ernährungstherapeuten anamnestisch abgefragt und an den behandelnden Arzt weitergeleitet.

B-Vitamine werden zur Behandlung der Müdigkeit bei Nahrungsmittelallergien und –intoleranzen gerne empfohlen. Bei einer Überdosierung kann es zu Neuropathien, d.h. zu Nerven- und Muskelschmerzen kommen.

Ein „zu viel“ an Magnesium, das besonders bei den Leistungssportlern beliebt ist, kann zu Durchfällen führen. Die Durchfälle an sich sind zwar harmlos, aber dauerhafte Durchfälle führen wiederum zu Nährstoffverlusten, weil der Körper nicht ausreichend resorbiert.

Eine Einnahme von Zink über einen längeren Zeitraum kann dazu führen, dass Kalzium und Eisen im Körper nicht mehr so gut aufgenommen werden.

Auch die sekundären Pflanzenstoffe oder Ballaststoffe, die ja auch zu den Nahrungsergänzungsmitteln gehören, können unerwünschte Wirkungen haben. Bei Durchfällen oder bei Verstopfung werden z.B. oft Mittel angeboten, die Flohsamen und Flohsamenschalen enthalten, ein löslicher Ballaststoff. Allerdings vermindert dieser lösliche Ballaststoff die Aufnahme von Zink, Calcium und Eisen durch den Darm. Bei einer dauerhaften Einnahme von Flohsamen sollte deshalb auch immer wieder überprüft werden, ob der Mineralienhaushalt in Ordnung ist.

Im allerschlimmsten Fall kann eine Überdosierung bestimmter Nahrungsergänzungsmittel sogar zu toxischen Reaktionen führen. Gerade bei Selen ist bekannt, dass eine Überdosierung schnell erreicht ist.  

Wichtig zu wissen ist auch, dass manche Nahrungsergänzungsmittel von Natur aus hohe Schadstoffmengen bzw. Schwermetallen enthalten, ein Beispiel hierfür ist die Erdmandel, die häufig bei Enddarmschwierigkeiten eingenommen wird. Ein weiteres Beispiel ist Cumarin, ein Bestandteil des Zimtes. Cumarin ist zurzeit als blutzuckersenkendes hochkonzentriertes Zimtpräparat für Typ-2 Diabetiker im Gespräch. Cumarin ist jedoch ein Gift, das in hohen Konzentrationen die Leber schädigen kann. Ausschlaggebend ist hierfür u.a. auch die Zimtsorte. Das Bundesamt für Risikobewertung BfR hat hierzu wiederholt Empfehlungen in Bezug auf die zu verzehrende Höchstmenge ausgesprochen.

Nahrungsergänzungsmittel sollten deshalb nur über einen gewissen Zeitraum eingenommen werden. Macht man dann eine Pause, ernährt sich "normal" vernünftig und lässt dem Körper Zeit, sich zu regenerieren, sollte man ohne Nahrungsergänzungsmittel auskommen.

Zurück zu den B-Vitaminen, spielen sie bei Nahrungsmittelallergien und –intoleranzen eine besondere Rolle?

Ich würde schon sagen, dass die B-Vitamine bei den allergischen und nicht-allergischen Unverträglichkeiten eine besondere Rolle spielen. Insbesondere in Bezug auf Folsäure, die Vitamine B 6 und B 12 kommt es zu Mangelerscheinungen.

Man merkt das an Veränderungen der Haut und der Haarsituation und es kann auch zu Veränderungen des Geschmacksinns kommen oder zu einer sogenannten "Landkartenzunge", das sind wandernde gerötete entzündete Stellen auf der Zunge.

Auch nächtliche Wadenkrämpfe können ein Zeichnen für einen Vitamin-B-Mangel sein, der die Magnesiumverwertung beeinträchtigt. Dann muss man den Grund herausfinden, z.B. werden Abführmedikamente oder entwässernde Medikamente eingenommen, schwitzt man viel oder geht oft in die Sauna, ernährt man sich sehr einseitig oder hat man tatsächlich eine Aufnahmestörung, die auf eine Unverträglichkeit zurückzuführen ist.

Hier sollte man für eine gewisse Zeit Vitamin B substituieren und dann pausieren, um zu sehen, ob die Symptome wiederkehren.


Welche Wechselwirkungen gibt es zwischen Nahrungsergänzungsmitteln und Medikamenten?

Bei blutdrucksenkenden Medikamenten oder Antibiotika weiß man z.B., dass sie nicht mit Grapefruitsaft zusammen eingenommen werden sollten, da das intestinale Enzymsystem CYP 3A4 dadurch beeinträchtigt wird und Medikamentenwirkung verstärken oder vermindern kann.

Bei anderen Medikamenten kann es im Zusammenhang mit Kalium zu einem beschleunigten Herzrhythmus kommen, wieder andere verursachen die bereits erwähnten Neuropathien.

Auch bei Magnesium ist Zurückhaltung empfohlen bei gleichzeitiger Einnahme von bestimmten Antibiotika und Antiarrhythmika. Dies sind nur Beispiele.

Wenn Patienten zu mir kommen und mir sagen, dass sie Nahrungsergänzungsmittel nehmen, frage ich immer nach, ob sie auch Medikamente und ob sie diese auch regelmäßig einnehmen.

Die Apotheken verfügen über sehr gute Datenbanken, so dass über eventuelle Wechselwirkungen gut recherchiert werden kann.    

Haben Nahrungsergänzungsmittel die gleiche Wirkung oder Funktion wie das natürliche Nahrungsmittel?

Um nochmals auf die Omega-3-Fettsäure zurückzukommen: In diesem Fall ist das reveresterte Nahrungsergänzungsmittel, d.h. das synthetische Produkt, wesentlich angenehmer einzunehmen als das natürlich hergestellte. Dieses hinterlässt keinen fischigen Geschmack im Mund, auch wird seltener aufgestoßen.

Ein Nahrungsmittel enthält bis auf Zucker nicht nur einen isolierten Stoff enthält, sondern eine Vielzahl von gesundheitsfördernden Stoffen, die sich für den menschlichen Körper bewährt haben und dies in einer verträglichen Dosierung. Auch die Bioverfügbarkeit natürlicher Nahrungsmittel ist eine andere, ein Nahrungsergänzungsmittel kann nicht die gleiche Wirkung haben. Deshalb kann ich nur betonen, dass es sinnvoll ist, nach einer gewissen Zeit der Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln wieder auf natürliche Nahrungsmittel umzusteigen. Die individuelle Ernährungstherapeutische  Begleitung erhält der Klient, angepasst an seine Stoffwechselproblematik  und Lebenssituation.

Es ist deshalb auch für Eltern wichtig zu wissen, dass ihre Kinder mit frischen, selbst zubereiteten Nahrungsmitteln besser versorgt sind, als mit Fertiggerichten und Nahrungsergänzungsmitteln.

Frau Kluthe-Neis, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

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