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Pseudoallergie

Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- u. Asthma-Zentrum Westend, Berlin

Pseudoallergie: Wie verbreitet sind Zusatzstoff-Unverträglichkeiten?

Zusatzstoffe stehen in der letzten Zeit sehr häufig im Verdacht, der Auslöserfür Pseudoallergien zu sein. Aromen, Farbstoffe, Konservierungsmittel und diverse andere Stoffe, mit denen man die Produkteigenschaften von Nahrungsmitteln verändern kann, werden von der Nahrungsmittelindustrie sehr häufig eingesetzt. Oft haben Menschen den Eindruck, diesen Stoffen kaum entgehen zu können und glauben, an einer Zusatzstoff-Unverträglichkeit zu leiden. MeinAllergiePortal sprach mit Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe, Allergie- u. Asthma-Zentrum Westend, Berlin über Pseudoallergien, was man aktuell über sie weiß und wie verbreitet sie wirklich sind.

Autor: Sabine Jossé M. A.

Interviewpartner: Priv.-Doz. Dr. med. Jörg Kleine-Tebbe

Herr Priv.-Doz. Kleine-Tebbe, was versteht man unter einer Pseudoallergie?

Mit Pseudoallergie bezeichnet man alle Überempfindlichkeitsreaktionen, die nicht auf einem fehlgeleiteten Immunsystem beruhen. Stattdessen sind bei diesen Überempfindlichkeitsreaktionen andere Mechanismen beteiligt, die jedoch noch nicht vollständig erforscht sind.

Was weiß man denn aktuell über Pseudoallergien?

Es ist z.B. bekannt, dass Sulfite Reaktionen an den Atemwegen auslösen können, z.B. Atemnot oder Husten. Man vermutet, dass an dieser "pseudoallergischen Reaktion" entsprechend sensible Nerven beteiligt sind, die auf diese Sulfite empfindlich reagieren. Bei vielen anderen Stoffen fehlen allerdings noch Daten, die den Wirkmechanismus erklären würden - das gilt für die Farb- und Konservierungsstoffe und auch für die Aromen.

Die Relevanz von Pseudoallergien auf Zusatzstoffe wird in der Bevölkerung jedoch deutlich überschätzt. Überempfindlichkeitsreaktionen gegen diese Stoffe kommen in der Praxis ausgesprochen selten vor – maximal 0,1 Prozent der Bevölkerung haben tatsächlich eine Pseudoallergie.

Dem gegenüber steht eine zunehmende Anzahl von Menschen, die glauben an einer Pseudoallergie zu leiden. Das könnte damit zusammenhängen, dass sich die wenigsten Verbraucher mit den sogenannten E-Nummern auskennen. Man kann diese Stoffe nicht richtig einschätzen und wenn dann Beschwerden auftreten liegt es nahe, die etwas intransparenten E-Nummern bzw. Zusatzstoffe zu verdächtigen.

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Wer leidet denn dann tatsächlich an einer Pseudoallergie?

Es gibt eine besondere Personengruppe, die von Pseudoallergien tatsächlich eher betroffen ist, als andere Menschen. Bei Patienten mit einer chronischen Nesselsucht, auch Urtikaria genannt, konnte man feststellen, dass ein Teil der Betroffenen verstärkt auf Farbstoffe, Konservierungsstoffe und Aromen in der Nahrung reagiert. Dadurch ist häufig die Reizschwelle für die Urtikaria-typischen Symptome an der Haut erniedrigt.

Bedeutet dies, dass Farbstoffe, Konservierungsstoffe, Aromen etc. völlig zu unrecht im Verdacht stehen, Pseudoallergien auszulösen?

Das ist schwer zu sagen, denn zugegebenermaßen besteht aktuell so etwas wie eine "diagnostische Lücke im System". Es gibt zurzeit de facto keine Haut- oder Labortests zum Nachweis von Pseudoallergien. Die Diagnose einer Pseudoallergie wird auf Basis der Vorgeschichte und einer Provokation gestellt. Das bedeutet, man setzt den Patienten bewusst einer ansteigenden Dosis der verdächtigen Zusatzstoffe aus, um zu sehen, ob und wie er reagiert.

In der Praxis erlebt man aber häufig, dass bei Patienten mit dem Verdacht einer Pseudoallergie ganz andere Ursachen eine Rolle spielen.

Angenommen es besteht eine Pseudoallergie: Welche Symptome treten dann auf?

Den Pseudoallergien werden viele unterschiedliche Beschwerden angelastet. Manche Betroffene führen ihre Migräne auf die Zusatzstoffe zurück, andere bringen Müdigkeit, Schwäche und Leistungsabfall mit den Zusatzstoffen in Verbindung. Hier könnten jedoch ganz andere Ursachen dahinterstecken.

Auch eine verstopfte oder laufende Nase und häufiges Niesen führen manche Patienten auf eine Pseudoallergie zurück. Diese Symptome ähneln den Symptomen einer Allergie, allerdings lässt sich eine Beteiligung des Immunsystems nicht immer diagnostisch nachweisen bzw. man findet keine auslösenden Allergene. In diesen Fällen handelt es sich häufig um eine nicht-allergische Entzündung der Schleimhäute, im Volksmund "Schleimhautschwächling" genannt. Die Betroffenen haben so empfindliche Schleimhäute, dass sie auf zahlreiche Umweltreize empfindlich reagieren, ohne dass es einen allergischen Auslöser gibt. Solche Umweltreize könnten sein:

• Temperaturwechsel (kalt-warm) im Winter
• Starke Gerüche, wie z.B. Parfüms, Waschpulver oder der Geruch von Wandfarben und Lösungsmitteln
• Allgemeine Staubbelastung, z.B. in der Nähe einer Baustelle
• Lagewechsel (stehen-liegen)
• Rauch
• Alkohol

Beim Alkohol wird häufig vermutet, dass das Histamin, z.B. im Wein, Beschwerden wie Naselaufen etc. auslöst. Wir wissen aber, dass der Alkoholgehalt selbst bereits ausreicht, um den Schwellungszustand der Nasenmuscheln zu verändern und damit allergieähnliche Symptome zu verursachen.

Viele Patienten vermuten aufgrund dieser allergieartigen Beschwerden, an einer Histaminintoleranz zu leiden, die ebenfalls zu den pseudoallergischen Erkrankungen gehört, die diagnostisch nicht ohne weiteres nachgewiesen werden können.

Die Diagnose beruht deshalb auf dem Zusammenhang zwischen einer erhöhten Histaminzufuhr und dem Auftreten bestimmter Beschwerden und sollte durch einen Provokationstest abgesichert werden. Die Diagnose einer Histaminintoleranz ist nicht leicht zu stellen und eigentlich viel seltener als vermutet. Hier ist ein erfahrenen Arzt gefragt, z.B. ein Allergologe, um eine Fehldiagnose und daraus resultierend ungerechtfertigte Diäten zu vermeiden.

Sieht man die Histaminintoleranz denn gleichbedeutend mit einer Allergie auf Zusatzstoffe?

Da bei der Histaminintoleranz das Immunsystem nicht beteiligt ist, zählt man auch sie zu den Pseudoallergien, d.h. zu den Überempfindlichkeitsreaktionen, die nicht auf einer veränderten Immunitätslage beruhen.

Dies ist allerdings nicht zu verwechseln mit den sogenannten "nicht allergischen Nahrungsmitteluverträglichkeiten" wie z.B. Laktoseintoleranz oder Fruktosemalabsorption, bei denen es sich um Kohlenhydratverwertungsstörungen handelt. Man zählt diese nicht zu den Pseudoallergien, denn die Beschwerden sind hier meist nicht allergieähnlich, sondern beschränken sich auf den Verdauungstrakt.

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Eine Frage zur Provokation: Wie provoziert man bei Verdacht auf Pseudoallergien mit den Zusatzstoffen?

Eine solche Provokation wird nur von wenigen spezialisierten Zentren durchgeführt, die über die notwendige Erfahrung in diesem Bereich verfügen. Sie wird auch nur sehr selten und nur bei Urtikaria-Patienten und nicht bei unspezifischen Magen-Darm-Beschwerden durchgeführt, weil sich in der überwiegenden Anzahl der Fälle mit gastrointestinalen Beschwerden im Verlauf der Abklärung eine andere Ursache für die Symptome herausstellt.

Wie gesagt, spielen die Zusatzstoffe als Auslöser von Beschwerden nur bei einem sehr kleinen Personenkreis eine Rolle, bei den Menschen mit einer chronischen Urtikaria. Auch bei Urtikaria-Patienten führt man eine Provokation auf Zusatzstoffe erst dann durch, wenn alle anderen Auslöser, wie z.B. Infekte als Verursacher der Beschwerden, bereits ausgeschlossen wurden. 

Zur Durchführung einer Provokation auf Zusatzstoffe sollen die Patienten zunächst für einige Wochen eine pseudoallergenarme Diät einhalten. Das bedeutet, dass sie sich überwiegend von frischen, unverarbeiteten Nahrungsmitteln ernähren sollten. 
Allerdings sind bei dieser Diät auch Aromastoffe zu meiden, die in frischen natürlichen Nahrungsmitteln vorkommen. Somit sind z.B. Obst und die schmackhafteren Gemüsesorten bei der pseudoallergenarmen Diät ausgeschlossen, was die Patienten in der Auswahl der Nahrungsmittel sehr einschränkt. Nur dann, wenn sich die Beschwerden des Patienten unter dieser Diät deutlich verbessern, wird erwogen, eine plazebokontrollierte Provokation durchzuführen. 

Die Provokation wird in der Spezialabteilung einer Klinik, meist in einer Hautklinik, in Form einer Sammelprovokation durchgeführt. Dies ist deshalb möglich, weil die Gefährdung, die für den Patienten von den zu testenden Stoffen ausgeht, meist recht gering ist. Bei der Provokation wird entweder eine sogenannte "Supermahlzeit" gereicht, die alle bei der pseudoallergenarmen Diät verbotenen Nahrungsmittel in hoher Dosierung enthält, oder die Zusatzstoffe werden in Kapselform eingenommen. Fällt die Provokation positiv aus, was sehr selten der Fall ist, muss nach und nach aufgeschlüsselt werden, welcher Stoff genau der Auslöser der Beschwerden ist.

Sie erwähnten, dass in der Praxis bei Patienten, die mit dem Verdacht kommen, an einer Pseudoallergie zu leiden oft ganz andere Ursachen eine Rolle spielen – welche Ursachen sind das denn?

Häufig steckt hinter Beschwerden im Verdauungstrakt, bei denen die Patienten eine Pseudoallergie als Auslöser vermuten, ein sogenanntes Reizdarm-Syndrom. Dabei handelt es sich um eine recht komplexe Störung der lokalnervösen Regulation des Darmes.

Herr Priv.-Doz. Kleine-Tebbe, herzlichen Dank für dieses Gespräch!

 

Wichtiger Hinweis

Unsere Beiträge beinhalten lediglich allgemeine Informationen und Hinweise. Sie dienen nicht der Selbstdiagnose, Selbstbehandlung oder Selbstmedikation und ersetzen nicht den Arztbesuch. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.